Brief der Perichole


(Aus Offenbach / Meilhac und Halévy: »Perichole«, nach L. Kalisch)

 

Geliebter, o glaub mir, ich schwöre,

Meine Liebe zu dir ist groß.

Ach! nicht kleiner jedoch die Misere,

Die uns leider beschieden das Los.

Du selber, du mußt es erkennen,

So kann es doch weiter nicht gehn.

Wir müssen ein wenig uns trennen,

Um froher uns wiederzusehn.

Bedenke doch, was von uns bliebe,

Wenn der Zustand noch weiterhin währt:

Am Ende kriegt satt nur die Liebe,

Wer vergebens zu essen begehrt.

Ich bin Weib, und ich weiß, es ist Schwäche,

Aber eben das ist doch ein Grund;

Glaub mir, daß die Wahrheit ich spreche:

Kein Stück Brot nahm ich heut in den Mund.

Ich fühl, wie dich schmerzt dieses Schreiben.

Was ich tue, ich kann nichts dafür.

Ich werde die Deine stets bleiben

Im Innern – das glaube mir.

Ja, ich tue zu unserem Wohle,

Was ich muß und was Klugheit mir rät.

Lebe wohl! – Deine Perichole,

Die vor Liebe und Hunger vergeht.


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