Karl Ferdinand Wiesike.
Eine spezifisch märkische Figur


Karl Ferdinand Wiesike war eine spezifisch märkische Figur, unter anderem auch darin, daß er mehr war, als er schien. Sah man ihn öfter, so wurde man freilich gewahr, eine wie kluge Stirn und wie kluge Augen er hatte, wer dieses Vorzuges häufigerer Begegnungen aber entbehrte, der nahm ihn, mit seiner breiten Unterlippe, notwendig für eine Alltagserscheinung. Unter denen, die den Alten mit am besten kannten, war auch die betagte, drüben im Schloß wohnende Gräfin Königsmarck, geborene von Bülow. Sicherlich waren die Gräfin und Wiesike Gegensätze: Hochadel und Bürgertum, Konservatismus und Fortschritt, Christentum und Atheismus standen sich in ihnen gegenüber, aber die Gräfin hielt trotz alledem große Stücke auf ihren Nachbar, von dem sie wußte, daß er nicht bloß klug, sondern auch mutig und ehrlich war und das Herz auf dem rechten Flecke hatte.

Wiesike war nicht bloß ein genialer Praktiker, der mit Hilfe selbständigen Denkens sich rein äußerlich vorwärts zu bringen verstand, er hatte, wie nicht genug hervorgehoben werden kann, dies sein selbständiges Denken auf jedem Gebiet und verachtete nichts so sehr, wie den Glauben an das allein Seligmachende der Überlieferung. Er ließ die Tradition gelten und war weitab davon, ein Reformer à tout prix sein zu wollen, aber ebenso kritisch er die Neuerungen ansah, ebenso kritisch verhielt er sich gegen das Alte, dessen Anspruch auf Gültigkeit, und zwar bloß weil es alt, er mit jugendlichem Eifer bestritt. Sein Hahnemann- und Schopenhauer-Enthusiasmus ging aus dieser seiner Geistesrichtung hervor, und er nahm sich dessen an, was er seitens der den Tag beherrschenden Mächte mit Unrecht ignoriert oder befehdet glaubte. So ward er der Freund Hahnemanns und Schopenhauers und zugleich eine Stütze derer, die für beide »Schule« zu bilden begannen.

Einige haben in all diesem Tun nur Eitelkeit und in Wiesike selbst nichts als einen von einer Koterie geschickt »Eingefangenen« erkennen wollen. Aber der alte kluge Wiesike war nicht der Mann, sich ohne weiteres einfangen zu lassen, und durfte mit Windthorst-Meppen sagen: »wer mich ausnutzen oder hinters Licht führen will, der muß früher aufstehn«. Alles was er der Person wie der Lehre seiner zwei Meister an Huldigungen darbrachte, sproß nicht aus einem sich geschmeichelt fühlenden Mottenburgertum, sondern aus jener innerlichen Kraft und Überzeugung, die da, wo der Glaube versagt, das Wissen gibt, das Zuhausesein in den jeweiligen Disziplinen. Er hatte seinen Schopenhauer immer wieder und wieder gelesen und bot ein geradezu leuchtendes Beispiel dafür, daß der Pessimismus nicht bloß ruiniere, sondern unter Umständen auch eine fördernde humanitäre Seite habe. Wiesike hatte das Mitleid und half immer, wo Hilfe verdient war. Eine vielleicht zu weit gehende Vorstellung von der ungeheuren Bedeutung des Besitzes, ja mehr, ein Stück vom Bourgeois und altmodischen Kleinkaufmann war ihm freilich geblieben. Aber auch das trat sehr gemildert, um nicht zu sagen geläutert auf.

Ich persönlich kann seiner nicht ohne Dank und Rührung gedenken und zähle die mit ihm verplauderten Stunden zu meinen glücklichsten und bestangelegten. Jedenfalls aber gehört er in seiner für märkische Verhältnisse merkwürdigen Mischung von finanzlicher und philosophischer Spekulation, von Pfadfinder und Sokrates, von Diogenes und Lukull, zu den interessantesten Figuren, die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind.




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 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 05:27:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.11.2007 
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