3. Kapitel

Dreilinden im Sonnenschein


»Klein, aber mein«

Spruch am Jagdhause von Dreilinden

 

Es war im Novembernebel, daß ich Dreilinden zum ersten Male sah. Aber nun hatten wir Sommer und ich brach auf, diesmal einfach als »Wanderer« und zu Fuß, um das Jagdhaus, das mir bis dahin nur ein Nebelbild gewesen war, auch in hellem Tagesscheine zu sehen. Ich wollte mich von seiner Wirklichkeit überzeugen.

Und ein prächtiger Junitag war es. Erst am Wannsee, dann am Wald hin, aus dem Kuckucksruf und Finkenschlag zu mir herüberscholl, schritt ich »andächtiglich fürbaß«, bis ich, nach kurzem Marsch in heißem Sonnenbrand, in den Wald selber einbog und alsbald eines Giebeldaches unter Zweigen und gleich danach einer dicht an den Weg herantretenden Dulcamarahecke gewahr wurde, deren gelb und violette Blütenpracht, wuchernd fast, aus dem dichten Blattgrün hervorschimmerte. Kein Zweifel, diese Bittersüßhecke war ein Zufall, nichts weiter, und doch mußte ich unwillkürlich eines Ausspruchs des alten Feldmarschalls Derfflinger gedenken, der, in seinen Gusower Zurückgezogenheitstagen, zu sagen liebte: »Habe des Sauren und Süßen viel genossen; aber des Sauren war mehr.« Oft vergessenes Wort (immer wieder in Hoffnung vergessen), aber wer, der auf den Höhen des Lebens wandeln durfte, hätt' es schließlich nicht gesprochen!

Und nun hatte ich die Hecke passiert und stand wieder auf dem Vorplatz, den ich bis dahin immer nur in einem das draußen liegende Dunkel durchflutenden Lichtstrom gesehn hatte. Weshalb ich die Stelle kaum wieder erkannte.

Vom Wald her vorgeschobene Tannen umstanden ein Rondell, an dessen einer Seite das prinzliche Jagdhaus aufragte, während an der andern ein dänischer Runenstein stand, ein »Mitbringsel« aus Jütland her. Das Jagdhaus selbst aber zeigte nichts als Souterrain und Erdgeschoß, und über diesem ein erstes Stockwerk im Schweizerstil, um das herum sich Holzbalkone zogen. An diesen allerlei Sprüche:

 

Freudig trete herein und froh entferne Dich wieder,

Ziehst Du als Wandrer vorbei, segne die Pfade Dir Gott.

 

Andere waren länger, auch kürzer; unter den kürzesten der, den ich diesem Kapitel vorgesetzt habe: »Klein, aber mein.«

In der Tat, Jagdhaus Dreilinden ist klein und wirkt nach Art einer Villa von acht Zimmern; aber es gelang nichtsdestoweniger, mit Hilfe geschickter Raumausnutzung, eine doppelte Zahl von Zimmern und Gelassen herzustellen. Und zwar in folgender Einteilung: im Souterrain die Wirtschaftsräume; darüber, im Erdgeschoß, die Hofmarschall- und Adjutantenzimmer; endlich, im ersten Stock, die Zimmer des Prinzen selbst: ein Vorzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer, ein Eßsaal. Der Rest: kleine Gelasse für die Dienerschaften.

Alle vom Prinzen selbst bewohnten Räume sind ausnahmelos mit Erinnerungsstücken reich geschmückt, so reich, daß sie den Charakter eines historischen Museums annehmen. Einzelnes auch von künstlerischem Wert. Alles in allem aber ist es in drei Gestalten, daß uns der Prinz aus diesen seinen Erinnerungsstücken entgegentritt: erst als Jäger, dann als Soldat und endlich drittens und letztens in seinen intimeren Beziehungen zu Familie, Freunden, Kunst. Und im Einklange hiermit ist denn auch die Reihenfolge, darin ich diese Museumsschätze dem Leser vorzuführen gedenke. Den Jagderinnerungen sollen Kriegserinnerungen, und diesen wiederum Erinnerungen aus dem häuslichen Leben des Prinzen sich anschließen.




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 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 10:00:38 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.11.2007 
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