XII. Attis und Cybele


Venus und Amor.

 

VENUS. Mein Sohn Amor, sieh einmal, was du für Händel anstellst! Ich spreche nicht von dem, was du die Menschen auf der Erde gegen sich selbst und gegen andere zu begehen verleitest, sondern bloß von dem, was im Himmel vorgeht, wo du Jupitern zu allem machst, was dir einfällt, Lunen auf die Erde herabziehest und schuld bist, daß der Sonnengott sich so oft bei Klymenen verspätet und seinen Lauf anzutreten vergißt. An mir, deiner leiblichen Mutter, glaubst du dich vollends gar nicht versündigen zu können. Aber daß du, kleiner Tollkopf, sogar die gute Rhea, die schon eine alte Frau und so vieler Götter Mutter ist, dahin gebracht hast, sich mit solcher Wut in diesen phrygischen Knaben zu verlieben, das ist zu arg. Denn sie ist ja ordentlich rasend, spannt Löwen vor ihren Wagen, schwärmt mit ihren Korybanten, die sie ebenso rasend gemacht hat als sie selbst ist, auf dem ganzen Ida herum und heult um ihren Attis; und von ihren Korybanten schneidet sich der eine Löcher in die Arme, ein anderer läuft mit fliegenden Haaren im Gebürge herum, ein dritter bläst in ein Horn, noch ein andrer schlägt auf eine Trommel oder macht ein Getöse mit zusammengeschlagenen Blechen; kurz, der ganze Ida ist in Aufruhr und fanatischer Wut. Bei solchen Umständen befürchte ich – denn was muß die Unglückliche, die dich zum Unheil der Welt geboren hat, nicht immer befürchten? –, daß Rhea, in einem Anfall von Raserei, oder sollte ich nicht vielmehr sagen, wenn sie noch soviel Besonnenheit hat, ihren Korybanten befehlen könnte, dich zu greifen und in Stücken zu zerreißen oder ihren Löwen vorzuwerfen. Wahrlich, davor bist du keinen Augenblick sicher!

AMOR. Beruhige dich, liebe Mutter, die Löwen werden mir nichts tun; wir sind schon ganz gute Freunde; sie lassen mich willig auf ihren Rücken steigen und sich am Zügel von mir führen, wohin ich will: sie liebkosen mir sogar und lecken mir die Hand, wenn ich sie ihnen in den Rachen stecke, ohne Schaden. Was aber die alte Rhea betrifft, wo sollte sie die Zeit hernehmen, sich um mich zu bekümmern, da sie so ganz in ihrem Attis lebt? – Im übrigen, wenn ich euch auf das Schöne aufmerksam mache, was tu ich daran so Unrechtes? Laßt ihr euch davon hinreißen, so ist das eure Sache; was gebt ihr mir die Schuld? Oder möchtest du etwa, Mutter, von deiner Liebe zum Kriegsgott geheilt sein oder ihn von seiner Leidenschaft für dich geheilt sehen?

VENUS. Du bist ein abscheulicher Junge, es ist gar kein Auskommen mit dir. Es kommt aber gewiß noch eine Zeit, wo du an meine Warnungen denken wirst.


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