Karl von Hertefeld in London


Karl von Hertefeld hatte sich entschlossen, in Gesellschaft von Graf Eberhard Dankelmann, einen Abstecher nach London zu machen und führte diesen Entschluß auch aus. Er berichtete darüber nach Liebenberg hin.

 

London, den 30. Mai 1814.

 

Erst am 25. Mai konnten wir von Boulogne absegeln, weil sich das Schiff bis dahin durch widrigen Wind im Hafen zurückgehalten sah. Genannten Tages aber wurden wir eilig an Bord gerufen und kamen glücklich aus dem Hafen heraus. Anfangs belustigte mich dies nie gesehene Schauspiel außerordentlich. Bald indessen wurd' es anders und die Nacht zählt zu den unangenehmsten, die ich je zugebracht habe. Die Kajüte war nur klein, und in diesem engen Raume lagen, wie Kraut und Rüben durcheinander, zehn, zwölf Menschen, die alle mehr oder minder seekrank waren. Dabei macht einen das Übel so träge, daß man sich nicht überwinden kann aufzustehen und den einmal eingenommenen Platz, um eines besseren willen, zu wechseln.

Am andern Morgen wollten wir mit der Postkutsche nach London; da jedoch drei Paketboote schon vor uns in Dover angekommen waren, so waren alle Insideplätze besetzt. Die »Outside« hat sich aber seit Moritz' Zeiten sehr verändert. Seine Beschreibung paßt gar nicht mehr, und ich kann füglich versichern, in Deutschland mit Extrapost nicht angenehmer gefahren zu sein. Freilich mag sehr viel von der Gesellschaft abhängen, mit der man reist. Wir haben es hierin glücklich getroffen. Unsere Reisegesellschafter waren Gentlemen, die, wie wir, von Paris kamen, und meistens etwas französisch sprachen. In Canterbury, wo gefrühstückt wurde, machten wir Bekanntschaft und fanden in ihnen ebenso höfliche wie zuvorkommende Leute. Die Gegend, durch die wir fuhren, war herrlich, und in den Dörfern hatten die Pächterwohnungen Spiegelscheiben.

Auf dem Wege von Canterbury nach Rochester sahen wir die russische Flotte vor Anker liegen. In Rochester selbst wurde diniert, versteht sich ganz auf englische Art. Wir bekamen erst vortrefflichen Fisch, dann köstliche Beefsteaks und danach einen kleinen Pudding. Den Beschluß machte ein ungeheures Stück Käse. Man erhält hier weniger Gerichte als in Frankreich, aber alle sind trefflich zubereitet und die Portionen kolossal. In Gadshill hielten wir vor einem Wirtshaus, auf dessen Schilde wir Sir John Fallstaff erkannten, der von Poins und dem Prinzen abgeprügelt wird. Eine halbe Stunde später erschien St. Paul am Horizont, und ehe die Dämmerung einfiel, ging es über die Westminsterbrücke, an Whitehall vorbei, nach Charing cross, wo die Postkutsche hielt. Und nun nahm uns ein Mietswagen auf und bracht' uns nach dem Hotel Bauer in Leicester-Square.

 

London, den 5. Juni 1814.

 

Ich bin nun eine Woche hier und habe mancherlei beobachtet. Was einem in dieser ungeheuren Stadt am meisten auffällt, ist, daß alles ohne Soldaten, Gendarmen und Polizeibeamten in Ordnung gehalten wird. Des Abends bei den Theatern, wo zuweilen hunderte von Wagen stehen, entwickelt sich das Gewirre so ruhig, daß man darüber erstaunt. Die Fußgänger verhalten sich ebenfalls ganz passiv. Da die Trottoirs, und zwar gerad' in den lebhafteren Straßen, nur schmal sind, so kommt es vor, daß man derb gestoßen wird und zur Schadloshaltung wieder andere stößt; dies wundert aber niemanden und noch weniger fällt es ihnen ein, mit einem »Pardon« um Verzeihung zu bitten.

Die Theater sind hier prächtig, besonders das von Drurylane; alles blinkt in dem Hause von Vergoldung, Spiegel und Bronze. Die Schauspieler gefallen mir aber in Coventgarden besser. Ich habe dort den Hamlet und Othello gesehen, und obwohl ich nichts davon verstand, machten diese Vorstellungen doch einen bei weitem tieferen Eindruck auf mich, als die Phédre und Semiramis im Théâtre français.

Von Merkwürdigkeiten hab' ich bis jetzt nur die Westminster-Abtei, den Tower, St. Pauls und einige unbedeutendere Sachen gesehen. Was mir im Tower am meisten imponierte, war die kolossale Menge von Gewehren. Der Führer sagte mir, daß 800000 da wären, und ich glaube nicht, daß er übertrieben hat. Denn außer denen, die aufgestellt sind, war noch ein Saal, etwa in Größe einer kleinen Reitbahn, ganz mit Kisten angefüllt, in denen sich eingepackte Gewehre befanden, alle bestimmt, nach Deutschland und Spanien abzugehen. Es sollen, nach der Aussage des Führers, 8000 Stück wöchentlich verfertigt werden. Von solchen Fabriken hat man doch, außer in England, gar keinen Begriff.

Es werden hier seit einigen Tagen große Anstalten zur »Illumination« und andern Festlichkeiten gemacht, die beim Empfange des Kaisers und Königs in Szene gehen sollen. In welchem Rufe hier Blücher steht, ist unbeschreiblich. Sein Empfang wird gewiß ebenso glänzend sein, wie der der Monarchen und vielleicht noch glänzender, denn auf einem arrangierten Diner hat man die Gesundheit unsres Königs auf folgende Art getrunken: »Gentlemen, I propose three cheers for the master of old Blücher!« Übermorgen werden alle die »hohen Fremden«, wie sie hier genannt werden, erwartet, und wenn ein Einzug stattfindet, werden gewiß viele Menschen erdrückt werden.

Noch habe ich Dir zu schreiben vergessen, daß ein Engländer, der mit uns von Boulogne nach London reiste, sowohl Graf Dankelmann wie mich zu einer Abendgesellschaft auf übermorgen gebeten hat. Das ist mir sehr interessant, und ich werde hingehen.

 

London, den 12. Juni 1814.

 

Der Engländer, der uns zum Tee gebeten hatte, hieß Mr. Twigg. Da mehrere Personen in der Gesellschaft französisch sprachen, so konnte ich an ihrer Unterhaltung teilnehmen. Gegen elf Uhr wurden Eis und Madeira-Wein präsentiert, und darauf nach einem Fortepiano getanzt. Doch muß ich offen bekennen, in meinem Leben nichts Ungeschickteres gesehen zu haben. Der Tanz war eine Art von Ecossaise, blieb den ganzen Abend in Permanenz und wechselte bloß die Touren. Ungefähr um ein Uhr trennte sich die Gesellschaft.

Ich komme nun zur Ankunft der Monarchen und des Feldmarschalls Blücher. Der Kaiser von Rußland und unser König hatten sich, durch ein Inkognito, dem Jubel der spalierbildenden Hunderttausende zu entziehen gewußt, der alte Blücher aber wurde bei Charing cross erkannt, und wenig fehlte, so hätte man ihm die Pferde ausgespannt und ihn im Triumphe hereingezogen. An jeder russischen oder preußischen Equipage, die folgte, hatten an dreißig oder vierzig Menschen angefaßt, die nun, unter lautem Huzza-Geschrei, mit dem in scharfem Trabe fahrenden Wagen Schritt hielten. Daß bei dieser Expedition nicht viele gerädert worden sind, wundert mich außerordentlich.

Tags darauf war Ascott-Rennen. Da die Monarchen und Blücher ihr Erscheinen zugesagt hatten, so waren alle Postchaisen schon am Tage vorher gemietet worden. Ich war aber so glücklich, noch einen Platz zu finden. Vor der Loge, in der Blücher saß, stand alles unbeweglich, so daß die Schiedsrichter und Aufseher Mühe hatten, für die laufenden Pferde Platz zu machen.

Als bald darauf die Monarchen erschienen, wurden sie mit lautem Zuruf empfangen. Das Geschrei war aber fast noch ärger, als sich Blücher zu Pferde setzte und die Bahn durchritt. Die Rennpferde waren meistens sehr schön, aber sehr verschieden von allen anderen Pferden, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind. Selbst die gewöhnlichen Reitpferde hier, wenn sie auch noch so schön sind, haben keine Ähnlichkeit mit den Rennpferden. Die Hufeisen der Renner mochten alle vier zusammen kaum zwei Pfund wiegen. Das Zaumzeug bestand in einer Trense.

Hiermit schließen die Briefe. Bald nachher erfolgte die Heimreise, die, mit Benutzung der Mail, über Colchester nach Harwich, und von Harwich aus, auf dem Paketboote, bis Rotterdam ging. In Diersforth, bei »Onkel Wylich«, wurde eine kurze Rast genommen, und Mitte Juli war unser Reisender wieder zurück. Aus dem geplanten Kriegszuge war eine durch die Zeitverhältnisse besonders interessante »Kavaliertour« geworden.

 

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