Äneas kommt ins Lager zurück


Jupiter hatte in einer Götterversammlung die Klagen seiner Gemahlin Juno und die Fürbitten seiner Tochter Venus angehört und beschlossen, ohne Einmischung der Himmlischen alles dem Schicksale zu überlassen; so dauerte denn die Belagerung der trojanischen Niederlassung und der Kampf der Rutuler und Trojaner um die Mauern fort.

Inzwischen war Äneas mit seiner Heeresabteilung und der arkadischen Reiterei in der blühenden tuskischen Stadt Agylla angekommen. Diese hatten ihren grausamen König Mezentius vertrieben, und da der Verjagte zu Turnus entflohen war, so lebten die Bewohner der Stadt in tödlicher Feindschaft mit Rutulern und Latinern. Deswegen wurde Äneas von dem jetzigen Beherrscher derselben, dem Könige Tarchon, sobald er ihm Geschlecht und Namen gemeldet und ihm von den Kriegsrüstungen des Turnus und Mezentius erzählt hatte, mit offenen Armen aufgenommen. Der König vereinigte nicht nur die eigene Streitmacht, sondern rief auch alle etrurischen Bundesstädte zur Teilnahme an dem Kampf auf. Es währte nicht lange, so sah sich der Trojaner an der Spitze einer furchtbaren Flotte und segelte, nachdem er arkadische und tuskische Reiter auf dem Landwege vorangeschickt hatte, mit dreißig Schiffen von der etrurischen Meeresküste ab. Wie er nun in der Nacht aus Vorsicht selber am Steuer saß und den Lauf seines Schiffes, dem die andern folgten, regierte, umringte ihn auf einmal ein Chor tanzender Nymphen. Es waren die Schiffe der Trojaner, welche Cybele, um sie von den Brandfackeln des Turnus zu retten, jüngst an der Mündung der Tiber verwandelt hatte. Sie erkannten, belebt und beseelt, ihren Herrn; die beredteste faßte sein Schiff mit der Rechten, ragte mit dem Rücken aus dem Wasser hervor, streichelte besänftigend die Flut mit der Linken und sprach:»Wachst du, Göttersohn? O wache und laß den Wind in die Segel blasen! Wir sind Fichten vom Idagebirge, deine treuen Schiffe, jetzt durch Cybeles Erbarmen dem Brande der Rutuler entzogen und in Meeresgöttinnen umgewandelt. Eile, Freund, dein Sohn Askanius, von Wall und Graben umschlossen, ist von den Rutulern belagert, und der Kampf tobt um seine Mauern. Deine Reiter sind zwar angekommen und stehen nicht ferne vom Lager, aber Turnus weiß es und ist entschlossen, Kriegsvolk zwischen sie und das Lager zu werfen. Auf denn, beflügle deinen Lauf! Wenn der Tag anbricht, wirst du in der Tibermündung sein; dann ergreife den funkelnden Goldschild, den Vulkanus dir gab, und strecke ihn dem Lager deiner Genossen entgegen. Sei getrost, der morgende Tag wird dir Sieg verleihen!«

So sprach sie und gab im Hinuntertauchen dem Hinterverdecke des Schiffes einen Stoß, daß es schneller als Lanzen und Pfeile durch die Wellen fuhr. Als hätten sie Flügel, eilten dem Feldherrnschiff auch die andern Schiffe nach, und mit dem ersten Morgenlicht hatte der Sohn des Anchises sein Lager im Angesicht. Da gedachte er des Befehls der Nymphe; er ergriff seinen flammenden Schild, stellte sich damit aufs Vorderverdeck, hielt ihn mit der Linken hoch in die Lüfte und streckte ihn seinen Freunden entgegen. Wie eine Sonne, die aus den Fluten taucht, schien er den Trojanern, die den Schiffszug vom Walle herab gewahr wurden, entgegen. Sie erhoben ein Jubelgeschrei, und ihre Lanzenwürfe verdoppelten sich. Die Rutuler und ihre Führer begriffen von dieser plötzlichen Begeisterung der Feinde nichts, bis sie auf einmal hinter sich das Meer von Segeln angefüllt und eine Flotte an den Strand laufen sahen. Da leuchtete ihnen wie ein blutroter Komet oder wie der pestdrohende Sirius Äneas im Schmuck seiner Götterwaffen entgegen: seine Helmkuppel strahlte wie ein Brand; Glut entströmte dem Federbusch; die goldene Schildbuckel spie weit und breit Feuerstrahlen aus.

Dennoch verließ den tollkühnen Turnus das Selbstvertrauen nicht; er hoffte, den landenden Feinden den Strand durch Schnelligkeit abzugewinnen und sie vom Ufer zu verdrängen. »Die Stunde ist gekommen«, rief er den Seinen zu, »die ihr so sehnlich herbeigewünscht habt. Jetzt könnt ihr eure Gegner zermalmen; der Kriegsgott selbst hat sie euch in die Hand gelegt. Denkt eurer Weiber und Kinder, setzt den Taten eurer Väter die Krone auf. Solange die Schritte der Ausgestiegenen noch schwanken, solange sie noch straucheln, empfanget sie am Strande! Das Glück begünstigt die Kühnen!«

Indessen wurden die landenden Trojaner und ihre Bundesgenossen aus dem Schiffe des Äneas teils auf Brücken ans Land gesetzt, teils schwangen sie sich mit Hilfe der Ruder an dasselbe oder ließen sich von den rückprallenden Wellen ans Ufer tragen. Der König Tarchon aber, der mit der übrigen Flotte folgte, beschaute sich das Ufer und ersah sich eine Stelle, wo das Meer in der Mündung des Flusses nicht mit gebrochenen Wogen rauschte, nicht aus der Tiefe gärte, sondern sich frei dem flachen Ufersande zuwälzte. Dorthin befahl er plötzlich die Schiffsschnäbel zu drehen und rief seinen Genossen zu: »Jetzt, meine Freunde, rudert frisch drauflos, bohrt euch mit den Kielen eine Furche ins Feindesland; mag das Schiff auch scheitern, wenn es nur den Strand gewonnen hat!« Die Etrusker, wie sie solches hörten, ruderten drauflos und trieben die beschäumten Schiffe vorwärts, bis die Schnäbel das Trockene erreicht und alle Kiele unversehrt im Sande aufsaßen, nur Tarchons eigenes Schiff nicht. Dieses blieb an einer schrägen Sandbank hängen, die sich unter den Fluten hinzog; lange schwankte es und bot den Wellen Trotz. Endlich brach das Getäfel auseinander und schüttete die ganze Ladung seiner Männer mitten in die Flut aus, unter zerbrochene Ruder und umherwogende Balken hinein. Nur mit Mühe rettete sich Tarchon mit den Seinigen ans Land.


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