Zweite Szene

Eine andere Gegend auf der Heide.

Fortdauernd Ungewitter. Es treten auf Lear und der Narr.


LEAR.

Blast, Wind', und sprengt die Backen! Wütet, Blast! –

Ihr Katarakt' und Wolkenbrüche, speit,

Bis ihr die Türm' ersäuft, die Hähn' ertränkt!

Ihr schweflichten, gedankenschnellen Blitze,

Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,

Versengt mein weißes Haupt! Du Donner schmetternd,

Schlag' flach das mächt'ge Rund der Welt; zerbrich

Die Formen der Natur, vernicht' auf eins

Den Schöpfungskeim des undankbaren Menschen!

NARR. Ach, Gevatter, Hofweihwasser in einem trocknen Hause ist besser, als dies Regenwasser draußen. Lieber Gevatter, hinein und bitt' um deiner Töchter Segen: das ist 'ne Nacht, die sich weder des Weisen noch des Toren erbarmt.

LEAR.

Rassle nach Herzenslust! Spei', Feuer! Flute, Regen!

Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner sind meine Töchter:

Euch schelt' ich grausam nicht, ihr Elemente:

Euch gab ich Kronen nicht, nannt' euch nicht Kinder,

Euch bindet kein Gehorsam; darum büßt

Die grause Lust: Hier steh' ich, euer Sklav',

Ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet:

Und dennoch knecht'sche Helfer nenn' ich euch,

Die ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern

Türmt eure hohen Schlachtreih'n auf ein Haupt

So alt und weiß als dies. Oh, oh, 's ist schändlich! –

NARR. Wer ein Haus hat, seinen Kopf hineinzustecken, der hat einen guten Kopflatz.

Wenn Hosenlatz will hausen,

Eh' Kopf ein Dach geschafft,

Wird Kopf und Latz verlausen,

Solch Frein ist bettelhaft.

Und willst du deinen Zeh',

Du Tropf, zum Herzen machen,

Schreist übern Leichdorn weh,

Statt schlafen wirst du wachen.

– denn noch nie gab's ein hübsches Kind, das nicht Gesichter vorm Spiegel schnitt.

 

Kent tritt auf.

 

LEAR.

Nein! Ich will sein ein Muster aller Langmut,

Ich will nichts sagen.

KENT.

Wer da?

NARR.

Nun, hier ist Gnade und ein Hosenlatz; das heißt: ein

Weiser und ein Narr.

KENT.

Ach, seid Ihr hier, Mylord? Was sonst die Nacht liebt,

Liebt solche Nacht doch nicht: – des Himmels Zorn

Scheucht selbst die Wanderer der Finsternis

In ihre Höhlen. Seit ich ward zum Mann,

Erlebt' ich nimmer solchen Feuerguß,

Solch Krachen grausen Donners, solch Geheul

Des brüll'nden Regensturms: kein menschlich Wesen

Erträgt solch Leid und Grau'n. –

LEAR.

Jetzt, große Götter,

Die ihr so wild ob unsern Häuptern wettert,

Sucht eure Feinde auf: Zittre, du Frevler,

Auf dem verborgne Untat ruht, vom Richter

Noch ungestraft! – Versteck' dich, blut'ge Hand;

Meineid'ger Schalk, und du, o Tugendheuchler,

Der in Blutschande lebt! Zerscheitre, Sünder,

Der unterm Mantel frommer Ehrbarkeit

Mord stiftete! Ihr tief verschloßnen Greu'l,

Sprengt den verhüll'nden Zwinger, fleht um Gnade

Die grausen Mahner! – Ich bin ein Mann, an dem

Man mehr gesündigt, als er sündigte.

KENT.

O Gott, mit bloßem Haupt! –

Mein gnäd'ger Herr, nah bei ist eine Hürde,

Die bietet etwas Schutz doch vor dem Sturm;

Ruht dort, indes ich in dies harte Haus –

Weit härter als der Stein, aus dem's erbaut,

Das eben jetzt, als ich nach Euch gefragt,

Mir schloß die Tür – zurückgeh' und ertrotze

Ihr karges Mitleid.

LEAR.

Mein Geist beginnt zu schwindeln.

Wie geht's, mein Junge? Komm, mein Junge! Friert dich?

Mich selber friert. Wo ist die Streu, Kam'rad?

Die Kunst der Not ist wundersam; sie macht

Selbst Schlechtes köstlich. Nun zu deiner Hürde! –

Du armer Schelm und Narr, mir blieb ein Stückchen

Vom Herzen noch, und das bedauert dich.

NARR.

Wem der Witz nur schwach und gering bestellt,

Hop heisa bei Regen und Wind,

Der füge sich still in den Lauf der Welt,

Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.

LEAR.

Wahr, lieber Junge. – Kommt, zeigt uns die Hürde!

 

Geht ab.

 

NARR. Das ist 'ne hübsche Nacht, um eine Buhlerin abzukühlen. Ich will eine Prophezeiung sprechen, eh' ich gehe:

Wenn Priester Worte, nicht Werke häufen,

Wenn Brauer in Wasser ihr Malz ersäufen,

Wenn der Schneider den Junker Lehrer nennt,

Kein Ketzer mehr, nur der Buhler brennt,

Wenn Richter ohne Falsch und Tadel,

Wenn ohne Schulden Hof und Adel,

Wenn Läst'rung nicht auf Zungen wohnt,

Der Gauner des Nächsten Beutel schont,

Wenn die Wuch'rer ihr Gold im Felde beschaun,

Und Huren und Kuppler Kirchen baun,

Dann kommt das Reich von Albion

In große Verwirrung und Konfusion:

Dann kommt die Zeit, wer's lebt zu sehn,

Daß man mit Füßen pflegt zu gehn.

Diese Prophezeiung wird Merlin machen, denn ich lebe vor seiner Zeit. – Ab.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.10.2007 
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