Tod und Tango


Zwei Tänzer, er und sie, doch wollte sie

mit ihm nicht mehr, nur mit dem andern tanzen.

Er nur mit ihr, und da sie ihm entsprang,

holt' er sie ein und trieb sie um den Tisch

im Tanz. Und so nahm er sie um die Taille,

und kam zu nah und drückte sie zu Tode.

Und blieb am Leben, als er selbst sich traf

und ward für den verbotnen Tanz verhaftet.

Die Presse fand den Fall sehr intressant,

galant, pikant, charmant, nicht larmoyant,

doch weil es einer von den ihren war,

mit ihr verwandt, Geschworne sind imstand,

fand sie den Fall im höchsten Maß genant.

Er war vom Bankverein und lebenslustig;

wie schade, hieß es, daß der Trennungsschmerz

ihn übermannt, er war nicht bei Verstand,

er hatte Grund, sie waren stadtbekannt,

wer hätt' es am Concordiaball geahnt,

u.a. genannt, in jedem Tanz gewandt,

was will man mehr, ein bißl überspannt,

sonst tanzten sie noch heut und jetzt verliere

die Wiener Creme und ausgerechnet jetzt

die besten Tänzer, in der Hochsaison.

In dieser Tonart schrieben sie, nicht fassend,

ein Bankbeamter solle Mörder sein

und wenn schon, wegen Mords verurteilt werden.

Der Angeklagte soll in seine Bank,

nicht auf die Bank des Angeklagten kommen!

Mord ist kein standesmäßiges Delikt;

steckt die Behörde solchen Mörder ein,

ist sie imstand und faßt auch die Betrüger!

Dies tut sie nicht und jenes tu' sie nicht.

Ein Bankbeamter, der gemordet hat,

ist nicht bei Sinnen. Im Moment der Tat

war er meschugge, damals wenigstens.

Der Bankverein war gleichfalls dieser Ansicht

und die Psychiater schlössen sich ihm an.

Und in die Zelle kam die frohe Botschaft,

der Bankbeamte werde nur beurlaubt,

nicht pensioniert und habe Anspruch auf

Gehaltserhöhung, denn dem Institut

sei er jetzt unentbehrlich und darum

ernenne es ihn gleich zum Prokuristen.

Die Psychiater waren auch der Ansicht.

Es sei kein Zweifel, daß der Prokurist

sinnesverwirrt war im Moment der Tat,

so daß der Sinnsverwirrte glauben konnte,

er sei schon, was er damals noch nicht war,

er sei im Tatmoment befördert worden,

kein Mörder in der Tat, doch im Moment

ein Prokurist. So ward er im Moment

der Tat, noch eh er ihrer angeklagt,

schon freigesprochen, daß er gar nicht wußte

wie ihm geschah, und er verwirrt im Sinn,

ganz Prokurist, an seine Arbeit ging

und anfangs seine Bank, die zu ihm hielt,

für jene andre, die ihm drohte, hielt,

und über beide Bänke sprang und tanzte,

wie er gewohnt es war von Kindesbeinen.

Doch kam es so, wie es die Psychiater

mit kundigem Blick erkannt: Die Sinnsverwirrung

war nur vorübergehend, ganz normal

verlief hierauf die weitere Entwicklung.

In dieser Stadt, in der die besten Grüßer

die besten Bürger sind, die besten Tänzer

jedoch die Helden, hier macht nichts unmöglich.

Der Freispruch ist nichts anderes als der Mord:

Tourunterhaltung und Friseurgespräch,

das der Betroffene gleich selber führt,

und sitzt das Messer ihm noch an der Kehle,

so ist es vom Barbier, und überstand er's,

zieht ihm die Neugier ein Triumphspalier,

durch das er in ein anderes Café geht.

Doch geht er, wenn er will, auch in das alte,

weil man sich gar nicht zu genieren braucht.

Und wird mit höherem Gehalt und Ansehn

das, was er war, ein Liebling der Gesellschaft,

und geht bei Tag ins Amt, bei Nacht zum Tanz.

In diesem Tanz der sittlichen Instanzen,

bei dem die alte Gardedame Themis

darum besorgt war, daß die liebe Jugend

nicht sitzen blieb, sondern im Gegenteil

das Tanzrecht sich eroberte, war alles

all right, korrekt und ging so wie am Schnürchen,

das selbstverständlich nicht des Henkers war.

Die Psychiater waren sachverständig.

Wenn sie auch keine Spielverderber sind,

war's ihnen dennoch ernst mit ihrem Ausspruch.

Von Protektion kann keine Rede sein,

denn dieser Angeklagte war kein Jud.

Er war das Taufkind eines höhern Richters.

Doch dies Gerücht bekümmert kein Gericht;

und wenn es wahr ist, umso wichtiger war es,

den Fall vor der Verhandlung abzuschließen.

Denn eh man zuläßt, daß die zwölf Geschwornen

den Ehmann, der die Frau erschossen hat,

freisprechen, spricht man lieber gleich ihn frei.

Geschworne sind imstand und sprechen frei.

Sie sprechen gern den Mann, der eine Frau,

sei's wegen Eifersucht, sei's wegen Habsucht,

sei es in Wien, sei es in Leitmeritz,

ermordet hat, von Straf und Skrupel frei.

Nur wenn ein Doppelselbstmord fehlgegangen,

dann schicken sie den Elenden zum Galgen;

doch wenn es dem Gesellen eines Schlossers

gelungen ist, die glüh'nde Eisenstange

dem lang gequälten Lehrling in den Bauch

zu stoßen, sprechen die Geschwornen frei.

Solch sprunghaft Ungewisser Volksjustiz,

die heute so und morgen anders urteilt,

entzieht man besser einen bessern Menschen

und lieber früher als später stellt man fest,

daß ihm der Sinn verwirrt war, als er's tat.

Wie aber? Ist mir nicht der Sinn verwirrt?

Was seh ich? Eine zitternde Matrone

zum Tod verurteilt wegen Hysterie?

Im Klimakterium tötet sie den Mann,

der sie verließ, sie rächt den letzten Wunsch

nach einer Mitlust, die nur Mitleid ist,

nicht ihr Verstand, ihr Schoß schoß auf den Mann

und die Psychiater wissen es und sagen,

sie sei trotz alledem verantwortlich?

Zwar im Affekt, doch auch aus Eitelkeit

hat sie die Tat verübt und ihre Schuld

sei nur der übertriebene Egoismus? –

Ihr Götter, wenn ihr Mitleid mit ihr habt,

mit Themis, eurer welk gewordenen Schwester,

so schützt sie, duldet nicht, daß sie den Henkern

zum Opfer falle, die so blind wie sie!

Seht hin, o seht, wer für dieselbe Tat

zum Tod verurteilt, wer befördert wird.

Seht dieses Jammerbild der greisen Wollust,

seht, wie der Tod den Lebemann verschont.

Seht dort die Mutter und die jüngere Tochter,

sinnesverwirrt seit dem Moment der Tat,

von der das Blut nicht aus dem Zimmer schwindet,

jetzt angstvoll auf die Türe, ob nicht wieder

der Mann mit dem Revolver komme, starren.

Er tut nichts Böses mehr. Wie geht es ihm?

Was macht er nun? Begeht den Tag der Tat,

den Jahrestag der Frau, die er verloren?

Sie tanzten beide, eines ist gestorben.

Fastet er einmal? Oder tanzt zur Trauer?

Warum nicht, recht hat er, ein junger Mann,

sagt die Gesellschaft, soll sich amüsieren.

Er schlägt die Zeit jetzt tot, was bleibt ihm übrig,

da er doch seine Gattin nicht mehr hat?

Sie starb am Tanze, er ist lebenslustig.

Genug lang saß er, während rings die Welt

im alten Tanz sich drehte, und den neuen,

den Tango, in der Zwischenzeit erfand.

Soll solch ein Tänzer ihr verloren sein?

Er kam zurecht, er holte alles ein,

er ist auf freiem Fuß, er schwingt das Bein,

geht in die Bank und von der Bank zur Bar.

Wo ist die Tänzerin? 's ist bald ein Jahr,

da fiel sie hin, da lag sie auf der Bahr.

Und er tanzt weiter, Menschen sehen zu,

das Sinnverwirrende läßt ihnen Ruh.

Wer ist es? Wer? Wer betet dort? Wer lebt?

Wer tanzt dort mit dem Knie? Wer springt und schwebt?

O unerhörte Möglichkeit der Welt,

die nicht dem Chaos in die Arme fällt,

die so ermüdet, weiter dazu singt

und so erschüttert, nicht in Splitter springt!

Unschuldig ist der Tänzer, schuld die Zeit,

nicht zu vergehn bei solcher Lustbarkeit!

Die Nacht entflieht vor solchem Solotanz,

doch wird es Tag und solch ein Tag bleibt ganz.

Und er hat Stunden. Keine aber weckt

das Leben zum Gebet und keine schreckt

die Sünde, keine mahnt und keine klagt

und keine dumpf ihr vivos voco sagt

und keine Glocke weint ihr mortuos plango.

Das Leben starb. Die Mörder tanzen Tango.


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