Der König und die Kattes


Der König hatte für den Sohn nur die Strenge des Gesetzes gehabt; anders für den Vater. Das Füllhorn seiner Gnade war über ihm. Er wußte wohl, was er dem Herzen und Namen desselben an Schmerz und Kränkung angetan hatte, und alle seine Bemühungen – Bemühungen, die sich zeitweilig in die Form von Zartheiten kleideten – gingen zehn Jahre lang unausgesetzt dahin, das Geschehene vergessen zu machen oder wenigstens nach Kräften auszugleichen. Freilich nur mit halbem Erfolg. Der alte Katte nahm alle diese Gnadenbezeugungen hin und dankte dafür und küßte seines gnädigen Königs Hand; aber die Freude des Daseins war aus seinem Leben gewichen, und eine Reihe von Briefen, die durchzusehen mir gestattet war, gibt in rührender Weise Zeugnis davon.

Aus der Reihe dieser Briefe will ich in nachstehendem zwei mitteilen, die noch unter dem ersten Eindruck geschrieben, seitens des Generalleutnants an seinen Bruder den Kammerpräsidenten von Katte zu Magdeburg gerichtet wurden. Der erste dieser Briefe an die Gemahlin des Kammerpräsidenten lautet:

 

»Hochwohlgeborne Frau, Sehr wertheste Frau Schwester! Die betrübten Umstände, darin ich nach Gottes heiligem, unbegreiflichem Willen gesetzet worden bin, sind wohl mit keiner Feder zu beschreiben, und wenn ich nicht auf Gott sähe, so müßte ich vergehen.

Meine liebe Frau Schwester, consideriren Sie mein Elend. Ist es möglich, es auszustehen! Anfänglich wußte ich nicht, wo ich war. Keine Thräne ist aus meinen Augen gekommen... Bei meiner Frau war Doktor, Priester und Feldscheer. Bedenken Sie das Elend in meinem Hause. Wäre nicht die Herzogin und Prinzessin gekommen, meine Frau wäre uns unter den Händen geblieben. Gott vergelte es ihnen.

Ich möchte vor Trauer vergehen, wenn ich an meinen Sohn denke. Mein Sohn hat es vergeben; ich muß es auch thun. Man hat dem Könige die Sache größer gemacht; ihr Ende ist noch nicht da. Mein Sohn stehet vor dem gerechten Richter, und tröstet mich sein schönes Ende. Aber Morgens und Abends quälet mich sein Tod. Des Königs gnädige Briefe können ihn mir nicht wiedergeben.

Mein Sohn hat dem Major von Schack (der mit commandirt gewesen) in seine Schreibtafel seinen letzten Willen diktiret. Unter anderem soll der Kriegsrath Katt seine güldene Tabatière und einen Schimmel mit dem rothen Sattel haben... Ich will so viel als möglich in allem seinen letzten Willen erfüllen. Es ist seine letzte Bitte gewesen: ich wolle doch ja seine Schulden bezahlen, damit niemand über ihn seufze. Da dies nun aus einer noblen Seele kommt, werde ich nach Möglichkeit alles thun.

Meine liebe Frau Schwester, haben Sie doch Mitleid mit mir. Ich möchte vergehen, wenn ich an meinen Sohn gedenke. Gott hat mir gar zu schweres Kreuz auferlegt. Mein Gott, wie ist mir zu Muthe. Der arme Wurm hat kaum vier Tage Zeit gehabt, sich zu praepariren; aber der barmherzige Gott hat Wunder an ihm erwiesen. Der sei gepreyset! Aber welche harte Wege führt mich mein Gott. Engels-Frau Schwester, grüßen Sie meinen Bruder und schicken Sie mir cito die Namen aller derer, so man es notificiren muß. Ich kenne unsre Freundschaft nicht... Ich bin meine Engels-Frau Schwester anitzo in Thränen ihr getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg. 23. Nov. 1730. Nachschrift. Lassen Sie sich doch von Herrn von Platen den Abschiedsbrief zeigen, den das arme Wurm unterwegs im Wirthshause auf Zettelpapier geschrieben hat.«

 

Der Brief, von dem der alte Generalleutnant hier spricht, ist der, den Katte am 3. November auf seiner Fahrt nach Küstrin im ersten Nachtquartier niederschrieb und den ich an betreffender Stelle mitgeteilt habe. Dem hier Vorstehenden nach scheint es fast, daß der Vater am 23. November das Abschiedsschreiben noch nicht in Händen hatte, wohl aber durch andere briefliche Mitteilungen aus Berlin von seiner Existenz unterrichtet war.

Der zweite Brief – wie der erste mit Trauerrand – ist vier Wochen später an den Kammerpräsidenten selbst gerichtet.

 

»Hochwohlgeborener Herr, Werthester Herr Bruder! Ich bin Euch unendlich obligiret für Euer herzlich bezeigtes Mitleiden. Ja mein lieber Bruder, Trost ist mir bey diesen betrübten Umständen höchst nöthig; und obwohl der barmherzige Gott mir viel Gnade gethan und bei meinem schweren Kreuz so viel Tröstliches gegeben hat, so will doch die natürliche Liebe sich noch nicht brechen, kann sich auch so bald nicht geben!

Ich weiß nicht, wie Gott mir alles solchergestalt zuführet, daß es mir zum Trost und soulagement dienen muß.

1. Mein lieber Bruder, ist es nicht tröstlich dieses schöne und exempelwürdige Ende?

2. Ist es nicht tröstlich, daß die Execution in Cüstrin hat geschehen müssen, um allen Leuten begreiflich zu machen, warum er ein sacrifice?!

3. Ebenso daß das Kriegsgericht ihm nicht das Leben abgesprochen, sondern des Königs Machtspruch.

4. Daß mein Sohn so généralement von aller Welt beklaget und bedauert wird. (Es ist étonnant, was man hier für ihn thut. Die Menschen sprechen nur von ihm. Sein Portrait haben hier zwei Leute, eines davon der Maler, wo er zeichnen lernte. Dies Bildniß wird oft abgeholet, um copirt zu werden. Der Maler hat noch einige Studienblätter, auf denen der Name meines Sohnes steht. Sie kaufen alles weg, und zahlen, was er haben will. In den größten Häusern wird er bedauert, als ob ihnen ein Verwandter gestorben wäre.)

Der Kronprinz soll so wehmütig Abschied von ihm genommen haben.

Endlich schreibt mir der König so viel gnädige Briefe und bittet mich recht, mich zufrieden zu geben. Aber, mein lieber Bruder, hart ist es für einen Vater, sein Kind auf solche Art zu verlieren. Der König hat mir eine information aus den Acten schicken lassen. Anfänglich habe ich sie nicht lesen wollen, aber nun möchte ich um nichts in der Welt, daß ich diese information nicht hätte. Mein Herz möchte manchen Morgen vor Thränen vergehen, wenn ich an meinen lieben Sohn gedenke. Manche Zeit geht es, aber dann kommt wieder ein Stoß, so daß ich mich nicht fassen kann. Und doch, mein lieber Bruder, lasset uns den barmherzigen Gott und seine Zornruthe in Demuth küssen... Gott wird uns nicht verlassen. Was wir nicht erleben, wird er unsere Kinder genießen lassen. Mein Sohn hat mich einige Stunden vor seinem Ableben gebeten, unseren Albrecht nach Halle zu schicken und im Pädagogio in Gottesfurcht erziehen zu lassen. Er hätte Freylinghausen's ›Theologia‹ viermal durchgehöret; die thäte ihm an seinem Ende wohl. Ich möchte mich nicht so sehr betrüben über seinen Abschied. Er versicherte mir, daß er gewiß selig werde und hat dem Prediger zum Zeugniß seines Glaubens die Hand gegeben. Nun, mein lieber Bruder, lebet wohl... Ich bin Euer getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg, den 19. Dezbr. 1730. Nachschrift: Schreibet mir doch, ob Ihr meines Sohnes Brief an den König, an den Feldmarschall (von Wartensleben) und an mich habet. Auch die Königl. Reprimande an das Kriegsgericht und seine eigene Sentenz.«




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 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 19:43:15 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.10.2007 
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