Am Molchow- und Zermützelsee


Abgeschieden, rings geschlossen,

Wenig kümmerliche Föhren,

Trübe flüsternde Genossen,

Die hier keinen Vogel hören.

Lenau


»An jeder Stelle gleichen Reiz

Erschließt dir die Ruppiner Schweiz«

 

aber doch mit der einen Einschränkung, daß wir uns in der Helvetia propria dieser Gegenden halten und es vermeiden, von dem westlichen Ufer des Rhin auf das östliche hinüberzutreten. Tun wir diesen verhängnisvollen Schritt dennoch, so sind wir aus unserer eigentlichen Schweiz heraus und wandeln nur noch an ihrer Peripherie hin. Mit anderen Worten: das östliche Rhinufer hat keinen anderen Reiz mehr als den, welchen es seinem Gegenüber, dem westlichen Ufer entnimmt.

 

Aber Ausnahmen auch hier, und unter diesen Ausnahmen in erster Reihe das alte Dorf Molchow, das wir, über eine Schmalung des gleichnamigen Sees hinweg, in diesem Augenblick erreichen. Eingesponnen in Gärten und Laub liegt es da, die Studentenblume blüht, der Kürbis hängt am Gezweig, und der Hahn begrüßt uns vom Zaun her und kräht in den lachenden Morgen hinein. Alles hell und licht, im rechten Gegensatze zu Molchow, das mit seinem finster anklingenden Namen an alle Schrecken des Schillerschen Tauchers mahnt.

Alles hell und licht, ausgenommen ein rondellartiger Grasplatz inmitten des Dorfes. Auf ihm wird begraben, mehr in Unkraut als in Blumen hinein, und aus der Mitte dieses Platzes wächst ein Turm auf, unheimlich und grotesk, als habe ihn ein Schilderhaus mit einer alten Windmühle gezeugt. Von beiden etwas. Und unheimlich wie der Turm, so auch die alte Glocke, die in ihm hängt. Ave Maria, gratia plena steht an dem oberen Rande, die Glocke selbst aber ist geborsten und ihre Inschrift war ihr kein Talisman. Zweihundert Jahre, da fanden sie die Molchower auf einer halb heidegewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt. Es war die Glocke von Eggersdorf, eines Dorfes, das im Dreißigjährigen Kriege, wie hundert andere, wüst geworden war und es seitdem auch geblieben ist. Die Molchower aber erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm. Eine Leiter führt hinauf, die glücklicherweise von denen, die dort oben regelmäßig wohnen, entbehrt werden kann, denn es sind nur Dohlen an dieser Stelle zu Haus. Immer, wenn die geborstene Glocke gezogen wird, fliegen sie scharenweis auf, und einzelne von ihnen – wenn es wahr ist, was man sich von Raben und Krähen erzählt – mögen die Glocke noch von ihren Eggersdorfer Tagen her kennen und nun Betrachtungen anstellen zwischen damals und heut.

Über Molchow hinaus (aber wie dieses am Ostufer des Rhins und seiner Seenkette) liegt auch Zermützel.

Ihm fahren wir jetzt zu. Bevor wir es indes erreichen, streifen wir erst noch die »Stendenitz«, ein altes Waldrevier, das noch unter Kurfürst George Wilhelm ohne menschliche Wohnungen und nur der Schauplatz großer Wildschweinsjagden war. Als aber unter dem Großen Könige die Parole »nur Menschen« aufkam und die Verwirklichung dieses Grundsatzes eine Masseneinwanderung schuf, die vielleicht selbst die Kolonisationszeit unter Albrecht dem Bären in den Schatten stellte, beschloß man maßgebenden Orts auch auf eben dieser »Stendenitz« vier Büdner anzusetzen oder mit anderen Worten eines jener Kolonistenetablissements ins Leben zu rufen, wie sie damals zu hunderten aus der Erde sprossen.

Die Kärglichkeit unserer märkischen Scholle kann nicht leicht irgendwo besser studiert werden, als an dieser Stelle. Hundert Jahr Arbeit sind gewesen wie ein Tag, und eine Ziege, ein Kirschbaum und ein Streifen Roggenland, über das der alte Beherrscher dieser Gegenden, der Strandhafer, immer wieder Lust zeigt, als Sieger herzufallen, diese drei sind nach wie vor der einzige Reichtum dieser Ansiedelung. Und wenn noch ein Zweifel daran wäre, so würde ihn die Begräbnisstätte lösen, die zu diesem Etablissement Stendenitz gehört.

Da wo die Bäume hart an den See treten, ist ein quadratisches Eckstück aus dem Walde herausgeschnitten und von vier tiefen Furchen umzogen worden. Auf diesem Eck- und Waldstück wird nun begraben, und umherstehende Krüppelkiefern tun ihren Zypressen- und Trauertannendienst. In hundert Jahren stirbt sich was zusammen, auch da, wo die Lebendigen nur vier Büdnerfamilien sind, und so drängen sich denn die Gräber hier, eingefallene Hügel, von denen die meisten schon wieder zu bloßen Moosplätzen mit ein paar verspätet blühenden Erdbeeren geworden sind. Nur zwei Grabtafeln ragen auf, schräg gedrückt vom Westwind, und nicht ohne Müh' entziffern wir das folgende:

»Hier ruht in Gott der Schneidergesell Andreas Laudon, Kanonier von der 3. Garde-Compani der Attolerie-Bregade, gest. 3. April 1836.« Und ihm zur Seite der Namen eines siebzehnjährigen Mädchens, und darunter:

 

Vielgeliebte, weinet nicht,

Seht mir nach und lebt in Segen,

Gott ist euer Trost und Licht –

Ich habe mich zur Ruh geleget.

 

Wohl auf manchem Begräbnisplatze habe ich gestanden, aber auf keinem, der mich tiefer erschüttert hätte. Welche Mischung von groteskem Humor und erschütternder Poesie. Schneidergeselle Laudon, Kanonier, und daneben:

 

Gott ist euer Trost und Licht.

Ich habe mich zur Ruh geleget.

 

Zur Ruhe hier!

Die Bahre, die diesem Begräbnisplatz dient, hing an dem abgebrochenen Ast einer alten Kiefer, und Baum und Bahre waren gleichmäßig mit Flechten überdeckt; dazu gurgelte das Wasser im Röhricht und über uns in den Kronen ging der Wind.

Alles Klage.

Nur zwischen den Bäumen leuchtete das ewige Blau.




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 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 13:25:34 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.10.2007 
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