Kattes letzter Tag in Berlin


Katte war all die Zeit über in seinem Arrestlokal auf der Wache des Regiments Gensdarmes verblieben. Endlich, am 2. November, ward er nach dem »Neuen Markt« auf die daselbst befindliche Auditoriatsstube gebracht, wo jene fünfzehn Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet hatten, bereits versammelt waren, um ihm durch den Vorsitzenden, Achaz von der Schulenburg, erst das ihrerseits gefällte Urteil, danach aber die verschärfte, auf Tod lautende Sentenz des Königs mitzuteilen. Katte bewahrte gute Haltung. »Ich bin«, sagte er, »völlig in die Fügungen der Vorsehung und den Willen des Königs ergeben. Ich habe keine schlechte Handlung verübt und wenn ich sterbe, so ist es um einer guten Sache willen.«

Gleich darnach ward er vom Neuen Markt aus in sein Arrestzimmer zurückgeführt, das noch durch viele Jahre hin, bis zu seinem Abbruch, in einer seiner Fensterscheiben eine Reminiszenz an diesen seinen so berühmt gewordenen Gefangenen aufbewahrte. Es war dies ein Vers, den er während der langen Untersuchungshaft mit dem Stein seines Ringes in Glas gekritzelt hatte. Der Vers lautete:

 

Mit der Zeit (geduldbeflissen)

Wird uns auch ein gut Gewissen.

Wenn du fragst, wer dies geschrieben hier,

Wird der Name Katt es sagen dir.

Hoffnung läßt Zufriedenheit nicht missen.

 

Darunter standen die Worte: »Derjenige, den die Neugier treiben wird, diese Schrift zu lesen, wird erfahren, daß der Schreiber auf Befehl Seiner Majestät den 16. August des Jahres 1730 in Arrest gekommen ist, nicht ohne Hoffnung, die Freiheit wieder zu erhalten, obgleich die Art, wie er bewacht wird, ihn etwas Unglückseliges ahnen läßt.«

Bald nach seiner Rückkehr bat er um Tinte und Feder. Als ihm beides gebracht war, schrieb er an den König: ein Bekenntnis seiner Schuld und zugleich ein Gnadengesuch. Der Brief lautete:

»Nicht mich zu rechtfertigen, nicht meine bisherige Aufführung zu entschuldigen, noch durch viele Rechtsgründe meine Unschuld zu bezeugen, nein, sondern die wahre Reue und Leid Ew. Königl. Maj. beleidigt zu haben, verpflichten mich in aller Unterthänigkeit, mich Denenselben zu Füßen zu legen. Meiner Jugend Irrthum, Schwachheit, Unbedachtsamkeit, mein nichts Böses meynender Sinn, mein durch Liebe und Mitleid eingenommenes Herz, ein eitler Wahn der Jugend, der keine verborgene Tücke im Schilde geführt, sind es, mein König! die dehmüthigst um Gnade Erbarmen, Mitleiden, Barmherzigkeit und Erhörung bitten und flehen! Gott als der König und Herr aller Herren, läßt Gnade vor Recht ergehen, und bringet durch Erbarmen und Gnade den auf irrigem Wege gehenden Sünder und Missethäter wiederum zu seiner Pflicht: Also, mein König! Sie, als ein Gott auf Erden, lassen mir doch dieselbe Gnade, als einem gegen Ew. Königl. Maj. mißhandelnden Sünder und Missethäter zufließen. Die Hoffnung der Wiedererholung schonet noch des verdorreten Baums, und erhält ihn vor der Gluth des Feuers. Warum soll denn mein Baum, der schon wiederum neue Sprossen neuer Treue und Unterthänigkeit zeiget, nicht Gnade vor Ew. Königl. Maj. finden? Warum soll er sich schon in seiner Blüthe neigen, und nicht noch vorher Ew. Königl. Maj. Gnade und Barmherzigkeit für unverfälschte Treue und Gehorsam erwirken? Ich habe gefehlet, mein König! ich erkenne es mit treuem Herzen, also verzeihen Sie es dem redlichen Gesteher, und gewähren mir, was auch Gott dem größten Sünder nicht versaget. Manasse vermehrte ja, so gottlos er war, die Zahl seiner Fürsten; Saul konnte nicht so sehr in Ungehorsam verfallen, und David nach Unrecht dürsten, als aufrichtig hernach ihre Bekehrung war. So viele Tropfen Blut in meinen Adern fließen, so viele sollen es Zeuge seyn, der neuen Treue und Gehorsams, die Dero Gnade und Huld würket; Gottes Gnade und Liebe lässet mich auch seiner Gnade hoffen; so verzweifle denn auch nicht, der darum flehet und bittet, als Ew. Majestät ungehorsam gewesener, nunmehr aber durch Reu und Leid zu seiner Pflicht getriebener Vasall und Unterthan.

Katt.«

 

So der Brief an den König.

Gleichzeitig schrieb er an seinen Großvater mütterlicherseits, den Generalfeldmarschall von Wartensleben. In diesem Briefe bezieht er sich auf sein eben an den König gerichtetes Gnadengesuch und schreibt wörtlich: »Ihm (Gott) ist nichts unmöglich, es sind ihm noch Mittel genug bekannt, um zu helfen; denn er kann das Herz des Königs noch regieren und lenken, daß er sich so zur Gnade wiederum kehrt, als er sich zur Schärfe bezeiget. Ist es sein Wille nicht, so sei er auch dafür gelobet; denn er kann es nicht anders, als gut mit uns meynen; darum gebe mich in Geduld und erwarte, was Dero und anderer Vorsprache bei Ihro Majestät für Würkung thun werden«.

Aber alle »Vorsprache« war umsonst, das Gnadengesuch selbst blieb unbeantwortet, und am 3. November früh erschien Maior von Schack von den Gensdarmes mit einem starken Kommando selbigen Regiments vor dem Wachtlokal, um den Delinquenten nach Küstrin zu schaffen, wo derselbe »vor den Augen des Kronprinzen« enthauptet werden sollte.

Von Schack war tief erschüttert. »Ich habe Befehl von Sr. Majestät«, so wandte er sich an Katte, »bei Ihrer Hinrichtung zugegen zu sein. Zweimal habe ich mich geweigert, aber ich habe zu gehorchen, Gott weiß es, was es mich kostet. Gebe der Himmel, daß das Herz des Königs sich noch wenden und ich in letzter Stunde noch die Freude haben möchte, Ihnen Ihre Begnadigung anzukündigen.«

»Sie sind zu gütig«, antwortete Katte, »aber ich bin mit meinem Schicksal zufrieden. Ich sterbe für einen Herrn, den ich liebe, und habe den Trost, ihm durch meinen Tod den stärksten Beweis der Anhänglichkeit zu geben.«

Und danach bestieg er den Wagen, der vor dem Wachtlokale hielt, und der Zug setzte sich, durch das Landsberger Tor hin, auf Küstrin zu in Bewegung.




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 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 00:01:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 24.10.2007 
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