11. Wilhelm Gentz



III.
Erster Aufenthalt in Paris.
Reise nach Spanien und Marokko (1847).
Reise nach Ägypten und Nubien (1850). Etablierung in Paris


(Von 1845 bis 1857)

 

Der Aufenthalt W. Gentz' in Antwerpen hatte neun Monate gewährt; von Antwerpen ging er nach Paris, wo er im Herbst 1845 eintraf, um daselbst, wenn auch mit manchen Unterbrechungen von nicht unbeträchtlicher Dauer, bis 1857 zu verbleiben.

Ich gebe, bevor ich ihn selbst wieder redend einführe, zuvor eine diese Gesamtzeit von zwölf Jahren umfassende Skizze.

W. Gentz trat, als er nach Paris kam, zunächst als Schüler in ein Meisteratelier ein, in dem er von 1845 bis zum Frühjahr 1847 verblieb. Zugleich war er im Louvre viel mit dem Kopieren alter Bilder, besonders aus der spanischen Schule, beschäftigt, was schließlich Veranlassung für ihn wurde, nach Spanien und zwar über Bordeaux nach Madrid zu gehen, um hier die Velasquez und Ribera an der Quelle zu studieren. Einmal in Madrid, mußten Sevilla, Cadix, Gibraltar folgen, woran sich dann – die Sehnsucht, Afrika zu sehen, war groß – Tanger und Marokko wie selbstverständlich anreihten. Ein an Abenteuern reicher Ausflug, über den er selbst (s. den Verfolg dieses Kapitels) in höchst anziehender Weise berichtet hat; aber auch über die achtzehn Monate in Paris, die voraufgingen. Und so geben wir ihm über eben diesen Pariser Aufenthalt, wie dann später über die spanisch-marokkanische Reise, hier wieder das Wort.

»... Als ich nach Paris kam, standen sich zwei Richtungen in der Malerei schroff gegenüber, die klassische und die romantische; die der dessinateurs und die der coloristes, wie sie sich selbst nannten. Erst später bildete sich die Schule der Realisten unter Führung von Courbet. Ingres, der letzte große Schüler von David, wurde als ›grand homme‹ verehrt; er galt den französischen Künstlern als größter Maler seiner Zeit. In Deutschland fand er wenig Anerkennung. Populär war er auch in Frankreich nicht. Seine Kunst ist die Kunst für die Kunst, nicht fürs Volk, ganz so wie bei Cornelius. Ingres ist aber doch bei uns unterschätzt worden; sein Können war bedeutend. Eugen Delacroix, der größte Kolorist der Franzosen (wie um vieles später bei uns Makart), war den Deutschen durch die große Vernachlässigung der Zeichnung auch nicht allzu sympathisch, jedoch immer noch mehr als Ingres, weil sie bei diesem den Mangel koloristischen Sinnes fühlten. Delacroix ist Geistesverwandter von Byron und Victor Hugo. Zwischen ihnen stand Horace Vernet und Paul Delaroche, der eigentliche Gründer der modernen Geschichtsmalerei. Beide verdienten ihre Popularität auch bei uns. Namentlich hat Paul Delaroche einen großen Einfluß auf die deutschen Maler gehabt. Er stand der Ingresschen Richtung näher, Horace Vernet mehr der des Delacroix.

Die Franzosen sind sehr launisch mit ihren Gunstbezeigungen, und die Mode, wenn man das Wort auch auf die Kunst anwenden darf, wechselt bei ihnen sehr schnell. Vernet und Delaroche galten bei meiner Ankunft in Paris schon als abgetan. Da mir eigentlich der geschichtliche Sinn abgeht, so lag mir P. Delaroche ferner. An Horace Vernet interessierte mich das orientalische Element in seinen Bildern und die Anwendung desselben auf biblische Darstellungen. Am meisten war ich berauscht vom Kolorit des Delacroix. Ich sage absichtlich ›berauscht‹, da ich mir selbst keine Rechenschaft darüber zu geben wußte. Delacroix hat sehr wenig Schüler gebildet und besaß auch kein Schüleratelier. Das bedeutendste und am zahlreichsten besuchte Atelier hatte Delaroche, welches Atelier, als ich nach Paris kam, an Delaroches Stelle, der es aufgegeben, Gleyre übernommen hatte. Einige Jahre darauf besuchte ich auch das Couture-Atelier. Bei Gleyre glaubte ich mich in der Zeichnung befestigen zu können; Couture war mehr Kolorist. Durch seine »Décadence des Romains« hatte dieser letztere großes Aufsehen gemacht und einen bedeutenden Zufluß von Schülern erhalten, besonders auch von Deutschen, Feuerbach und Henneberg unter ihnen. Gleyre, ein Schweizer aus Genf, war ein nobler Charakter, hoch und klassisch gebildet, verkehrte viel mit Schriftstellern, war uneigennützig, ließ sich von den Schülern nur seine Auslagen an Miete, Heizung und Modellen bezahlen. Sein Horizont war ein weiterer wie der von Couture, der mit Vorliebe von der ›art parisien‹ sprach. Coutures Römer waren Pariser. Jeder lernte bei ihm schnell. Aber seine Lehre war ein Rezept, ein Schema. Man mußte sich später dessen wieder zu entledigen suchen; in der Tat, er war hauptsächlich Techniker, und Gleyre sagte von ihm, freilich zu weit gehend, ›daß er nur die cuisine de la peinture verstünde‹. Coutures Ideal in der Malerei war Paul Veronese. Im Exterieur hatte Couture große Ähnlichkeit mit Gussow. Wenn heute, nachdem die von Courbet geführten Realisten eine große Wandlung herbeigeführt haben, ganz andere Richtungen maßgebend geworden sind, wenn die Impressionisten und Pleinairisten einerseits und die Kabinettsmaler mit minutiösester Ausführung, von Meissonier ausgehend, andererseits den Tag beherrschen, so haben doch die Hauptwerke Gleyres und Coutures eine Stelle im Louvre gefunden, eine große Ehre, die nur den Werken zuteil wird, die, früher fürs Luxemburgmuseum vom Staat angekauft, noch zehn Jahre nach dem Hinscheiden ihrer Autoren, von einer Jury für würdig dazu erachtet werden. Die übrigen Werke nicht mehr lebender Künstler werden an die Privatmuseen verteilt.«

»... Während der Studienzeit bei Gleyre machte ich eine längere Reise, dreiviertel Jahr, nach Spanien und Marokko. Nach Spanien deshalb, um die im Louvre begonnenen Studien nach alten Meistern zu vervollständigen. Ich malte im Museum zu Madrid während dreier Monate eine Anzahl Skizzen nach Tizian, Velasquez, Ribera, Alonso Cano usw. Das Madrider Museum ist, in bezug auf Bilder, eines der besten in Europa, gegen fünfzig Bilder Tizians, des Lieblingsmalers von Karl V. und Philipp II., zieren dasselbe. Fünfzehn Raphaels sind da, und die spanischen Meister, für die ich eine Vorliebe hegte, sind selbstverständlich vollzählig, so daß sich allein vier große Säle mit Velasquez' Werken vorfinden. Velasquez ist vielleicht der Maler, der den Übergang zur modernen Auffassung der Malerei einleitete. Er war wenigstens der erste Geschichtsmaler im eigentlichen Sinn des Wortes, in seinem berühmten Gemälde ›Las Lanzas‹ genannt, welches die Übergabe von Breda darstellt. Die Rubensschen Geschichtsbilder konnten sich des allegorischen Beiwerks nicht entledigen. Velasquez' Genrebilder mit lebensgroßen Figuren sind auch schon im modernen Sinne konzipiert, z.B. der Besuch in einer Gobelinfabrik, ein Bild, das Gerôme für das bestgemalte Bild überhaupt erklärt hat. Die Spanier halten ihre großen Meister auch hoch in Ehren; Murillo gilt ihnen als der ›pintor del cielo‹, Velasquez als der der ›tierra‹. Merkwürdigerweise hat auch Murillo höchst realistische Genrefiguren (München, Louvre) gemalt. Die Porträts des Velasquez stehen in ihrer Art auf dem Gipfelpunkt des Erreichbaren. Der geistreiche Blick derselben erhascht, nach dem Ästhetiker Vischer, ›den reinsten Phosphor der Persönlichkeit‹.

Man hat in Spanien immer das Gefühl, daß es eine Weltmacht war; häufig begegnet man noch dem Flitter vergangener Größe. Interessant ist das Volksleben, die Tänze auf öffentlichen Plätzen, das Zigeunertreiben, das Aufregende der blutigen Stierkämpfe, die Hingabe der Frauen, die klangvolle Sprache, die äußerste Lebendigkeit in der Komödie und Posse, die Gastfreundschaft, dazu die Fülle der Abenteuer, deren man dort mehr erleben kann, als in anderen Ländern.

Im Alcazar von Sevilla und in Granada lernte ich die Blüte arabischer Architektur kennen und befreundete mich mit dem Architekten Herrn von Diebitsch, der damals in der Alhambra seine Studien machte. Von Cadix ging ich mit einem kleinen vollgepackten Marktboot nach Marokko hinüber; die Fahrt sollte acht Stunden dauern, ein Sturm trieb uns aber vierundzwanzig Stunden umher. In Tanger sah ich zum erstenmal ein Stück fremden Erdteils, das sich mir tief einprägte und auf meine spätere Entwicklung einen großen Einfluß übte. Fast alles war anders wie in Europa, wo die nivellierende Kultur die sonst so verschiedenen Länder in der äußeren Erscheinung ziemlich gleich gemacht hat. Die Trümmer der Beschießung von Tanger und Mogador durch die Franzosen waren, eine Folge der großen Indolenz der Bewohner, noch nicht fortgeräumt. Am Strande (einen Hafen besaß Tanger noch nicht) und vor den Toren der Stadt lagen Hunderte von Arabern, Berbern und Kabylen, die von Algerien hierher verschlagen waren, in Fetzen und Lumpen, unter ebenso zerrissenen Zelten halb nackt umher. Sie machten den Tag zur Nacht. Es war die Zeit des Fastenmonats Ramadan, wo von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Speise noch Trank genossen werden darf. Ein Unglücklicher, der seinen Durst nicht bezwingen konnte, glaubte heimlich trinken zu können, ohne dabei bemerkt zu werden. Aber das wilde, scharfe Auge des Hafenkapitäns hatte den Sünder erspäht, und sofort riß er, in seinem religiösen Fanatismus, eine Latte vom Zaun, (ein Nagel war darin stecken geblieben) und hieb auf den Armen ein, daß das Blut herumspritzte. Dazu war der Anzug dieses improvisierten Henkers rot vom Turban bis zu den Maroquinschuhen. Das war so ein Stück patriarchalischer Rechtsprechung. Ich mußte ein paar Stunden unter dem wilden Volk warten, ehe ich die Tore passieren durfte, da erst die Pässe revidiert werden mußten, – der meinige durch den schwedischen Generalkonsul; denn wir hatten damals noch keinen Vertreter dort. Ein Russe, der Sohn des Gouverneurs von Sibirien, wurde überhaupt nicht eingelassen und mußte mit dem nächsten Schiff wieder abreisen. Zurück fuhr ich, viele Wochen später – wie hier vorgreifend gleich bemerkt werden mag – auf einem französischen Kriegsschiff, auf dem sich der berühmte französische Kriegsmaler Raffet befand; eben dies Kriegsschiff sollte das hier lagernde algerische Gesindel nach Oran zurückschaffen. Dabei hatte ich denn Gelegenheit, noch manche Seltsamkeiten dieses Gesindels kennenzulernen.

Von Tanger aus besuchte ich die Höhlen der Riffpiraten und die malerische Stadt Tetuan. Dem Pascha derselben hatte ich keinen Besuch gemacht, weil solche Besuche jedesmal mit großen Geldopfern, die ich damals nicht machen konnte, verbunden sind. Er rächte sich aber dafür; denn als ich von Tetuan nach Tanger zurück wollte, gab er mir vier Begleiter mit auf den Weg, für die ich pro Tag zwanzig Dollars bezahlen mußte. Und dabei verlangte er vorweg eine schriftliche Erklärung, dahingehend, ›daß ich ihn nicht verantwortlich machen wollte, wenn mir ein Überfall zustieße‹. Ich blieb nämlich eine Nacht unterwegs, da mir ein Tagesritt von zwölf Stunden, den ich auf der Hinreise gemacht, zu anstrengend war. Meine Begleiter, wie vorauszusehen, schliefen gleich ein, statt abwechselnd die Wache zu halten, weshalb ich sie persönlich übernehmen mußte. Dies wurde mir dadurch leichter, daß wir an einem Orte lagerten, wo kurz zuvor eine Karawane angekommen war, mit vielen im Atlasgebirge eingefangenen Affen, die nun von den scharenweis herbeikommenden wilden Hunden angebellt wurden, was einen Höllenlärm verursachte.

Nach Spanien zurückgekehrt, glaubte ich mich in meine Heimat versetzt, so groß war der Unterschied zwischen europäischem und afrikanischem Leben. In Tanger und Tetuan mußte ich mich durch einen spanischen Dolmetscher mit den Arabern verständlich machen; in Madrid mietete ich mich jetzt in eine spanische Familie ein, um die Sprache schneller zu erlernen. Durch die Liebenswürdigkeit der Damen, besonders der Töchter des Hauses, gelang mir's auch einigermaßen.

Auf der weiteren Rückreise durch Südfrankreich hatte ich einen Unfall, und ward im Gebirge oben vom höchsten Sitz der Messagerie durch Sturz des Wagens wohl zwanzig Fuß herabgeschleudert, derart, daß ich acht Tage meinen Kopf nicht bewegen konnte.«

So verlief die genau dreiviertel Jahr umfassende spanisch-marokkanische Reise W. Gentz', die, wie hier parenthetisch bemerkt werden mag, trotz der vorerwähnten kostspieligen Militäreskorte von Tetuan nach Tanger, trotz etlicher »accidents« (darunter der Postwagenunfall) und endlich trotz reichlich in Afrika gemachter Einkäufe, nur gerade viertausend Francs, also etwa tausend Taler gekostet hatte, was nicht ermangeln wird, den Neid aller ungeschickt und teuer Reisenden, zu denen ich mich leider selber zu zählen habe, zu wecken.

Ende 1847 oder Anfang 1848 war W. Gentz wieder in Paris zurück und unterzog sich hier eben der Ausführung seiner mitgebrachten Skizzen, als die Februarrevolution dazwischen trat und ihm Veranlassung gab, auf fast Jahresfrist in seine märkische Heimat (Ruppin) zurückzukehren. Hier entstanden zunächst verschiedene Porträts, darunter die Bildnisse seiner Eltern, worauf er dann, auf längere Zeit, nach Dresden ging, um daselbst einige Kopien italienischer Meister, namentlich Tizians und Correggios, zu fertigen. Die Sehnsucht nach den seiner Kunst so förderlichen Kreisen der französischen Hauptstadt zog ihn aber, im selben Jahre noch, wieder nach Paris zurück, woselbst er nun das Jahr darauf (1849) sein erstes großes Bild malte: »Der verlorene Sohn in der Wüste«.

Dies Bild, »Der verlorene Sohn«, wurde im Herbst 1850 auch in Berlin ausgestellt und erfuhr daselbst sowohl seitens des Publikums wie der Kritik eine sehr günstige Aufnahme. Die Freude darüber wurde W. Gentz aber nicht unmittelbar zuteil; denn um eben die Zeit, wo die günstigen Beurteilungen in den Blättern erschienen, war er längst nicht mehr in Berlin, auch nicht in Paris, sondern in Ägypten, wohin er schon im März genannten Jahres (1850) seine zweite große Afrikareise, die auch seine größte blieb, angetreten hatte.

Begleiten wir ihn auf dieser seiner Fahrt.

Am 10. März war er in Marseille, am 26. in Kairo. Hier blieb er, erfaßt von dem ganzen Zauber des Orients, volle sieben Monate. Am 2. November endlich bestieg er eine Dahabîye, ein großes Nilboot, um auf ihm die bekannte Nilfahrt bis zum zweiten Katarakt und dem nahe gelegenen Wadi Halfa zu machen. Alle Vorbereitungen waren getroffen und in der Abreisestunde schrieb er seinen Eltern: »Das Mieten eines Schiffes macht so viele Schwierigkeiten, wie wenn man bei uns daheim ein Rittergut kauft. Zwei volle Tage habe ich zur Verfertigung des Kontraktes nötig gehabt. Mit den Schiffsleuten ist nicht mehr aufzustellen als mit dem brutalsten Vieh, und danach behandelt man sie auch. Den kleinsten Punkt muß man im Kontrakt regeln, ist dieser aber gut abgefaßt, so kann man, ohne alle Sorge, dem Kapitän in Kontraventionsfällen bei jedem Scheich einer Stadt eine gehörige Tracht Hiebe auf die Fußsohlen aufzählen lassen. Selbst wenn man einen solchen Kerl niederschösse, würde kein Hahn danach krähen. Mein Dragoman ist ein ehrlicher, verständiger Mann. Außerdem habe ich einen Reisebegleiter gefunden, einen Galizier, Herrn von Wrublewski, mit dem ich schon früher den Ausflug nach Sakkarah gemacht habe. Zur Sicherheit sind alle Vorkehrungen getroffen. Ich habe mir eine Doppelflinte, einen Säbel, einen Yatagan und einen Dolch außer meinen beiden Pistolen gekauft. Auch eine kleine Reiseapotheke. Übrigens bin ich akklimatisiert. Meine Provision habe ich für drei Monate eingerichtet: Sechzig Pfund Schiffszwieback, zwanzig Flaschen Rum und Kognak, einen Sack Kartoffeln, Reis, Makkaroni, Kaffee, Tee. Kurzum genug. Für den täglichen Bedarf findet man sehr viel Wild, und mein Begleiter ist ein guter Jäger. Die Wunder des grauen Altertums werden bald vor unseren Blicken sein.«

Am 15. November war er in Karnak und Luxor, am 16. in Esneh, am 21. am ersten Katarakt (Assuan und Philä); vom 24. bis 26. zwischen Korosko, Deri und Ibrim, am 3. Dezember am zweiten Nilkatarakt und am Tage darauf in Wadi Halfa. Hier befand er sich am vorgesteckten Ziel, von dem aus er die Rückfahrt antrat. Am 13., nach kurzem Verweilen in Abu-Simbel und Kelabscheh, war er wieder am ersten Katarakt, wo er besonders der im Nil gelegenen Felseninsel Philä seine Aufmerksamkeit schenkte. Am 18. in Edfu. Dann, während der ganzen Weihnachtswoche abermals in Karnak und Luxor, die jetzt beide mit aller Gründlichkeit von ihm durchforscht wurden, bis er am 1. Januar in Dendare und am 8. in Kairo eintraf, das, trotz der Fülle des auf seiner Nilfahrt Gesehenen, den alten Zauber auf ihn ausübte. Noch etwa sechs Wochen blieb er daselbst; dann, Ende Februar, brach er auf und verbrachte den März auf einer Wanderung durch Palästina, Syrien, Klein-Asien. In Smyrna lernte er den Prinzen Friedrich von Schleswig-Holstein 31) kennen, mit dem er, von jener Zeit an, bis zum Tode desselben, in freundschaftlichem Verkehr blieb, nachdem er ihn noch im Jahre 1874 auf seinem Schlosse Noer, in der Nähe von Eckernförde, besucht hatte.

Anfang April war W. Gentz in Konstantinopel und Ende desselben Monats in Korfu. Von da ging er, über Pest und Wien, ins elterliche Haus zurück, an das er, alle die Zeit über, zahlreiche Briefe gerichtet hatte. Daheim nahm er seine malerische Tätigkeit rasch wieder auf, und nachdem er, durch Jahr und Tag hin, nur gezeichnet und skizziert hatte, ging er jetzt mit doppelter Lust an ein großes Bild: »Der Sklavenmarkt in Kairo«, das das Jahr darauf in Berlin ausgestellt wurde.

Zu gleicher Zeit beschäftigte ihn die Herausgabe seiner, von Ägypten her, an die Eltern gerichteten Briefe, und zu Weihnachten 1852 erschienen denn auch »Briefe aus Ägypten und Nubien« – Verlag von Karl Barthol in Berlin – ein vorzügliches Buch, das durch all das, was seitdem an Reiseliteratur über Ägypten erschienen ist, von seiner Bedeutung wenig und von seinem Reize nichts verloren hat. Dieser Reiz besteht zum Teil in dem, was ich schon wiederholentlich als »Gentzsche Vortragsweise« bezeichnet habe, noch mehr aber in jener ein gutes Wissen und einen freien Blick zur Voraussetzung habenden Fähigkeit, die großen Erscheinungen der Kunst, der Geschichte, des Lebens überhaupt, in ihrem Zusammenhange zu begreifen. Zum Beweise dessen mag es mir gestattet sein, aus dem an Anschauungen und Betrachtungen gleich reichen Buche wenigstens eine Stelle hier zitieren zu dürfen. So heißt es aus Dendare am 1. Januar 1851; »Wie Ägypten selbst als ein eigentümlicher, nur aus sich selbst verständlicher Organismus anzusehen ist, so prägen auch die ägyptischen Kunstwerke: ganze Ortschaften mit Tempeln, Obelisken, Grabdenkmälern, Sphinxalleen, eine in sich einige Totalität aus, welche der hierarchischen Gliederung und Ordnung des Lebens entspricht. Nur von diesem Gesichtspunkte aus wird die Kunst jener zurückliegenden Jahrtausende verständlich. Das Einzelne, und wäre es der kolossalste Obelisk, kann für sich allein keine Vorstellung von der Großartigkeit altägyptischer Kunstintentionen geben, – in dem Reichtum von Bauwerken, mit denen ein solcher Einzelobelisk zu einem Ganzen verbunden war, war er nichts als eine verschwindende Größe. Nur wer die verbliebenen Baureste im großen und ganzen übersieht, vermag einigermaßen zu würdigen, welche Großartigkeit künstlerischer Unternehmungen in diesem Lande heimisch war, hier, wo jetzt die Trägheit einer Sklavenbevölkerung nichts ahnt von jenem gewaltigen Geist, an dessen ewigen Monumenten sie gleichgültig vorbeizieht.«... »Unsere moderne Welt«, so fährt Gentz in demselben Briefe fort, »hat, nach dem Untergange des griechischen Lebens, die Künste von einander separiert. Bei der weltfeindlichen Tendenz der katholischen Kirche konnte, zunächst wenigstens, im früheren Mittelalter kein großartiges Kunstleben erwachen; der gotische Kirchenbau vereinigte später zwar mehrere Künste von neuem, aber doch immer nur in einer den höchsten Aufgaben der Kunst widerstreitenden Begrenzung, da der durch das Transzendentale bestimmte Charakter der Gotik sich nicht bemüßigt sehen konnte, die schöne Erscheinung festzuhalten. Nur das geistige und körperliche Leiden kommt in den alten Heiligenbildern zur Darstellung. Als dann aber später (in Raphael und anderen) die Malerei sich anließ, mit ihren unerreichten geistig und sinnlich schönen Madonnenbildern die Basiliken Roms zu schmücken, war sie ebenso weit über das eigentliche christlich mittelalterliche Kirchenwesen hinaus, wie die liberalen, in sinnlicher Üppigkeit dahin lebenden Päpste, Julius II. und Leo X., die Zeit der Askese hinter sich hatten.«

Bald nach Erscheinen der ägyptischen Briefe kehrte W. Gentz von Ruppin bzw. Berlin nach Paris zurück, Frühjahr 1853, wohin es ihn längst gezogen haben mochte. Seine Tätigkeit verdoppelte sich und er begann, von 1853 bis 1858, nach dem Vorbilde Horace Vernets, biblische Motive in treuer Wiedergabe orientalischen Wesens, wozu seine zahlreichen Studien ihn befähigten, zu komponieren. Und neben diesen Bildern biblischen Inhalts gab er Darstellungen aus dem Volksleben. Es entstanden um diese Zeit: 1. Sphinx bei Theben; Hirt mit Ziegen im Vordergrund. 2. Ägyptische Studenten. 3. Christus und Magdalena beim Pharisäer Simon. (Von Frau Hauptmann Steinberg in Ruppin gekauft und für die dortige Klosterkirche gestiftet.) 4. Fülle und Elend; früher bekannt unter dem Titel: »Wohl endet der Tod des Lebens Not, doch schauert Leben vor dem Tod.« 5. Christus bei den Sündern und Zöllnern, von den Pharisäern zurecht gewiesen. (Vom Kommerzienrat Zimmermann für die Kunsthalle in Chemnitz gestiftet.) 6. Ägyptische Bettlerinnen. Alle diese Bilder wurden in Paris ausgestellt, die beiden letztgenannten auch in Berlin, wohin er, aller Parispassion und alles internationalen Zuges unerachtet, im Herbste 1857 dennoch zurückzukehren für gut fand.

Die vier Jahre von 1853 bis 1857, während welcher Zeit er – nunmehr auf eigenen Füßen stehend – frei und selbständig schuf, waren ihm in besonders angenehmer Weise vergangen, wozu sehr wesentlich die freundlichen Beziehungen beitrugen, in denen er ebensowohl zu französischen wie zu deutschen Künstlern stand. Gerôme, Boulanger, Louis Hamon, Aubert, sämtlich, wie er selbst, aus der Gleyreschen Schule hervorgegangen, zählten zu seinem Umgang, während er sich mit Ferdinand Heilbuth (Hamburger, aber in Paris geblieben und dort naturalisiert; vor kurzem verstorben) befreundete. Desgleichen stand er auf freundlichem Fuße mit Feuerbach, Viktor Müller, Rudolf Henneberg, Lindenschmidt, Gustav Spangenberg, alle Schüler von Couture, zu dem er sich, wie schon erzählt, nach Austritt aus dem Gleyreschen Atelier, ebenfalls ein Jahr lang gehalten hatte. Alle diese waren gleichaltrig Mitstrebende; seine guten Beziehungen aber beschränkten sich nicht auf diese, sondern erstreckten sich auch auf solche, die damals in der Pariser Malerwelt als anerkannte Meister den Ton angaben: Paul Delaroche, Horace Vernet, Robert Fleury, Ary Scheffer, Courbet, Winterhalter. Und diesen hier Genannten darf auch Ludwig Knaus zugezählt werden, »der (so schreibt G.) schon als Meister dorthin kam, dort, wie überall, eine Ausnahmestellung einnahm und in Paris alles erreichte, was ein Maler erreichen kann.«

 

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31) Prinz Friedrich von Schleswig-Holstein, Sohn des Prinzen von Noer, wurde 1803 geboren und starb 1881. Er erhielt 1870 vom König von Preußen für sich und seine Deszendenz den Titel Graf von Noer, Prinz Friedrich war ein begeisterter Orientalist, der, nachdem er jahrelang in Indien gelebt, über seine Reisen in Kleinasien geschrieben und zuletzt ein sehr beachtenswertes Werk: »Geschichte des Kaisers Akbars des Großen« hinterlassen hat.




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 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 11:45:04 •
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