Das zweite Sonett der Louise Labé *)


O schöne Augen, Blicke abgewendet,

o Seufzer, Klagen, o vergossne Tränen,

o dunkle Nächte, die durchwacht mein Wähnen,

o lichter Tag, vergebens mir verendet!

 

O Trauer du, da Sehnsucht stets verweilt,

o alle Übel wider mich bereitet,

o tausend Tode rings um mich gebreitet,

o Ewigkeit der Qual, da Zeit enteilt!

 

O Geigenton des Leids, Musik im Schmerz,

o Lächeln, Stirn und Haar, o edle Hand –

zu viele Flammen für ein armes Herz!

 

Weh dir, der alle diese Feuer trägt,

daß du sie an mein Leben hast gelegt,

und bleibst von jedem Funken unverbrannt!

 

 

_______________

*) Nach dem Original und einer vorhandenen Übertragung.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 11:43:04 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » 1899-1909 » 1910-1919 » 1920-1929 » 1930-1936