Der Brand und Kindermord vom
14. und 15. November 1789


Der Brand vom 14. und 15. November des vorigen Jahres hat in der Gegend des Schlosses fürchterlich gewütet. Viele der schönsten und prächtigsten Gebäude sind ein Raub der Flammen geworden, womit die Kaiserlichen damals die Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln drohten und ihren Vorsatz auch ausgeführt hätten, wenn das Regenwetter ihnen nicht so ungünstig gewesen wäre. Wenn es im Kriege erlaubt ist, sich aller Mittel ohne Unterschied gegen den Feind zu bedienen; (ein Satz, der doch auch seine vielfältige Einschränkung leidet) so gehörte es gleichwohl zu den unglücklichen Verkettungen des Schicksals, welches den verstorbenen Kaiser so rastlos verfolgte, dass sich unter den Befehlshabern seines Niederländischen Heeres ein Mann befinden mußte, der eine entschiedene Neigung äußerte, die härtesten Maßregeln zu ergreifen, und dem das Blut seiner Mitbürger ziemlich feil zu sein schien. Jene schauderhafte Vernichtung von Brüssel, welche der Herzog von Ursel am zwanzigsten September 1787 so glücklich verhütet hatte, wollte jetzt der Erfinder dieses grausamen Anschlags mit Gent wirklich beginnen. Es war nicht etwa ein zügelloser Pöbel, wie der Parisische, der sich einen Augenblick vergaß und an einzelnen Opfern die tausendjährige Schuld seiner Unterdrücker rächte; Deutsche Soldaten, denen die Flammänder noch vor kurzem die gastfreieste Pflege hatten angedeihen lassen, wurden hier von ihren Offizieren angeführt zur Plünderung ihrer Wohltäter, zur Einäscherung der Stadt und zum nächtlichen Kindermord. Die Ereignisse jener zwei schrecklichen Nächte sind von der gräßlichen Art, dass sie in die Geschichte der feudalischen Zerrüttungen, nicht in das achtzehnte Jahrhundert, zu gehören scheinen, dass sie neben den übrigen Atrocitäten, welche das Ungeheuer der willkürlichen Gewalt ausgebrütet hat, ihre Stelle verdienen.6 Neun und siebzig Kinder und Erwachsene wurden von den Soldaten teils getödtet, teils mit ihren Häusern verbrannt. Die Unmenschlichkeiten, die dabei vorgingen, mag ich nicht nachschreiben; aber sie gehören der Geschichte, welche der Nachwelt die folgenschwere Wahrheit beurkunden muß, dass, wenn gleich die Aufwallungen der Ungebundenheit in einem lange gemißbrauchten Volk zuweilen in blutige Rache ausarten können, sie gleichwohl von der barbarischen Fühllosigkeit des rohen Söldners weit übertroffen werden. Traurig ist die Wahl zwischen zwei großen Übeln; allein es liegt schon in der Natur der Sache, dass die Folgen der Anarchie, wie schwarz die Miethlinge des Despotismus sie auch schildern mögen, nur Kinderspiele sind gegen die Schandtaten beleidigter Sklaventreiber. Ihre Erbitterung wird giftiger durch die vermeinte Kränkung ihrer Herrscherrechte; ihr Zweck ist nicht bloß Unterjochung, sondern zugleich Rache und Strafe; sie sind immer Krieger und Henker zugleich; sie zerstören und verwüsten aus Grundsatz und nach einem vorher bedachten Plan.

Ich begreife jetzt, wie der Anblick solcher Greuel den Mut der Bürger und Freiwilligen bis zur Tollkühnheit entflammen mußte. Arberg verfehlte gänzlich seinen Endzweck, und sah sich genötigt, unter Begünstigung der Nacht das Schloß zu räumen und seinen Rückzug anzutreten. Das kleine Patriotenheer, verstärkt durch die junge Mannschaft, die aus Courtray den Gentern zu Hilfe gekommen war und die Kaiserlichen von einem Tore vertrieben hatte, stürzte am sechzehnten, nachdem es, unter den Waffen stehend, dem im Portal der Nikolauskirche gefeierten Hochamte beigewohnt und sich durch die allgemeine Absolution zu seinem Unternehmen gestärkt hatte, mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Kasernen los, und erstieg die dort befindlichen Batterien. Buben von siebzehn Jahren stachen die Kanoniere über den Haufen, die mit brennender Lunte in der Hand das Geschütz gegen sie lösen wollten. Schon hatten sie das Tor erreicht und schleppten Stroh zusammen, um die Kasernen in Brand zu stecken, als die Österreichischen Offiziere unbewaffnet und mit entblößtem Haupt ihnen entgegen gingen und sich zu Kriegesgefangenen ergaben. Die Flammänder waren in diesem leidenschaftlichen Augenblick besonnen genug, ihrem Umwillen, der so hoch gereizt worden war, zu gebieten. Sie nahmen ihre Feinde in Schutz, als hätten diese mit erlaubten Waffen und nur gegen Männer gefochten.




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Seite zuletzt aktualisiert: 17.11.2007 
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