Die letzten Tage der Menschheit


(Schluß der letzten Szene der Tragödie)

 

Alle Lichter sind erloschen. Draußen Tumult. Man hört das Platzen von Fliegerbomben. Dann tritt Stille ein. Die Anwesenden schlafen, liegen in Somnolenz oder starren völlig entgeistert auf die Wand, an der das Tableau »Die große Zeit« hängt und nun der Reihe nach die folgenden Erscheinungen aufsteigen.

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Nun kommt ein Zug von Gasmasken, die vor den im Saale Anwesenden Front machen und sich der Tafel zu nähern scheinen.

 

Die Gasmasken

Gesegnete Mahlzeit, wir stecken den Rüssel

aus purer Neugier in fremde Speise.

Denn unsre leider war nicht geraten.

Wir hatten heute nur auf der Schüssel,

und zubereitet auf deutsche Weise,

Dörrgemüse mit Grünkreuzgranaten.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Bei der vordersten Linie in den Karpathen. Es ist alles ruhig. In den Schützengräben stehende Leichname, Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag.

 

Die erfrorenen Soldaten

Kalt war die Nacht.

Wer hat diesen Tod erdacht!

Oh die ihr schlieft in Betten –

daß euch das Herz nicht bricht!

Die kalten Sterne retten uns nicht.

Und nichts wird euch erretten!

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Ein alter serbischer Bauer schaufelt sein Grab.

 

Der alte serbische Bauer

Wir standen rings um unsere Truh.

Soldaten schrieen auf uns zu.

Wir hatten nichts mehr. Sie wollten was haben.

Drum muß ich jetzt meine Grube graben.

Wir waren arm, wir waren nackt.

Uns selber haben sie angepackt.

Sie stellten die Kinder mir an die Wand,

sie haben sie mir vorausgesandt.

Verbrannt ist mein Feld, verbrannt mein Hab.

Nun grabe ich mir das eigene Grab.

Schon rufen die Kinder – ich komme gleich!

Herr, hilf mir in das Himmelreich!

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Der Kronprinz bei den Flammenwerfern der 5. Armee. Zur Begrüßung des Kronprinzen wird durch Flammen ein »W« gebildet.

 

Die Flammen

Wir sind die Flammen! Es waren verloren

in unsrer Höllenqual

viele, die Mütter in Schmerzen geboren.

Wir sind ein Initial!

Oh W der Zeit! W diesem blutigen Tropf!

Er hatte nichts im Sinn,

er führte was im Schilde.

So mähte er die Menschheit hin!

Geschaffen nach Teufels Ebenbilde,

hat er vorm Kopfe einen Totenkopf.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Zwölfhundert Pferde tauchen aus dem Meer, kommen ans Land und setzen sich in Trab. Wasser strömt aus ihren Augen.

 

Die zwölfhundert Pferde

Wir sind da, wir sind da, wir sind da, wir sind da –

wir sind da, die zwölfhundert Pferde!

Die Dohna'schen Pferde sind da, Dohna, da –

wir stiegen empor zu der Erde.

 

Oh Dohna, wir suchen dich auf im Traum.

Uns wollte der Platz nimmer taugen.

Wir hatten kein Licht, zu viel Wasser hat Raum

in zweimal zwölfhundert Augen.

 

Graf Dohna umgeben von zwölf Vertretern der Presse. Plötzlich stehen statt ihrer zwölf Pferde da. Sie dringen auf ihn ein und töten ihn.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Eine altertümliche Erfinderwerkstatt.

 

Lionardo da Vinci

– – wie und warum ich nicht meine Art schreibe, unter dem Wasser zu bleiben, solang' ich bleiben kann; und dies veröffentliche ich nicht oder erkläre es wegen der bösen Natur der Menschen, welche Art sie zu Ermordungen auf dem Grund des Meeres anwenden würden, indem sie den Boden der Schiffe brächen und selbige mitsamt den Menschen versenkten, die drinnen sind – –

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Ein süßer Ton erklingt. Meeresstille nach dem Untergang der Lusitania. Auf einem schwimmenden Brett zwei Kinderleichen.

 

Die Lusitania-Kinder

Wir schaukeln auf der Welle –

wir sind nun irgendwo –

wie ist das Leben helle –

wie sind die Kinder froh –

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Zwei Kriegshunde, vor ein Maschinengewehr gespannt.

 

Die Kriegshunde

Wir ziehen unrecht Gut. Und doch, wir ziehn.

Denn wir sind treu bis in die Todesstund.

Wie war es schön, als Gottes Sonne schien!

Der Teufel rief, da folgte ihm der Hund.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Ein toter Wald. Alles ist zerschossen, abgehauen und abgesägt. Hüllenloses Erdreich, aus dem sich nur ab und zu ein paar kranke Bäume erheben. Zu Hunderten liegen noch die gefällten, entästeten, zersägten Stämme mit halb schon verwitterter Rinde am Boden herum. Eine zerfallene Feldbahn führt quer hindurch.

 

Der tote Wald

Durch eure Macht, durch euer Mühn

bin ich ergraut. Einst war ich grün.

Seht meine jetzige Gestalt.

Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!

 

Der Seele war in meinem Dom,

ihr Christen hört, ihr ewges Rom!

In meinem Schweigen war das Wort.

Und euer Tun bedeutet Mord!

 

Fluch euch, die das mir angetan!

Nie wieder steig' ich himmelan!

Wie war ich grün. Wie bin ich alt.

Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Ein Oberst läßt eine dalmatinische Frau mit ihrem zwölfjährigen blonden Knaben festnehmen. Während die Frau weggezerrt wird, gibt er den Auftrag, dem Knaben in den Kopf zu schießen. Er steht rauchend dabei, indes Soldaten auf den Händen des Kindes knien und die Exekution vollzogen wird.

 

Die Mutter

Daß nie, durch alle Tage die ihr schändet,

sich euer Blick von diesem Bilde wendet!

Und seid am Ende ihr der Höllenfahrt,

bleib' euch erst dieser Anblick aufgespart!

Die Splitter dieser edlen Kinderstirn,

sie bohren sich in euer Herz und Hirn!

Lebt lang und ewiger Begleiter sei

durch eure Nächte dieser Mutterschrei!

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Ins Fiebrige verzerrte Heurigenmusik setzt ein. Die Hinrichtung Battistis. Lachende Soldaten umstehen den Leichnam, Neugierige recken die Hälse. Die Hände über dem Haupt des Toten der fidele Scharfrichter.

 

Das österreichische Antlitz

Aus Tod wird Tanz,

aus Haß wird Gspaß,

aus Not wird Pflanz,

was is denn das?

Is alles stier,

is' einerlei,

denn mir san mir

und a dabei.

Ein guter Christ

sagt: Kinder bet's,

und Henker ist

man nur aus Hetz.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Die Klänge erheben sich während des folgenden Phantoms zu furchtbarer Musik. Auf dem Monte Gabriele. Zu einem hohen Haufen geschichtet unbegrabene, halb verweste Leichen. Ein Schwärm von Raben umkreist krächzend die Beute.

 

Die Raben

Immer waren unsre Nahrung

die hier, die um Ehre starben.

Aber eure Herzenspaarung

macht, daß Raben nimmer darben.

 

Wir, die wir uns nie bewarben,

Nahrung haben wir erworben.

Ihr nicht, wir nicht dürfen darben,

euch und uns sind sie verdorben.

 

Ihr und wir vom Siege schnarren,

wenn die Opfer sich vermehren,

weil im Reiche rings die Narren

eurem, unsrem Ruf nicht wehren.

 

Waren Generale Raben,

schnarrts von Phrasen dort im Saale.

Draußen sind sie unbegraben,

da sind Raben Generale!

 

Dürft getrost die Schlacht verlieren,

wir und ihr in keinem Falle

müssen uns vor uns genieren:

Kriegsgewinner sind wir alle!

 

Ja wir sind noch sehr lebendig,

wir sind beide noch die Alten,

und wir freuen uns unbändig,

diese Kriegszeit durchzuhalten.

 

Während ihr zum Fraß vereinigt,

brauchen wir nicht zu entbehren.

Hunger hat uns nie gepeinigt,

seit wir folgen euren Heeren.

 

Hunger würd' uns nimmer munden,

und wir stürben an der Schande,

und wir sind euch sehr verbunden,

daß wir nicht im Hinterlande.

 

Dort ist wahre Not, die Greise

und die Kinder dort verderben,

weil hier auf die andre Weise

uns zum Trost die Männer sterben.

 

Eure Schlachtbank läßt nie darben

ihre angestellten Kunden.

Raben haben, seit sie starben,

immer Nahrung noch gefunden.

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Die Musik, völlig abgedämpft, begleitet das nun einsetzende Schauspiel, um allmählich zu verstummen. Ein unübersehbarer Aufzug von bleichen Frauen marschiert vorüber, flankiert von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.

 

Die weiblichen Hilfskräfte

Wir, die Wehrmacht zu entzücken,

eingerückte Heereshuren,

kehren nunmehr euch den Rücken

als Brigade der Lemuren.

 

Opfernd heldischem Verlangen,

angesteckt von eurem Mute,

Rosen blühn uns auf den Wangen

und die Syphilis im Blute.

 

Blut und Tränen, Wein und Samen

flössen euch zum Bacchanale,

und was wir von euch bekamen

tragen heim wir zum Spitale.

 

So verabscheut sind wir heute,

denn uns schlottern die Gewänder,

und wir schleppen unsre Beute

in die fernen Hinterländer.

 

Doch wir wachsen durch die Zeiten!

Einstens rast ein Landsturm, brausend,

alle Menschheit zu bestreiten,

durch ein schauderndes Jahrtausend!

 

(Die Erscheinung verschwindet.)

 

Nun erfüllt ein phosphoreszierender Schein den Saal.

 

Der ungeborne Sohn

Wir, der Untat spätre Zeugen,

bitten euch, uns vorzubeugen.

Lasset nimmer uns entstehn!

Wären eurer Schmach Verräter.

Woll'n nicht solche Heldenväter.

Ruhmlos möchten wir vergehn!

 

Wehlust irdischen Getues!

Liebend hinterläßt die Lues

mir mein Vater, dieser Schuft.

Ruft uns nicht in diese Reiche!

Wir entstammen einer Leiche.

Ungesund ist hier die Luft.

 

(Der Schein erlischt.)

 

Völlige Finsternis. Dann steigt am Horizont die Flammenwand empor. Draußen Todesschreie.


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