Goetheaffen


Und kann ich die Talente nicht verleihen,

Verborg' ich wenigstens das Kleid.


Nun tragen sie's und werden täglich dreister.

Der legt den abgelegten Schlafrock an,

der hat sich eingespielt in Wilhelm Meister

und spricht mit sich als seinem Eckermann.

Allwärts umblickend, weit und breit gesinnt,

notiert geruhig er, was man so find't,

scheint briefzuwechseln gar mit einem Kind.

Und siehe, im Olympischen nicht faul,

verachtet er wie jener den Jean Paul

und tut sich um und um in Weimars Landschaft,

mit dem Bewußtsein tiefster Wahlverwandtschaft.

Traf ihn so allverklärt und heidnisch-fromm

Poincaré, er sprach': voilà un homme!

Stirbt er dereinst, so fehlt das Letzte nicht,

der Zweifel, ob es lautete: Mehr Licht!

Den drängt es faustisch ohne viele Faxen,

denn er ist bei den Müttern aufgewachsen.

Was er nicht fühlt, er wird es sich erjagen

und magisch-kophtisch-orphisch sich ergehn,

im Nachgefühl zum Augenblicke sagen:

Verweile doch, man wird ja doch da sehn!

Der, angefrischt, eratmet im Ergetzen,

der mögte sich in einen Hofkreis setzen,

der fühlt sich wühlend mit dem Tonfall treiben,

der wird im July an Ulriken schreiben

und wenn auch mühsam, wird's ihm doch gelingen,

hiebei kein grades Wort hervorzubringen.

Und er begibt sich schon, des zum Beweise,

aus dem ihm angenehmen Hoheitskreise,

stracks auf die dritte italiänische Reise.

Von dort jedoch, fällt grade ihm nichts ein,

schreibt er es angelegentlich der Stein.

Der eine macht es mit der Frohnatur,

der andere hat vom Vater die Statur.

Der reimt sich was vom Lieben und vom Leben,

das wird ein artig Angebinde geben,

denn er hat es vom Leben wie vom Lieben

des alten Goethe einfach abgeschrieben.

Doch daß die Ähnlichkeit tritt ganz hervor,

fehlt ihm fürs Lustspiel jeglicher Humor.

Drum zeigt man besser gleich das ernste Führen;

da müßt' man sich im Karlsbad nicht genieren.

Und dort gefiel' ihm sicherlich, ich wette,

nebst allerlei das Chor der Operette,

und besser hat's, so fände er am End',

kein Neutrum als das alte Kontinent.

Nur daß vergebens man, kein Glück ist ganz,

zur Kur und Cour erwartet seinen Franz.

Mit Goethes höherer Muse sich begatten

erweist sogleich: die Frau ist ohne Schatten.

Zieht uns hinan dies Ewig-Weibliche,

dort war's getan, das Unabschreibliche.

Reckt zur Bedeutung sich das Vergängliche,

wird Ereignis der Zeitung das Unzulängliche.

Mit klassizistisch gemessner Gebärde

erlebt sich gar noch dieses Stirb und Werde;

Urväter Hausrat ein Divan ziere,

daß man west-östlich sich orientiere;

und sowieso befaßt mit Altertümern,

braucht man sich fürder nicht zu bekümmern,

denn wer schon vom jungen Goethe geborgt,

der hat auch fürs Alter ausgesorgt,

und muß von Natur man mit Wasser kochen,

man nimmt, und wenn die Welt voll Teufel wäre,

dazu osteologisch ein paar Knochen

und wirft sich einfach auf die Farbenlehre.

Über derlei hat sich noch niemand beschwert,

denn das Delikt ist im Begehen verjährt,

und keiner hat, wenn's so vollkommen klappt,

den Täter je auf frischer Tat ertappt;

und dem wird im unwiderstehlichen Zwange

bei seiner Goethe-Ähnlichkeit nicht bange.

Doch was immer von diesem sich einer auch leiht,

den Tonfall, die Haltung, das Alterskleid,

eins haben sie bis heut nicht nach Hause getragen

was doch jeder Deutsche von Goethe hat,

das täglich von allen Zungen genannte,

freilich von keiner noch angewandte

– und gerade ihnen ließ er es sagen –:

das am besten bekannte Goethe-Zitat.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 11:30:17 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » 1899-1909 » 1910-1919 » 1920-1929 » 1930-1936