Zeit - Herbart, James, Wundt


Nach F. A. LANGE ist die Zeit »eine aus dem Raumbilde der Bewegung auf einer Linie abgeleitete Vorstellung« (Log. Stud. S. 147). Die Einheit von Raum und Zeit lehrt M. PALÁGYI (s. Raum). - Psychologisch wird die Zeitvorstellung zunächst durch einen Zusammenhang von Bewußtseinsinhalten erklärt. Nach BIUNDE ist die Zeitvorstellung »die Vorstellung des sukzessiven Nach- und Nebeneinander, ein Schema der Reihen« (Empir. Psychol. I 1, 248 ff.). Nach HERBART ist die Zeit »die Zahl des Wechsels« (Met. II, § 289). Sie ist eine Reihenform, bei welcher die Wahrnehmungsfolge, ohne Umkehrung, stets nach einer Richtung läuft (Lehrb. zur Psychol.3, S. 118 f.). »Die Sukzession im Vorstellen ist nicht eine vorgestellte Sukzession« (l. c. S. 120. vgl. STIEDENROTH, Psychol. I, 261. G. SCHILLING, Lehrb. d. Psychol. S. 60 f.. G. HARTENSTEIN, Allg. Met. S. 388 H.. DROBISCH, Empir. Psychol S. 67). Nach VOLKMANN wird die Vorstellungsreihe zur Zeitreihe dadurch, »daß eines ihrer Glieder als gegenwärtig vorgestellt wird und die übrigen mit ihm in Beziehung gebracht werden« (Lehrb. d. Psychol. II4, 14). Vergangen ist, »was mit dem Gegenwärtigen nur in aufgehobenem Lebhaftigkeits- und herabgesetztem Klarheitsgrade«, zukünftig, »mit dessen vollem Klarheits- und Lebhaftigkeitsgrade das Gegenwärtige nur in aufgehobenem Lebhaftigkeits- und herabgesetztem Klarheitsgrade verschmelzen kann« (Lehrb. d. Psychol. II4, 13). »Nicht-mehr und Noch-nicht sind die eigentlichen Zeitgefühle, und wir werden der Zeit nicht anders bewußt, als durch diese Gefühle, d h. dadurch, daß das Vorstellen der betreffenden Vorstellungen die Form dieser Gefühle entwickelt und sie dadurch mit den Vorstellungen selbst zum Bewußtsein bringt« (l. c. S. 13 f.). G. A. LINDNER erklärt: »Damit... eine Zeitreihe zustande komme, ist dreierlei erforderlich: 1) daß alle Glieder mit einem gewissen Klarheitsgrade gleichzeitig im Bewußtsein da sind, 2) daß sie sich reihenweise explizieren, und 3) daß diese Explizierung nur in einer einzigen Richtung AG, nicht auch umgekehrt in der Richtung GA geschehen kann« (Empir. Psychol. S. 97). »In der Zeitreihe haben je zwei Glieder, daher auch das Anfangs- und Endglied eine bestimmte Distanz voneinander, welche durch die Zahl der Übergänge gemessen wird, die man durchmachen muß, um von dem einen Glied zu dem andern zu gelangen. Die begrenzte Zeitlinie heißt Zeitstrecke.« Die unbestimmten Glieder der leeren Zeitstrecke sind die Zeitpunkte (l. c. S. 97 f.). TH. BROWN berücksichtigt den Anteil der Muskelempfindungen an der Bildung der Zeitvorstellung (Lect. I, 297 ff., 305 ff.), der an die Aufmerksamkeit geknüpften Empfindungen WAITZ (Psychol. § 52), der Muskelempfindungen A. BAIN (Sens. and Intell. p. 106 ff., 197 ff., 242 ff., 370 ff.). Aus einer Synthese von Spannungsempfindungen und Eindrücken leitet die Zeit ab MÜNSTERBERG (Beitr. zur exper. Psychol. II, 13 ff., 25. IV, 89 ff.), ähnlich SCHUMANN (Zeitschr. f. Psychol. u. Philos. IV, 1 ff.. vgl. XVII, 106 ff.. Erwartung und Überraschung als Aufmerksamkeitseinstellungen). Ähnlich teilweise W. JAMES (Princ. of Psychol. I, 605 ff.), nach welchem ein besonderer Zeitsinn besteht. Ursache unserer Zeitvorstellung ist »feature of the brain process« (l. c. p. 630 ff.). Eine spezifische Zeitempfindung nimmt E. MACH an (Anal. d. Empfind. S. 104 f.). »Da die Zeitempfindung immer vorhanden ist, solange wir bei Bewußtsein sind, so ist es wahrscheinlich, daß sie mit der notwendig an das Bewußtsein geknüpften organischen Konsumtion zusammenhängt, daß wir die Arbeit der Aufmerksamkeit als Zeit empfinden« (Populärwissensch. Vorles. S. 160 ff.). Nach W. JERUSALEM findet sich schon im ersten, dunklen Lebensgefühl ein zeitliches Moment. »Das Bewußtsein beginnt seine Tätigkeit, es ist an der Arbeit. Diese Arbeit des Bewußtseins wird von uns, sobald sie sich deutlich von dem Bewußtseinsinhalt abhebt, als Zeit empfunden« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 133). Das charakteristische Moment der Zeitempfindung ist die Dauer, nicht die Sukzession »Wir empfinden die Arbeit des Organismus als Zeit, und da sich diese Arbeit bei der Tonempfindung zuerst deutlich von dem gegebenen Inhalt abhebt, so kann man die Zeitempfindung als ein Element der Tonempfindung ansehen« (l. c. S. 134). »Die Zeitempfindung entwickelt sich zur Zeitanschauung durch das Hinzutreten sekundärer Vorgänge, namentlich infolge der Aufmerksamkeit und Apperzeption.« Die stetige, ununterbrochene Arbeit des Bewußtseins wird so zur »Form des innern Geschehens«. Durch Introjektion (s. d.) übertragen wir die Zeit auch auf das äußere Geschehen als die »Arbeit des Universums« (l. c. S. 134 f.). »Wir schätzen... die eben verfließende Zeit nach dem Gefühl der Bewußtseinsarbeit, die verflossene nach der Menge des aufgenommenen Bewußtseinsinhaltes.« - Auf die mit den Aufmerksamkeitsakten verknüpften Anstrengungen, welche eine Reihe von wechselnden Temporalzeichen zurücklassen, führt die Zeit J. WARD zurück (Enc. Brit. XX, 56). Nach STOUT wird die Zeit gemessen durch »cumulative effect of the powers of attending« (A Manual of Psychol. 1899. vgl. Analyt. Psychol.). BALDWIN spricht von der »mental reconstruction of time, whereby intensive data are interpreted in terms of succession« (Handb. of Psychol. I2, ch. 10, p. 179 ff.. vgl MAUDSLEY, Physiol. of Mind, ch. 9. CALDERWOOD, Mind and Brain, ch. 9. H. NICHOLS, The psychol. of time. Americ. Journ. of Psychol. IV, 85 ff.). Nach GUYAU (vgl. Revue philos. X) ist die Sukzession »un abstrait de l'effort moteur exercé dans l'espace« (La genèse de l'idée de temps, 1890). Als eine Form des Strebens betrachtet die Zeit FOUILLÉE (Psychol. d. id.-forc. II, 94). Dem Streben (appétit) ist inhärent ein »sentiment de la succession et du temps« (l. c. II, 81 ff.). Auf dem Streben und der Aufmerksamkeit beruht alle Zeitvorstellung (l. c. II, 92 ff.). Der Zeitbegriff enthält mechanische, dynamische, sensitive, appetitive, logische Elemente (l. c. II, 102). Die Zeit ist keine Anschauung (l. c. II, 121). Die Temporalzeichen sind an das Streben geknüpft (l. c. II, 108). Die Zeit ist »une succession de coexistences à forme spatiale et d'intensités a forme appétitive et émotionelle« (ib.). - Als Temporalzeichen bestimmt die Ablaufsstadien der Eindrücke LIPPS (Grundtats. d. Seelenleb. S. 588). - Nach KÜLPE ist das Zeitliche ein »ursprüngliches Datum unserer Erfahrung« (Gr. d. Psychol. S. 394 ff.). Nach EBBINGHAUS sind die letzten Elemente der Zeitanschauung »für die Seele etwas ursprünglich und ohne weitere Vermittlung Gegebenes« (Grdz. d. Psychol. I, 457 ff., 462). Nach HÖFFDING setzt die Zeitvorstellung zweierlei voraus: »1) das Bewußtsein der Veränderung, der Sukzession. dieses entsteht durch den Gegensatz zu einer konstanten Empfindung. - 2) Wiederholung gewisser ins Bewußtsein tief eingreifender Zustände. das Wiedererkennen derselben ermöglicht ein gewisses Messen und Gruppieren in der Reihe der Veränderungen« (Psychol.2, S. 253 f.). - Die Zeitvorstellung ist eine typische Individualvorstellung (l. c. S. 256). Das Interesse verkürzt uns die Zeit (l. c. S. 256 f.). Die Zeitform ist etwas Ursprüngliches (l. c. S. 260). Nach WUNDT ist die Zeit eine Anschauungsform (s. d.), welche zugleich mit der Wahrnehmung entspringt als »Form, in der uns der Zusammenhang der Bewußtseinsvorgänge gegeben ist«. Ohne eine bestimmte Ordnung der Wahrnehmung könnte die Zeitvorstellung nicht entstehen, man kann die Zeit auch nicht ohne Erscheinungen in ihr denken. die Axiome der Zeit »können nur aus der Erfahrung gezogen sein, weil sie, abgesehen von der Aufeinanderfolge unserer Vorstellungen, völlig gegenstandslos sind, indem in einer leeren Zeit weder ein Verlauf noch eine Aufeinanderfolge stattfindet«. Die »leere« Zeit ist keine Anschauung, sondern ein Begriff (Log. I2, 482, 485 ff.). Die Bedingungen für die Entwicklung der Zeitvorstellung liegen nicht in einzelnen Bewußtseinselementen, sondern im Zusammenhang. der Bewußtseinszustände. Die Zeit ist nicht die Form des »innern Sinnes«, wohl aber ist sie dem Raume gegenüber die allgemeinere Anschauungsform (l. c. S. 485 ff.. Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 408 f.). Die Vorstellung der Zeitdauer scheint »eine Funktion teils der Größe, teils des Wechsels der Aufmerksamkeitsspannung« zu sein (Grdz. d. phys. Psychol. II4, 411 f.). »Alle unsere Vorstellungen sind räumlich und zeitlich zugleich.« Vorzugsweise werden aber die zeitlichen Vorstellungen durch die bei den Tastbewegungen entstehenden inneren Tastempfindungen und die Gehörsempfindungen vermittelt. Von den Empfindungen und Vorstellungen übertragen wir zeitliche Eigenschaften auch auf die Gemütsbewegungen (Gr. d. Psychol.6, S. 170 f.). Die Elemente der zeitlichen Gebilde haben eine bestimmte, unverrückbare Ordnung, so aber, daß jedes Element mit dem Verhältnis zu den andern Elementen des nämlichen Gebildes immer auch sein Verhältnis zum vorstellenden Subjekte ändert (= Fließen der Zeit. l. c. S. 171). Achtet man bloß auf das Verhältnis der Zeitelemente zueinander, so hat man verschiedene Arten des »Zeitverlaufes« (kurz, lang u.s.w.). achtet man bloß auf das Verhältnis zum Subjekt, so hat man die »Zeitstufen« des Vergangenen, Gegenwärtigen, Zukünftigen (l. c. S. 172). Die ursprüngliche Entwicklung der zeitlichen Vorstellungen gehört dem Tastsinne an. Insbesondere kommen hier die rhythmischen Bewegungen in Betracht mit ihren regelmäßigen Folgen von Empfindungen und Gefühlen (l. c. S. 173 ff.). Der Rhythmus, mit den an ihn geknüpften Gefühlen der Erwartung, ist auch bei den zeitlichen Gehörsvorstellungen wichtig (l. c. S. 176 ff.). Eine einzelne Empfindung hat keine zeitlichen Eigenschaften, erst durch ihre Beziehung zu andern Elementen erhält sie sie (l. c. S. 183). Jedes Element einer zeitlichen Vorstellung wird »nach dem unmittelbar gegenwärtigen Eindrucke geordnet«, welcher der »innere Blickpunkt« der Vorstellung ist (l. c. S. 184 f.). Er ist besonders durch Gefühls-elemente charakterisiert. »Indem diese sieh unablässig infolge der wechselnden Bedingungen des psychischen Lebens ändern, gewinnt der innere Blickpunkt jene Eigenschaft fortwährender Veränderung, die wir als das stetige Fließen der Zeit bezeichnen« (l. c. S. 185 f.). Die »Zeitzeichen« sind wesentlich Gefühlselemente. Und zwar sind die Erwartungsgefühle die qualitativen, die Tastempfindungen die intensiven Zeitzeichen, und die zeitliche Vorstellung ist »ein Verschmelzungsprodukt beider Zeitzeichen miteinander und mit den in die zeitliche Form geordneten objektiven Empfindungen« (l. c. S. 186 f.. vgl. Vorles.3, S. 296. ähnlich lehren E. MEUMANN, Philos. Stud. VIII, IX. G. VILLA, Einl. in d. Psychol. S. 278 ff., u. a.). Die Zeit ist nicht bloß Subjektiv. Die Zeitanschauung erfaßt die »Regelmäßigkeit des Geschehens von ihrer Außenseite, indem sie die Gegenstände unseres Erkennens in einer bestimmten Ordnung aufzeigt, die nicht willkürlich von uns geschaffen ist und daher nicht willkürlich von uns geändert werden kann« (Log. I2, 487 ff.). - Nach JODL ist das Bewußtsein selbst schon eine Sukzession von Akten. »Richtet sich nun die Aufmerksamkeit von den wahrgenommenen Inhalten auf die Verhältnisse ihrer Sukzession, so entsteht die Wahrnehmung der Zeit« (Lehrb. d. Psychol. S. 522 f.). Vgl. C. Bos, Contribution à la théorie psychol. du temps, Revue philos. T. 50, 1900, p. 594 ff.. H. KLEINPETER, Die Entwickl. des Raum- u. Zeitbegriffe in d. neueren Mathemat. u. Mechan., Arch. f. system. Philos. IV, 1898, S. 32 ff.. H. CORNELIUS, Psychol. S. 178. Einl. in d. Philos. S. 225. W. SMITH, The Metaphysics of Time, Philos. Review XI, 1902. W. STERN, Psychische Präsenzzeit, Zeitschr. f. Psychol. XIII, 1897. - Vgl. Dauer, Anschauungsformen, A priori, Ewigkeit, Äon, Zeitsinn, Temporalzeichen.

 

 

Nachtrag: Zeit: Vgl. RIBOT, L'évol. d. id. génér., 1897. L. BUSSE, Philos. I, 79 ff. (Realität der Zeit). LIPPS, Leitf. d. Psychol. S. 83 ff. (Z. = psychologisch eine extensive Verschmelzung, aber qualitativ etwas Neues). »Der Fortgang des psychischen Geschehens überhaupt, das Hinzutreten von Momenterlebnis zu Momenterlebnis und das Sich-verweben zu einem einheitlichen Zusammenhang des Geschehens, in welchem diese verschiedenen Stadien stetig ineinander übergehen, ist dasjenige, was dein Zeitbewußtsein überhaupt zugrunde liegt« (l. c. S. 84). Die Studien dieser Assimilation sind die Temporalzeichen, d.h. die »Zeichen für das zeitliche Nacheinander« (ib.). Die Zeit ist »die Form, in welcher ich alle Inhalte anschaue und alle Gegenstände denke« (l. c. S. 85).


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