Nach dreißig Jahren


Rückblick der Eitelkeit

 

Mit hundert Stimmen tönt der Mund des Tags:

Mißton zur Missetat und muntre Kunde,

wenn die Natur aus hundert Wunden blutet.

Der, der allein steht gegen diese Wut,

ihr ausgesetzt im unentschiednen Kampf,

den nicht der Tag entscheidet, gilt für eitel,

weil er das Wort vor solchem Anspruch hütet.

Ihm ist es Ware nicht, ihm ist es Waffe,

die Waffe nicht allein, vielmehr der Wert,

nicht das womit nur, nein, wofür er kämpft.

So dinglich Tun, der eitlen Welt entgegen,

ergreift der Weltbegriff von Eitelkeit.

Denn es erhob sich diese eine Stimme

so hell und hoch, wie die Natur gewährte,

die Schuld der Zeit zu rächen und ein Beispiel

ihr vorzustellen, als der eigne Sänger

von einem Kampfe, den kein andrer kündet;

denn jeder andre spricht zum Mund der Zeit.

Der aber anders spricht, spricht nicht von Sieg,

und keine Wende, keinen Ruhepunkt

gewährt der Sturm des dreißigjährigen Krieges.

Doch ziemt dem Abschnitt solchen Mißerfolges

die Rechenschaft: das Fazit nach Verlusten

ist meine Macht, der Übermacht zu spotten,

ich bin vorhanden, vae victoribus!

Nicht Schranken sind errichtet, nur ein Maß.

Und nicht von mir, bloß durch mich; weil ich bin,

nicht weil ich es bestimme. Solchen Wahns

verwäge und vermesse ich mich nicht

und maße mir nicht an, das Maß zu geben,

der längst erfuhr, wie gegen seinen Willen

die Welt läuft und wie seines Wirkens Spur

unkennbar wird im Fortschritt dieser Zeit.

Doch hebt die Spur sich ab vom Gegenteil,

im Negativ der Menschlichkeit bewahrt.

Vorhanden bin ich, und es hat sich vieles

an mir entschieden, da es von mir schied.

Nicht standzuhalten meiner Gegenwart

war die Bestimmung der Umgebenden,

und Rettung vor der Stimme, die sie anrief:

ein abgeredet Schweigen, das da wähnt,

ich sei nicht auf der Welt. Wie Angst im Wald,

sich Mut zu machen, schreit vor einem Feind,

der nur vermutet ist, so schweigen sie

laut auf vor dem, der immer gegenwärtig

und spürbar wirkend ihre Zeit durchquerte.

Am Wort, am Weib hat er, ein Mann ein Wort,

des Dienstes nie gefehlt; nicht unvergolten

blieb Gottesfrevel an Natur und Sprache,

und niemals ließ er unvollstreckt den Sinn

der Rache, die die Elemente treibt,

wenn sich der Weltsinn allzu frech vermaß.

Geläng' es diesem, einen Feuerberg

mit technischen Praktiken stillzulegen,

nie würde über ein Empörerherz

ihm ähnlicher Triumph, nie kommt die Zeit,

wo sich der Geist dem Zeitgeist unterwirft!

Unsühnbar Walten zeigt ihn unversöhnlich.

Im Hochgenuß des reinsten Kunsterlebens,

entrückt vom Wonnerausch an Wort und Ton,

hat er die Händel dieses Tags bewacht

und hat den Schein der Streitsucht nicht gescheut,

um dieses bürgerliche Vollbehagen,

das in so andern Regionen schwelgt,

so lustlos fern der schöpferischen Freiheit,

mit dessen eigener Gesetzlichkeit

zu konfrontieren, durchaus dort und da

das Zweifelhafte zweifellos zu stellen.

Die Sache wills, und mannigfache Sachen,

vor deren jeder es der Sache gilt,

erzwingen so den Einsatz der Person,

daß all ihr Tun persönlich scheint und eitel.

Dies Stigma hat die Ohnmacht der Gewalt,

die nichts als Geltung will im Lebensraum,

nichts als Verbindung sucht und Selbsterhaltung,

an den vergeben, der als letzten Lohn

erstrebte, was in diesem Jahrmarktstreiben

die Selbstvernichtung ist: den Weltverzicht.

Verzicht aufs Leben selbst, ja auf den Tag,

der doch auch Sonne bringt und nicht bloß Dunkel.

Zu meinem Tag ward jede Nacht gemacht,

der halbe Tag dazu, durch all die Jahre:

für Werte, die nicht wägbar sind, nicht tragbar,

um Sorgen, die nicht Qual, nicht Glück bedeuten

dem Zeitvertreiber, niemals Schlaf und Stirn

bedrückt ihm haben, nicht den Tag ihm kreuzen

und nicht den Traum, wofern er Träume hat.

Wofür ward es getan? Der Geltung wegen

vor denen, gegen die es gelten soll?

Ist's glaubhaft denn, sie selber könnten glauben,

ich sei wie sie und wende zu dem Zweck,

den jeder hat, das falsche Mittel an,

durch Aufstand die Verbindung herzustellen?

Und weiß ich nicht, daß, könnt' es so gelingen,

ihr größrer Haß mir die Verbindung wehrt?

Der Haß, der sie bis zu dem Mißgriff treibt,

mir das höchsteigne Brandmal zu verleihen,

läßt fraglich nur, wofür sie mehr mich hassen:

ob für das bloße Sein, ob für das Können.

So oder so, ich habe mir's verscherzt.

Wär' ich ein anderer, wär' alles anders,

und könnt' ich weniger, wär' meine Leistung

in allen schmutzigen Mäulern dieses Tags.

So muß zum Tun die Rede selbst ich führen,

die auch dem Dümmsten doch in einem Punkt

erfaßbar wurde: daß ich eitel bin.

Sonst wissen sie ja weiter nichts von mir

und selbst dies eine meist vom Hörensagen,

indem sie mich nicht selber sagen hörten,

nur solches von mir, was die andern sagen,

in einer Stadt, die von Gerüchten lebt

und wo Ereignis dem Gerücht entstammt,

wiewohl sie hinreichend gesichert scheint,

da jeder zweite Mann ein Polizist ist.

Da aber jeder andre Journalist ist,

so ist sie preisgegeben, denn die Feder

hat noch mehr Macht und Ansehn als der Knüppel,

und öffentliche Meinung ist Gerücht.

Dafür genügt auch mir die Vorstellung

von einer Stadt, von der ich sagen hörte,

sie spreche nie von sich, verstecke sich

vor Fremden, niemals habe noch ein Wiener

von sich gesagt, daß er ein Wiener sei,

dagegen stets, uneitel wie er ist,

sein Mütterlein als Wienerin verleugnet.

Der Schreibtisch läßt sich zwar nicht übersiedeln

in eine Welt, die frei von dem Problem,

doch spart er die persönliche Berührung

mit einer Sorte kompetenter Tadler,

die, wär' ich ihresgleichen, staunen sollten,

wie ich dann ganz und gar nicht eitel wär'.

Und so bescheiden bin ich, zu bekennen:

wär' vollends das Talent mir angeboren

der Männer, deren Meinung hier gedruckt wird,

ich wäre nie damit hervorgetreten,

vielmehr ein Handlungsreisender geworden;

und wollte dann wohl als ein Leser glauben,

was jene öffentlich zu meinen pflegen.

Mein Werk ist der Beweis: die Presse lügt,

weil Drucken gleichbedeutend ist mit Lügen.

Mein bessres Werk und Wohltat an mir selbst:

daß, wo nur Blätter noch die Welt bedeuten,

ich jene Werte, die die Zeit verdarb,

ersetze und dem Unwert, den sie hegt,

entgegensetze; trotzend ihrem Fluch,

hab ich gezeigt, daß es noch Bretter gibt,

ihr den verlornen Zauber anzuzaubern.

Wenn's wahr ist, daß ich mit dem Requisit

des Zeigefingers eine Szene fülle

mit Akrobaten, die den Teller drehn,

dann hat die Bühne, die es nicht vermag,

weil die Regie das Element nicht herstellt,

ihr Spiel verloren, und die Presse lügt,

die allem Firlefanz Kolumnen öffnet,

doch vor dem Wesentlichen darum schweigt,

weil sie den Träger haßt um die Erkenntnis

von ihrer Lüge. Daß er seinen Fall

als sichtbarste Bestätigung erlebt,

so in der Kunstrubrik nie größere Lüge

als dieses Schweigen war, es führt ihm schließlich

ein Wörtchen zu: das von der Eitelkeit.

Doch keiner prüft, ob sie denn unberechtigt;

und ob ein Walten, das so infernal

Privathaß fälscht zu öffentlicher Meinung,

nicht eigensüchtiger sei als das des Künstlers,

der wohl zum eignen Worte steht, doch lieber

dem fremden Werke dient, zu dem er steht;

und der noch nie das Wertmaß an der Kunst

verwirren ließ von einem Blick nach außen.

Was ist denn Eitelkeit? Ein Tauschgeschäft

von Wert und Geltung. Wo wird Wert geopfert?

Doch von der Welt! Wo Geltung?

Doch wohl von jenem, den sie eitel nennt!

Wie sollte ich es sein, da sie bis heute

mir keinen anderen Gedanken dankt?

Und in der Schlinge fehlerhaften Zirkels

faß ich das Phänomen, das Dummheit heißt.

Mit einem Hohn, dem die Kulturgeschichte

nicht seinesgleichen stellt – und wenn sie mich

darob des Größenwahns beschuldigen sollte –,

steh ich vor dieser Zeitgenossenschaft,

von der ich glaube, daß sie Sport und Technik

ins Grenzenlose führt, doch im Bezirk

des geistigen Erlebens so beschränkt hat,

daß es der Sau graust, die es unternähme,

ein Zeitungsblatt zu lesen, oder tollkühn

etwa ein Schauspielhaus betreten wollte.

 

Der Händler, dem das Leben ganz gehört,

hat eure Phantasie in Pacht genommen.

Er läßt euch Radio hören, Fußball werfen,

gewährt euch die politische Bewegung

mit Einschluß der Befugnis, frei zu sein,

erlaubt den Zeitvertreib, der euch das Denken

erspart, und fördert auch die schönen Künste,

wofern sie nicht, Lebendiges und Totes

berührend, seelenstürmend Umsturz künden,

den wahren: der das Werk der falschen Freiheit

bedroht und gegen allen Staatsbetrug

im unverjährten Anspruch der Natur

verkehrt die umgekehrte Lebensordnung

bis zu dem Ursprung hin, an dem gesetzt ist:

Der Mensch sei nicht das Mittel, doch der Zweck!

Nun ist die Welt dem Händler Untertan,

und nichts gilt, was sich nicht prostituiert.

Und nur die Frau bleibt Freiwild, und die Freiheit,

sie animiert den schuftigen Büttel Shakespeares

zu schnöderm Zugriff im Revier der Lust.

Nie haben Amtsmoral und Bürgersinn,

weit mehr als sonst dem Weltgeist prostituiert,

mit frechrer Pharisäerstirn geheuchelt,

und niemals hat sich jener Männerstolz,

der Königsthronen nicht mehr opfern wollte,

so allem Handel preisgegeben. Alles

darf heute huren, nur die Huren nicht!

Verabscheut wird, wer daran Anstoß nimmt,

mit ihm gemieden alle, die ihm folgen,

die Lepra der Erkenntnis zu verbreiten.

Die Welt will leben und in Ruhe töten,

und wehe jedem, der es weiß und sagt!

 

Und gibt es solche Zweifler, die vielleicht

zu fühlen noch vermöchten, daß dies Leben

dem Sinn des Lebens widerstrebt, sie halten

die Ohren festverschlossen der Gefahr,

in reinere Region verführt zu werden,

und offen nur dem widrigen Gerücht,

das einen Weckruf zum Skandal entstellt;

und schleichen sich davon wie Egmonts Bürger.

Kein Machtgriff wäre denkbar, den am Rufer

die frisch errungne Freiheit nicht erlaubte.

Zwar wo die Macht Funktion hat, steht sie tatlos

vor seiner Tat, und in das Nichts zerfiel

der Popanz der fragwürdigen Würdenträger;

denn Feigheit ist die oberste Funktion.

Jedoch die Freiheit ward an mir zur Phrase

und sichtbar wird die Fratze der Gewalt.

So dem Bekenntnis abtrünnig zu sein

der Lippe, die man aufwirft gegen mich,

vermehrt den Haß; die Lüge, der man dient,

heischt immer neues Opfer, ach und wie

sichs mit mir auseinandersetzt, es setzt sich

so auseinander, daß nichts übrig bleibt,

bevor ich noch ein Wort dazu gesprochen.

Da hindert mich Erbarmen, es zu tun.

Ists mein Gelingen oder das der andern:

daß nichts so leicht gelingt wie der Effekt,

an mir sich zu blamieren? Und daß selbst noch

wer die Erkenntnis hatte: das Verhalten

zu mir sei Maßstab für den Wert des Manns,

sich einmal doch an mir blamieren muß!

Verhängnisvolle Gabe der Natur,

durch nichts als durch den eigenen Bestand

die andern zur Veränderung zu zwingen!

Ein kleines Ich vermag nicht durchzustehen,

gewandet es sich auch ins große Wir.

So unerfüllbar ist der Welt mein Maß,

daß sie noch weniger gibt, als sie vermag,

mit allem, was Partei und Presse bieten;

ob alt, ob jung, ein Rest bleibt unbeglichen

und tiefgefühlt: man zahlt mit Hysterie.

Dem stets genährten, nimmer satten Drang

zu mir hin, um von mir hinwegzukommen,

bleibt das Problem: Wie wird man mit mir fertig,

dem Zeitgenossen, der so unbequem

selbst die Genossenschaft der neuen Zeit

mit ihr das Faulbett zu genießen hindert?

Wie wird man mit dem Friedensstörer fertig,

der sich vermaß, Parteien nicht zu kennen,

vielmehr sie alle gegen sich zu einen?

Des Ohr die Phrase hört, was sie auch meinte;

des Blick den frischen Vorwand blank durchbohrt,

um antiquiertes Wesen zu erkennen;

des Wittersinn im neuen Weltgeschiebe

die Morgenluft nur der Gespenster wittert,

nicht mitgeht bis zum Trauerpossenschluß:

Trug ohnegleichen, wie der Fortinbras

von dem, was faul im Staate, profitiert!

Ein Revolutionär mit Ruhgehalt,

doch hat er vor der Stirn die Barrikade,

die er mit Taktik nicht betreten muß.

Wie wird man mit dem Zeitungsleser fertig,

der den Kontrast bemerkt vor dem Lassalle:

des Vorbild ausgesteckt wird, während hinten

der Ausbeuter des Proletariats

die Wünsche jeglichen Geschmacks erfüllt

und selbst zum Fest das Pathos parodiert!

Wie wird man mit dem Eigenbrötler fertig,

der es verschmäht zu heulen mit Hyänen

nach einem Krieg, weil er beiweitem lieber

vor solchem Greuel zu den Wölfen flieht!

Nichts ist verändert, alles bloß vertauscht;

wie einst geht hoch die Hefe der Kultur,

doch Umsturz ist: sie nennt sich prominent.

Zum Frieden fehlt nichts weiter als der Kaiser;

der aber findet vielfachen Ersatz,

denn aufgeteilt ist die Verlassenschaft

von Wahn und Würde, Macht und Majestät,

und Rückstand dient mit Formen und mit Fahnen,

daß uns der Knecht des Fortschritts kujoniert.

Wie wird man fertig mit dem Mißvergnügten,

der's nicht vermag, den Schmerz zu überwinden,

daß das Gesicht der umgestürzten Welt

die Winkelzüge zeigt der Bürgerfratze,

unüberwindlich: an den Überwindern!

Frontal mir zugekehrt, der sie erkannt hat;

und aller Haß von jeder Art von Bürger

geht darin ein, bestätigt die Erkenntnis,

drückt aus: als Bürger hast du mich erkannt,

nun bin ich Bürger jenseits der Partei,

durch dich und gegen dich bin ich ein Bürger!

In diesem Zeichen, gegen solchen Feind

ruht aller Hader, und von rechts zu links

schickt schweigendes Verständnis die Stafetten.

 

Nur noch ein zweites Beispiel kennt die Zeit,

wo sich die Niedertracht als Eintracht zeigt

vor einem, der den Rücken ihr gekehrt –

doch da macht sie zum Liebesdienst Gebrauch.

Denn dieser zog den Blick der Bürgerschaft

in eine Rosenlaube; der verschmäht es,

sie kämpfend zu bezwingen. Nie hat er

den Stoff, durchdringend bis zum Geist,

erlebt, erlitten, und er hat das Leid

des Kampfes sich erlassen wie der Welt,

die solche Abkehr ihm, solch ein Verzichten

aufs höchste dankt und für die Hieroglyphen,

die er in eingeräumter Ferne zeichnet,

ihn heiligspricht. Nichts als Zeremoniell,

und eins mit Formen der Alfanzerei,

wie kein Tyrannen-, kein Erlöserkult

vordem gekannt, steht zwischen ihm und ihr,

die sich aus dem Getrieb erhoben fühlt,

wenn sie bequemer Weltflucht Ornamente

bestaunen darf. Wo sieben Siegel sind,

glaubt sie an Offenbarung, den vergötternd,

der in dem Tempel wohnt, woraus es nie

zu treiben galt die Händler und die Wechsler,

nicht Pharisäer und die Schriftgelehrten,

die drum den Ort umlagern und beschreiben.

Profanum vulgus lobt sich den Entsager,

der nie ihm sagte, was zu hassen sei.

Und der das Ziel noch vor dem Weg gefunden,

er kam vom Ursprung nicht. Stefan George:

ehrfürchtig raunt vielfältige Gemeinschaft,

der Hader ruht auch hier von rechts und links,

doch mit der Andacht, die die Ruhe ist,

die jener, Gott sei Lob, der Welt gegeben.

Daß ich dagegen aus dem Teufelswerk

des Tags den Geist beschwor, daß ich den Sprachgeist

antworten hieß dem Widerpart, ist nichts

dagegen. Immer bleib ich einverleibt

dem Stoff der Zeit, den ich durchdringen konnte,

und dieser spricht, wenn überhaupt er spricht:

Was gilt uns einer, der mit uns sich abgibt?

Wer sind wir schon, und wie ist's möglich denn,

daß Kunst sich von dem Teufelsdreck bedient,

von ihm die Formen bildet und den Sinn

des Lebens einem Widerspiel entnimmt?

Wer sind denn wir, die jener seines Angriffs

für würdig hält? So sprechen sie geduckt,

Vorbilder der Bescheidenheit für den,

des selbstgefällig Tun sie tadeln müssen

und der, von ihrer Weisung unbelehrt,

sich stets der kleinsten Themen hat vermessen.

 

Doch tun sie unrecht, daß sie alle sich

so unterschätzen, denn zusammen sind sie –

und bloß zusammen sehe ich sie alle

und jeden immer als den ganzen Haufen –

gigantisch groß und bilden eine Zeit.

Und diese schmerzt es, daß auch sie mich haßt

und nicht vermag, dem Haß Gestalt zu geben

gleich mir, und daß ihr Geist nicht reicht, den Rächer

erstehn zu lassen: den zu strafen, der

den Geist an ihr gerächt. Und weit und breit

bleibt ihr kein andrer Ausdruck als Gewalt.

Hier lockt vielleicht das Beispiel des Rebellen,

des Bauerndoktors, den sie rasend machten

und dann erschlugen: weil er Armen half

und Satte störte; weil er Müttern beistand,

doch den erwachsnen Sohn errettet hatte

vom Vaterland. Er starb den Heldentod:

die Troglodyten haben ihn erschlagen.

Auf diesem Weg – sonst hätten sie ihn längst

zu mir gewagt – erscheint der Haß gehemmt;

mich schützt die Sprache, die sie nicht verstehn,

nicht populär genug für solches Ende.

Mit anderer Gewalt, die sie vermag,

hofft diese Zeit den Todfeind zu besiegen.

Da sie mit mir nicht fertig wird, so denkt sie,

ich würde selber fertig bald an ihr.

Sie hat die Quantität, um zu ersticken,

sie hat den Tag – das Grausen tausendfach,

das über Kopf und Herz zusammenschlägt,

die für die ahnungslose Menschheit leiden,

wie diese Pest der Presse in ihr wütet

und überdauert ihren Untergang.

Voran war sie der Furie des Kriegs

und folgt ihr auf dem Fuß. Geräusch der Mißwelt,

das weiland Botschaft war von dem Verenden,

tönt täglichen Triumph; und nichts beugt tiefer,

als sich erinnern, daß die Zeit vergaß

ein Zwischenspiel, worin Millionen starben.

 

Doch hab ich Atem noch, es ihr zu sagen,

und steh dem Haß, der diesen Mut vergilt,

als einer, dem die Kraft wächst mit der Last.

Noch hält der Glaube, daß ein Beispiel frommt

dem Rest von Menschheit, der den Glauben rettet

aus dieser Schmach. Nur mein Vollbringen sei

das Vorbild, nicht mein Werk; daß ich's gewagt,

und daß ich Heerschau halte über Heere

von solchen, die einander Todfeind sind,

doch gegen mich verbündet, alle, alle;

und nichts als Zweikampf: Würger gegen Würger!

Ein Menschenalter lang und nicht entschieden.

Noch fernere Jahre stör ich diesen Frieden.

Hier Kämpfer, Künstler, Narr, und dort die Bürger!



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 27.09.2007 
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