II. In Kairo


4. Januar. Der Prinz verläßt den »Ettore«. Acht pommersche Matrosen vom Kanonenboot »Cyklop«, Kapitän Kelch, rudern ihn an Land. In fünfstündiger Eisenbahnfahrt von Alexandrien nach Kairo. Der Generalkonsul des Deutschen Reiches Baron Saurma und der deutsche Konsul in Kairo von Treskow empfangen den Prinzen am Bahnhof. General Alison, Kommandierender der englischen Okkupationstruppen, ist gleichfalls zugegen. Quartier in Shepeards Hotel. (Besitzer deutsch.) Besuch der Basare. Rückkehr ins Hotel. Baron Saurma, ein leidenschaftlicher und erfahrener Jäger, erzählt von seinen Jagden im Niltale. Der Prinz beschließt, während seines dreitägigen Aufenthalts in Kairo, begleitet von Baron Saurma, Major von Garnier und Hauptmann von Kalckstein, Jagdausflüge in die Umgegend zu machen. (Geschah. Solche Jagdausflüge wiederholten sich auf der ganzen dreiwöchentlichen Nilfahrt und sei dabei gleich hier das Resultat derselben gegeben. Bis zum 30. Januar belief sich die gesamte Beute der ägyptischen Jagden des Prinzen auf 2 Wölfe, 8 Füchse, 32 Schakale, 4 Ichneumons und 4 Wildkatzen. Daß solch gutes Gesamtresultat zustande kam, verdankte der Prinz dem Umstande, daß fünf Teckel von der von Saurmaschen Teckelmeute die Reise nach Oberägypten mitmachten.)

5. Januar. Basare. Spaziergang in der Stadt.52 Am Nachmittag Empfang beim Khedive; der Prinz in der Uniform des ersten Leibhusarenregiments; seine Begleitung in der Uniform ihrer Regimenter. Eine halbe Stunde später erwiderte der Khedive den Besuch des Prinzen im Hotel.

6. Januar. Frühstück im Hotel. Professor Schweinfurth und Leutnant Wißmann (welcher letztere sich in Kairo, nach seiner Durchquerung Afrikas, für den Norden erst wieder akklimatisierte) nehmen als Gäste des Prinzen an diesem Frühstück teil. Wißmann erzählte dem Prinzen von seiner Reise »quer durch«. Besuch der Pyramiden von Gizeh und der Sphinx. »Aus dem lebendigen Felsen gemeißelt, streckt sich der Löwenleib 180 Fuß lang über den Wüstensand dahin und das menschenähnliche Haupt erhebt sich 60 Fuß über dem Boden. Eine Nase von 5 Fuß und eine Mundspalte von 6 1/2 Fuß Länge können für die Verhältnisse der übrigen Körperteile dienen. Leider ist die Nase verstümmelt und im Sturm der Zeiten zu einer Negerplattnase geworden.«

7. Januar. Besuch des Museums von Bulak. »Wie das A auf B, so folgt regelrecht das Museum von Bulak auf die Pyramiden und die ›Häuser der Ewigkeit‹53 in der Wüste. Was den Wohnungen der Toten fehlt und nur die Phantasie zu ergänzen vermag, das enthüllen die Schätze des Museums in ungeahnter Auswahl und Verständlichkeit. Bulak, eine halbe Fahrstunde vom Hotel, ist eine ebenso schmutzige wie unansehnliche Vorstadt Kairos. Aus einem alten Kohlenschuppen erwuchs unter der Regierung Said- Paschas fast stückweise der heutige Bau des Museums. Der französische Archäolog, August Mariette, der bekannte Entdecker des Serapeums und der Apisgräber in der Wüste von Sakkarah, deren reiche Schätze sämtlich nach dem Louvre gewandert sind, ist der Begründer dieser weltberühmt gewordenen Sammlung ägyptischer Altertümer. 1881 starb Mariette; Maspero, ebenfalls ausgezeichneter Ägyptolog, folgte. (Seit Jahren gehört auch Emil Brugsch, jüngerer Bruder von Brugsch-Pascha, als Konservator dem Museum in Bulak an.) Maspero bereicherte das Museum durch die Königsmumien und Königssärge von Dêr-el-bahari (Theben, Oberägypten), Bereicherungen, die das Resultat aller bisherigen Ausgrabungen in den Schatten stellten. Diese Funde von Dêr-el-bahari bildeten, bei dem Besuche des Prinzen, den Schluß. Da standen vor unseren Füßen an vierzig Särge königlicher Personen. Auf den einbalsamierten Leichen lagen verwelkte Kränze, die während drei Jahrtausenden ihre Gestalt und ihre Farbe kaum verändert hatten. Der Begriff der Zeit verschwindet, und die Worte des alten ägyptischen Totenbuches gewinnen Macht über uns: ›Die endlose Zeit ist ein Tag und die Ewigkeit eine Nacht.‹ Der Sturm der Weltgeschichte hat in den zwischenliegenden Jahrtausenden die gewaltigsten Reiche zerstört, aber die Kränze auf diesen Königen haben den Sturm der Vernichtung überdauert. Schweigend war der Prinz vor der Mumie seines Lieblingshelden in der Geschichte der Ägypter, des Königs Sesostris, stehengeblieben, den die Denkmäler unter dem Namen Ramses II. kennen und preisen. Er ist der Zeitgenosse Moses, denn seine Tochter war es, die das Moseskind aus dem Schilfdickicht aufnahm. Einst durchhallte sein Ruhm die ganze Welt. Seine Taten verherrlichen die Wände der Tempel an den Ufern des Nils. Und nun ruht hier sein sterblicher Leib vor unsern Augen und wir lesen seinen wohlbekannten Namen in hieroglyphischen Schriftzügen auf dem Deckel seines Sargkastens. Neben ihm liegt sein großer Vorfahre Thutmes III. Mumie reiht sich an Mumie, bis die des Königs Pinotems II. aufs neue unsere Aufmerksamkeit fesselt.«

Pinotem II. war der Schwiegervater des weisen Salomo. »Nur die Erinnerung ist das wahre Leben.«




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 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 00:41:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.11.2007 
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