Einnahme der Zitadelle von Antwerpen


Der Macht der Belgischen Klerisei hat diese Eroberung die Krone aufgesetzt. Die Festung war mit allen Kriegsbedürfnissen und mit Lebensmitteln auf Jahre lang reichlich versehen, und was ihre Mauern nicht in sich faßten, hätte sie zu allen Zeiten durch angedrohte Einäscherung der Stadt erhalten können; denn ihre Batterien bestrichen alle Quartiere, und sachkundige Männer von beiden Parteien kommen darin überein, dass sie nicht anders als durch eine regelmäßige Belagerung bezwungen werden konnte. Bei der allgemeinen Überzeugung von ihrer Unbezwingbarkeit war die Übergabe ein Wunder in den Augen des Volkes; Vornehme sowohl als Geringe glaubten hier deutlich Gottes Finger und seine Begünstigung der Revolution zu sehen. Ihre Priester hatten sie zu diesem Glauben vorbereitet und gestimmt; sie bestärkten ihn jetzt und fachten ihn an zur lodernden Flamme. Vom Tage der Kapitulation an, bemächtigte sich ein Schwindel, der zum Teil noch fortdauert, aller Köpfe, und am Tage der Übergabe liefen aus den umliegenden Dörfern mehr als zehntausend bewaffnete Bauern zusammen, um Augenzeugen des neuen Wunders zu sein. Noch jetzt sehen wir auf allen Straßen von Antwerpen hohe Mastbäume stehen, mit den drei Farben der Unabhängigkeit, rot, gelb und schwarz angestrichen; von ihrer Spitze wehen Wimpel und Flaggen mit allerlei geistlichen Devisen und biblischen Sprüchen, und ganz zu oberst hängt der große, schirmende Freiheitshut. Im Taumel der Freude über den glücklichen Erfolg der Belgischen Waffen hatten die Antwerper diese Siegeszeichen errichtet und ausgelassen um sie herumgetanzt; allein, was halfen ihnen ihr Wunderglaube und ihr sinnbildernder Rausch? Statt des edlen Selbstgefühls, statt des Bewußtseins angeborner Rechte, womit die Herzen freier Menschen hoch emporschlagen müssen, regte sich in ihnen nur blinde Vergötterung ihrer neuen Regenten; wo andere Völker aus eigenem innerem Trieb, kühn, stolz und freudig riefen: »es lebe die Nation!« da lernten sie erst von Mönchen ihre Losung: »es lebe van der Noot!« 




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 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 13:59:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
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