Verfall der Manufakturen und des Handels.
Simons Wagenfabrik


Von dem Verfall der hiesigen Manufakturen habe ich schon bei einer andern Gelegenheit etwas erwähnt. Die Englischen und Französischen Kamelotte haben dem Absatz der hiesigen, die ehemals so berühmt waren, so starken Abbruch getan, dass es jetzt keine große Unternehmungen in dieser Gattung von Waren mehr gibt. Die Quantität der Kamelotte, die jährlich fabriziert werden, ist daher nicht mehr so beträchtlich wie ehedem. Von den nicht minder berühmten Brüsseler gewirkten Tapeten existierten vor wenigen Jahren noch fünf Fabriken; jetzt ist die des Herrn van der Borght nur noch allein im Gange, und es arbeiten nur noch fünf Fabrikanten darin. Dennoch klagt man über die großen Vorräte, die dem Eigentümer auf den Händen bleiben. Die Arbeiter sitzen zwei und zwei an einem Stuhl, wie es bei der Basselisse gewöhnlich ist. Die Tapeten waren schön gezeichnet und mit ungemeiner Präzision ausgeführt. Man zeigte ein vortrefliches Stück nach Teniers, ein anderes nach le Brün, u.s.f. Die Elle von solchen Tapeten kostet zwei Karolin. Von den zwei großen Zuckerraffinerien der Herren Rowis und Danhot, die in ihrer Art gut eingerichtet sind, will ich nichts sagen; aber eine in Europa wahrscheinlich einzige Kutschenfabrik verdient, dass ich sie Dir näher beschreibe. Herr Simon, ihr Eigentümer, hat gewöhnlich hundert bis hundert und zwanzig Arbeiter, die in weitläuftigen, durch große Fenster schön erleuchteten Sälen sitzen und einander in die Hand arbeiten. Die Höhe des Saals erlaubte ihm, eine Galerie oben rund herum zu führen, auf welcher, so wie unten, die Arbeiter um ihre Tische sitzen. Die gegenwärtigen Unruhen haben indessen die Zahl der Arbeiter bis auf die Hälfte vermindert. Alles was zu einer Kutsche gehört, das Eisenwerk, Leder, Holz, der Lack, die Vergoldung, und Farbe, alles wird hier innerhalb des Bezirks dieser Einen Fabrik verfertigt. In den Sälen hängen Tafeln, auf welchen die Gesetze geschrieben stehen, denen sich jeder Handwerker, wenn er hier arbeiten will, unterwerfen muß. Es wird darin bestimmt, wenn man sich einfinden, wie lange man arbeiten soll; auf das Ausbleiben, auf überlautes Plaudern bei der Arbeit, u.s.w. stehen Geldstrafen; aber dem gesetzmäßigen Betragen wird dagegen auch eine Belohnung zu Teil. Der Holzvorrat, den wir hier sahen, ward allein auf achtzigtausend Gulden geschätzt; er bestand unter andern in einer großen Menge Ahorn aus der Schweiz, und einer ansehnlichen Quantität Mahogany, welches Herr Simon schon deswegen so stark verbraucht, weil er seinen guten Lack auf kein anderes Holz setzt. Die Fasern unseres Büchen- und Rüsterholzes werden unter dem Lack immer wieder sichtbar und machen ihn rissig. Die Schmiede hatte sechs Essen, wovon jetzt aber nur zwei noch brannten. Mit diesen Vorkehrungen verbindet der Eigentümer die höchste Solidität und Eleganz, ja, was mehr als alles mit Bewunderung erfüllt, einen erfinderischen Scharfsinn, einen mechanischen Instinkt möcht' ich es nennen, entwickelt und vervollkommnet durch wirkliches Studium der Naturgesetze und der angewandten Mathematik, wodurch die Verteilung der Lasten zu einem hohen Grade der Vollkommenheit getrieben und der enge Raum einer Kutsche auf eine fast unglaubliche Weise benutzt wird. Für einen Mann, der öfters lange Reisen machen muß, wüßte ich nichts Unentbehrlicheres als einen Reisewagen, wie ich ihn hier gesehen habe, worin man Tisch und Bett und alle ersinnliche Bequemlichkeiten vereinigt hat. Wenn der arme Li-Bu aus den Pelew-Inseln sich schon über eine Londoner Mietskutsche extasiiren und sie ein Haus zum Fahren nennen konnte – was hätte er nicht beim Anblick dieses Wunderdinges gesagt! Es ist in der Tat ein angenehmes Schauspiel, den menschlichen Geist auch auf diese Art glücklich gegen Schwierigkeiten kämpfen und sie besiegen zu sehen! Herr Simon pflegt zwanzig bis dreißig Wagen vorrätig zu haben, und alle Europäische Höfe bestellen ihre Gallawagen bei ihm. Sein Name stand auf der berüchtigten Proskriptionsliste vom 15. März; denn auch er hatte die Addresse an die Staaten unterzeichnet und war ein so eifriges Mitglied der patriotischen Gesellschaft, dass er bereits unter des Kaisers Regierung hatte die Flucht ergreifen müssen. Die Zerstörung seines Hauses und seiner Fabrik war ihm zugedacht; allein er machte die ernstlichsten Verteidigungsanstalten, und ließ in der Stadt bekannt werden, er habe Pulverminen gelegt, und wolle, auf den Fall eines Angrifs, seine Feuerspritzen mit Scheidewasser laden. Diese schreckliche Drohung war hinreichend, van der Noots Myrmidonen die Lust zum Plündern hier zu vertreiben. Gleichwohl ist Herr Simon, um seiner persönlichen Sicherheit willen, vor einigen Tagen, nach dem Beispiel anderer Demokraten, aus dem Land gegangen.

Es kann nicht fehlen, dass nicht auch der Handel unter der gegenwärtigen Tyrannei der Stände und der gewaltsamen Anstrengung, wozu die Selbsterhaltung sie zwingt, wesentliche Einschränkungen leiden sollte. Die Entfernung eines Partikuliers wie Eduard Walkiers, dessen Vermögen man auf dreißig Millionen Gulden schätzt, muß auf die Aktivität seiner Handelsgeschäfte, mithin auf die ganze Zirkulation in den Niederlanden, einen nachteiligen Einfluß haben. Man rechnet, dass Walkiers, um die Revolution in Brüssel am 11. und 12. Dezember vorigen Jahres zu bewirken und d'Altons Truppen durch Bestechung zu entwaffnen, beinahe eine halbe Million verwendet haben soll. Nächst ihm sind die Herren Overmann und Schumaker die reichsten Kaufleute in Brüssel. Sie bewiesen dem Kaiser, dass sie ihm jährlich gegen fünfzigtausend Gulden Abgaben zahlten und den inländischen Fuhrleuten beinahe sechzigtausend Gulden zu verdienen gäben. Romberg, der den Speditionshandel von Brüssel nach Löwen zu verlegen suchte, besteht noch ebenfalls als einer der vermögendsten Niederländischen Banquiers. Unser Aufenthalt ist viel zu kurz gewesen, als dass er uns gestattet hätte, in diese merkantilischen Verhältnisse und ihre Verwicklung mit dem politischen Interesse einen tieferen und mehr ins Detail dringenden Blick zu tun. Morgen verlassen wir Brüssel; doch zuvor will ich Dir, so müde ich auch bin, von unserer heutigen Spazierfahrt ein paar Worte sagen.




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 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 16:03:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
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