3. Die Turmknopf-Urkunde


Das Niederschreiben einer für den Turmknopf bestimmten Urkunde,88) deren Vor- und Nachwort ich am Schluß des vorigen Kapitels bereits mitteilte, war es, was Alexander Gentz, nach vorläufigem Abschluß seiner Gentzroder Bautätigkeit, einen Winter lang beschäftigte. Wie mir nicht zweifelhaft ist, zu seiner besonderen Befriedigung. Und eine solche Befriedigung zu fühlen, dazu war er nicht nur aus menschlicher Schwachheit (er wollte den Ruppinern etwas anhängen), sondern auch ästhetisch und künstlerisch angesehen, vollkommen berechtigt. Ja, was er da niedergeschrieben hat, zum Teil in einem brillanten Stil, ist durchaus eine literarische Tat, und das bekannte, für die fachmäßige Schriftstellerwelt freilich nicht allzu schmeichelhafte Wort: »ein Schriftsteller kann jeder sein, der was zu sagen hat«, empfängt aus diesen Alexander Gentzschen Aufzeichnungen eine Bestätigung. Eine literarische Tat, so sagte ich. Aber damit ist die Sache noch keineswegs erschöpft, der eigentliche Wert dieser Urkunde liegt in ihrer lokalhistorischen Bedeutung. Es wird darin ein kleines märkisches Städtebild aus der Mitte des Jahrhunderts gegeben, ein Bild, wie's bis dahin nicht da war und auch auf lange hin mutmaßlich nicht wiederkommen wird. Eingelebtsein in alle Verhältnisse, scharfe Beobachtung und große Klugheit, vereinigten sich hier mit angeborner schriftstellerischer Begabung und ließen ein Werk entstehen, das nun für alle die, die dermaleinst märkische Kulturhistorie schreiben wollen, und ebenso für die märkische Novellistik der Zukunft unschätzbar erscheint. Ein Mikrokosmus, wie er nicht schöner gedacht werden kann.

Der ursprüngliche Zweck der Urkunde, »wie Gentzrode ward und wuchs«, wird nie ganz aus dem Auge verloren, aber wie sein eignes vorzitiertes Schlußwort es auch ausspricht, überall finden wir Exkurse, denen sich Porträtierungen gesellen, eine ganze Galerie von kleinstädtischen Charakterköpfen.

Und nun geb ich dem Verfasser selber das Wort, nur hier und da, beßren Verständnisses halber, eine kurze Bemerkung einfügend.

»... Ich war nun also Mitglied des Magistrats-Collegiums und damit scheint mir der Zeitpunkt da, mich über diese Körperschaft oder doch wenigstens die Hervorragendsten darin auszusprechen. Eh' ich aber den Einzelnen mich zuwende, muß ich noch meiner Einführung als solcher gedenken. Ich meinerseits war im Frack erschienen und unterwarf mich eben der herkömmlichen Begrüßungsanrede von Seiten des Bürgermeisters, als ein älteres Mitglied den Sprechenden ohne Weiteres unterbrach, um ihn darauf aufmerksam zu machen« daß zwei Collegen ohne Frack erschienen seien, was gegen die Etiquette verstoße und zuvörderst gerügt werden müsse‹. Nun erst, nach erteilter Reprimande, konnte der Sprecher in seiner Anrede fortfahren.

Wie sich denken läßt, war das Collegium, dem ich von da ab angehörte, von sehr verschiedener Zusammensetzung. Da waren zunächst der Rathszimmermeister Söhnel, Kürschnermeister Emden und Buchbindermeister Siecke, – gute, treffliche, wohlwollende Herren, der letztere, vielleicht weil er die Kirchenverwaltung hatte, etwas zu zaghaft. Dann war da der Partikulier Loof, eng überhaupt, am engsten aber in Geldsachen, zumal wenn es seinen eignen Beutel anging, in welchem Fall er sich, wo nützlich, noch conservativer erwies, als in der Politik. Ein Fünfter war Möbelfabrikant König. Er genoß des Vorzugs, die beste Rathsherrnfigur zu haben. Auch Kaufmann und Gutsbesitzer Windaus hätte gelten können, wenn er etwas besser auf dem Posten gewesen wäre. Windaus hatte das Einquartierungswesen, kam aber Mobilmachung oder dergleichen, so zog er sich auf sein Gut Herzberg zurück und überließ das Nöthige seinen Deputirten. Partikulier Menzel (ehemaliger Apotheker), der mit der Abschätzung zu thun hatte, war erheblich anfechtbarer. Man wußte nie, was eigentlich seine Meinung war und wäre die Grafschaft Ruppin noch katholisch gewesen, so hätte man glauben müssen, er sei in einem Jesuitenkloster erzogen. Posthalter Höpfner ersetzte, was er an Tüchtigkeit nicht besaß oder wenigstens nicht zeigen wollte, durch ausdrucksvolle Rede, die, je länger sie dauerte, desto schöner wurde. Vor allem bemerkenswerth indeß war der stellvertretende Bürgermeister und Auskultator a. D. Mollius, Sohn des im vorigen Jahrhundert in der Ruppiner Geschichte vielgenannten Rathsherrn Mollius. Vor diesem Auskultator a. D., wenn man ihm in der Dämmerung begegnete, konnte man sich fürchten, denn zu eingezogenem Kreuz und durchbohrendem Blick trug er das Gesicht bis an die Nasenspitze derartig in ein dickes Halstuch gewickelt, daß man ihn für Robespierre halten konnte. Bei näherer Bekanntschaft wurde man freilich gewahr, daß dies anscheinende Revolutions- und Schreckgespenst, trotz seiner sechzig Jahre, von sehr kümmerlicher Konstitution war und zu nicht viel mehr als einem zarten Knaben zusammenschrumpfte. So war Mollius. Das Lumen des ganzen Collegiums aber und zugleich die Geißel desselben war Mühlenbesitzer und Partikulier Gustav Schultz, den mein Vater immer nur ›Gustav von Gottes Gnaden‹ nannte. Sein Verstand und seine praktische Befähigung waren gut, aber er hütete sich auch, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, und wer dies Licht dennoch nicht sehen wollte, der war sein Feind. Das Oberhaupt dieser rathsherrlichen Körperschaft war Bürgermeister v. Schultz, früher Offizier in dem in Ruppin garnisonirenden Infanterie-Regiment.

So war der Magistrat. Neben diesem aber gab es auch freiere, natürlich in beständiger Fehde mit- und untereinander lebende Gemeinschaften, die Capulets und Montecchi's von Ruppin, von denen jene die Gruppe der Haus-, diese die Gruppe der Ackerbesitzer bildeten. Unter den Capulets der Hausbesitzer (nur dieser einen Gruppe sei hier in Kürze gedacht) ragten zwei hervor: zunächst der Sattlermeister Rosenhagen, ein Greis von über achtzig, der aus verschiedenen Gründen als ein Orakel galt. 1789 war er in Paris gewesen und hatte den Bastillensturm miterlebt, weshalb er – wohl mit sehr fraglichem Recht – der ›Bastillenstürmer‹ hieß. Es paßte dazu, daß seine beiden Söhne sich in Frankreich niedergelassen hatten; er selber trug sich französisch, in der Tracht des vorigen Jahrhunderts. – Neben ihm, auch aus der Gruppe der Hausbesitzer, und von ähnlicher Bedeutung wie Rosenhagen, wenn auch nicht voll so wichtig, stand Schmiedemeister Krausnick, der sich auf den Philosophen hin ausspielte. Von ihm hieß es, daß er die sämmtlichen Bände des Allgemeinen Landrechts besessen habe, was auf seine Mitbürger derartig wirkte, daß seine juristische Befähigung außer Zweifel war.

Hausbesitzer und Ackerbesitzer waren zwei große Körperschaften außerhalb des Rahmens der eigentlichen Stadtregierung, während eine mit der Stadtforstverwaltung betraute Bürgergruppe, deren nebenherlaufende Zugehörigkeit zu der einen oder andern der großen Körperschaften unerörtert bleiben mag, schon mehr innerhalb des Regierungsrahmens stand. Es waren ihrer zwölf. Vorsitzender war der schon als Magistratsmitglied genannte Kürschnermeister Emden, ein ordentlicher, einsichtsvoller Mann, dem Drechslermeister Krengemann als ›Sachverständiger‹ beigegeben war. Der wußte von Wald und Forst zu reden, daß es eine Freude war, und wenn Gott für den ausgestreuten Kiefernsamen rechtzeitig Regen und Sonnenschein schickte, so bewies sich unser ›Sachverständiger‹ auch als Sachverständiger commeil-faut. Blieb aber der liebe Gott aus, ja, wo blieben da Krengemann und seine Fichten! Neben Krengemann lagen dem Schuhmacher Lehmann die vorzunehmenden ›Culturarbeiten‹ ob und er unterzog sich dieser Aufgabe mit einer fast ans Krengemannsche grenzenden Wald- und Forst-Weisheit. Von ähnlicher Bedeutung oder auch von größerer – weil er das Amt eines Kassen-Rendanten verwaltete – war Schlosser Grunow, ein wohlhabender, kinderloser Mann, bei dem die 800 Thaler, die nach stattgehabter Holz-Auktion den jedesmaligen Höhepunkt der Kasse bildeten, wenigstens schloßsicher lagen. Im übrigen war sein Kopf so zäh wie das Eisen, das er schmiedete. Vieler Ehren war er theilhaftig und als er auch noch Schützenmajor wurde, trug er einen Schnurrbart. Fünfter im Kreise war Kürschnermeister Michaelis, ein Mann von frommem Gemüth, dem, weil er richtig schreiben konnte, die Protokollführung und die höheren Arbeiten zufielen. Nicht auf gleicher Höhe stand Schneidermeister Werner. Er war, wie Sattlermeister Rosenhagen, ›der Bastillenstürmer‹ bis Paris gekommen und von dort her als ›Tailleur für die höheren Stände‹ zurückgekehrt. Er hielt zu dem Satze, ›daß der Rath immer mehr sei als die That‹, weshalb er denn auch einem Maurer, der einen hohen Dampfschornstein von innen her aufmauerte, den Rath gab, ›lieber ein Gerüst anzulegen, der Schornstein würde sonst krumm‹. Da Werner einen Puckel hatte, so fiel die Antwort drastisch genug aus. Lohgerber Gienboldt (der siebente) wählte von 1848 an immer demokratisch, ohne sich um ›untergeordnete Fragen‹ zu kümmern, und Schuhmacher Eberhardt tat dasselbe, vorausgesetzt, daß er gerade nüchtern genug war, um beim Wahlakt erscheinen zu können. Seiler Heyer und Sattler Schommer waren freundliche Leute, was man vom Böttcher Kisten auch sagen konnte, wenn er nicht gerade seinen groben Tag hatte. Über den zwölften und letzten schweigt des Sängers Höflichkeit. Zu vielen dieser Männer, namentlich aus der Gruppe der in Einzelgestalten von mir nicht skizzierten Acker-Besitzer trat ich, beim Ankauf der Kahlenberge, in geschäftliche Beziehungen und kann nicht sagen, daß dieselben erfreulicher Art gewesen wären. Ich will einen gewissen Kern von kleiner bürgerlicher Tüchtigkeit, der in der Mehrzahl dieser Männer steckte, gern anerkennen, auch zugeben, daß etliche, wie Söhnel und Emden, die Ebells, Haacks und Hagens von mehr oder weniger vorzüglichem Charakter waren, die meisten aber waren nicht bloß kleine, sondern meist auch kleinliche Leute, denen der Sinn der Anerkennung für ihnen geleistete Dienste jederzeit fehlte; prosaisch, eng, argwöhnisch, ohne Pietät und Dankbarkeit. Den Obersten von Wulffen, dem sie die herrlichen, immer schöner werdenden Anlagen vor dem Rheinsberger Thore verdanken, ärgerten sie zur Stadt hinaus und so machten sie's mit jedem, der ihnen Gutes that und die Stadt und die Grafschaft unter Dransetzung von Kraft und Vermögen zu fördern suchte.« »Was wird mein Loos sein?« setzt Alexander Gentz ahnungsvoll hinzu.

 

*

 

So das für den Turmknopf bestimmte Manuskript, in dem Alexander Gentz beflissen war, ein Zeit- und Sittenbild seiner Stadt, aber zugleich auch der ganzen Grafschaft zu geben. Von den angesehensten Familien adligen und bürgerlichen Standes, von den Kohlbachs, Scherz, Jacob, von Quast und von Knesebeck wird, meist kurz, in mehr anerkennenden als tadelnden Bemerkungen gesprochen, ausführlich aber wendet er sich einem zu: dem alten Grafen Zieten auf Wustrau. Was ihn zu dieser auf Vorliebe deutenden ausführlichen Behandlung bestimmte, läßt sich mit Sicherheit nicht sagen und hatte wohl in Verschiedenem seine Veranlassung, unter andern auch darin, daß er in seinem künstlerischen Sinn erkannte: Dieser alte Graf ist ein besonders glücklicher Stoff für die literarische Behandlung. Und darin hat er sich nicht geirrt. Das Bild, das er vom alten Grafen Zieten gibt, von seinem Leben und Sterben, ist das Glanzstück in seinem Manuskript, aus dem ich nun wieder zitiere.

 

Der alte Graf Zieten auf Wustrau

 

»... Der alte Graf Zieten auf Wustrau war der Sohn des berühmten General von Zieten und ein größerer Abstand als der zwischen seinem gefeierten und beinah ehrwürdigen Namen und seiner persönlichen Erscheinung war nicht denkbar. Friedrich der Große hatte ihn 1765 über die Taufe gehalten und davon blieb ihm Zeitlebens ein hohes Selbstgefühl, auch das Gefühl, sich was erlauben zu dürfen. Als Anfang der 30er Jahre Prinz Wilhelm (der spätere Kaiser) zur Inspection nach Ruppin kam, war natürlich auch Landrath von Zieten zur Begrüßung da, neben ihm ein Wustrauer Bauer, der beim Erscheinen des Prinzen den Gruß vergaß oder vielleicht auch nicht grüßen wollte. Zieten schlug ihm sofort die Mütze vom Kopf. Schon als Täufling empfing er das Fähnrichspatent und war später ein übermüthiger Lieutnant, enthielt sich aber aller heldischen Thaten, die an seinen Vater hätten erinnern können.

Eins ist ihm unbedingt zu lassen: er war, von Übernahme des Guts an, ein guter Landwirth und ein noch besserer Financier. Man darf vielleicht sagen, ein zu guter‹. Als er das Gut übernahm, standen Schulden darauf, die den alten Zieten, den Vater, während seiner letzten Lebensjahre stark gedrückt hatten. Der Sohn wußte sehr bald Wandel zu schaffen, die Schulden wurden abgezahlt und das Gut erhob sich zum Range eines Mustergutes, dessen Werth mit jedem Jahre stieg, und, wie schon hier bemerkt sein mag, beim Tode des alten Grafen (1854) den zehnfachen Werth haben mochte, wie siebzig Jahre früher bei Übernahme des Gutes. Seine, des alten Grafen, besondere Liebe war der Park und durch das, was er hier that (auch das Barocke mit eingeschlossen), hat er sich in hohem Maße den Dank der Ruppiner, der Stadt wie der Grafschaft verdient. Ganz der Sohn einer in der Oberschicht der Gesellschaft das Christenthum mehr oder weniger verspottenden Zeit, gab er diesem spöttischen Zuge, der ihn sein ganzes Lebelang beherrschte, beständigen Ausdruck und beging Dinge, die man heutzutage mit Achselzucken begleiten oder doch mindestens als Geschmacklosigkeiten bezeichnen würde. Damals freute man sich daran und hatte, weil es als ›Esprit‹ galt, sogar Respekt davor. An die Thür einer Art Kapelle war ein Todtenkopf und an die Bretterwand eines benachbarten Pavillons ein Christuskopf gemalt, zwischen Kapellchen und Pavillon aber lag ein Kirchhof mit Kreuzen und Gedächtnißtafeln und allerhand Inschriften darauf. All das war aber bloß Ornament, Park- und Garten-Ausschmückung, um auf die Besucher eine bestimmte sentimentale Wirkung auszuüben, denn unter den Kreuzen lag nichts oder – Schlimmeres als nichts. Ein ›falscher Kirchhof‹ also, was übrigens niemanden verdroß oder in seinem religiösen Gefühl verletzte. Man nahm das alles nicht ernst und der Philister, der bewundernd oder schmunzelnd an diese Gräber herantrat, war gerade so spottsüchtig und ungläubig, wie der Landrath v. Zieten selbst. Dieser wußte das auch und kannte nichts Lieberes und Schöneres – und dies war eine wirklich erquickliche Seite an ihm, die mit vielem aussöhnen konnte – als seinen Wustrauer Park mit seinen prächtigen alten Bäumen, seinen Lagerplätzen und seinen zur Fahrt auf den See bereitliegenden Booten und Gondeln von seinen lieben Ruppinern besucht zu sehen. Ich mache mich keiner Übertreibung schuldig, wenn ich sage, daß zu Zeiten bis zu fünfzig Familien in dem Park anzutreffen waren. Denn es gab nichts in der Nähe, was mit Wustrau wetteifern konnte. Sogar Fremde kamen. Und je mehr ihrer kamen, desto glänzender war des Alten Laune. Er erschien dann plötzlich, vom Schloß her, in blauem Rock und hellblauen Pantalons, einen Stern auf der Brust, und verlangte nichts als einen Gruß, den er mit großer Freundlichkeit erwiderte. Niemand fuhr besser dabei, als sein Gärtner, der den Namen Geduldig führte, und dem er eine Art Schankgerechtigkeit, nämlich das Recht einer Milch- und Kaffeewirtschaft verliehen hatte. Besonders Liebespaare liebten Wustrau sehr und viele Verlobungen sind in den verschwiegenen Gängen am See hin geschlossen worden.

Er galt für geizig und fast darf man sagen, seine Thaten auf diesem Gebiet übertrafen noch seinen Ruf. Es wäre lohnend, hier Details zu geben, aber das Beste davon entzieht sich der Möglichkeit der Mittheilung und nur das eine, vergleichsweise Harmlose, mag hier eine Stelle finden, daß er, bei kleinen Diners, die gelegentlich stattfanden, persönlich mithalf und mit einer im Laufe der Zeit gewonnenen Übung aus ein paar Heringen ein paar Dutzend Sardellen herauszuschneiden wußte. Wahrscheinlich erfunden, aber erfundene Geschichten derart sind gerade so gut wie die wirklichen; zwischen den echten und unechten Friedericianischen Anekdoten ist kein Unterschied.

Bis in sein hohes Alter hinauf war er Landrath. Er hatte den Kreis gut verwaltet und viele Chausseen angelegt. Unter andrem half er auch dadurch, daß er bei Hofe, wo er namentlich bei Friedrich Wilhelm IV. als »Original« sehr angesehen war, allerlei durchzusetzen wußte, was einem Manne von gleichgültigerem Namen muthmaßlich nicht geglückt wäre. Mit eben diesem Ansehen bei Hofe hing es auch zusammen, daß er, schon 1840 gegraft, 1851, unter ganz besonders auszeichnenden Förmlichkeiten, zur Enthüllungsfeier des Friedrichdenkmals nach Berlin geladen wurde. Hochbeglückt durch diese Gunstbezeugung kam er nach Wustrau zurück. Aber dieselben letzten Lebensjahre, die so viel Auszeichnendes für ihn brachten, brachten ihm auch Kränkungen aller Art, Ärgernisse, die um so ärgerlicher waren, als sie von Personen seiner nächsten Umgebung ausgingen. An der Spitze dieser plötzlich auf dem Plan erschienenen Feinde stand sein ehemaliger Sekretär C. A. Frost, der, so lang er noch in gräflichen Diensten war, nie mehr als 120 Thaler Gehalt bezogen und jedes beim Grafen eingereichte Gesuch um Gehaltsverbesserung abschlägig beantwortet gesehen hatte. Hinsichtlich der Charaktere war eine gewisse Verwandtschaft zwischen Herr und Diener und was dem Letzteren bei Beginn seiner Laufbahn an Verschlagenheit gefehlt haben mochte, das wußt' er bald einzubringen. Von Natur klüger als sein Herr und mit einem entschiedenen Talent für bureaukratische Schreibereien ausgerüstet, wußt' er sich bald derartig zur Seele der landräthlichen Verwaltung zu machen, daß er nicht ganz unrecht hatte, die seinem Herrn reichlich zufallenden Anerkennungen sich gut zu schreiben. Aber noch war die Zeit nicht da, dies Conto zu begleichen. Diese Zeit kam erst, als die Verhältnisse ihn zwangen, sich nach aufbessernden Mitteln zur Durchbringung seiner immer zahlreicher werdenden Familie umzusehen. Die Gelegenheit zu dieser Aufbesserung war bald gefunden, und zwar sonderbarerweise (wenn auch nur mittelbar) durch den alten Landrath selbst. Dieser, dem finanziellen Zuge der damaligen, in die 40er Jahre fallenden ersten Gründerperiode folgend, fing an, große Strecken seines ›Wustrauer Luchs‹ an Torf-Ausbeutungsgesellschaften zu verkaufen und in eine dieser Gesellschaften trat Frost selbst ein, mit Genehmigung seines Herrn, der auf die Weise hoffen mochte, den ewigen Gesuchen um Gehaltsverbesserung ein für allemal enthoben zu werden. Ja, der sonst so Geizige ging weiter, und schoß seinem Sekretär aus freien Stücken 1000 Thaler vor, um demselben Gelegenheit zu geben, mit Hülfe dieser Einzahlung, als ›Aktionär‹ in die Torf-Exploitirungs-Gesellschaft eintreten zu können. Zieten gratulirte sich zu einem Meistercoup. Aber es kam anders, als er erwartet hatte, total anders. Sekretär Frost, der sich, bei seiner genauen Kenntniß aller einschlägigen Verhältnisse, sehr bald den Torf- Aktionären unentbehrlich zu machen wußte, stieg ebenso rasch an Ansehen, Macht und Vermögen und benutzte nunmehr seine finanziell glänzend gewordene Stellung, um im Interesse der ›Gesellschaft‹, der er jetzt zugehörte, Forderungen zu stellen. Als der alte Landrath auf diese Forderungen nicht eingehen wollte, dagegen von den ihm vorgestreckten ›1000 Thalern‹ sprach, warf ihm der über Nacht mächtig Gewordene die ganze Summe vor die Füße und suchte den Widerstand, den der Alte nach wie vor seinen Plänen entgegensetzte, dadurch zu brechen, daß er mit einem Briefe drohte, den er an den König Friedrich Wilhelm IV. schreiben wolle. Schließlich schrieb er diesen Brief auch wirklich und entwarf darin ein Charakterbild des Alten, der Zeit seines Lebens nichts als eine Mischung von Engherzigkeit, Habsucht und Unfähigkeit gewesen sei, stets nur verstanden habe, andere für sich arbeiten zu lassen und sich mit fremden Federn zu schmücken. Was in den letzten Jahrzehnten im Kreise geschehen sei, sei durch die landräthlichen Sekretäre geschehen, speciell durch ihn und sein Aushalten im Dienst, was nichts Leichtes gewesen sei, denn seine Vorgänger hätten sich, bei der Unerträglichkeit des ihnen auferlegten Lebens, das Leben genommen. So Frosts Eingabe. Sehr geschadet kann sie dem von ihm Verklagten aber nicht haben, denn es brachen gerade jetzt die vorerwähnten Zeiten an, die dem Alten Auszeichnungen über Auszeichnungen brachten. Indessen so wenig unempfindlich der Alte gegen solche königlichen Gnaden war, ging die heimische Fehde doch nicht spurlos an ihm vorüber, und es würde sich von einer Verkürzung seines Lebens durch eben dieselbe sprechen lassen, wenn er nicht trotz alledem sein Leben bis auf neunundachtzig Jahre gebracht hätte. Am 29. Juni 1854 starb er nach längerem Krankenlager.«

Etwa eine Woche später war das Begräbnis und mit einer Gentzschen Schilderung desselben möchte ich diese Graf-Zieten-Skizze schließen.

»An Betheiligung war kein Mangel, ja es waren mehr Personen zugegen, als eigentlich Anspruch darauf hatten. Zunächst fehlte kein Edelmann und Rittergutsbesitzer aus dem ganzen Ruppiner Kreise; das war selbstverständlich. Aber auch das Bürgerthum, das ›Volk‹, machte sich auf den Weg und die nach Wustrau führende große Straße war schon in aller Frühe von schwarzgekleideten Trauergästen belebt. Wer keinen Wagen hatte, ging zu Fuß, und so sah ich Ruppiner Damen aus den oberen Ständen, die nur zur Befriedigung ihrer Neugier die kleine Fußreise (fünfviertel Meilen) machten. Endlich erschien auch die Ruppiner Schützengilde mit Epauletts und Tressen und goldgesticktem Kragen. Jeder sah aus wie ein Major. Überhaupt war, wenn ich von den angeschimmelten Kaschmirhosen einiger Landstandsmitglieder absehe, kein Mangel an glänzenden Uniformen, besonders an Husaren-Uniformen, unter denen eine von alterthümlichem Schnitt (wahrscheinlich aus der Zeit unmittelbar vor 1806) am meisten Bewunderung fand. Es war ein alter weißköpfiger von Bredow, der sie trug.

Alles versammelte sich zunächst vor dem Schloß und hatte, bei der besonders starken Hitze, die herrschte, durchaus kein Verlangen, in das Schloß hinein und in die Nähe des Todten zu kommen. Aber endlich war es nicht länger hinauszuschieben und da standen wir nun – auch die ›Honoratioren‹ hatten Zutritt – am Sarge, zu dessen Häupten die von Tassaerts Meisterhand herrührende Porträtbüste seines Vaters, des alten berühmten Zieten, aufragte. Daneben stand der Prediger und hob seinen Sermon an und wer nicht wußte, daß es der Sohn sei, der hätte glauben müssen, es sei der Vater. Der Sohn aber, wenn er hätte sprechen können, hätte mit seiner scharfen Stimme gerufen: ›Du lügst‹, denn wie schwach es mit des alten Grafen Tugenden auch stehen mochte, von einer Sünde war er frei, von der der Heuchelei. Ganz ein Kind des vorigen Jahrhunderts, in dessen Aufklärungsjahrzehnte seine Jugend fiel, war er voll Haß gegen die Kirche und voll Spott gegen ihre Diener. Das Letzte der ganzen Scene war ein Akt des Heroismus: Die Wustrauer Bauern nämlich, ohne sich mit der vom Mittelalter überkommenen Citrone bewehrt zu haben, traten heran, luden den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn bis zu der Begräbnißstätte, die der Alte sich sorglich vorher bereitet hatte.

Gesang und Gebet. Dann aber war alles beflissen – denn jeder sehnte sich nach Imbiß und Stärkung – vom Kirchhofe wieder nach dem Schlosse zurückzukehren, indessen mit den Portraits der ehemaligen Offiziere des Zietenschen Husarenregiments geschmückten großen Saal man mittlerweile Tische gestellt und die Tafel gedeckt hatte, gedeckt mit einem Gefühl für Repräsentation, ja mit einer Opulenz, die diese Räume seit länger als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen hatten. Diese Opulenz entsprach denn auch der Bravour-Angriff auf die Flaschen-Batterie, der einige der Jüngeren, bei der eminenten und fortgesetzten Energie des Angriffs, zu erliegen drohten.

Und jetzt war es denn auch, daß von draußen her der Ruf in den Saal drang, ›wir haben auch Hunger‹, – ein immer lauter werdender Schrei, der von den vielen Hunderten ausging, die nicht eigentlich zu den Geladenen zählten, inzwischen aber auf dem Rasenplatz vor dem Schloß und besonders auf der Rampe desselben Aufstellung genommen hatten. Es wurden aufrichtig gemeinte Versuche gemacht, das von außen her um Brot schreiende Volk zu befriedigen, aber die besten Anstrengungen erlahmten an der Menge derer, die forderten, und so kam es denn, daß, eh es möglich war, es zu hindern (auch fehlte wohl, weil man kein Ärgernis geben wollte, der Wille dazu) die draußen versammelte Menge von der Rampe her in das Schloß einbrach und durch einen feinen Instinkt, vielleicht auch durch die Lokalkenntniß eines Einzelnen geleitet, ihren Weg in den über Erwarten leidlich ausgestatteten Weinkeller nahm. Nun war dieser Keller sicherlich nicht die Stätte nennenswerter Chateau-Weine, das lange Lagern indeß, zu dem die wirthschaftlichen Normen des Alten die reichste Gelegenheit geboten hatten, hatte zur Aufbesserung wenigstens das Möglichste gethan und immerhin etwas Trinkbares hergestellt. Was nicht an Ort und Stelle ausgetrunken wurde, nahm man in Park und Garten mit hinauf und als die letzte Flasche leer war, begann ein Singen und ein allgemeines Verlangen nach den Dorfmusikanten, die glücklicherweise nicht kamen und den Begräbnißtag des letzten Wustrauer Zieten davor bewahrten, in einem bal champêtre sein Ende zu finden. Endlich erschienen aus der Stadt herbeigerufene Polizei-Sergeanten und räumten den Park, denselben Park, den der Alte (die beste That seines Lebens) mit so viel Liebenswürdigkeit durch zwei Menschenalter hin zur Verfügung des Ruppiner Volkes gestellt hatte. Mit Kraftliedern und Zechgelagen war ihm heute der ›Dank des Volkes‹ dafür abgestattet worden.«

 

*

 

So der Teil des Alexander Gentzschen Manuskripts, der sich mit den Personen und Zuständen einer um mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Epoche beschäftigt.

Alle die genannt wurden, sind längst vom Schauplatz abgetreten, vielfach auch schon wieder ihre Kinder. Trotzdem wird es nicht ausbleiben, daß sich einzelne durch gegen den Vater oder Großvater gerichtete Spöttereien unangenehm berührt fühlen. Auch das über den alten Grafen Zieten Gesagte wird einer Beanstandung in einzelnen Gesellschaftskreisen nicht entgehn. Allen aber möchte ich aus einer langen literarischen Erfahrung zurufen dürfen: wer solche Quellen aus Familienrücksichten absperren will, der steht nicht bloß der historischen Forschung (zu deren vorzüglichsten Objekten auch das Studium des Kleinlebens gehört), sondern vor allem auch sich selbst und den Seinen im Lichte. Das protestantische Volk verlangt keine Heiligen, eher das Gegenteil; es verlangt Menschen,89) und alle seine Lieblingsfiguren: Friedrich Wilhelm I., der große König, Seydlitz, Blücher, York, Wrangel, Prinz Friedrich Karl, Bismarck sind nach einer bestimmten Seite hin, und oft nach mehr als einer Seite hin, sehr angreifbar gewesen. Der Hinweis auf ihre schwachen Punkte hat aber noch keinem von ihnen geschadet. Gestalten wie Moltke bilden ganz und gar die Ausnahme, weshalb auch die Moltkebegeisterung vorwiegend eine Moltkebewunderung ist und mehr aus dem Kopf als aus dem Herzen stammt.

 

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88) Ob das ursprüngliche, von Alexander Gentz selbst herrührende Manuskript wirklich in den Turmknopf hineingelegt worden ist, weiß ich nicht. Was mir für diese meine Arbeit vorgelegen hat, war eine beglaubigte Abschrift.

89) Wir lieben nur das Individuelle«, schreibt der in allem rechtbehaltende Goethe. »Daher (so fährt er fort) unsere große Freude an Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anekdoten abgeschiedener, selbst unbedeutender Menschen.« Und er hätte hinzusetzen können, auch solcher »of a quaestionable shape«.




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 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 14:55:16 •
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