Der Selbstmord des Buchhändlers Brand


Ein erschütternder Abschiedsbrief

Der Gründer der sozialdemokratischen Volksbuchhandlung in der Gumpendorferstraße Ignaz Brand hat am Samstag durch Sturz in den Traunsee im 72. Lebensjahre Selbstmord begangen. Er hat, wie die »Arbeiter-Zeitung« berichtet, von den Parteigenossen brieflich Abschied genommen. Der rekommandierte Brief, der, wie aus dem Stempel ersichtlich ist, in Gmunden Samstag Nachmittag zur Post gegeben wurde, traf erst Montag mittag in Wien ein. Er ist an den Abgeordneten Skaret, mit dem den Verstorbenen jahrzehntelange Freundschaft verband, gerichtet:

 

Traunkirchen, 11. Mai 1916

 

Lieber Freund und Genosse!

 

Sie werden sich wohl noch erinnern, daß ich schon seit Jahren die Meinung vertreten habe, daß der Mensch nicht älter als siebzig Jahre werden soll, da er darüber hinaus nichts mehr wert ist.

Von diesem Gesichtspunkt aus bin ich im Alter von fünfundsechzig Jahren von meiner geschäftlichen Tätigkeit zurückgetreten, um noch fünf Jahre ein Leben in Ruhe und Frieden zu genießen. Im Oktober 1909 schied ich aus der Volksbuchhandlung und im Oktober 1914 wollte ich Schluß machen. Da kam der Krieg! Kein Mensch wußte, wie sich die Sache entwickeln wird, ob nicht die Übermacht der Feinde die Invasion bis in unsere Gegend tragen würde. Die Besorgnis um das Schicksal meiner Angehörigen hielt mich von der Ausführung meines Vorhabens ab, und so bin ich wohl einer der wenigen, vielleicht der einzige, dem gegen seinen Willen durch den Krieg das Leben verlängert wurde. Nun liegen die Sachen so, daß ich wohl annehmen darf, daß von einem Einbruch der Russen nicht mehr die Rede sein wird, und wenn ich jetzt aus dem Leben scheide, so geschieht es in dem Bewußtsein, einen unnützen Esser aus der Welt zu schaffen!

Ein befreundeter Arzt hat mir gesagt, daß mein körperlicher Zustand darauf hindeute, daß ich ein hohes Alter erreichen würde. Diesem hohen Alter mit allen seinen Beschwerden, die sich schon jetzt fühlbar zu machen beginnen, will ich aus dem Wege gehen, und so bin ich hierher gefahren, um in Ruhe die notwendigen Briefe zu schreiben und mich dann im See, wo er am tiefsten ist, zu begraben. Ich nehme zehn Kilogramm Eisen mit, um sicher zu sein, nicht wieder aufzutauchen.

Genau zur selben Jahreszeit sind wir beide vor Jahren über den See gefahren; wir kamen von Gmunden, fuhren nach Ebensee und gingen von da über Kreh an den Langbathseen vorbei zum Attersee.

Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie alle Parteigenossen von mir und bewahren Sie ein freundliches Andenken Ihrem alten

Ignaz Brand.

 

Wie wäre es, meine Damen, die einst, einst, so vor 25 Jahren noch, durch Schönheit, Lieblichkeit, Gazellenhaftigkeit, heilige Spenderinnen von Lebensglück waren, und damals ihren Platz in der Welt lieblich ausfüllten, an diesem »Helden des Lebens« ein kleines Beispiel sich zu nehmen?! Aber bitte dann auch nicht die eingenähten 10 Kilo Eisen zu vergessen, ja, bitte?!


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