Priesterintrigen und Priestereigennutz


Was der Eigennutz nicht mehr vermochte, das hat die Geistlichkeit noch bewirken können; sie hat diesen Klötzen Leben und Bewegung eingehaucht und sie bis zur Wut und Tollkühnheit für das Hirngespinst ihrer Freiheit begeistert. Ein Hirngespinst nenn' ich es; nicht, dass ich vergessen könnte, im Empörer das Gefühl der beleidigten Menschheit zu ehren, sondern weil Josephs Alleinherrschaft menschlicher noch war, als die Oligarchie der Stände, und weil seit der Revolution die Befreiung des Volkes unmöglicher als zuvor geworden ist. Wer die Rätsel des Schicksals lösen mag, der sage mir nun, warum dieser furchtbare Gährungsstoff von unübertreflicher Wirksamkeit, warum die Religion, in den Händen der hiesigen Priester das Wohl und die Bestimmung ihrer Brüder immer nur hat vereiteln sollen? Welch eine wohltätige Flamme hätte man nicht durch dieses Zaubermittel anzünden und nähren können im Busen empfänglicher, lehrbegieriger, folgsamer Menschen! Wie reizend wäre das Schauspiel geworden, wo Beispiel und Lehre zugleich gewirkt und in reiner Herzenseinfalt die zarten Keime des Glaubens gereift hätten zu vollendeten Früchten menschlicher Sittlichkeit! Dass der Mißbrauch jener an Stärke alles übertreffenden Triebfeder, indem er endlich der Humanität mit gänzlicher Vernichtung droht, die hartnäckigste Gegenwehr veranlassen, dass in diesem Kampf die kalte, unbestechliche Vernunft sich aus ihren Banden freiwickeln, und den menschlichen Geist auf ihrer Kometenbahn mit sich fortreißen muß, wo er nach langem Umherkreisen zuletzt im Bewußtsein seiner Beschränktheit, durch neue Resignation sich seinem Ziele wieder zu nähern strebt – das rechne man den Priestern nirgends zum Verdienst. Das Gute, was ihren Handlungen folgte, das wirkten sie von jeher als blinde Werkzeuge einer höheren Ordnung der Dinge; ihre eigenen Absichten, ihre Pläne, alle Äußerungen ihres freien Willens waren immer gegen die moralische Veredlung und Vervollkommnung ihrer Brüder gerichtet. Hier, wo ihr Werk ihnen über Erwartung gelungen ist, wo der Aberglaube in dem zähen, trägen Belgischen Temperament so tiefe Wurzel geschlagen und jedem Reis der sittlichen Bildung den Nahrungssaft ausgesogen hat, hier wird man einst desto kräftiger dem hierarchischen Geist fluchen. Je länger sich die Erschütterung verspätet, um so viel zerrüttender dürfte sie werden, sobald die Sonne der Wahrheit auch über Brabant aufgeht. Die Hartnäckigkeit der Phlegmatiker bezwingt nur ein gewaltsamer Schlag, wo die Beweglichkeit eines leichter gemischten Blutes gelinderen Berührungen schon gehorcht.

Mit geweihten Hostien, mit Sündenerlassungen und Verheißungen jenseits des Grabes, mit der ganzen Übermacht ihres Einflusses auf die Gewissen, und, um ihrer Sache sicher zu sein, auch mit jenem vor Oczakow erprobten Begeisterungsmittel, mit reichlich gespendetem Branntwein, haben die Mönche von Antwerpen ihre Beichtkinder zur Freiheitswut berauscht. Der Ausschuß von Breda ward von hier aus mit großen Geldsummen unterstützt, wozu teils die Kapitalisten und Kaufleute, teils die reichen Prälaten selbst das Ihrige beitrugen. Schon dieser Eifer gibt den Maßstab für die Größe des Gegenstandes, den sie sich erkämpfen wollten; einen noch bestimmteren haben wir an der Summe, die sonst jeder neu ernannte Prälat bei seinem Antritt dem Kaiser erlegen mußte: der Abt zu St. Michael, hier in der Stadt, opferte achtzigtausend, der zu Tongerloo hundert und dreißigtausend, und der zu Everbude hundert und fünfzigtausend Gulden. Diesen Tribut hat die neue Regierung der Stände abgeschafft; dem so eben erwähnten Abt zu St. Michael ist bereits dieses Ersparnis zu Gute gekommen, und wie er es anzuwenden wisse, beweiset die prachtvolle, wollüstige Möblierung seiner Apartements. Der königliche Schatz, den man in Brüssel bei Trautmannsdorfs Flucht erbeutete, und die Abgaben des Volkes, die seit der Revolution um nichts erleichtert worden sind, haben den Prälaten ihre Vorschüsse mit Wucher ersetzt. Wenn also das Land von der neuen Staatsveränderung einigen Vorteil genießt, so kann er nur darin bestehen, dass die sieben, oder, nach anderen Nachrichten, gar zwölf Millionen Gulden, die sonst jährlich nach Wien geschleppt wurden, nun hier bleiben und wegen der Kriegsrüstungen in Umlauf kommen müssen. Wie viel indes von diesem Geld auch noch jetzt auf Schleifwegen ins Ausland geht, wo diejenigen, die es sich zuzueignen wissen, ihrem Patriotismus unbeschadet, es sicherer als in Brabant glauben, wage ich nicht so nachzusprechen, wie ich es hier erzählen hörte. Schon allein die Einnahme der Zitadelle von Antwerpen soll ungeheure Summen gekostet haben, die in Gestalt eines goldenen Regens den Belagerten zu Teil geworden sind.




Share
 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 08:23:58 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright