Der Park und die Kirche


Der Park, der sich in einen inneren und einen äußeren teilt, ist durch Umfang und Schönheit ausgezeichnet, und stammt in seiner ursprünglichen Gestalt aus den Tagen des Oberjägermeisters.

Ich beginne mit dem Innenpark. Er ging, wie das Schloß selbst, durch allerhand Phasen und verwandelte sich allmählich aus gradlinigen, französisch geschnittenen Gängen in einen Park im englischen Stile. Sein gegenwärtiges Aussehen empfing er durch Lenné, der übrigens einige Reste der ursprünglichen Anlage fortbestehen ließ und durch diesen Akt der Pietät auch der Schönheit einen Dienst leistete. Zu dem, was blieb, gehören unter andern einige der schönsten Hecken, insonderheit eine dichte, zehn Fuß hohe Buchsbaumhecke, die, wegen ihrer zwei-armsstarken Stämme, die Bewunderung aller Gartenkünstler zu sein pflegt. Überhaupt ist der Park reich an alten und eigenartigen Bäumen, unter welchen letzteren wiederum eine Trauerhasel (die in Paris prämiiert wurde) den ersten Rang einnimmt. Außerdem aber wären ein paar Taxusbäume zu nennen, die, nach Alter und Umfang, dem Taxus im Garten unsres Herrenhauses, Leipzigerstraße 3, gleichkommen dürften. Auf das Ganze hin angesehen, erkenn' ich indessen die Schönheit des Parkes nicht in einer Reihe dieser oder ähnlicher Einzelheiten, sondern in seiner Terrassierung und Perspektive. Das in Schräglinie nur mäßig ansteigende Terrain ist durch Abstechung in drei große Stufen umgewandelt worden, auf deren jeder wieder ein quadratischer Teich aufblitzt. In einer Umrahmung oft seltener und jedenfalls immer schöner Bäume gewähren diese Wasserflächen einen großen Reiz.

Unmittelbar an die letzte Terrasse schließt sich der Außenpark, ein Waldhügel, der mit seinen hohen Eichen und Weißbuchen den Innenpark überragt und beherrscht. Er hat die Form eines Topfkuchens, von dessen höchstem Punkt aus eine Menge heller gefärbter Linien nach allen Seiten hin niederlaufen. Dies sind die Wege. Das Ganze führt den Namen »das Kapphölzchen« oder auch der Obristenberg, weil »Sa Majesté le Colonel de Cocceji« hier zu sitzen und zu meditieren liebte. Zugleich befindet sich hier auch das unterirdische, von Blumen überwachsene Gewölbe, darin derselbe beigesetzt wurde.

Noch ein Anderes spricht und mahnt an dieser Stelle: das Monument, das die treue Seele, die Neumann, in Erinnerung an die Schreckenstage von Anno 1806 selbständig und aus eigenen Mitteln errichten ließ. Es trägt folgende Inschrift:

 

Als in den unglücksvollen Jahren,

Der Feind den Herrn vom Herde trieb

Und unter tödtlichen Gefahren

Ihm nichts von seiner Habe blieb,

Als ihm und die ihm treu ergeben

Des Schmerzes bittre Thrän' entfiel,

Da diente unter Furcht und Beben

Uns diese Stelle zum Asyl.

Für Euch, die Ihr's empfinden könnt',

Erbaute man dies Monument,

 

1806. (???) 1810.

 

Die drei Fragezeichen in Parenthese sind mit in den Stein eingegraben und sollen sehr wahrscheinlich einen stillen Protest gegen die französische Wirtschaft ausdrücken. Etwa die Frage: »Wie lange noch?«

Die Kirche, nach Art einer Hauskapelle, steht nur wenige Schritte vom Schloß entfernt. Es ist ein einfaches Gebäude, wie die Reformierten (und die Hertefelds waren reformiert) es immer zu halten pflegten. Erst in allerneuester Zeit, unter den Eulenburgs, ist einiges geschehen, um die Nüchternheit zu bannen und die bekannte »weiße Tünche« durch Farbe zu beleben. An die Stelle der sozusagen immer »mehr Licht« fordernden einfachen Scheiben, sind fünf Fenster mit Glasmalereien getreten, von denen zwei den Matthäus und Paulus, die drei andern aber die Wappenschilde der Hertefelds, Eulenburgs und Rothkirchs darstellen. Auch an Gedächtnistafeln und Inschriften fehlt es nicht, von denen eine hier ihre Stelle finden mag: »Aus freyem Antrieb ging für's Vaterland Carl Freiherr von Hertefeld; kehrte in das väterliche Haus zurück den 2. August 1814. Joachim Schulz.« So schlicht und unbedeutend das klingt, so hat es doch seine Bedeutung, und erzählt uns, im Zusammenhange mit der oben zitierten Steininschrift im Park, von jener Patriarchalität und Humanität, die hier allezeit ihre Stelle hatten. Es gab da nichts von Hochfahrenheit und strengem Regiment, alles war Milde, Wohltun und Freundlichkeit, und durch mehr als zwei Generationen hin wurd' ein schönes Beispiel gegeben, wieviel, wenn sie nur echt ist (und nicht zu kirchlich auftritt), die Liebe zu den Untergebenen vermag.

An eigentlichen Wertgegenständen birgt die Kirche nichts, doch ist einiges da, was ein Interesse wecken mag. Auf dem Abendmahlskelche finden sich folgende Worte: »Zur Feier des am 30. Mai 1814 zu Paris abgeschlossenen glorreichen Friedens und zum Ersatz des am 27. Oktober 1806 von den französischen Truppen geraubten Kirchengeräths.« Ebenso mag noch erwähnt werden, daß sowohl Kruzifix wie Kommunionsleuchter aus Olivenholz angefertigt wurden, das der jüngere Graf Philipp von einer Reise nach Jerusalem und Palästina mit heim brachte. Der Fußboden der Kirche besteht aus italienischen Fliesen, die, gleichzeitig mit dem vorerwähnten großen Mosaikbilde, nach Liebenberg kamen.

Über all dies hinaus aber und als etwas relativ Wichtiges muß das Kirchenbuch gelten, das seit 1663 existiert und über viele Punkte der Hertefeldschen Familie die dankenswertesten Aufschlüsse gibt. Ebenso verzeichnet es eine zu Liebenberg vollzogene zelebre Taufe: »Den 13. Mai 1689 ist Habba Schachasaga, eine geborene Türkin, nachdem dieselbe in unserer christlichen Religion unterwiesen und ihr Glaubensbekenntnis öffentlich abgeleget, getaufet worden und hat den Namen Maria Louisa bekommen. Gott regiere sie ferner durch seinen heiligen Geist und erhalte sie bei der erkannten und angenommenen Wahrheit bis an ihr seliges Ende. Die Paten waren: Herr Major von Bornstädt, Herr Samuel von Hertefeld, Herr Wilhelm von der Gröben, Frau Oberst von der Gröben, Frau Hauptmann von der Gröben.«

Von anderen Eintragungen in das Kirchenbuch geb' ich nur noch folgende zwei: »Den 17. Februar 1719 hat der reformirte Prediger Adolph Christoph Stoschius (der jüngere) in der Zehdenickschen Stadtkirche einem lutherischen Obristlieutnant von Jeetze die Parentation gehalten, weil es im Letzten von ihm begehrt worden.« Und: »Am 9. März 1801 starb in Liebenberg der K. preußische Oberst, Herr von Cocceji, am Schlagfluß und wurde, seiner bei seinen Lebzeiten gegebenen Verordnung gemäß, in einem für seine Leiche in dem Kapphölzchen besonders hergerichteten Gewölbe den 14. desselben Monats beigesetzt.«

 

*

 

Und hiermit haben wir unseren Rundgang durch Schloß und Park und Kirche geendet und nehmen Abschied von Liebenberg, aber nicht ohne vorher eine Parallele zwischen dem Leben von sonst und dem Leben von heute gezogen zu haben.

Es ist nicht loyaler geworden, dies Leben, die Hertefelds waren loyal, aber preußischer wurd' es, und an die Stelle des dem vorigen Jahrhundert entstammenden Aufklärungs-Evangeliums, mit seinem Hange zu Weltbürgertum und Philosophie, traten wieder Konfession und Nationalität, die Scheidungen und Gliederungen einer weiter zurückliegenden Zeit. Ein Begrenztes anstelle des Unbegrenzten.

Und wenn die Betrachtung des Lebens wechselte, die Temperatur des Lebens wechselte nicht. Es erkühlte sich nichts in den Herzen, und jene Hilfsbereitschaft und schöne Gastlichkeit, die hier alle Zeit heimisch und das alte Vorrecht der Hertefelds war, sie lebt fort bis diese Stunde. Die »japanische Zimmerreihe« wird nicht leer und nicht müde wird der Eifer, alles, was zu Besuch und Sommerfrische kommt, in die wechselvoll-entzückende Landschaft oder auf die Höhen- und Aussichtspunkte hinaufzuführen.

Unter diesen am liebsten auf die Burgbergstelle, die, zugleich voll historischem und landschaftlichem Reiz, auf Wald und Wiesen und die von Mummeln überblühte »große Lanke« niederblickt.

Hierher geht es in Sommerzeit, um in einem Borkenhäuschen den Tee zu nehmen und sich unter neckischem Spiel, als wär' es im »Sommernachtstraum«, über Wald und See hin zu verteilen, zu haschen und zu suchen. An dem Schilfgürtel entlang schiebt sich das Boot, unter den Uferbäumen ist es wie Flüstern und leises Lachen, und nun geht der Mond auf und gießt sein Licht über die stillbewegte Flut.




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 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 11:45:08 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.11.2007 
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