Rubens Abnahme vom Kreuz


In der Kapelle der Schützengilde wird die berühmte Abnehmung vom Kreuz aufbewahrt, die so allgemein für das höchste Kunstwerk von Rubens anerkannt und um zwölf Jahre älter als die Himmelfahrt ist. Ich kann mich auf keine detaillierte Beschreibung dieses so oft beschriebenen, ohne Einschränkung und mit so großem Rechte gepriesenen Gemäldes einlassen; doch Du kennst es schon aus dem schönen Kupferstich. In Absicht auf lebendige Darstellung bleibt es ein Wunder; alles, was ich je gesehen habe, weicht zurück, um diesem Ausdruck Ehre zu geben. Die Zeichnung ist korrekter, als Rubens gewöhnlich zu zeichnen pflegte; die Komposition einfach und groß; die Gruppe schön, so schön, dass man darüber das Kreuz vergißt, dessen unbezwingbare Steifheit sonst aller malerischen Grazie so nachteilig zu sein pflegt. Die Stellungen, die Gewänder, die Falten, das Licht, der Farbenton und die Carnationen – alles ist bis auf Kleinigkeiten meisterhaft ersonnen und ausgeführt. Die Mutter und der Johannes sind wahrhafte Italienische Studien oder Reminiszenzen; bei dieser edleren Natur wird man den Übelstand kaum gewahr, dass Petrus, zu oberst auf dem Kreuze, im Eifer seiner Geschäftigkeit, den Zipfel des Tuchs, worin der Leichnam ruht, in seinen Zähnen hält. Vielleicht ist die kalte Bewunderung, die der Anblick dieses Bildes mir abnötigte, ein größeres Lob für den Künstler, als der Enthusiasmus, der darüber bei andern durch Nebenideen entstehen kann. Der Begrif des Erbaulichen darf schlechterdings bei der Beurteilung eines Kunstwerkes von keinem Gewichte sein. Vergißt man aber einen Augenblick die Beziehung des vorgestellten Gegenstandes auf die Religion, so wird man mir zugeben müssen, dass die Wahl nicht übler hätte getroffen werden können. Die Hauptfigur ist ein toter Leichnam, und die Verzerrung seiner Glieder, die keiner willkürlichen Bewegung mehr fähig sind, sondern der Behandlung der Umstehenden gehorchen, ist mit dem ersten Augenmerk des Malers, der Darstellung des Schönen, schlechterdings nicht zu reimen. Doppelt ungünstig ist der Augenblick, wenn der Leichnam einen gekreuzigten Christus vorstellen soll; denn es ist eben derselbe, wo alles Göttliche von ihm gewichen sein und der entseelte Überrest der menschlichen Natur in seiner ganzen Dürftigkeit erscheinen muß. Es gibt Momente in der Mythologie des Christentums, die dem Maler freie Hände lassen: Szenen, die eines großen, erhabenen Stils, ohne Verletzung des Schönheitssinnes, fähig sind und zu der zartesten Empfänglichkeit unseres Herzens reden; allein wessen mag die Schuld sein, dass die Flämischen Künstler sie nicht wählten? Liegt sie an ihnen selbst, oder an den Aufbewahrern dieser Mysterien? Haben jene den feinen Sinn nicht mitgebracht, der zu einer solchen Behandlung nötig ist? oder haben diese den Gegenständen eine so plumpe Einkleidung gegeben, dass jedes Bemühen der Kunst daran scheitern muß? Bloß in dieser einen Kathedralkirche habe ich zweimal die Visitation der Jungfrau durch einen unverschämten Fingerzeig der alten Elisabeth bezeichnet gesehen, und eins von diesen sauberen Stücken war übrigens ein gutes Bild von Rubens. O der Niederländischen Feinheit!

Hier breche ich ab. Es gibt noch unzählige Gemälde, sowohl in Kirchen als in Privatsammlungen, wovon ich nichts gesagt, es gibt sogar viele, die ich nicht gesehen habe. Allein von dieser Probe läßt sich ein allgemeines Urteil über den Geist und Geschmack der Flämischen Schule abstrahieren.




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 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 20:10:43 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.11.2007 
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