Odysseus erzählt den Phäaken seine Irrfahrten
(Kikonen. Lotophagen. Zyklopen. Polyphem)


»Ich bin Odysseus, der Sohn des Laërtes; die Menschen kennen mich, und der Ruhm meiner Klugheit ist über die Erde verbreitet. Auf der sonnigen Insel Ithaka wohne ich, in deren Mitte sich das waldige Gebirge Neriton erhebt; ringsumher liegen viele kleinere bewohnte Eilande, Same, Dulichion, Zakynthos. Meine Heimat ist zwar rauh, doch nähret sie frische Männer, und das Vaterland ist einem jeden das Süßeste! Wohlan nun, vernehmet von meiner unglückseligen Heimfahrt aus dem trojanischen Land! Von Ilion weg trug mich der Wind nach der Kikonenstadt Ismaros, die ich mit meinen Genossen eroberte. Die Männer vertilgten wir; die Frauen samt der andern Beute wurden verteilt. Nach meinem Rat hätten wir uns nun eilig davongemacht. Aber meine unbesonnenen Begleiter blieben schwelgend bei der Beute sitzen, und die entflohenen Kikonen, durch ihre landeinwärts wohnenden Brüder verstärkt, überfielen uns beim Schmaus am Gestade. Die Übermacht siegte. Sechs Freunde von jedem unsrer Schiffe blieben auf dem Platz, wir andern entgingen dem Tode nur durch schleunige Flucht.

Also steuerten wir weiter westwärts, froh, der Todesgefahr entronnen zu sein, aber von Herzen traurig über den Tod unserer Genossen. Da sandte Zeus uns einen Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht; mit gesenkten Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel eingezogen hatten, krachten die Stangen zusammen, und die Segeltücher zerrissen in Stücke. Endlich arbeiteten wir uns ans Gestade und lagen dort zwei Tage und Nächte vor Anker, bis wir die Masten wieder aufgerüstet und neue Segel aufgespannt hatten. Wir steuerten nun vorwärts und hatten alle Hoffnung, bald in die Heimat zu gelangen, wäre nicht, eben als wir ums Vorgebirge Malea, an der Südspitze der Pelopsinsel von Griechenland, herumschifften, der Wind plötzlich in Nord umgeschlagen und hätte uns seitwärts in die offene See hineingetrieben. Da wurden wir nun neun Tage vom Sturm herumgeschleudert; am zehnten gelangten wir ans Ufer der Lotophagen, die sich von nichts als Lotosfrucht nähren. Hier stiegen wir ans Gestade und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten wir zwei unserer Freunde auf Kundschaft aus, und ein Herold mußte sie begleiten. Diese gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen und wurden von diesem gutmütigen Volke, dem es nicht in den Sinn kam, etwas zu unserem Verderben zu unternehmen, auf das freundlichste empfangen. Aber die Frucht des Lotos, welche sie ihnen zu kosten gaben, hat eine ganz eigentümliche Wirkung. Sie ist süßer als Honig, und wer von ihr kostet, der will nichts mehr von der Heimkehr wissen, sondern immer in dem Lande bleiben. So mußten wir denn auch unsre Genossen, während sie weinten und widerstrebten, mit Gewalt nach den Schiffen zurückführen.

Auf unsrer weiteren Fahrt kamen wir nun zu dem wildlebenden grausamen Volk der Zyklopen. Diese bauen das Land gar nicht, sondern überlassen alles den Göttern. Auch wächst wirklich dort alle mögliche Nahrung ohne Zutat des Pflanzers und Ackermanns: Weizen, Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben; und Zeus gibt in mildem Regen seinen Segen dazu. Auch halten sie keine Gesetze, treten in keine Ratsversammlung zusammen, sondern alle wohnen auf den felsichten Gebirgshöhen, rings in gewölbten Erdhöhlen; da richtet sich der Zyklop, wie er mag, mit Weibern und Kindern ein; übrigens bekümmert sich keiner um den andern. Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung vom Zyklopenlande, erstreckt sich eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstet, hier sorglos grasen. Kein Mensch wohnt darauf; die Zyklopen selbst, die den Schiffbau nicht verstehen, kommen auch nicht dahin. Bewohner könnten sich die Insel leicht zum blühendsten Lande umschaffen, denn der Boden ist höchst fruchtbar: feuchte, schwellende Wiesen breiten sich über den Strand aus, das unbenützte Ackerfeld ist locker, der Boden fett; die gelegensten Hügel böten sich dem Weinbau dar. Auch ist ein vor allen Winden geschirmter Hafen da, so sicher, daß man die Schiffe weder anzubinden noch vor Anker zu legen braucht. Der Bucht zugekehrt quillt das reinste Wasser perlend aus der Felsenkluft, und grünende Pappeln stehen ringsumher. Dorthin geleitete ein schirmender Gott unsere Schiffe in der dunkeln Nacht. Als der Morgen anbrach, betraten wir das Eiland und erlegten auf fröhlicher Jagd so viele Ziegen, daß ich jedem meiner zwölf Schiffe ihrer neune zuteilen konnte und noch ihrer zehen für mich behielt. Da saßen wir denn am lieblichen Ufer den ganzen Tag und taten uns bis zum späten Abend recht gütlich mit dem frischen Ziegenfleisch und altem Weine, den wir in der Kikonenstadt erbeutet hatten und in Henkelkrügen mit uns führten.

Am andern Morgen wandelte mich die Lust an, das gegenüberliegende Land auszukundschaften, von dessen Bewohnern, den Zyklopen, ich noch nicht wußte, wie sie geartet seien; ich fuhr daher mit vielen Genossen auf meinem Schiffe hinüber. Als wir dort landeten, sahen wir am äußersten Meeresstrand eine hochgewölbte Felsenkluft, ganz mit Lorbeergesträuch überschattet, wo sich viele Schafe und Ziegen zu lagern pflegten; ringsum war von eingerammelten Steinen und hohen Fichten und Eichen ein Gehege erbaut. In dieser Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt, der die Herde einsam auf entfernten Weiden umhertrieb, nie mit andern, auch nicht mit seinesgleichen, umging und immer nur auf boshaften Frevel sann. Das war eben ein Zyklop. Während wir nun das Gestade mit den Augen musterten, wurden wir alles dieses gewahr. Da wählte ich mir zwölf der tapfersten Freunde aus, hieß die übrigen an Bord bleiben und mir das Schiff bewahren und nahm einen Schlauch voll des besten Weines zu mir, den mir ein Priester Apollos in der Kikonenstadt Ismaros geschenkt hatte, weil wir seiner und seines Hauses geschont. Diesen nebst guter Reisekost in einem Korbe trugen wir und gedachten damit den Mann zu kirren, der schon auf den ersten Anblick unbändig und keinem Gesetz unterworfen erschien.

Als wir bei der Felskluft angekommen waren, fanden wir ihn selbst nicht zu Hause, denn er war bei seinen Herden auf der Weide. Wir traten ohne weiteres in die Höhle ein und wunderten uns über die innere Einrichtung. Da standen Körbe, von mächtigen Käselaiben strotzend, umher; in den Ställen die in der Grotte angebracht waren, stand es gedrängt voll von Lämmern und jungen Ziegen, und jede Gattung war besonders eingesperrt. Körbe lagen umher, Kübel voll Molken, Bütten, Eimer zum Melken. Anfangs drangen die Genossen in mich, von dem Käse zu nehmen, soviel wir könnten, und uns davonzumachen, oder Lämmer und Ziegen nach unserem Schiffe hinzutreiben und dann wieder zu unsern Freunden nach der Insel hinüberzusteuern. Hätte ich ihrem Rate doch gefolgt! Aber ich war allzu begierig, den seltsamen Bewohner der Höhle zu schauen, und wollte lieber ein Gastgeschenk erwarten als mit einem Raube von dannen ziehen. Deswegen zündeten wir ein Feuer an und opferten. Dann nahmen wir ein weniges von dem Käse und aßen. Nun warteten wir, bis der Hausherr heimkäme.

Endlich nahte er, auf seinen Riesenschultern eine ungeheure Last trockenen Scheiterholzes tragend, das er gesammelt, um sich sein Abendmahl damit zu kochen. Er warf sie zu Boden, daß es fürchterlich krachte und wir alle vor Angst zusammenfuhren und uns in den äußersten Winkel der Grotte versteckten. Da sahen wir denn, wie er seine fette Herde in die Kluft eintrieb, doch nur die, welche er wollte; Widder und Böcke blieben draußen in dem eingehegten Vorhofe. Nun rollte er ein mächtiges Felsstück vor den Eingang, das zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle hätten schaffen können. Dann setzte er sich gemächlich auf den Boden, melkte der Reihe nach die Schafe und Ziegen, legte die saugenden ans Euter, machte die eine Hälfte der Milch mit Lab gerinnen, formte Käse daraus und stellte sie in Körben zum Trocknen hin; die andere Hälfte verwahrte er in großen Geschirren; denn das war sein täglicher Trunk. Wie er mit allem fertig war, machte er sich ein Feuer an, und nun geschah es, daß er uns in unserem Winkel erblickte.

Auch wir sahen jetzt erst seine gräßliche Riesengestalt genau. Er hatte wie alle Zyklopen nur ein einziges funkelndes Auge in der Stirn, Beine wie tausendjährige Eichenstämme und Arme und Hände groß und stark genug, um mit Granitblöcken Ball zu spielen.

›Wer seid ihr, Fremdlinge?‹ fuhr er uns mit seiner rauhen Stimme, an, die klang wie ein Donner im Gebirge, ›woher kommt ihr über das Meer gefahren? Ist die Seeräuberei euer Geschäft, oder was treibt ihr?‹ Bei dem Gebrüll bebte uns das Herz im Leibe. Doch nahm ich mich zusammen und erwiderte: ›Ach nein; wir sind Griechen, kommen von der Zerstörung Trojas zurück und haben uns während der Heimfahrt auf dem Meere verirrt. So nahen wir deinen Knien und flehen dich um Schutz und eine Gabe an. Ja, scheue die Götter, lieber Mann, und erhöre uns! Denn Zeus beschirmt die Schutzflehenden und rächt ihre Mißhandlung!‹

Aber der Zyklop erwiderte mit gräßlichem Lachen: ›Du bist ein rechter Tor, o Fremdling, und weißt nicht, mit wem du es zu tun hast. Meinst du, wir kümmern uns um die Götter und ihre Rache? Was gilt den Zyklopen Zeus der Donnerer und alle Götter miteinander! Sind wir doch viel vortrefflicher als sie! Will's mein eigen Herz nicht, so schone ich weder dich noch deine Freunde! Aber sage mir jetzt, wo du das Schiff geborgen hast, auf welchem du hergekommen bist. Wo liegt es vor Anker, nah oder ferne?‹ So fragte der Zyklop voll Arglist, ich aber war bald mit einer schlauen Erfindung bei der Hand. ›Mein Schiff, guter Mann‹, antwortete ich, ›hat der Erderschütterer Poseidon nicht weit von eurem Ufer an die Klippen geworfen und zertrümmert; ich allein mit diesen zwölf Gesellen bin entronnen.‹ Auf diese Rede antwortete das Ungeheuer gar nicht, sondern streckte nur seine Riesenhände aus, packte zwei meiner Genossen und schlug sie, wie junge Hunde, zu Boden, daß ihr Blut und Gehirn auf die Erde spritzte. Dann zerhackte er sie Glied für Glied zur Abendkost und fraß sich an ihnen satt, wie ein Löwe in den Bergen. Eingeweide, Fleisch, ja das Mark mitsamt den Knochen verzehrte er. Wir aber streckten die Hände zu Zeus empor und jammerten laut über die Freveltat.

Nachdem sich das Untier seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht, warf er sich der Länge nach in der Höhle zu Boden, und nun besann ich mich, ob ich nicht auf ihn losgehen und ihm das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber in die Seite stoßen sollte. Aber schnell bedachte ich mich eines Bessern. Denn was hätte uns das geholfen? Wer hätte uns den unermeßlichen Stein von der Höhle gewälzt? Wir hätten zuletzt alle des jämmerlichsten Todes sterben müssen. Deswegen ließen wir ihn schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als dieser erschienen und der Zyklop aufgestanden war, zündete er wieder ein Feuer an und fing an zu melken. Als er alles beendigt, packte er wieder zwei meiner Begleiter und verzehrte sie zu unserem Entsetzen, wie das erstemal, zum Frühstück. Dann trieb er die feiste Herde aus der Höhle, nachdem er den Fels abgehoben, ging selbst mit hinaus und pflanzte den Stein wieder davor, wie man den Deckel auf den Köcher setzt. Wir hörten ihn mit gellendem Pfeifen seine Herde in die Berge treiben; wir aber blieben in der Todesangst zurück, und jeder erwartete, daß das nächstemal die Reihe, gefressen zu werden, an ihn kommen werde. Ich selbst bewegte fortwährend Entwürfe der Rache in meinem Herzen, wie ich es angreifen sollte, dem Ungeheuer zu vergelten. Endlich kam mir ein Gedanke, der nicht übel war. Drinnen im Stalle lag die mächtige Keule des Zyklopen aus grünem Olivenholz; er hatte sie sich abgehauen, um sie zu tragen, wenn sie dürre geworden wäre; uns erschien sie an Länge und Dicke dem Mast eines großen Schiffes gleich. Von dieser Keule hieb ich mir einen Pfahl von der Dicke, wie ein Arm ihn umspannen kann, reichte denselben den Freunden und hieß sie ihn glatt schaben, dann schärfte ich ihn oben ganz spitz und brannte ihn in der Flamme hart. Diesen Pfahl verbarg ich mit aller Sorgfalt im Miste, dessen es haufenweise in der Höhle gab. Dann losten meine Genossen, wer es wagen sollte, den Brandpfahl dem Ungeheuer mit mir ins Auge zu drehen, wenn es im Schlummer läge. Das Los traf gerade die vier tapfersten der Freunde, die ich mir selbst ausgewählt hätte, und der fünfte war ich.

Am Abend kam der gräßliche Hirte mit seiner Herde heim. Diesmal ließ er nichts im Vorhof, sondern trieb alles miteinander in die Höhle; vielleicht argwöhnte er etwas oder schickte es auch, wie ihr bald hören werdet, ein Gott zu unsern Gunsten so. Übrigens fügte er, wie bisher, den Stein wieder in die Öffnung, tat alles wie sonst und fraß auch zwei aus unserer Mitte. Inzwischen hatte ich eine hölzerne Kanne mit dem dunkeln Wein aus meinem Schlauche gefüllt, näherte mich dem Ungeheuer und sprach: ›Da nimm, Zyklop, und trink! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein vortrefflich. Du sollst auch erfahren, was für ein köstliches Getränk wir auf unserem Schiffe führten. Ich brachte ihn mit, um ihn dir zu spenden, wenn du Erbarmen mit uns trügest und uns heim ließest. Aber du bist ja ein ganz entsetzlicher Wütrich; wie mag dich künftig ein anderer Mensch besuchen? Nein, du bist nicht billig mit uns verfahren!‹

Der Zyklop nahm die Kanne, ohne ein Wort zu verlieren, und leerte sie mit durstigen Zügen; man sah ihm das Entzücken an, in welches ihn die Süßigkeit und Kraft des Trankes versetzte. Als er fertig war, sprach er zum ersten Male freundlich: ›Fremdling, gib mir noch eins zu trinken; und sage mir auch, wie du heißest, damit ich dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk erfreuen kann. Denn auch wir haben Wein hierzulande, wir Zyklopen. Damit du aber auch erfahrest, wen du vor dir hast, so wisse: Polyphemos ist mein Name.‹ So sprach der Zyklop, und gerne gab ich ihm von neuem zu trinken. Ja, dreimal schenkte ich ihm die Kanne voll, und dreimal leerte er sie in der Dummheit. Als ihm der Wein die Besinnung zu umnebeln anfing, sprach ich schlauerweise: ›Meinen Namen willst du wissen, Zyklop? Ich habe einen seltsamen Namen. Ich heiße der Niemand; alle Welt nennt mich Niemand, Mutter, Vater hießen mich so, und bei allen meinen Freunden bin ich so geheißen.‹ Darauf antwortete der Zyklop: ›Nun sollst du auch dein Gastgeschenk erhalten: den Niemand, den verzehre ich zuletzt nach allen seinen Schiffsgenossen. Bist du mit der Gabe zufrieden, Niemand?‹

Diese letzten Worte lallte der Zyklop nur noch, lehnte sich rückwärts und taumelte bald ganz zu Boden. Mit gekrümmtem feistem Nacken dehnte er sich schnarchend im Rausch, ja Wein und Menschenfleisch brach er in der Trunkenheit aus seinem Schlunde heraus. Jetzt steckte ich schnell den Pfahl in die glimmende Asche, bis er Feuer fing, und als er schon Funken sprühte, zog ich ihn heraus, und mit den vier Freunden, die das Los getroffen hatte, stießen wir ihm die Spitze tief ins Auge hinab, und ich, in die Höhe gerichtet, drehte den Pfahl, wie ein Zimmermann einen Schiffsbalken durchbohrt. Wimpern und Augenbrauen vermengte die Glut bis auf die Wurzeln, daß es prasselte und sein erlöschendes Auge zischte wie heißes Eisen im Wasser. Grauenvoll heulte der Verletzte auf, so laut, daß die Höhle von dem Gebrüll widerhallte; und wir, vor Angst bebend, flüchteten in den äußersten Winkel der Grotte.

Polyphem riß sich indessen den Pfahl aus der Augenhöhle, von dem das Blut triefend herunterrann; er schleuderte ihn weit von sich und tobte wie ein Unsinniger. Dann erhub er ein neues Zetergeschrei und rief seine Stammesbrüder, die Zyklopen, herbei, die im Gebirge umher wohnten. Diese kamen von allen Seiten heran, umstellten die Höhle und wollten wissen, was ihrem Bruder geschehen sei. Er aber brüllte aus der Höhle heraus: ›Niemand, Niemand bringt mich um, ihr Freunde! Niemand tut es mit Arglist!‹ Als die Zyklopen das hörten, sprachen sie: ›Nun, wenn niemand dir etwas zuleide tut, wenn dich keine Seele angreift, was schreiest du denn so? Du bist wohl krank; aber gegen Krankheit haben wir Zyklopen keine Mittel!‹ So schrien sie und eilten wieder davon. Mir aber lachte das Herz im Leibe.

Der blinde Zyklop tappte indessen in seiner Höhle umher, immer noch vor Schmerzen winselnd. Er nahm den Felsstein vom Eingange, setzte sich dann unter die Pforte und tastete mit den Händen herum, um einen jeden von uns zu fangen, der Lust hätte, mit den Schafen zu entwischen; denn er hielt mich für so einfältig, daß ich es auf diese Weise angreifen würde. Ich aber kam inzwischen an tausenderlei Planen herum, bis ich den rechten ausfindig machte. Es standen nämlich gemästete Widder mit dem dichtesten Vliese um uns her, gar groß und stattlich. Die verband ich ganz geheim mit den Ruten des Weidengeflechtes, auf welchem der Zyklop schlief, je drei und drei; und der mittlere trug unter seinem Bauche immer einen von uns Männern, der sich an seiner Wolle festhielt, indessen die beiden andern Widder rechts und links, die heimliche Last beschirmend, einhertrollten. Ich selber wählte den stattlichsten Bock, der hoch über alle andern hervorragte. Ihn faßte ich am Rücken, wälzte mich unter seinen Bauch und hielt die Hände fest in den gekräuselten Wollenflocken gedreht. So unter den Widdern hängend, erwarteten wir mit unterdrückten Seufzern den Morgen. Er kam; und die männliche Herde sprang zuerst hüpfend aus der Höhle auf die Weide. Nur die Weibchen blökten noch mit strotzenden Eutern in den Ställen. Ihr geplagter Herr betastete jedem Widder, der hinausging, sorgfältig den Rücken, ob kein Flüchtling darauf sitze; an den Bauch und meine List dachte er in seiner Dummheit nicht. Nun wandelte auch mein Bock langsam zur Felsenpforte, schwer beladen mit Wolle, noch schwerer mit mir, der ich unter allerlei Gedanken mich dahintragen ließ. Auch ihn streichelte Polyphemos und sprach: ›Gutes Widderchen, was trabst du so langsam hinter der übrigen Herde aus der Höhle heraus? Du leidest ja sonst nicht, daß andere Schafe dir vorangehen; du bist sonst immer der erste bei den Wiesenblumen und am Bach und abends der allererste wieder im Stalle. Betrübt dich das ausgebrannte Auge deines Herrn? Ja, hättest du Gedanken und Sprache wie ich, gewiß, du sagtest mir, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt: dann sollte mir sein Gehirn von der Höhlenwand spritzen und mein Herz wieder froh werden vom Leide, das der Niemand über mich gebracht!‹

So sprach der Zyklop und ließ den Widder auch hinausgehen. Und nun waren wir alle draußen. Sowie wir ein wenig von der Felskluft entfernt waren, machte ich mich zuerst von meinem Bocke los und löste dann auch meine Freunde ab. Wir waren unsrer leider nur noch sieben, umarmten uns mit herzlicher Freude und jammerten um die Verlorenen. Doch winkte ich ihnen, daß keiner laut weinen, sondern daß sie mit den geraubten Widdern sich schnell nach unsern Schiffen mit mir aufmachen sollten. Erst als wir wieder auf unsern Ruderbänken saßen und durch die Wogen dahinschifften, auf einen Heroldsruf vom Ufer entfernt, schrie ich dem am Uferhügel mit seiner Herde bergwärts hinanklimmenden Zyklopen meine Spottrede zu: ›Nun, Zyklop, du hast doch keines schlechten Mannes Begleiter in deiner Höhle gefressen! Endlich sind dir deine Freveltaten vergolten worden, und die Strafe des Zeus und der Götter hast du empfunden!‹

Als der Wüterich dieses hörte, wurde sein Grimm noch viel größer. Er riß einen ganzen Felsblock aus dem Gebirge heraus und warf ihn nach unserem Schiffe. Auch hatte er so gut gezielt, daß er das Ende unseres Steuerruders nur um ein weniges verfehlte. Aber von dem niederstürzenden Blocke schwoll die Flut an, und die rückwärtswallende Brandung riß unser Schiff wieder ans Gestade zurück. Mit aller Gewalt mußten wir die Ruder anstrengen, um dem Ungeheuer aufs neue zu entfliehen und vorwärtszukommen. Nun fing ich abermals an zu rufen, obgleich mich die Freunde, die einen zweiten Wurf befürchteten, mit Gewalt abhalten wollten. ›Höre, Zyklop‹, schrie ich, ›wenn dich je einmal ein Menschenkind fragt, wer dir dein Auge geblendet, so sollst du eine bessere Antwort geben, als du sie deinen Zyklopen erteilt hast! Sag ihm nur: der Zerstörer Trojas, Odysseus, hat mich geblendet, der Sohn des Laërtes, der auf der Insel Ithaka wohnt!‹ So rief ich. Heulend schrie der Zyklop herüber: ›Wehe mir! So hat sich denn die alte Weissagung an mir erfüllt! Denn einst befand sich unter uns ein Wahrsager mit Namen Telemos, des Eurymos Sohn, welcher hier im Lande der Zyklopen alt geworden ist. Dieser hat mir gewahrsagt, daß ich dereinst durch Odysseus das Gesicht verlieren sollte. Da meinte ich dann immer, es sollte ein stattlicher Kerl daherkommen, so groß und stark, wie ich selber bin, und sollte sich mit mir im Kampfe messen. Und nun ist dieser Wicht gekommen, dieser Weichling, hat mich mit Weine berückt und mir im Rausch das Auge geblendet! Aber komm doch wieder, Odysseus! Diesmal will ich dich als Gast bewirten, will dir vom Meeresgott sicheres Geleit erflehen, denn wisse, ich bin der Sohn Poseidons. Auch kann nur er und kein anderer mich heilen!‹ Jetzt aber fing er an, zu seinem Vater Poseidon zu beten, daß er mir die Heimkehr nicht vergönnen solle. ›Und kehrt er jemals zurück‹, endete er, ›so sei es wenigstens so spät, so unglücklich, so verlassen als möglich, auf einem fremden Schiffe, nicht auf dem eigenen; und zu Hause treffe er nichts als Elend an!‹

So betete er, und ich glaube, der finstere Gott hat ihn gehört. Auch ergriff er einen zweiten, noch viel größeren Felsblock und schleuderte ihn uns nach. Auch diesmal verfehlte er uns nur um ein weniges. Doch widerstanden wir dem Gegenstoße der Flut und ruderten getrost vorwärts. Bald waren wir auch wieder bei der Insel angekommen, wo die übrigen Schiffe geborgen in der Bucht lagen und die Freunde, schon lange traurig am Strande gelagert, uns erwarteten. Sie empfingen uns, als wir anlandeten, mit einem lauten Freudenrufe. Als wir ans Land gestiegen, war unser erstes Geschäft, die Herde des Zyklopen, die wir geraubt hatten, unter unsere Freunde zu verteilen. Den Widder jedoch, unter dessen Bauche ich entflohen war, schenkten mir meine Genossen im voraus von der Beute. Denselben brachte ich sogleich dem Zeus zum Opfer dar und verbrannte ihm die Schenkel des Tieres. Der Gott verschmähte jedoch das Opfer und ließ sich von uns nicht versöhnen. Sein Beschluß war, daß unsere Schiffe alle und außer mir auch alle meine Freunde untergehen sollten.

Doch davon hatten wir keine Ahnung. Wir saßen vielmehr den ganzen Tag, bis die Sonne ins Meer sank, vergnügt beieinander, schmausten und tranken, als wären wir aller Sorgen ledig. Dann legten wir uns am Strand zum Schlummer nieder und schliefen beim Wogenschlage ein. Sobald jedoch der Himmel sich wieder rötete, saßen wir auch schon alle auf unsern Schiffen und ruderten weiter, der Heimat entgegen.«


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