Zeit - Fichte, Schelling, Hegel


Als ein Produkt der Einbildungskraft betrachtet die Zeit J. G. FICHTE. Das Schweben der Einbildungskraft zwischen Unvereinbarem, der Widerstreit derselben mit sich selbst ist es, was den Zustand des Ich zu einem Zeitmomente ausdehnt. »Für die bloße reine Vernunft ist alles zugleich. nur für die Einbildungskraft gibt es eine Zeit« (Gr. d. g. Wissensch S. 179). Vergangenheit als solche ist von uns gesetzt (l. c. S. 445 f.). Die Zeitreihe ist »eine Reihe Punkte, als synthetische Vereinigungspunkte einer Wirksamkeit des Ich und des Nicht-Ich in der Anschauung, wo jeder von einem bestimmten andern abhängig ist, der umgekehrt von ihm nicht wieder abhängt, und jeder einen bestimmten andern hat, der von ihm abhängig ist, ohne daß er selbst wiederum von ihm abhänge« (l. c. S. 444). SCHELLING erklärt: »Indem das Ich sich das Objekt entgegensetzt, entsteht ihm das Selbstgefühl, d.h. es wird sich als reine Intensität, als Tätigkeit, die nur nach einer Dimension sich expandieren kann, aber jetzt auf einen Punkt zusammengezogen ist, zum Objekt, aber eben diese nur nach einer Dimension ausdehnbare Tätigkeit ist, wenn sie sich selbst Objekt wird, Zeit. Die Zeit ist nicht etwas, was unabhängig vom Ich abläuft, sondern das Ich selbst ist die Zeit, in Tätigkeit gedacht« (Syst. d. transzendental. Idealism. S. 213 f.). Die Zeit ist »die Anschauung, durch welche der innere Sinn sich zum Objekt wird« (l. c. S. 214 ff.). Die Zeit ist »ein bloßer Modus, die Dinge in der Abstraktion von der Ewigkeit oder dem All zu denken« (WW. I 6, 272. vgl. WW. I 5, 648. I 6, 45, 220. 1 7, 222 a, 431. II 3, 307). Nach L. OKEN ist die Zeit »nichts anderes, als die ewige Wiederholung des Ponierens Gottes«, »eine fortgehende Zahlenreihe«, »das aktive Denken Gottes«, die Urpolarität (Natulphilos. I, 21 ff.). Nach J. J. WAGNER ist die Zeit die Form, in welcher Gegensätze gesetzt und aufgehoben werden (Organ. d. menschl. Erk. S. 97). Nach ESCHENMAYER ist die Zeit die »unendliche Eindehnung«, die »unendliche Vielheit« (Psychol. S. 513). - Als das angeschaute Werden, als Form des Anschauens, bestimmt die Zeit HEGEL, nach welchem die Idee an sich zeitlos ist. Die Zeit ist die für sich seiende »Negativität«, das Dasein des »beständigen Sich-aufhebens«, das »an sich selbst Negative«, die »sich auf sich selbst beziehende Negation« (Naturphilos. S. 52). »Die Zeit, als die negative Einheit des Außer-sich-seins, ist... ein schlechthin Abstraktes, Ideelles: sie ist das Sein, das, indem es ist, nicht ist, und indem es nicht ist, ist, - das angeschaute Werden. d. i. daß die zwar schlechthin momentanen, d. i. unmittelbar sich aufhebenden Unterschiede als äußerliche, d. i. jedoch sich selbst äußerliche, bestimmt sind.« »Die Zeit ist, wie der Raum, eine reine Form der Sinnlichkeit oder des Anschauens, das unsinnlich Sinnliche.« »Die Zeit ist ebenso kontinuierlich, wie der Raum« (l. c. S. 54). »Nicht in der Zeit entsteht und vergeht alles, sondern die Zeit selbst ist dies Werden, Entstehen und Vergehen, das seiende Abstrahieren.« »Der Begriff aber, in seiner frei für sich existierenden Identität mit sich, als Ich = Ich, ist an und für sich die absolute Negativität und Freiheit, die Zeit daher nicht seine Macht, noch ist er in der Zeit und ein Zeitliches. sondern er ist vielmehr die Macht der Zeit... Nur das Natürliche ist darum der Zeit untertan, insofern es endlich ist. das Wahre dagegen, die Idee, der Geist ist ewig« (l. c. S. 54). »Die Zeit ist nicht gleichsam ein Behälter, worin alles wie in einen Strom gestellt ist, der fließt, und von dem es fortgerissen und hinuntergerissen wird. Die Zeit ist nur diese Abstraktion des Verzehrens. Weil die Dinge endlich sind, darum sind sie in der Zeit: nicht weil sie in der Zeit sind, darum gehen sie unter. sondern die Dinge selbst sind das Zeitliche, so zu sein ist ihre objektive Bedeutung. Der Prozess der wirklichen Dinge selbst macht also die Zeit, und wenn die Zeit das Mächtigste genannt wird, so ist sie auch das Ohnmächtigste« (l. c. S. 54 f.. vgl. Encykl. § 258, 448. vgl. K. ROSENKRANZ, Syst. d. Wissensch. § 338 ff.. G. BIEDERMANN, Philos. als Begriffswissensch. II, 240 ff., u. a.). - Nach ZEISING ist die Zeit »das in Früher und Später differierende Nacheinander, der Raum in seiner bestimmten Beziehung auf das Subjekt« (Asthet. Forsch. S. 119).

Nach HILLEBRAND ist die unendliche Zeit »der unendliche Raum in seinem bloß subjektiven Gesetztwerden« (Philos. d. Geist. I, 107). Nach HEINROTH ist die Zeit (wie der Raum) a priori, muß aber einen objektiven Grund haben (Psychol. S. 88 f.). Sowohl subjektiv als objektiv ist die Zeit nach SCHLEIERMACHER. So auch nach H. RITTER. Nach ihm ist die Zeit »die allgemeine Form, in welcher unsere inneren Wahrnehmungen miteinander verbunden werden« (Syst. d. Log. u. Met. I, 245). Sie bezeichnet die »Stetigkeit der innern Erscheinungen« (Abr. d. philos. Log.2, S. 31). Zeit und Raum werden nicht von uns empfunden, »sondern ihre Vorstellung entsteht erst in uns, indem wir die Elemente der sinnlichen Empfindung aufeinander beziehen. Da die Beziehung in der innern Wahrnehmung in dem einfachen Ich eine einfache ist, so hat die Zeit auch nur ein Maß« (l. c. S. 32). Die Mathematik ist »die Wissenschaft von den Formen der Erscheinung oder der Wahrnehmung«. »Wenn die mathematischen Wissenschaften irgend etwas für die Erkenntnis der Dinge leisten sollen, so können die räumlichen und die zeitlichen Verhältnisse nicht ohne Bedeutung für die Dinge sein, welche sieh uns in ihnen darstellen« (l. c. S. 34). Die unendliche Teilbarkeit der Zeit (wie des Raumes) »fließt aus der Art, wie die Empfindung stetig sich verändert« (l. c. S. 35). Nach CHR. KRAUSE ist die Zeit eine innere Form des Geistes (Vorles. S. 111). Zugleich ist sie »die sachliche (objektive) Form des einen innern Lebens der ganzen Natur« (l. c. S. 112). Sie ist »die Form des Nacheinanderseins entgegengesetzter wesentlicher Bestimmtheiten der Wesen« (Urb. d. Menschh.3, S. 329). »Im Ewigen ist... alles ganz und auf einmal, im Zeitlichen aber teilweis und nacheinander, wiewohl nicht voneinander losgetrennt, noch vereinzelt« (l. c. S. 330). Nach F. BAADER ist die wahre, ewige (in Einem dreidimensionale) Zeit das göttliche, geistige Leben. von ihr ißt die phänomenale Zeit mit nur zwei Dimensionen zu unterscheiden. Zeit und Raum sind durch das »Herabsteigen des höheren Wesens in eine untere und beschränkte Region« bedingt (Über den Begriff der Zeit, 1818). Nach CHALYBAEUS ist die Zeit die abstrakte Form der Relativität, »die Form des Werdens in reiner Abstraktion aufgefaßt« (Wissenschaftslehre, S. 117). C. H. WEISSE nennt Dauer die wesenlose, von ihrer Substanz entleerte Zeit (Grdz. d. Met. S. 496). Im Zeitbegriff ist das metaphysische Sein zur Unmittelbarkeit des absoluten Prozesses gesteigert. Das Umsetzen der Zukunft in Vergangenheit ist das unablässige Tun der Zeit (l. c. S. 504 f.). Die (leere) Zeit macht auf negative Weise »die absolute Formbestimmung alles wahrhaft Seienden« aus. »Schlechthin zeitlos, das heißt gleichgültig gegen alle Unterschiede der Zeit ist nur die reine metaphysische Kategorie« (l. c. S. 508). Nach L. FEUERBACH ist die Zeit eine »Existenzform« der Wesen, eine »Offenbarungsform« des Unendlichen (WW. II, 255 f.). - Rein subjektiv ist die Zeit nach SCHOPENHAUER. Sie ist eine Form der Anschauung. »Die von Kant entdeckte Idealität der Zeit ist eigentlich schon in dem der Mechanik angehörenden Gesetze der Trägheit enthalten. Denn was dieses besagt, ist im Grunde, daß die bloße Zeit keine physische Wirkung hervorzubringen vermag... Schon hieraus ergibt sich, daß sie kein physisch Reales, sondern ein transzendental Ideales sei, d.h. nicht in den Dingen, sondern im erkennenden Subjekt ihren Ursprung habe. Inhärierte sie, als Eigenschaft oder Akzidens, den Dingen selbst und an sich, so müßte ihr Quantum, also ihre Länge oder Kürze, an diesen etwas verändern können.« Die Zeit ist absolut ideal, gehört »der bloßen Vorstellung und ihrem Apparat« an (Parerg. II, 1, § 29). Die Zeit ist nichts Wahrnehmbares, nichts Objektives. »Da bleibt eben nichts Übrig, als daß sie in uns liege, unser eigener, ungestört fortschreitender, mentaler Prozess... sei.« »Die Zeit... ist diejenige Einrichtung unseres Intellekts, vermöge welcher das, was wir als das Zukünftige auffassen, jetzt gar nicht zu existieren scheint. welche Täuschung jedoch verschwindet, wenn die Zukunft zur Gegenwart geworden ist« (ib.). »Es gibt nur eine Gegenwart und diese ist immer: denn sie ist die alleinige Form des wirklichen Daseins. Man muß dahin gelangen, einzusehen, daß die Vergangenheit nicht an sich von der Gegenwart verschieden ist, sondern nur in unserer Apperzeption, als welche die Zeit zur Form hat, vermöge welcher allein sich das Gegenwärtige als verschieden vom Vergangenen darstellt« (l. c. §142). Die Zeit ist »bloß die Form, unter welcher dem Willen zum Leben, der als Ding an sich unvergänglich ist, die Nichtigkeit seines Strebens sich offenbart« (l. c. § 143 f.). CZOLBE erklärt: »An sich dürfte die Zeit ebensowenig existieren als das Sein« (Neue Darstell. d. Sensual. S. 109). Die Zeit ist die vierte Dimension des Raumes (Grdz. ein. extens. Erk.).


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