Siebente Szene

Glosters Schloß.

Es treten auf Cornwall, Regan, Goneril, Edmund und Bediente.


CORNWALL. Eilt sogleich zu Mylord, Eurem Gemahl: zeigt ihm diesen Brief: die französische Armee ist gelandet. Geht, sucht den Schurken Gloster!

 

Einige Bediente gehn ab.

 

REGAN. Hängt ihn ohne weiteres!

GONERIL. Reißt ihm die Augen aus!

CORNWALL. Überlaßt ihn meinem Unwillen! Edmund, leistet Ihr unsrer Schwester Gesellschaft; die Rache, die wir an Eurem verräterischen Vater zu nehmen gezwungen sind, verträgt Eure Gegenwart nicht wohl. – Ermahnt den Herzog, wenn Ihr zu ihm kommt, zur schleunigsten Rüstung; wir sind zum Gleichen verpflichtet. Unsre Boten sollen schnell sein und das Verständnis zwischen uns erhalten. Lebt wohl, liebe Schwester, – lebt wohl, Mylord von Gloster!

 

Haushofmeister tritt auf.

 

CORNWALL.

Nun? wo ist der König?

HAUSHOFMEISTER.

Mylord von Gloster hat ihn fortgeführt.

Fünf- oder sechsunddreißig seiner Ritter,

Ihn eifrig suchend, trafen ihn am Tor,

Und ziehn, nebst andern von des Lords Vasallen,

Mit ihm nach Dover, wo sie rüst'ger Freunde

Sich rühmen.

CORNWALL.

Schafft die Pferde Eurer Herrin!

GONERIL.

Lebt wohl, Mylord und Schwester!

 

Goneril und Edmund gehn ab.

 

CORNWALL.

Edmund, leb wohl! – Sucht den Verräter Gloster,

Bind't ihn, gleich wie 'nen Dieb, führt ihn hieher!

Obgleich wir ihm nicht wohl ans Leben können

Ohn' alle Rechtsform: doch soll unsre Macht

Willfahren unserm Zorn, was man zwar tadeln,

Nicht hindern mag. Wer kommt? Ist's der Verräter?

 

Bediente kommen mit Gloster.

 

REGAN.

Der undankbare Fuchs! Er ist's.

CORNWALL.

Bind't ihm die welken Arme!

GLOSTER.

Was meint Eu'r Hoheit? Freunde, denkt, ihr seid

Hier meine Gäste; frevelt nicht an mir!

CORNWALL.

Bind't ihn!

 

Gloster wird gebunden.

 

REGAN.

Fest! Fest! O schändlicher Verräter!

GLOSTER.

Du unbarmherz'ge Frau, das war ich nie. –

CORNWALL.

Bind't ihn an diesen Stuhl: Schuft, du sollst sehn –

 

Regan zupft ihn am Barte.

 

GLOSTER.

Beim güt'gen Himmel, das ist höchst unedel,

Zu raufen meinen Bart!

REGAN.

So weiß, und solch ein Schelm!

GLOSTER.

Ruchlose Frau,

Dies Haar, das du entreißest meinem Kinn,

Verklagt dich droben einst; ich bin Eu'r Wirt;

Ihr solltet nicht mit Räuberhand mißhandeln

Mein gastlich Angesicht. Was wollt Ihr tun?

CORNWALL.

Sprecht, was für Briefe schrieb man Euch aus Frankreich?

REGAN.

Antwortet schlicht, wir wissen schon die Wahrheit.

CORNWALL.

Und welchen Bund habt Ihr mit den Verrätern,

Die jetzt gelandet sind?

REGAN.

In wessen Hand gabt Ihr den tollen König?

Sprecht!

GLOSTER.

Einen Brief erhielt ich voll Vermutung,

Von jemand, der zu keiner Seite neigt,

Und der nicht feindlich ist.

CORNWALL.

Ausflucht!

REGAN.

Und falsch!

CORNWALL.

Wo sandtest du den König hin?

GLOSTER.

Nach Dover.

REGAN.

Warum nach Dover?

Stand nicht dein Leben drauf –

CORNWALL.

Warum nach Dover? Erst erklär' er das!

GLOSTER.

Am Pfahle fest muß ich die Hatze dulden.

REGAN.

Warum nach Dover?

GLOSTER.

Weil ich nicht wollte sehn, wie deine Nägel

Ausrissen seine armen, alten Augen;

Noch wie die unbarmherz'ge Goneril

In sein gesalbtes Fleisch die Hauer schlage.

Die See, in solchem Sturm, wie er ihn barhaupt

In höllenfinstrer Nacht erduldet, hätte

Sich aufgebäumt, verlöscht die ew'gen Lichter:

Doch armes, altes Herz, er half

Dem Himmel regnen. Wenn ein Wolf geheult

In jener grausen Nacht an deinem Tor,

Du hätt'st gerufen: »Pförtner, tu' doch auf!« –

Wer grausam sonst, ward mild. Doch seh' ich noch

Beschwingte Rach' ereilen solche Kinder.

CORNWALL.

Sehn wirst du's nimmer. Halte fest den Stuhl,

Auf deine Augen setz' ich meinen Fuß.

GLOSTER.

Wer noch das Alter zu erleben hofft,

Der steh' mir bei: – o grausam! O ihr Götter! –

REGAN.

Eins wird das andre höhnen; jenes auch.

CORNWALL.

Siehst du nun Rache? –

DIENER.

Haltet ein, Mylord!

Seit meiner Kindheit hab' ich Euch gedient,

Doch bessern Dienst erwies ich Euch noch nie

Als jetzt Euch: Halt! zurufen.

REGAN.

Was, du Hund?

DIENER.

Wenn Ihr 'nen Bart am Kinn trügt, ich zaust' ihn

Bei solchem Streit; was habt Ihr vor?

CORNWALL.

Mein Sklav'?

 

Er zieht den Degen.

 

DIENER.

Nun, dann nehmt hin, was Wut und Zufall bringen!

 

Sie fechten; Cornwall wird verwundet.

 

REGAN zu einem Bedienten.

Gib mir dein Schwert; lehnt sich ein Bauer auf?

 

Sie durchsticht ihn von hinten.

 

DIENER.

Oh, ich bin hin! Mylord, Euch blieb ein Auge,

Die Straf' an ihm zu sehn. – Oh!

 

Er stirbt.

 

CORNWALL.

Dafür ist Rat: heraus, du schnöder Gallert! –

Wo ist dein Glanz nun?

GLOSTER.

Alles Nacht und trostlos.

Wo ist mein Sohn Edmund? –

Edmund, schür' alle Funken der Natur,

Und räche diesen Greu'l.

REGAN.

Ha, falscher Bube,

Du rufst den, der dich haßt: er selber war's,

Der deinen Hochverrat entdeckt; er ist

Zu gut, dich zu bedauern.

GLOSTER.

O mein Wahnsinn!

Dann tat ich Edgar Unrecht.

Götter, vergebt mir das, und segnet ihn! –

REGAN.

Fort, werft ihn aus dem Tor, dann mag er riechen

Den Weg nach Dover.

 

Gloster wird weggebracht.

 

Wie ist Euch, Herr? – Wie geht's?

CORNWALL.

Er schlug mir eine Wunde. – Folgt mir, Lady!

Hinaus den blinden Schurken! Diesen Hund

Werft auf den Mist! Regan, ich blute stark;

Dies kommt zur Unzeit. Gib mir deinen Arm!

 

Regan führt Cornwall ab.

 

ERSTER DIENER.

Ich achte nicht, was ich für Sünde tu',

Wenn's dem noch wohl geht.

ZWEITER DIENER.

Lebt sie lange noch,

Und endigt leichten Tods nach altem Brauch,

So werden alle Weiber Ungeheuer.

ERSTER DIENER.

Ihm nach, dem alten Grafen; schafft den Tollen,

Daß er ihn führen mag: sein Bettlerwahnsinn

Läßt sich zu allem brauchen.

ZWEITER DIENER.

Geh nur, ich hol' ihm Flachs und Eierweiß,

Es auf sein blutiges Gesicht zu legen;

Der Himmel helf' ihm! –

 

Sie gehn ab nach verschiednen Seiten.

 


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