Du bist sie, die ich nie gekannt


Du bist sie, die ich nie gekannt,

die ich nicht nahm, die ich nicht hatte.

Du keine Gattin, ich dein Gatte

in einem andern Eheband.

 

Du bist ein Wahn und bist ein Wille,

ein himmlisch Wesen, Erdenwurm.

Du rufst, und rings um dich ist Stille.

Du schweigst, und rings um dich ist Sturm.

 

Du bist der Baum in seiner Blüte.

Du bist das Tier in seiner Kraft.

Du bist die reine Gottesgüte.

Du bist die dunkle Leidenschaft.

 

Du bist mir da und bist mir dorten,

ein tiefer Ton, ein weiter Schall.

Du bist Musik zu meinen Worten,

ein Nirgend und ein Überall.

 

Des Tags bist du ein Traumgebilde;

in jedem Traum bist du mir nah.

Zuständig bist du dem Gefilde,

das ich mir vor der Zeit ersah.

 

Bei Tag und Nacht streift eine Wonne

vorüber meinem Horizont;

und sinkst mir unter du als Sonne,

so steigst du wieder auf als Mond.

 

Du lebst in Tiefen, webst in Höhen,

du schwebst und fällst in Lust und Qual.

Um dein heroisch Auferstehen

sieht man dich manchesmal banal.

 

Nie bleibst du an der Erde haften,

du stehst in einem höhern Plan;

vereinigst alle Eigenschaften

und bist doch keiner Untertan.

 

Lebst ohne Ruh und ohne Reue,

es schwindelt mir auf deiner Spur,

und immer nur hältst du die Treue

dir und der liebenden Natur.

 

Hab ich gewonnen die Verlorne,

bestreitet sie mir den Gewinn.

Entschwand sie mir, erstand dem Sinn

die nie gekannte Schaumgeborne.


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