XI.4. Indostan

 

Obgleich die Lehre der Brahmanen nichts als ein Zweig der weitverbreiteten Religion ist, die von Tibet bis Japan Sekten oder Regierungen gebildet hat, so verdienet sie doch an ihrem Geburtsort eine besondre Betrachtung, da sie an ihm die sonderbarste und vielleicht dauerndste Regierung der Welt gebildet hat: es ist die Einteilung der indischen Nation in vier oder mehrere Stämme, über welche die Brahmanen als erster Stamm herrschen. Daß sie diese Herrschaft durch leibliche Unterjochung erlangt hätten, ist nicht wahrscheinlich; sie sind nicht der kriegerische Stamm des Volks, der, den König selbst eingeschlossen, nur zunächst auf sie folgt; auch gründen sie ihr Ansehen auf keins dergleichen Mittel, selbst in der Sage. Wodurch sie über Menschen herrschen, ist ihr Ursprung, nach welchem sie sich aus dem Haupt Brahmas entsprossen schätzen, so wie die Krieger aus dessen Brust, die andern Stämme aus seinen andern Gliedern. Hierauf sind ihre Gesetze und die ganze Einrichtung der Nation gebaut, nach welcher sie als ein eingeborner Stamm, als Haupt zum Körper der Nation gehören. Abteilungen der Art nach Stämmen sind auch in andern Gegenden die einfachste Einrichtung der menschlichen Gesellschaft gewesen: sie wollte hierin der Natur folgen, welche den Baum in Äste, das Volk in Stämme und Familien abteilt. So war die Einrichtung in Ägypten, selbst wie hier mit erblichen Handwerkern und Künsten; und daß der Stamm der Weisen und Priester sich zum ersten hinaufsetzte, sehen wir bei weit mehreren Nationen. Mich dünkt, auf dieser Stufe der Kultur ist dies Natur der Sache, da Weisheit über Stärke geht und in alten Zeiten der Priesterstamm fast alle politische Weisheit sich zueignete. Nur mit der Verbreitung des Lichts unter alle Stände verliert sich das Ansehen des Priesters; daher sich auch Priester so oft einer allgemeineren Aufklärung widersetzten.

Die indische Geschichte, von der wir leider noch wenig wissen, gibt uns einen deutlichen Wink über die Entstehung der Brahmanen.189) Sie macht Brahma, einen weisen und gelehrten Mann, den Erfinder vieler Künste, insonderheit des Schreibens, zum Wesir eines ihrer alten Könige, Krischens, dessen Sohn die Einteilung seines Volks in die vier bekannten Stämme gesetzlich gemacht habe. Den Sohn des Brahma setzte er der ersten Klasse vor, zu der die Sterndeuter, Ärzte und Priester gehörten; andere vom Adel wurden zu erblichen Statthaltern der Provinz ernannt, von welchen sich die zweite Rangordnung der Indier herleitet. Die dritte Klasse sollte den Ackerbau, die vierte die Künste treiben und diese Einrichtung ewig dauern. Er erbaute den Philosophen die Stadt Bahar zu ihrer Aufnahme, und da der Sitz seines Reichs, auch die ältesten Schulen der Brahmanen vorzüglich am Ganges waren, so ergibt sich hieraus die Ursache, warum Griechen und Römer sowenig an sie gedenken. Sie kannten nämlich diese tiefen Gegenden Indiens nicht, da Herodot nur die Völker am Indus und auf der Nordseite des Goldhandels beschreibt, Alexander aber nur bis zum Hyphasis gelangte. Kein Wunder also, daß sie zuerst nur allgemein von den Brachmanen, d. i. von den einsamen Weisen, die auf Art der Talapoinen lebten, Nachricht bekamen, späterhin aber auch von den Samanäern und Germanen am Ganges, von der Einteilung des Volks in Klassen, von ihrer Lehre der Seelenwanderung u. f. dunkle Gerüchte hörten. Auch diese zerstückte Sagen indes bestätigen es, daß die Brahmaneneinrichtung alt und dem Lande am Ganges einheimisch sei, welches die sehr alten Denkmale zu Jagrenat190), Bombay und in andern Gegenden der diesseitigen Halbinsel beweisen. Sowohl die Götzen als die ganze Einrichtung dieser Götzentempel sind in der Denkart und Mythologie der Brahmanen, die sich von ihrem heiligen Ganges in Indien umher und weiter hinab verbreitet, auch je unwissender das Volk war, desto mehr Verehrung empfangen haben. Der heilige Ganges als ihr Geburtsort blieb der vornehmste Sitz ihrer Heiligtümer, ob sie gleich als Brahmanen nicht nur eine religiöse, sondern eigentlich politische Zunft sind, die, wie der Orden der Lamas, der Leviten, der ägyptischen Priester u. f., allenthalben zur uralten Reichsverfassung Indiens gehört.

Sonderbar tief ist die Einwirkung dieses Ordens Jahrtausende hin auf die Gemüter der Menschen gewesen, da nicht nur, trotz des so lange getragenen mongolischen Joches, ihr Ansehen und ihre Lehre noch unerschüttert steht, sondern diese auch in Lenkung der Hindus eine Kraft äußert, die schwerlich eine andere Religion in dem Maß erwiesen hat.191) Der Charakter, die Lebensart, die Sitten des Volks bis auf die kleinsten Verrichtungen, ja bis auf die Gedanken und Worte, ist ihr Werk; und obgleich viele Stücke der Brahmanenreligion äußerst drückend und beschwerlich sind, so bleiben sie doch, auch den niedrigsten Stämmen, wie Naturgesetze Gottes heilig. Nur Missetäter und Verworfne sind's meistens, die eine fremde Religion annehmen, oder es sind arme, verlassene Kinder: auch ist die vornehme Denkart, mit der der Indier mitten in seinem Druck unter einer oft lötenden Dürftigkeit den Europäer ansieht, dem er dient, Bürge gnug dafür, daß sich sein Volk, solange es da ist, nie mit einem andern vermischen werde. Ohne Zweifel lag dieser beispiellosen Einwirkung sowohl das Klima als der Charakter der Nation zum Grunde; denn kein Volk übertrifft dies an geduldiger Ruhe und sanfter Folgsamkeit der Seele. Daß der Indier aber in Lehren und Gebräuchen nicht jedem Fremden folgt, kommt offenbar daher, daß die Einrichtung der Brahmanen so ganz schon seine Seele, so ganz sein Leben eingenommen hat, um keiner andern mehr Platz zu geben. Daher so viele Gebräuche und Feste, so viel Götter und Märchen, so viel heilige Orter und verdienstliche Werke, damit von Kindheit auf die ganze Einbildungskraft beschäftigt und beinah in jedem Augenblick des Lebens der Indier an das, was er ist, erinnert werde. Alle europäische Einrichtungen sind gegen diese Seelenbeherrschung nur auf der Oberfläche geblieben, die, wie ich glaube, dauren kann, solang ein Indier sein wird.

 


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