Abenteuer der Arbeit


Was leicht mir in den Schoß fiel,

wie schwer muß ich's erwerben,

bang vor des Worts Verderben.

O daß mir dieses Los fiel!

 

Zuerst war's in der Hand mir,

dann wollt' es sich entfernen,

da mußt' ich suchen lernen;

es schwindelt der Verstand mir.

 

Das Wort hier ist ein Zunder

für das an jener Stelle.

Gleich brennt die ganze Hölle.

Das Wort ist mir ein Wunder.

 

Wie öffnet es die Lider,

die sonst geschlossen waren.

Hier gibt es nur Gefahren.

Ich kenn' das Wort nicht wieder.

 

Tausch' ich es, wird's mich täuschen.

Wie es sich an mich klettet,

seitdem ich es gerettet

aus vielfachen Geräuschen.

 

Das was mir einfiel, hat mich,

der ich's nie haben werde,

ich steh' auf schwanker Erde

und setze selber matt mich.

 

Ich wähl' im Zweifelsfalle

von zweien Wegen beide.

Ich röste mich am Leide,

bin in der Teufelsfalle.

 

Ein unerschrockner Tadler

will ich mir nichts erlauben,

als aus dem reinsten Glauben

zu spielen Kopf und Adler.

 

Und wenn der Kopf aufs Wort kam,

der Adler fällt getroffen –

so blieb der Zweifel offen,

ich weiß nicht, wie ich fortkam.

 

Wer mit dem Geist verwandt ist,

in Bildern und in Schemen

die Welt beim Wort zu nehmen –

beim Himmel kein Pedant ist!

 

In sprachzerfallnen Zeiten

im sichern Satzbau wohnen:

dies letzte Glück bestreiten

noch Interpunktionen.

 

Wie sie zu rasch sich rühren,

wie sie ins Wort mir zanken –

ein Strich durch den Gedanken

wird mich ins Chaos führen;

 

obgleich ein Strichpunkt riefe,

dem Komma nicht zu trauen:

ein Doppelpunkt läßt schauen

in eines Abgrunds Tiefe!

 

Dort droht ein Ausrufzeichen

wie von dem jüngsten Tage.

Und vor ihm kniet die Frage:

Läßt es sich nicht erweichen?

 

Wie ich es nimmer wage,

und wie ich's immer wende,

ein Werk ist nie zu Ende –

am Ausgang steht die Frage.

 

Und eh' mein Herz verzage,

den Ausgang zu erreichen,

setz' heimlich ich ein Zeichen –

dem Zeichen folgt die Frage.

 

Es zündet immer weiter

der Blitz, der mich zerrissen.

Mein eignes besseres Wissen

will Antwort vom Begleiter.

 

Mit angstverbrannter Miene

stock' ich vor jeder Wendung,

entreiß' mich der Vollendung

durch eine Druckmaschine.

 

Wie schön ist es gewesen,

am Wege waren Wonnen.

Was heimlich süß begonnen,

nun werden's Leute lesen.

 

O Glück im Wortverstecke

des unerlösten Denkens,

Versagens und sich Schenkens –

was bog dort um die Ecke?

 

Noch nicht erseh'n, ersehn' ich's.

Vorweltlich Anverwandtes,

eh' ich's gesetzt hab', stand es,

und nun mir selbst entlehn' ich's.

 

Entzückung fand der Gaffer

am tausendmal Geschauten.

Aus tagverlornen Lauten

erlöst er die Metapher.

 

Im Hin- und Wiederfluten

der holden Sprachfiguren

folgt er verbotnen Spuren

posthumer Liebesgluten.

 

In Hasses Welterbarmung

verschränkt sich Geist und Sache

zu weltverhurter Sprache

chiastischer Umarmung.

 

Wer sprechen kann, der lache

und spreche von den Dingen.

Mir wird es nie gelingen,

sie bringen mich zur Sprache.

 

Das Wort trieb mit den Winden

und spielt mit Wahngestalten.

Im Wortspiel sind enthalten

Gedanken, die mich finden.

 

Wenn ich so weiter fortspiel',

vor solchem kühnen Zaudern

wird es die Nachwelt schaudern.

Denn alles war im Wortspiel.

 

Dem ewigen Erneuern,

zum Urbild zu gelangen,

entrinn' ich nur, gefangen

in neuen Abenteuern.

 

Durch jedes Tonfalls Fessel

gehemmt aus freien Stücken,

erlebt sich das Entrücken

auf einem Schreibtischsessel.

 

Was leicht mir in den Schoß fiel,

wie schwer muß ich's erwerben,

bang vor des Worts Verderben.

O daß mir dieses Los fiel!


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