Zeit - Teichmüller, Cohen, Natorp


Apriorische Anschauungsform ist die Zeit nach BOSTRÖM. Nach TEICHMÜLLER ist das All zeitlos, nur die endlichen Dinge sind in der Zeit (Darwin. u. Philos. S. 44). Die Zeit ist »die perspektivische Erscheinung der zeitlosen Weltordnung« (l. c. S. 49). Der Grund des Zeitwechsels liegt in der Beschränkung der Kraft des Erkennenden. Die Beschränkung unseres handelnden und auffassenden Vermögens erzeugt den Zeitbegriff (Neue Grundleg. S. 86). Nach MAINLÄNDER ist die Zeit »der subjektive Maßstab der Bewegung« (Philos. d. Erlös. S. 15), eine »Verbindung der Vernunft« (l. c. S. 14). Nach STEUDEL ist die Zeit eine Form des Nichts, der Leere (Philos. I 1, 327 ff.). RENOUVIER erklärt: »La loi commune des phénomènes internes est la succession«. »Le rapport général de l'avant et de l'après au présent, qui a pour limite l'instant, est la loi du temps.« »L'intervalle de temps entre deux instants déterminées est la durée« (Nouv. Monadol. p. 8). Die Zeit ist eine Kategorie (s. d.). Nach HODGSON ist die Zeit ein letztes metaphysisches Element der Phänomene (Philos. of Reflect. II, 9. vgl. I, 39, 125 ff., 236 f., 250 ff., 277 ff., 366 ff., 375 ff.). Nach E. POSCH ist die Zeit nichts Reales, sondern Subjektiv, aber nicht apriorisch- ursprünglich (Theorie der Zeit, 1896/97. vgl. Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. Bd. 23-24, 1899/1900). subjektiv ist die Zeit auch nach H. GF. OPITZ (Grundr. ein. Seinswissensch. I, 92 ff.). Ferner nach P. MONGRÉ (Das Chaos in kosm. Auslese, S. 24). Die Zeit ist die potentielle Existenz, das Reservoir des Daseins (l. c. S. 32). Der feste, starre Zeitinhalt bleibt von dem Spiel des Zeitablaufs unberührt (l. c. S. 38). Es ist möglich eine identische, beliebig oft wiederholte Reproduktion einer empirischen Zeitstrecke (ib.. Ewige Wiederkunft des Gleichen. vgl. S. 32: s. Apokatastasis). subjektiv ist die Zeit nach FR. SCHULTZE (Philos. d. Naturwiss. II, 72 ff.). Die objektive Zeit ist ein »abstraktes Gebilde unseres begriffskonstruierenden Verstandes« (l. c. S. 94). Die Zeit ist in den Objekten nichts als »das Entstehen der kausalen Verfnüpfung der Empfindungsmassen« (l. c. S. 302). Für das Bewußtlose gibt es keine Zeit (l. c. S. 297). Die Zeit ist (wie der Raum) a priori (l. c. S. 107 ff.. vgl. M. EYFFERT, Über die Zeit, 1871). Nach MÜNSTERBERG gehören Raum und Zeit zum Bestand des Psychischen, das geistige Subjekt (s. d.) aber ist zeitlos. es ist zeitsetzend, aber nicht zeitfüllend wie das psychophysische Subjekt (Grdz. d. Psychol. I, 255 ff.). LIEBMANN erklärt, die absolute Zeit sei eine unentbehrliche Hypothese. Aber eine absolute Intelligenz ist möglich, für die jede Zeitlichkeit wegfällt (Anal. d. Wirkl.2, S. 92, 102, 104 ff., 207). Nach W. HAMILTON ist die Zeit »the necessary condition of every conscious act« (Lect. I, 548). Nach VIERORDT ist die Zeit eine »angeborene Eigenschaft der Sinnlichkeit« (Der Zeitsinn 1868, S. 190). Nach SCHMITZ-DUMONT ist die Zeit die »Form der Folge unterschiedener Zustände« (Zeit und Raum, S. 7). Das Denkgesetz des Widerspruchs zwingt das Bewußtsein, die Formen des Nach- und Auseinander anzunehmen (ib.. vgl. Naturphilos. S. 275 ff.). Eine apriorische Form ist die Zeit nach HEYMANS (Ges. u. Elem. d. wissensch. Denk. S. 262 ff.). Sie ist subjektiv (l. c. S. 270). Nach H. COHEN ist die Zeit eine Kategorie, weil ohne sie keine Mehrheit, also kein Inhalt entstehen kann (Log. S. 129). »Die Antizipation ist das Charakteristicum der Zeit.« »Die Zukunft enthält und enthüllt den Charakter der Zeit. An die antizipierte Zukunft reiht sich, rankt sich die Vergangenheit. Sie war nicht zuerst. sondern zuerst ist die Zukunft, von der sich die Vergangenheit abhebt« (l. c. S. 131). Die Zeit ist die »Kategorie der Antizipation« (l. c. S. 132). Nach SIGWART ist die Zeitvorstellung in allem enthalten, was wir als unsere eigenen Zustände und unser eigenes Tun unmittelbar erleben (Log. II2, 84 ff.). »Die Zeit ist a priori in dem Sinne, daß in den Gesetzen, durch die überhaupt ein Bewußtsein möglich ist, auch diese Funktion als eine notwendig sich vollziehende begründet ist. sie kann eine Form genannt werden, sofern diese Verknüpfungsweise von jedem bestimmten Inhalt unabhängig ist. aber so wenig wir zu der Vorstellung eines Raumes ohne die Veranlassung der Sinnesreize kämen, so wenig zu der Vorstellung der Zeit ohne einen erlebten und in der Erinnerung aufbehaltenen Inhalt« (l. c. S. 86). Der reine Begriff der Zeit ist nichts als ein Bewußtsein über jene Verknüpfungsweise selbst (ib.. vgl. S. 331 ff.. vgl. I2, 30, 37, 336). J. BERGMANN sieht in der Zeitvorstellung ein Erzeugnis der Tätigkeit des Bewußtseins, ein Moment des Ichbewußtseins (Sein u. Erk. S. 106. vgl. Vorles. üb. Metaphys. S. 210). »Die Vorstellung des Bewußtseins ist von derjenigen der Zeit unabtrennbar« (Syst. d. objekt. Ideal. 1903, S. 62). Die Zeit ist also eine Form nicht bloß der Erscheinungen, sondern auch des An-sich, wiewohl es zu ihrem Wesen gehört, wahrgenommen zu werden (ib.). A priori ist die Zeitvorstellung, sofern es die Natur unseres Bewußtseins ist, alles, was es von sich wahrnimmt, als in der Zeit Seiendes wahrzunehmen (l. c. S. 63 f.). - BAUMANN erklärt: »Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen in uns enthält die Zeit. wir empfinden unmittelbar in unserem Bewußtsein: diese Vorstellungen sind zugleich, jene war vorher, diese nachher, die habe ich jetzt und die denke ich nachher zu haben.« Zur Zeitvorstellung gehört aber »außer dem Nacheinander der Vorstellungen etwas, das sich dieses Nacheinanders als solchen bewußt wird..., etwas Bleibendes in der Aufeinanderfolge der Ideen. Dies Bleibende ist in uns unsere Ichvorstellung«. »Ohne das Dauernde unseres Ich würde das Nacheinander der Vorstellungen nie als Zeit uns zum Bewußtsein kommen. Diese Aufeinanderfolge wird erst durch die Beziehung auf die Dauer unseres Ich zur Zeit.« Die Dauer unseres Ich ist nicht selbst wieder in der Zeit (Lehr. von R., Z. u. M. II, 659 f.). Die psychologische Dauer ist wegen ihrer Evidenz anschaulich (l. c. S. 661). Die Unendlichkeit (a parte ante) liegt in dieser »psychologischen« Zeit nicht, auch nicht die Gleichförmigkeit (l. c. S. 662). Von ihr sind die »psychologisch- astronomische«, die »astronomische« und die »Zeit schlechtweg« als Idealbild der Zeit zu unterscheiden (l. c. S. 663 ff.). Nach A. RIEHL entsteht die Zeitvorstellung aus der Verbindung der Identität (s. d.) unseres Selbstbewußtseins mit der Sukzession der Erscheinungen (Philos. Krit. II 1, C. 2. s. Anschauungsformen). Nach WITTE ist die Konstanz des vorempirischen und überindividuellen Selbstbewußtseins das Apriori der Zeitvorstellung (Wesen d. Seele S. 148 ff.). P. NATORP bemerkt: »Ein Nacheinander des Bewußtseins erklärt nicht ein Bewußtsein des Nacheinander. Könnte ich nicht in einem Momente 2 das Bewußtsein eines vorausgegangenen Moments 1 und eines nachfolgenden 3 haben so wäre gar kein Bewußtsein eines Nicht-jetzt möglich. dann aber auch kein Bewußtsein des Jetzt, denn dieses wird überhaupt nur gedacht als die ewig fließende Grenze der beiden Nicht-jetzt, des Früher und Später. Also das Bewußtsein zerstreut oder zerteilt sich nicht in die Momente der Zeit - auch vom Bewußtsein der Zeit selbst gilt dies -, sondern vielmehr die Momente der Zeit, die doch in der Existenz sich ausschließen sollen, vereinen sich zu der einen, zusammenhängenden Zeit nur im übergreifenden Blick, in der übergreifenden weil ursprünglichen Einheit des Bewußtseins« (Sozialpädagog. S. 23). Es gibt »Zeitbewußtsein« und »überzeitliches Bewußtsein« (l. c. S. 24). Das Gebiet der Naturerkenntnis begrenzt sich durch die »Zeitgesetze des Geschehens« (l. c. S. 25). - Nach REHMKE ist das Zeitbewußtsein »unmittelbar als Bestimmung des Seelenkonkreten gegeben, und zwar auf Grund des tatsächlichen Nacheinander zweier zu einer konkreten Einheit verbundener Abstrakta individueller Bewußtseinseinheiten oder Bewußtseinsaugenblicke« (Allg. Psychol. S. 466 ff.). Nach W. KINKEL ist die Zeit das »oberste Gesetz des anerkennenden Bewußtseins« (Beiträge zur Erkenntniskritik).


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