VI. Ixion


Juno und Jupiter.

 

JUNO. Dieser Ixion, dem du einen so freien Zutritt bei uns verstattest, Jupiter, was meinst du wohl, was er für ein Mann ist?

JUPITER. Ein sehr hübscher Mann, liebe Juno, und ein angenehmer Tischgesellschafter. Würde ich ihn wohl zu meiner Tafel ziehen, wenn er dessen unwürdig wäre?

JUNO. Er ist aber dessen unwürdig und kann nicht länger bei uns geduldet werden.

JUPITER. Was hat er denn Ungebührliches getan?

JUNO. Was er getan hat? Es ist so arg, daß ich es vor Scham nicht sagen kann.

JUPITER. Um so weniger darfst du mir's verschweigen, wenn er was Schändliches begangen hat. Hat er einer unsrer Göttinnen etwas zugemutet? Denn ich merke aus deinem Zögern, daß es so was dergleichen sein wird.

JUNO. Mir selbst und keiner andern, Jupiter, und dies schon eine geraume Zeit her. Anfangs konnte ich lange nicht begreifen, warum er mich immer so starr und unverwandt ansah; mitunter seufzte er auch und hatte die Augen voll Wasser. Wenn ich dem Ganymed den Becher einzuschenken gab, bat er ihn heimlich, ihm aus demselben Becher zu trinken zu geben, und wenn er ihn bekam, küßte er ihn und drückte ihn an die Augen und blinzelte dabei immer nach mir. Nun fing ich an zu merken, daß er mir seine Liebe dadurch zu verstehen geben wolle: aber die Scham hielt mich zurück, dir etwas davon zu sagen, und ich hoffte auch, der Mensch würde von seinem Unsinn endlich ablassen. Aber da er sich nun gar unterstanden hat, mir mündliche Liebeserklärungen zu tun, hab ich ihn auf dem Boden, wo er weinend vor mir hinfiel, liegen lassen, mir die Ohren zugehalten, um die beleidigenden Bitten nicht zu hören, die er zu meinen Füßen vorbrachte, und bin hieher gekommen, es dir anzuzeigen. Siehe nun selbst, was für eine Rache du an dem Menschen nehmen willst.

JUPITER. Ei, der verruchte Kerl! Was? Mich selbst anzutasten und auf der empfindlichsten Seite! Ist's möglich, daß ihn der Nektar bis auf diesen Grad trunken machen konnte? – Aber freilich sind wir selbst schuld daran und treiben die Menschenliebe offenbar zu weit, da wir sie mit uns essen und trinken lassen. Wahrlich, es ist ihnen zu verzeihen, wenn sie bei einem Wein wie der unsrige und über dem Anschauen himmlischer Schönheiten, dergleichen ihnen auf der Erde nie vorgekommen sind, vor Liebe den Verstand verlieren und ihrer zu genießen begehren. Denn Amor ist ein gewalttätiger Tyrann, der nicht nur über die Menschen, sondern zuweilen über uns Götter selbst den Meister spielt.

JUNO. Von dir ist er in der Tat unumschränkter Herr, zieht dich bei der Nase, wie man zu sagen pflegt, ohne den geringsten Widerstand, wohin er will, und verwandelt dich in jede beliebige Gestalt; kurz, du bist, im eigentlichsten Verstande, Amors Eigentum und Spielzeug. Auch weiß ich sehr gut, warum du dem Ixion jetzt so leicht verzeihen kannst. Du erinnerst dich ohne Zweifel, daß du noch in seiner Schuld bist und daß sein vermeinter Sohn Pirithous eine Frucht deiner ehemaligen Vertraulichkeit mit seiner Gemahlin ist.

JUPITER lachend. Erinnerst du dich der kleinen Kurzweile noch, die ich mir ehemals auf der Erde da unten machte? – Aber soll ich dir sagen, was wir mit dem Ixion machen wollen? Ihn zu strafen und von unsrer Tafel wegzujagen, wäre in der Tat zu hart, da der arme Kerl die Liebe im Leibe hat und, wie du selbst sagst, so erbärmlich daran leidet, daß er die hellen Tränen weint.

JUNO. Und was also? – Du wirst doch nicht fähig sein, deiner eigenen Gemahlin einen beleidigenden Antrag zu tun?

JUPITER. Warum nicht gar! Ich will eine Wolke nehmen und eine Art von lebendigem Bilde daraus machen, das dir so gleichsehen soll, als ob du es selbst wärest; und wenn wir von Tische aufstehen, will ich, während er sich schlaflos (wie einem unglücklichen Liebhaber geziemet) auf seinem Lager herumwälzt, das Wolkengebilde neben ihn legen. Das wird ihm, ohne Nachteil deiner Tugend, von seinen Liebesschmerzen helfen, und was kannst du mehr verlangen?

JUNO. Ein schöner Einfall! So sollte er also anstatt der Strafe, die seine übermütige Leidenschaft verdient, noch dafür belohnt werden?

JUPITER. Laß doch! Was kann es dir denn schaden, wenn sich Ixion mit einer Wolke ergötzt?

JUNO. Aber er wird doch die Wolke für mich halten, und so wird es ebensoviel sein, als ob er mich selbst entehrt hätte!

JUPITER. Das sind Spitzfündigkeiten! Die Wolke wird nie zur Juno und du nie zur Wolke werden: bloß Ixion wird getäuscht, das ist die ganze Sache.

JUNO. Gleichwohl, wie die Menschen undelikate Geschöpfe sind, ist er im Stande, wenn er wieder auf die Erde kommt, sich groß damit zu machen und allen Leuten zu erzählen, er habe bei der Juno geschlafen und Jupiters Bette geteilt: ja, er wird sogar kein Bedenken tragen zu sagen, daß ich ihn liebe, und die Leute werden's ihm glauben, weil sie nicht wissen können, daß es nur eine Wolke gewesen ist.

JUPITER. Das wäre ein anderes! Wenn er sich unterstünde, so was zu sagen, so soll es ihm nicht ungenossen hingehen! Dann will ich ihn in den Tartarus hinunter werfen und ihn auf ein Rad binden lassen, und der arme Teufel soll ewig auf dem Rade herumgetrieben werden und mit dieser unaufhörlichen Qual für seine verwegene Liebe büßen!

JUNO. Wenigstens würde es für eine solche Prahlerei nicht zu viel sein!


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 13:12:09 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.10.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright