Andächtelei und Stumpfsinn


Antwerpen

 

Wie froh ich bin, dass unsere Pferde nach Rotterdam nun endlich auf morgen früh bestellt sind! Ein längerer Aufenthalt unter diesen Andächtlern könnte wirklich die heiterste Laune vergiften. Noch nie habe ich die Armut unserer Sprachen so tief empfunden, als seitdem ich hier von den Menschen um mich her mit den bekanntesten Wörtern eine mir ganz fremde Bedeutung verbinden höre. Man liefe Gefahr gesteinigt zu werden, wenn man sich merken ließe, dass die Freiheit noch in etwas anderem bestehen müsse, als van der Noots Bildnis im Knopfloch zu tragen, dass Religion etwas mehr sei, als das gedankenlose Gemurmel der Rosenkranzbeter. Die traurigste Abstumpfung, die je ein Volk erleiden konnte, ist hier die Folge des verlornen Handels. Selbst im Äußern zeigt die hiesige Rasse nichts Empfehlendes mehr. Am Sonntag sah ich in den verschiedenen Kirchen über die Hälfte der Einwohner versammelt, ohne nur ein Gesicht zu finden, auf dem das Auge mit Wohlgefallen geruht hätte. Leere und Charakterlosigkeit, die in Brabant überhaupt so durchgehends herrschen, äußern sich hier in einer noch unschmackhafteren Gestalt als anderwärts, und nicht einmal eine Varietät in der Kleidertracht zieht die Aufmerksamkeit von dieser Ausartung der menschlichen Natur hinweg. Mit dem gehemmten Geldumlauf mußte die Industrie zugleich ins Stocken geraten, und außer einigen Salz- und Zuckerraffinerien, einer Sammtfabrik und ein paar Baumwollenmanufakturen, enthält diese große Stadt keine hinreichende Anstalt, um die Hände der geringen Volksklasse zu beschäftigen. Die schönen breiten Straßen sind leer und öde, wie die zum Teil sehr prächtigen, massiven Gebäude; nur an Sonn- und Festtagen kriecht die träge Menge aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um an den zahlreichen Altären die Sünde des Müßiggangs durch einen neuen abzubüßen. Die Klerisei beherrscht dieses erschlaffte Volk mit ihren einschläfernden Zauberformeln; denn nur die Andacht füllt die vielen müßigen Stunden aus, die nach dem Verlust des Handels ihm übrig blieben. Die Wissenschaften, die einst in Antwerpen blühten, sind bis auf die letzte Spur verschwunden. Die Niederländischen Künste, deren goldenes Zeitalter in die Periode der gehemmten merkantilischen Tätigkeit fiel, wurden nur auf kurze Zeit von dem brachliegenden Reichtum zu ihrer größten Anstrengung gereizt; es währte nicht lange, so fand der Kapitalist, der seine Gelder nicht an auswärtige Spekulationen wagte, die Fortsetzung eines Aufwandes mißlich, der zwar, gegen seine Millionen gerechnet, mäßig scheinen konnte, aber gleichwohl ein totes Kapital allmählich aufzehrte. Antwerpen also ist nicht bloß erstorben in Absicht des Handels, sondern auch der ungeheure Reichtum, den einzelne Familien noch daselbst besitzen, verursacht nicht einmal die kleine Zirkulation des Luxus. Der reichste Mann bringt seine Nachmittage, von Mönchen und Pfaffen umgeben, bei einer Flasche von Löwenschem Bier zu, und bleibt jedem anderen Zug der Geselligkeit verschlossen. Die Privatsammlungen von Gemälden schmelzen je länger je mehr zusammen, indem viele der vorzüglichsten Meisterwerke an auswärtige Besitzer gekommen sind, und selbst der Überfluß an Diamanten und anderen Juwelen, weswegen Antwerpen so berühmt ist, wird in Kurzem nicht mehr bedeutend sein; denn man fängt an, auch diese Kostbarkeiten zu Geld zu machen.




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 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 17:44:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
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