Das Schandmal


Was bezahlt ist, erkennbar zu machen,

verlangt das Gesetz, das war ja zum Lachen

und ein Richter sagte, sie hätten recht,

weil solches Verlangen übertrieben sei:

denn daß für jede Reklame geblecht

und keine Zeile gratis geschrieben sei,

das, sagte Herr Wessely, wisse in Wien

der gebildete Leser ohnehin.

Die Presse, von diesem Wahrspruch entzückt,

hat weiter genommen und eingerückt.

Irgendwo war irgendein Hinweis versteckt,

welchen Handel das Zeichen des Kreuzes da deckt:

die Butter am Kopf roch bereits etwas ranzig,

von P.G. stand was da und von 26.

Wenn der gebildete Leser im Zweifel wäre,

so gab ihm das Landesgericht noch die Lehre,

sich bei solcher Lektüre nicht zu bequemen,

nein, auch das Gesetzbuch zur Hand zu nehmen.

Denn die Zeitungen seien die höhern Gewalten,

doch die Leser verpflichtet, sich an die Vorschrift zu halten.

Daß die Presse vom Preßgesetz sich losmacht,

kein Wunder: vis major und sechste Großmacht.

So ungefähr reimte sichs Wessely,

der sein Intresse jenem der Presse lieh.

Doch gibts nicht nur Kellner, bitte sehr bitte gleich,

sondern auch Richter in Österreich.

Und von der Justiz nahm die höchste Instanz

die Schande und gab sie der Presse ganz.

Vorbei die Hoffnung, sichs doch noch zu richten,

um nicht auf den Schandlohn ganz zu verzichten.

Gezwungen, von dem Lohn sich zu trennen

oder die Schande ganz zu bekennen,

zieht, wer heutzutage kein Tor,

ohne Federlesen das letztere vor.

Will eine lieber prostituiert sein,

so muß es halt deutlich angeführt sein;

und nicht der Leser muß sich bequemen,

sondern die Zeitung, das Büchl zu nehmen.

Hatte sie ohnedies durch das Kreuz

beim Käufer schon etwas verloren an Reiz,

so trägt sie wie keine andere Dirne

nunmehr das Berufszeichen auf der Stirne.

Die totale Enthüllung verringert den Lohn,

denn man zahlte ja doch für die Illusion,

und den Leser kann sie nun nicht mehr betrügen.

Doch hofft sie noch Kundschaften dranzukriegen,

die da meinen, daß es ein Publikum gibt,

vor dem sie sie um ihrer selbst willen liebt.

Denn gibt es so manches bei dem Leben,

so muß es auch solche Käuze geben.

Diese letzte Hoffnung, es werde ihr glücken,

bewegt sie, das Schandmal sich aufzudrücken

und lieber in Ehren am Striche zu gehn

als ganz ohne Schandlohn dazustehn.

Denn besser ein magerer Gewinn bei dem Handel

als nichts durch soliden Lebenswandel!

Keine Aussicht mehr, die Welt anzuschmieren

mit dem öffentlich Meinen und sich geheim Prostituieren.

Vollzieht sich selbst dieses nun öffentlich,

so macht man die Rechnung kurz durch den Strich.

Ist die Schande auch größer als der Gewinn,

so bleibt doch zuweilen im Strumpf was drin.

»I bin a Hur!«: mit Müllers tragischer Miene

entschloß sich die Presse als Heroine;

und schrieb's an die Spitze der ersten Seite

und bot gleich zum Kauf den Passanten die zweite

und sie, die seit jeher schon immer erhältlich,

bekannte nun deutlich, wo sie entgeltlich.

Das brauchte nicht langes Überlegen,

nicht gerne tut man's, man tut's aber doch.

Und wahrlich, das caudinische Joch

war eine Siegespforte dagegen!


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