Kamelottmäntel und schwarze Kappen


Tournai hat einige schöne Plätze und Gebäude, aber nicht über 24,000 Einwohner, bei einem Umfange, der eine ungleich größere Volksmenge verspricht. Die vorteilhafte Lage der Stadt an der schiffbaren Schelde hat ihren Handel dennoch nicht empor bringen können; dagegen gedeihen hier die Priester, Mönche und Nonnen von allen Benennungen und Farben, und geben das bekannte gute Beispiel ihrer nützlichen Tätigkeit. Auch wimmelte hier alles von Bettlern, bis Joseph der Zweite ihr einträgliches und dem Staat so vorteilhaftes Gewerbe verbot. Verhältnismäßig ist indes mehr Leben auf den Straßen von Tournai, als in Mecheln und in den Brabantischen Städten, durch welche wir gekommen sind, wenn gleich der größte Teil der Einwohner sich von Fabrikarbeiten nährt. Die hier verfertigten Kamelotte und Berkane sieht man überall; die Weiber gehen nie ohne einen langen Mantel von diesem Zeuge aus, der bis an die Knöchel hinunter geht, mit einem großen Kapüchon versehen ist und in Schmutz und Regen so gute Dienste leistet, wie im Sommer gegen den Staub. Diese graue Tracht hat zwar nichts Zierliches; sie ist aber viel erträglicher, als die schwarzen Kappen, womit man die Weiber in Brüssel gespensterähnlich umherschleichen sieht. Ich glaubte mich an die Ufer des Kokytus versetzt, als ich zum erstenmal diese scheußlichen schwarzen Hüllen auf dem Markt erblickte, wo sie in allen Graden der Vortreflichkeit, ganz abgenutzt und zerlumpt oder ganz neu, von wollenem oder halbseidenem Stoffe oder gar vom besten Gros de Tours neben mir hinzogen. Ein solcher Anblick läßt wenigstens für den Kunstsinn des Landes, wo man damit überrascht wird, nicht viel hoffen.




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 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 04:13:18 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.11.2007 
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