Der Straßenkampf in Dresden


Hier stand man einer wirklichen revolutionären Macht gegenüber. Auf diese Kerntruppe der Revolution paßte nicht mehr das, was ich vorstehend von bloßen Krawallern und Tunichtguten gesagt habe, hier befehdeten sich zwei Prinzipien, von denen jedes seine Truppen ins Feld stellte. Die Ereignisse von damals sind halb vergessen, sie sollten es nicht sein. Sie gaben uns einen Vorgeschmack von dem, was kommen wird.

Am 3. Mai war der Aufstand in Dresden ausgebrochen. An der Spitze standen Tschirner, Todt, Heubner, Bakunin. Die Barrikaden (so wird erzählt) waren nach Anleitung Sempers errichtet, die revolutionäre Armee selbst aber bestand aus Turner-, Künstler- und Studetenkorps, aus Teilen der Schützengilde, der Bürgerwehr, aus formierten Abteilungen militärisch eingeübter Bergleute und aus Umsturzmännern von Fach, namentlich Polen. Es handelte sich also nicht um »Gesindel«, das bekämpft werden sollte, sondern, wie schon hervorgehoben, um eine Elitetruppe, die nach Intellekt, Wissen und bürgerlicher Stellung erheblich höher stand, als die uckermärkischen Füsiliere, die hier unsererseits in den Kampf eintraten. Je bestimmter ich auf seiten dieser letzteren stehe, desto freier auch darf ich es aussprechen, daß nichts falscher und ungerechter ist, als auf die Scharen des Maiaufstandes verächtlich herabzublicken. Die Schuld lag bei den Führern. Und auch hier ist noch zu sichten. Neben Ehrgeizigen und Böswilligen standen aufrichtig begeisterte Leute. Eine Republik herstellen wollen, ist nicht notwendig eine Dummheit, am wenigsten eine Gemeinheit.

Das sächsische Militär war nicht stark genug, den Aufstand zu unterdrücken. Am 5. oder 6. Mai gingen deshalb von Berlin aus das 1. und das Füsilierbataillon vom Alexanderregiment nach Dresden ab, um die sächsischen Truppen in ihrem Kampfe zu unterstützen. In der Nacht vom 7. auf 8. folgte unser vierundzwanziger Füsilierbataillon. Am 8. früh traf es in Neustadt-Dresden ein und rückte um ein Uhr mittags zur Ablösung der verschiedenen Detachements des Alexanderregiments über die Elbbrücke. Die halbe Altstadt war um diese Zeit bereits zurückerobert, aber in der im Besitz der Insurgenten verbliebenen Hälfte steigerte sich der Widerstand, besonders am Altmarkt und in dem zwischen der Wilsdruffer-, Scheffel- und Schloßgasse gelegenen Häuserkarree.

Unsere Füsiliere begannen den Kampf sofort, aber der Hauptangriff wurde doch bis zum 9. morgens verschoben.

Die 9. Kompanie (rechter Flügel) ging in der Frühe genannten Tages mit allen drei Zügen vor. Hauptmann von Malotki nahm das Postgebäude, Leutnant von Glasenapp das Englische Haus, Leutnant von Horn eine starke Barrikade an der Scheffel- und Wallstraßen-Ecke.

Die 10. Kompanie (linker Flügel) setzte sich vom Neuen Markt her in den Besitz des Café français und avancierte von hier aus gegen die ebenfalls mit Insurgenten besetzte Kreuzkirche.

Die 11. und 12. Kompanie (Zentrum) arbeiteten sich in den Häusern der Sporer- und Schössergasse gegen den Altmarkt vor, während andere Abteilungen, bei denen sich der Bataillonskommandeur Major Schrötter befand, die Hauptstraße hielten und die hier errichteten, mit der roten Fahne geschmückten Barrikaden wegnahmen.

Die Hauptaktion hatte die 9. Kompanie. Noch geraume Zeit nachher bot das Postgebäude samt den angrenzenden Baulichkeiten ein deutliches Bild des Kampfes, der hier getobt hatte. Die Verluste der Insurgenten waren groß, der ganze Hergang aber, rein auf seinen militärischen Gehalt hin angesehen, hatte deutlich gezeigt, welches Widerstandes eine Stadt fähig ist, wenn sie den guten Willen hat, jeden fußbreit Erde zu verteidigen.




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 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 08:41:15 •
Seite zuletzt aktualisiert: 04.10.2007 
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