Allgemeine Sittenverderbnis in Brabant.
Abschied von den Österreichischen Niederlanden


Unsern Wunsch, die Zitadelle selbst in Augenschein zu nehmen, konnte man für diesesmal nicht befriedigen; ein Verbot der Stände macht sie jetzt, wegen des dahin geführten Staatsgefangenen, van der Mersch, allen Fremden unzugänglich. Zwar versprach uns ein hiesiger Kaufmann, der zugleich eine wichtige Demagogenrolle spielte, uns den Eingang zu gestatten, wenn wir noch einige Tage länger bleiben wollten, bis er nämlich die Wache dort hätte; allein die Befriedigung der bloßen Neugier war ein so großes Opfer nicht wert. Uns hatte vielmehr alles, was wir bisher in den Niederlanden gesehn und gehört und die Hunderte von politischen Zeitschriften, die wir hier gelesen hatten, bereits die feste Überzeugung eingeflößt, dass in dieser gährenden Masse, statt aller Belehrung für den Menschenforscher, nur Ekel und Unmut zu gewinnen sei, und wir beneideten diejenigen nicht, die, um den Kreis ihres Wissens zu erweitern, (mit einem apokalyptischen Ausdruck) des Satans Tiefen ergründen mögen. Wenn in irgend einem Lande der Geist der Zwietracht ausgebrochen ist, dann richtet die Vernunft, ohne alles Ansehen der Person, nach ihren ewig unumstößlichen Gesetzen, auf wessen Seite Recht, und was die gute Sache sei; es darf sie dann nicht irre machen, dass die erhitzten Parteien gemeiniglich ein verzerrtes Bild des moralischen Charakters ihrer Gegner mit ihren Gründen zugleich in ihre Schale werfen. Auf einem weit größeren Schauplatz, im aufgeklärten Frankreich selbst, ist dieser schlaue Unterschleif nicht immer vermeidlich, obwohl auch dort die scheinheilige Verläumdung, der Meuchelmord des guten Namens, die allgemeine, schwankende Beschuldigung der Unsittlichkeit und des Unglaubens, die leidenschaftliche Wehklage über Entweihung der Heiligtümer, Zernichtung der Vorrechte, Raub des Eigentums, nur von der Einen Seite kommen, die jederzeit den strengen, kaltblütigen Erörterungen der Vernunft durch diese Wendung ausgewichen ist. Allein unter den Vorwürfen und Rekriminationen der Belgischen Parteien verschwindet sogar die Frage von Recht. Die augenscheinliche Unfähigkeit sowohl der Kaiserlich als der Ständisch Gesinnten, mit ruhiger Darlegung der Gründe ihre Sache zu führen, erhellt aus ihren gegenseitigen, größtenteils bis zur Evidenz dokumentierten, persönlichen Invektiven, und zeugt von jenem allgemeinen Gräuel der Pfaffenerziehung, die hier alle Gemüter tief hinunter in den Pfuhl der Unwissenheit stürzte und in ihnen durch Sündentaxen alles moralische Gefühl erstickte. Wo Verbrechen und Laster nur so lange das Gewissen drücken, bis eine mechanische Büßung und das absolvo te es rein gewaschen haben, da scheinen sie nur schwarz, wenn man sie an der Seele des Nächsten kleben sieht; wo man durch jene, allen feil gebotene Mittel die Gottheit leicht versöhnen kann, da nimmt man auf die beleidigte Menschheit beim Sündigen keine Rücksicht; Ehre folglich und Schande hören dort auf, die Triebfedern des Handelns zu sein, und bald verliert sich sogar jede richtige Bestimmung dieser Begriffe. Was diese Menschen einander sein können, lasse ich dahingestellt; aber ohne Geisteskräfte, die man bewundern, ohne Ausbildung, die man schätzen, ohne Herzen, die man lieben darf, sind sie dem Wanderer tot, der trauernd eilt aus ihren Grenzen zu treten.




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 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 00:02:05 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
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