Metsu und Miris


Von dem sorgfältigen Gabriel Metsu zeigte man uns eine Violinspielerin, an welcher außer ihrem Atlasrocke nichts Bewundernswürdiges war; der Rock hatte freilich die täuschendste Ähnlichkeit mit dem schönsten echten Atlas. Wie gefährlich hätte der Künstler mit diesem Talent zum Nachahmen seinen berühmtesten Mitbrüdern werden können, wenn er es auf edlere Gegenstände angewendet hätte! Allein das Schicksal, welches ihm diesen beneidenswerten Pinsel verlieh, fesselte seine Einbildungskraft an einen Kleiderschrank, oder legte den malerischen Bildungstrieb in die Seele eines Schneiders. – Die Kenner sagen, dass die Holländische Schule keinen größeren Künstler als Franz Miris, den ältern, hervorgebracht hat. Ein altes Weib mit einer halb ausgeleerten Weinflasche rühmte hier die Kunsterfahrenheit dieses Meisters. Man könnte an diesem Bild die Transsubstantiation ad oculum demonstrieren und im Gesicht der Alten genau angeben, wohin der fehlende Wein aus der Flasche gekommen sei. Die größte Empfänglichkeit, verbunden mit dem seltensten Beobachtungsgeiste und einer großen Kraft im Darstellen, können folglich ohne alle Feinheit des Geschmacks und der Empfindung bestehen. An diesem ekelhaften Gemälde ist vorzüglich die sichere Nachahmung der Natur zu bewundern, wobei sich Miris so ganz auf sein richtiges Auffassen und festes Zeichnen verläßt, und keinen Effekt, obwohl in einem so kleinen Stücke, durch Manier hat erzwingen wollen. Das Gegenteil bemerke ich hier an einem Bauerngelage von Cuylenburg, das zwar in Teniers Geschmack gemalt ist, aber weder seine Leichtigkeit noch seine Wahrheit hat.

Zu den größeren Stücken in dieser Sammlung gehört eine nackte, weibliche Figur, von schöner Farbengebung, von Peter van der Werff, einem Bruder des Ritters Adrian. Eine Königin von England und ein kühn skizziertes Porträt des Bildhauers Feuherbe verdienen als Werke van Dyks genannt zu werden. Auch leuchtete uns hier ein Stral aus Rembrandts Phantasie, in Gestalt eines prächtigen Sultans, entgegen. Die Tochter des Blumenmalers Seghers und eine Nonne (hospitalière) von Rubens, hatten seine bekannte Kraft im Porträt. Die Frische der Farben in dem letzteren Bildnis war unübertreflich; man möchte glauben, es käme nur eben von der Staffelei. Dass dieser wichtige Teil der Vorkenntnisse, welche die Malerei voraussetzt, die Wahl dauerhafter Farben, heutiges Tages so sehr vernachlässigt wird, gereicht unsern Künstlern schon jetzt zum Vorwurf, und bringt sie einst um den Ruhm, den sie von der Nachwelt ernten könnten.




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Seite zuletzt aktualisiert: 17.11.2007 
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