Der neue Rezitator


Und es tanzen Jakobs Töchter

Um das goldne Kalb herum –

Brumm – brumm – brumm –

Paukenschläge und Gelächter!

– – – – – – – – – –– – – – – – – – –

Aron selbst wird fortgezogen

Von des Tanzes Wahnsinnwogen,

Und er selbst, der Glaubenswächter,

Tanzt im Hohenpriesterrock,

Wie ein Bock –

Paukenschläge und Gelächter!


Was zuckt vor den Augen? Welch pochender Ton

will Einlaß in unsere Ohren?

Die Zeitung sagt, die Revolution

spritzt jenem aus allen Poren.

 

Er springt mit zappelnden Beinchen vor

und gebärdet sich überaus rührig

und reckt den Zeigefinger empor

und droht der Goetheschen Lyrik.

 

Widerstrebt auch der Vers der Persönlichkeit,

so pariert er sofort dem Rütteln

und ein Tausendsasa wird in kürzester Zeit

aus Gedächtnis und Ärmel ihn schütteln.

 

Man schüttle die Verse vor dem Gebrauch,

daß der Kainz sich geselle den Neidern,

und zu diesem Behufe empfiehlt es sich auch,

sie am Schlüsse wie Honig zu schleudern.

 

Dem Männeken fließts, halli und hallo,

von der Waterkant und weiter südlich;

mit bitteren Einschlägen vorwiegend froh

läuft das deutsche Wort unerjüdlich.

 

Doch wie sie räuspert und wie sie sich schneuzt

die katarrhalische Menge,

da wird ihr gehörig eingeheizt

mit kabaretthafter Strenge.

 

Sie findet jeden Tadel am Platz,

auch an jenen, die unbesetzt bleiben.

Wer zu spät oder gar nicht kommt, der hats

sich selber zuzuschreiben.

 

Leibhaftig tanzt und hämmert brumm brumm

der Aron und dreht sich bacchantisch

und wie ein Bock vor dem Publikum

und durch und durch dilettantisch.

 

Und wie ein Bock – jetzt hab' ich es dick –

tanzt der Aron für Jakobs Töchter;

die Paukenschläge besorgt die Kritik,

ich liefere das Gelächter.

 

Wie es wallet und siedet und niemand zischt,

sondern dankt für die köstlichen Gaben:

wenn das Frohe sich mit dem Bitteren mischt,

man kann nicht genug davon haben.

 

Es ist über alle Maßen beliebt

und immer von neuem labend,

was der rarste Gast ihnen täglich gibt

an dem unbedingt letzten Abend.

 

Alles auswendig können, das ist eine Kunst;

wenn was fehlt, wird keinem was fehlen.

Denn inwendig ist es gleichfalls verhunzt

in den heutigen Vortragssälen.

 

Die Jugend entbrennt an dem brennenden Geist,

der aus freiestem Kopfe und Leibe

sich an Goethe und Pallenberg beweist

nebst anderem Zeitvertreibe.

 

Es ist die verkörperte Revolution,

und er ihr markantester Barde,

und ich übergebe mich vor dem Ton,

denn ich bin von der weißen Garde.


 © textlog.de 2004 • 18.11.2017 16:48:56 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » 1899-1909 » 1910-1919 » 1920-1929 » 1930-1936