XII.4. Phönizien und Karthago

 

Ganz auf eine andere Weise haben sich die Phönizier um die Welt verdient gemacht. Eines der edelsten Werkzeuge der Menschen, das Glas, erfanden sie, und die Geschichte erzählt die zufällige Ursache dieser Erfindung am Flusse Belus. Da sie am Ufer des Meers wohnten, trieben sie die Schiffahrt seit undenklichen Zeiten; denn Semiramis schon ließ ihre Flotte durch Phönizier bauen. Von kleinen Fahrzeugen stiegen sie allmählich zu langen Schiffen hinauf; sie lernten nach Sternen, insonderheit nach dem Gestirn des Bars, segeln und mußten, angegriffen, zuletzt auch den Seekrieg lernen. Weit umher haben sie das Mittelländische Meer bis über Gibraltar hinaus ja nach Britannien hin beschifft und vom Roten Meer hin vielleicht mehr als einmal Afrika umsegelt. Und das taten sie nicht als Eroberer, sondern als Handelsleute und Kolonienstifter. Sie banden die Länder, die das Meer getrennet hatte durch Verkehr, Sprache und Kunstwaren aneinander und erfanden sinnreich, was zu diesem Verkehr diente. Sie lernten rechnen, Metalle prägen und diese Metalle zu mancherlei Gefäßen und Spielzeug formen. Sie erfanden den Purpur arbeiteten feine sidonische Leinwand, holten aus Britannien das Zinn und Blei, aus Spanien Silber, aus Preußen den Bernstein, aus Afrika Gold und wechselten dagegen asiatische Waren. Das ganze Mittelländische Meer war also ihr Reich, die Küsten an demselben hie und da mit ihren Pflanzstädten besetzt und Tartessus in Spanien die berühmte Niederlage ihres Handels zwischen dreien Weltteilen. So wenig oder viel Kenntnisse sie den Europäern mitgeteilt haben mögen, so war das Geschenk der Buchstaben, die die Griechen von ihnen lernten, allein schon aller andern wert.

Wie kam nun dies Volk zu solch einem verdienstreichen Kunstfleiße? War es vielleicht ein so glücklicher Stamm des Urlandes, der an Seelen- und Leibeskräften gleich vorteilhaft von der Natur ausgesteuert worden? Nichts minder. Nach allen Nachrichten, die wir von den Phöniciern haben, waren sie ursprünglich ein verabscheutes, vielleicht vertriebenes Höhlenvolk, Troglodyten oder Zigeuner dieses Strichs der Erde. An den Ufern des Roten Meers finden wir sie zuerst, wo sie sich in wüsten Erdstrichen wahrscheinlich von der schlechtsten Speise nährten; denn noch als sie sich ans Mittelländische Meer gezogen hatten, behielten sie lange ihre unmenschlichen Sitten, ihre grausame Religion, ja selbst noch ihre Wohnungen in den kananitischen Felsen. Jedermann kennt die Beschreibung der alten Einwohner Kanaans, und daß diese nicht übertrieben sei, zeigt nicht nur Hiobs ähnliche Beschreibung der arabischen Troglodyten205), sondern auch die Reste von barbarischem Götzendienst, die sich selbst in Karthago lange Zeit erhielten. Auch die Sitten der phönicischen Seefahrer werden von fremden Nationen nicht gepriesen; sie waren räuberisch, diebisch, wohllüstig und treulos; daher punische Treu und Glauben zum brandmalenden Sprüchwort wurde.

Not und Umstände sind meistens die Triebfedern gewesen, die alles aus den Menschen machten. In den Wüsten am Roten Meer, wo die Phönicier wahrscheinlich auch von Fischen lebten, machte sie der Hunger mit dem Element des Meers bekannt; da sie also an die mittelländischen Ufer kamen, konnten sie sich schon auf ein weiteres Meer wagen. Was hat die Holländer, was hat die meisten seefahrenden Völker gebildet? Die Not, die Lage und der Zufall.206) Von allen semitischen Völkern wurden die Phönizier gehaßt und verachtet, da jene diesen asiatischen Erdstrich sich allein zugeteilt glaubten. Den Chamiten als eingedrungenen Fremdlingen blieb also nichts als das dürre Ufer und die See übrig. Daß nun die Phönizier das Mittelländische Meer so inseln- und busenreich fanden, daß sie von Land zu Land, von Ufer zu Ufer allmählich über die Säulen Herkules' hinausgelangen und unter den unkultivierten Völkern Europas eine so reiche Ernte ihres Handels antreffen konnten, war nichts als Lage der Sache: eine glückliche Situation, die die Natur selbst für sie erschaffen hatte. Als zwischen den Pyrenäen und Alpen, dem Apennin und Atlas sich uralters das Becken des Mittelländischen Meers wölbte und seine Landspitzen und Inseln allmählich wie Häfen und Sitze emporstiegen, da schon wurde vom ewigen Schicksal der Weg der Kultur Europas gezeichnet. Hingen die drei Weltteile zusammen, so wäre Europa vielleicht ebensowenig als die Tatarei und das innere Afrika oder gewiß langsamer und auf andern Wegen kultiviert worden. Nur die Mittelländische See hat unserer Erde ein Phönicien und Griechenland, ein Etrurien und Rom, ein Spanien und Karthago gegeben, und durch die vier ersten dieser Ufer ist alle Kultur Europas worden.

Ebenso glücklich war die Lage Phöniziens landwärts. Das ganze schöne Asien lag hinter ihm mit seinen Waren und Erfindungen, mit dem längst vor ihnen errichteten Landhandel. Sie nutzten also nicht nur fremden Fleiß, sondern auch die reiche Zurüstung der Natur in Begabung dieses Weltteils und die lange Mühe der Vorwelt. Buchstaben, die sie nach Europa brachten, hießen den Europäern phönizisch, obgleich Phönizier wahrscheinlich nicht ihre Erfinder waren. So haben Ägypter, Babylonier und Hindus wahrscheinlich schon vor den Sidoniern die Webekunst getrieben, da in der Alten und Neuen Welt der Redegebrauch bekannt ist, die Ware nicht eben nach dem Ort zu nennen, der sie macht, sondern der sie verhandelt. Wie der Phönizier Baukunst beschaffen gewesen, sieht man an Salomons Tempel, der wohl mit keinem ägyptischen in Vergleich zu stellen ist, da zwo arme Säulen an ihm als Wunderdinge gepriesen werden. Das einzige Denkmal, das vom Bau der Phönizier uns übriggeblieben, sind jene ungeheuren Felshöhlen Phöniziens und Kanaans, die eben auch sowohl ihren Troglodytengeschmack als ihre Abkunft bezeichnen. Das Volk einer ägyptischen Stammart freute sich ohne Zweifel, in dieser Gegend Berge zu finden, in denen es seine Wohnungen und Grabmäler, seine Vorrathäuser und Tempel anlegen konnte. Die Höhlen stehen noch da, aber ihr Inneres ist verschwunden. Auch die Archive und Büchersammlungen sind nicht mehr, die das phönizische Volk in seinen gebildeten Zeiten hatte; ja selbst die Griechen sind untergegangen, die ihre Geschichte beschrieben.

 


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