Die letzte Nacht


(Aus dem Epilog zu der Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«.)

 

Der Horizont ist eine Flammenwand. Nachdem Gasmasken, sterbende Soldaten, ein General, Kriegskorrespondenten, ein Totenkopfhusar, der Doktor-Ing. Abendroth aus Berlin und andere Erscheinungen gesprochen haben, setzen die folgenden Auftritte ein. (An diese schließen sich die Wechselreden von drei gelegentlichen Mitarbeitern an, hierauf Rufe von Kriegern, Ordonnanzen und Kinooperateuren, Stimmen aus dem Kosmos und die Stimme Gottes.)

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Es wird dunkel. Es erscheinen Hyänen, die Menschengesichter tragen. Als Sprecher der Hyänen Fressack und Naschkatz. Sie kauern vor den Leichen und sprechen, rechts und links, in ihr Ohr.

 

Fressack

Wenn Sie vielleicht was bedarfen, wenn Sie vielleicht was bedarfen,

wir sind da, wir tragen Gesichter als Larven.

Doch erschrecken Sie nicht vor Bärten und Mähnen:

wir sind doch keine Menschen, wir sind nur Hyänen!

Nur daß Ihr Opfer umsonst nicht wäre,

sind wir hier am Platz, auf dem Felde der Ehre.

Bedarfen Sie nichts, nehmen wir Ihnen was ab,

was solln Sie mit Schmuck und Barschaft ins Grab!

 

Naschkatz

Ihr seid nebbich froh, daß alles erledigt.

Für eure Verluste haben wir uns entschädigt.

Auf unseren Rat gingt ihr frisch in das Feld,

gabt ihr euer Blut, nahmen wir euer Geld.

Damit wir gewinnen, mußtet ihr wagen,

jetzt gilt's noch ein Scherflein beizutragen.

Wenn ihr auch besiegt seid, wir werden doch siegen.

Das Blut ist gesunken, das Fleisch ist gestiegen.

 

Fressack

Ihr könnt euch in dem Punkt auf uns verlassen:

bald wird euch des Kaisers Rock nicht mehr passen.

Mit euren Granaten und Bomben und Minen

fahrt weiter so fort und laßt uns verdienen.

Das ist ein Vergnügen, herum hier zu lungern,

ihr braucht nicht zu frieren, ihr braucht nicht zu hungern!

Wir wissen es doch, unser Ehrenwort, heuer

sind Kohle und Fett noch dreimal so teuer!

 

Naschkatz

Wir sagen es ins Ohr euch, ihr solltet uns danken:

dadurch, daß ihr hier liegt, gehts besser den Banken.

Durch die Bank konnten sie das Kapital sich vermehren,

die Fusion mit der Schlachtbank kann man ihnen nicht wehren.

Ihr könnt noch von Glück sagen, so ruhig zu liegen,

wenn zugleich mit den Kugeln die Tausender fliegen.

Doch ihr seid entschädigt: ein jeder ein Held!

Ihr schwimmt ja in Blut, und wir nur in Geld.

 

Fressack

Ihr werdet doch fortleben in den Annalen!

Umsonst ist der Tod, doch dafür muß man zahlen.

Wir haben den Krieg ja nicht angefangen.

Wir haben ihn nur gewünscht, aber ihr seid gegangen!

Von unsern Verdiensten wird niemand singen,

euch müssen doch schon die Ohren klingen!

Von euch werden euere Enkel noch sagen.

So solln sich die unsern über uns nicht beklagen.

 

Naschkatz

Meine Kinder warn auf ein Haar an die Front gekommen.

Zum Glück aber hat man sie nicht genommen.

Der eine is für Hintertürln zu ehrlich,

er is im Geschäft einfach unentbehrlich.

Der andere is zu stolz, so war ich für ihn oben,

a conto dessen is er heute enthoben.

Aufs Jahr lass' ich meinen Jüngsten entheben.

Ihr wart auch einmal jung – da soll man erleben!

 

Fressack

Mein Bub hat ka Protektion, doch er hat sichs gerichtet,

der andere hat Talent, er hat über Siege gedichtet.

In demselben Moment, wie ihn das Vaterland rief,

macht der Jung ein Gedicht und kommt ins Archiv.

Er will aber hinaus – statt dort is ihm lieber

er geht, und wird gleich Dramaturg bei Ben Tiber.

Bittsie drin muß er schreiben, was sich draußen ereignet!

Der Jüngste is nebbich ungeeignet.

 

Naschkatz

Ihr könnt nicht genug die Mezzie euch preisen,

ihr starbt doch für Wolle, wir leben für Eisen.

Und wir müssen gestern und heute und morgen

uns noch für Leder und Seife und Tafelöl sorgen.

Freihändig offeriert man und erlebt noch die Schand,

ein Dutzend Waggons bleibt einem in der Hand!

Jetzt gehts noch, doch im Frieden – da sag ich von Glück,

wenn, Gott geb, entsteht eine Waffenfabrik.

 

Fressack

Gott verhüte das Unglück, wer redt heut von Frieden,

wir haben uns zur Not mit der Kriegsnot beschieden.

Wir liefern und leisten, und geben auch was her –

dann warn wir geliefert, und das war ein Malheur.

Was heißt Waffenfabrik, ich bin zufrieden mit Skoda,

die Wirkung wie treffend beschreibt Roda Roda.

Wenn ihr schon genug habt, so laßt nackt euch begraben,

meine Frau will einen neuen Pelzmantel haben.

 

Naschkatz

Ihr könnt es uns glauben, das Leben ist sauer,

ihr Toten, ihr solltet für uns tragen Trauer.

Wenn sich einmal herausstellt, man hat umsonst sich geplagt,

das Friedensrisiko – Ihnen gesagt!

Wie wenig bleibt einem, denn für meinen Sohn

kauf ich jetzt ein Gut, und mein Freund wird Baron.

Einem jeden das Seine. Dem Helden das Grab.

Wir sind die Hyänen. Uns bleibt nur der Schab!

 

Chor der Hyänen

So sei's! So sei's!

Doch nur leis! Nur leis!

Die Schlacht war heiß

und durch eueren Schweiß

und durch unseren Fleiß

ist gestiegen der Preis.

Gott weiß, Gott weiß.

Noch drei Waggon Reis

und noch drei Waggon Mais

stehn auf dem Geleis.

Steh auf, geh leis!

Wir schließen den Kreis.

So sei's! So sei's!

 

Tango der Hyänen um die Leichen. Die Flammenwand im Hintergrund ist inzwischen verschwunden. Ein schwefelgelber Schein bedeckt den Horizont. Es erscheint die riesenhafte Silhouette des Herrn der Hyänen. In diesem Augenblick stehn die Hyänen still und bilden Gruppen.

 

Der Herr der Hyänen

 

Schwarzer, graumelierter, wolliger, ganz kurzer Backen- und Kinnbart, der das Gesicht wie ein Fell umgibt und mit ebensolcher Haarhaube verwachsen scheint; energisch gebogene Nase; große gewölbte Augen mit vielem Weiß und kleiner stechender Pupille. Die Gestalt ist gedrungen und hat etwas Tapirartiges. Jackettanzug mit Piquéweste. Der rechte Fuß in ausschreitender Haltung. Die linke Hand, zur Faust geballt, ruht an der Hosentasche, die rechte weist mit gestrecktem Zeigefinger, auf dem ein Brillant funkelt, auf die Hyänen.

 

Habt acht! Und steht mir grade!

Ich komme zur Parade,

und es gefällt mir gut.

Ihr habt die Schlacht gewonnen!

Nun ist die Zeit begonnen!

Nun zeiget euren Mut!

 

Müßt nicht mit leisen Tritten

den Tod um Beute bitten.

Weh dem, der jetzt noch schleicht!

Nein, sollt mit freiem Fuße

ihn treten, Gott zum Gruße!

Denn jetzt ist es erreicht!

 

Und der es einst vollbrachte,

an seinem Kreuz verschmachte,

wert, daß man ihn vergißt.

Ich tret' an seine Stelle,

die Hölle ist die Helle!

Ich bin der Antichrist.

 

Dank steigt von allen Dächern,

daß jener zwischen Schachern

nun auch sein Spiel vollbracht.

Sein bißchen Blut, verronnen

ist's kläglich an den Tonnen

der unverbrauchten Macht!

 

Die Liebe ist gelindert!

Sie hat es nicht verhindert,

was nun zum Glück geschah.

So hört, ihr wahrhaft Frommen,

das Heil ist doch gekommen,

der Antichrist ist nah!

 

Die nie besiegte Rache

half der gerechten Sache,

ich war ihr gutes Schwert!

Sie zogen blank vom Leder

dank meiner guten Feder.

Die Macht nur ist der Wert!

 

Aus diesem großen Ringen

mit vielen Silberlingen

gehn siegreich wir hervor.

So schließen sich zum Ringe

die altgedachten Dinge.

Das Kreuz den Krieg verlor!

 

Und die gekreuzigt hatten,

wir treten aus dem Schatten

mit gutem Judaslohn!

Mich schickt ein andrer Vater!

Von seinem Schmerztheater

tritt ab der Menschensohn.

 

Er weicht dem guten Bösen.

Er wollt' die Welt erlösen;

sie ist von ihm erlöst.

Damit sie ohne Reue,

was sie erlöst hat, freue

und für den Himmel tröst'!

 

Der Haß mußt' sich empören.

Um nimmer aufzuhören,

war Liebe nicht gemacht.

Dank dieser Weltverheerung

gilt eine ewige Währung,

zu der der Teufel lacht!

 

Geht auch die Welt auf Krücken,

der Fortschritt mußte glücken,

ging aufs Geschäft er aus.

Was Gott nicht will, gelingt doch,

der Teufel selber hinkt doch

und macht sich nichts daraus.

 

Mit invalider Ferse

geht dennoch er zur Börse

und treibt den Preis hinauf.

Dort ist's gottlob nicht heilig,

der Teufel hat's nicht eilig

und läßt der Welt den Lauf.

 

Ich bin sein erster Faktor,

ich bin des Worts Redaktor,

das an dem Ende steht.

Ich kann die Seelen packen

und trete auf den Nacken

von aller Majestät!

 

Ich züchtige die Geister.

Drum zollet eurem Meister

den schuldigen Tribut.

Nach diesen großen Taten

auf größern Inseraten

die neue Macht beruht.

 

Das Leben abzutasten

mit unbeirrtem Hasten,

seid, Brüder, mir bereit.

Versteht der Zukunft Zeichen,

tastet noch ab die Leichen,

in Ziffern spricht die Zeit!

 

Laßt keine Werte liegen,

die dann die andern kriegen,

macht eure Sache ganz!

Tragt ein in die Annalen

die intressantern Zahlen

und macht mir Blutbilanz!

 

Der alte Pakt zerreiße!

So wahr ich Moriz heiße,

der Wurf ist uns geglückt!

Weil jener andre Hirte

sich ganz gewaltig irrte!

Ich heiße Benedikt!

 

Ich bin gottlob verwandt nicht,

die andere Welt sie ahnt nicht,

daß ich ein andrer Papst.

Denn alle an mich glauben,

die wuchern und die rauben

und die im Krieg gegrapst.

 

Die Frechen und die Feigen

vor meinem Thron sich neigen,

denn nun erst gilt das Geld.

Daß nie der Zauber weiche

von diesem meinem Reiche!

Es ist von dieser Welt!

 

Ging' es nicht über Leichen,

die dicken, schweren Reichen

das Reich erreichten nie.

Steht auch die Welt in Flammen,

wir finden uns zusammen

durch schwärzliche Magie!

 

Durch die geheime Finte

zum Treubund rief die Tinte

die Technik und den Tod.

Mögt nie den Dank vergessen

den Blut- und Druckerpressen.

Ihr habt es schwarz auf rot!

 

Ich traf mit Druckerschwärze

den Erzfeind in das Herze!

Und weil es ihm geschah,

sollt ihr den Nächsten hassen,

um Judaslohn verlassen –

der Antichrist ist da!

 

Walzer der Hyänen um die Leichen.

 

Die Hyänen

So sei's! So sei's!

Wir treten mit Mut.

Wir treten nicht leis.

Wir trinken das Blut!

 

Wir treten mit Mut.

Wir trinken es heiß.

Wir treiben das Blut.

Wir treiben den Preis!

 

Vergossen, vergessen,

genossen, gegessen,

wir prassen und pressen,

wir treiben den Preis!

 

So sei's! So sei's!

Wir treiben es mit Mut.

Die Schlacht war heiß.

Wir pressen das Blut!

 

Nicht sinke der Mut.

Wir bleiben im Kreis.

Wir treiben das Blut.

Nicht sinke der Preis!

 

Vergossen, vergessen,

genossen, gegessen,

wir fressen und pressen,

wir treiben den Preis!

 

Wir treten und treiben

und trinken das Blut.

Wir pressen es gut!

 

Wir treten und treiben

und trinken es heiß.

Wir treiben den Preis!

 

Schlaft gut, schlaft gut!

Wir treten nicht leis.

Eia popeia!

So sei's! So sei's!

 

Die Hyänen lagern sich über die Leichen.

Drei gelegentliche Mitarbeiter erscheinen.

 

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Quelle: www.textlog.de

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