VII. Länder und Leute


Ich setze meine Feder an den österreichischen Leichnam, weil ich immer noch glaube, daß er Leben atmet.

 

Preußen: Freizügigkeit mit Maulkorb. Österreich: Isolierzelle, in der man schreien darf.

 

Ich kenne eine Bureaukratie, die auf Eingebungen weniger hält als auf Eingaben.

 

Die österreichischen Nationalitäten vereinigen sich zu einer Huldigung und streiten um den Vorrang beim Huldigen.

 

In Deutschland bilden zwei einen Verein. Stirbt der eine, so erhebt sich der andere zum Zeichen der Trauer von seinem Platze.

 

Ich sah bei strömendem Regen einen Spritzwagen durch die Straßen ziehen. Wozu die Spritze, da es doch ohnedies regnet? fragte ich. Weil vorn die Staubwalze geht, bekam ich zur Antwort.

 

Die Polizei sieht scharf darauf, daß sich nur das Alter und die Häßlichkeit dem Laster ergeben. In ein Bordell wird nur jene aufgenommen, deren Verdorbenheit noch aus einer früheren Polizeiära datiert und deren Tugend etwa mit den Linienwällen fiel. Es muß eine Emeretrix sein ... Die Invaliden singen: Uns hab'ns g'halten!

 

O über die gemeine Geschäftsmäßigkeit der Berliner Prostitution! Der Wiener ist gewöhnt, für zwei Gulden seelische Hingabe und das Gefühl des Alleinbesitzes zu verlangen.

 

Eine Stadt, in der die Männer von der Jungfrau, die es nicht mehr ist, den Ausdruck gebrauchen, sie habe »es hergegeben«, verdient dem Erdboden gleichgemacht zu werden.

 

Man fühlt sich von einer dämonischen Macht getrieben, allen denen, die gröhlend versichern, daß das »Drahn« ihr Leben sei, dieses zu nehmen.

 

Stimmung der Wiener: das ewige Stimmen eines Orchesters.

 

Die Küche: Gemüse und Gehirne mit Mehl zubereitet.

 

Um Verwechslungen vorzubeugen, unterscheidet der Wiener: »ißt« und »is«.

 

Man liest manchmal, daß eine Stadt soundsoviel hunderttausend »Seelen« hat, aber es klingt übertrieben. Aus demselben Grunde müßte auch mit dem System der Volkszählung nach »Köpfen« endlich gebrochen werden. Man wäre aber gegen die Statistik der Millionenziffern nicht mehr mißtrauisch, wenn ein anderer Körperteil als Einheit bei der Volkszählung verwendet würde. Niemand könnte mehr sagen, daß eine solche Schätzung — zum Beispiel bei einer Großstadt wie Wien — übertrieben sei. Die Aufnahme und Abgabe der Nahrung sind fraglos die wichtigsten Interessen, die das geistige Leben einer Bevölkerung bestimmen können. Traurig ist nur, daß sie selbst das, was ihr das Wichtigste ist, so schlecht beherrscht. Die Kultur dieser Lebensbetätigung schreitet durchaus nicht vorwärts, und wenn es auch ein Vorzug ist, ein starker Esser zu sein, so ist es doch keiner, ein lauter Esser zu sein und sich so zu gebärden, daß man die Geräusche der Behaglichkeit bis ins Ausland hört.

 

Wo tue ich das Gesicht nur hin? Man sinnt und sinnt und kommt nicht darauf. Aber es kann auch einer sein, den man bestimmt zum erstenmal getroffen hat. Endlich hat man ihn. Was für eine Art Mensch ist es? Er erzeugt Schuhe, oder seine Uhren sind die besten, oder kauft nur bei ihm Hüte! Ja, schon sein Gesicht, das uns von Plakaten anlächelt, uns gleichsam die versöhnliche Seite der Gasthausrechnungen zeigt, und noch von einer Wiese grüßt, an der uns die Eisenbahn vorbeiführt, — schon sein Gesicht muß als Empfehlung seiner Ware wirken. Das muß ein treuer Uhrmacher sein, ein charmanter Huterer, ein bezaubernder Schuster! Und über allen der Gummi-König! Wer könnte ihm widerstehen? Wer sollte nicht schon im Anblick dieser verläßlichen Züge sich zu einer Probe auf die Unzerreißbarkeit menschlichen Vertrauens haben verführen lassen? Dieses Gesicht, in dem sich Herzlichkeit mit Klugheit paart, ist beinahe die Liebe selbst, jene Liebe, die ausschließlich die Vorsicht zur Mutter der Weisheit macht. Aber es wird zum Gesicht des Voyeurs, das uns bis an heimliche Stätten verfolgt. Und wir möchten uns manchmal doch fragen, ob wir uns das gefallen lassen müssen. Wenn wir nämlich dieses Gesicht als eine jener Hemmungen empfinden sollten, mit denen der erotische Sinn ausnahmsweise nicht fertig wird. Wir möchten uns fragen, ob das Glück, das diese Augen verheißen, nicht ohne diese Augen genossen werden könnte, und ob nicht eine Hochzeitsreise auch ohne die Begleitung des Gummi-König denkbar wäre. Aber eine Geschmackspolizei gibt es nicht, die uns ersparen würde, mit der Ware immer gleich die Erinnerung an den trauten Händler zu beziehen. Und so schlingt sich ein Reigen markanter Persönlichkeiten durch das Leben eines Wiener Tages. Nehmen wir dazu all die bald entsetzten, bald jubelnden Physiognomien, die uns in den Annoncenrubriken tagtäglich versichern, wie trostlos das Leben ohne den Kleider-Gerstl und wie vollkommen es ist, nachdem man ihn gefunden hat, so können wir wohl sagen, daß dieses Wiener Dasein der Abwechslung starker Eindrücke nicht entbehrt.

 

Die populärsten Gesichter in Wien sind die zweier Heurigenwirte. In Überlebensgröße sind sie an jeder Straßenecke plakatiert, und ihr Ruhm hat sicher die Größe des Überlebens. So etwa haben sich die Deutschen die Köpfe von Schiller und Goethe eingeprägt. Aber das österreichische Kulturniveau ist wahrlich ein höheres. Denn zu Schiller und Goethe besteht nur jene dekorative Beziehung, die das Geflunker von Bildung herstellt, während gewiß ein innerer Zusammenhang zwischen den Wienern und ihren Heroen besteht. Großväter werden einst aufhorchenden Enkeln erzählen, daß sie noch den Wolf in Gersthof gesehen haben, und Großmütter werden von der Erinnerung verjüngt sein, daß das Auge Hartwiegers auf ihnen geruht hat.

 

Es ist ganz ausgeschlossen, daß, wie die Dinge heute liegen, ein wiederkehrender Goethe nicht wegen unerlaubter Reversion ausgewiesen würde.

 

An den Italienern habe ich beobachtet, daß sie nicht nur in allen Lebensverrichtungen dem bei canto obliegen, sondern daß auch der Ernst ihres Lebens der Operettenernst ist. Daß sie im Theater bei den Strophen vom Chin-chin-chinaman »bis« rufen, bis dem Sänger die Kehle platzt, würde nichts schaden. Aber auch ihr Leben fließt dahin, wie die Handlung der »Geisha«, und es scheint durchaus so dargestellt, daß die sächsischen Zuschauer es kapieren und ihr Vergnügen daran haben. Ich glaube nicht, daß die Italiener in der Frauenpsychologie über die Erkenntnis: la donna è mobile hinausgekommen sind. Und wagte es einer zu bestreiten, würde gewiß ein anderer entgegnen: eppur si muove!

 

Nie habe ich den Sinn des Wortes: »Mücken seigen und Kameele schlucken« besser erfaßt als in Italien, wo liebevolle Wirte ein Moskitonetz über unsere Betten breiten.

 

Die Hamburger Betten haben eine hohe Kante. Man ist sicher, daß man bei stürmischer See nicht hinausfällt Ein sinnentrückter Brauch, in dem das Volk die Tradition der Kajüte bewahrt. Die Seekrankheit pflanzt sich auf dem Lande durch Tischlergenerationen fort, und nichts ist beim Aufstehen schmerzhafter, als die Erinnerung, daß die Hamburger ein Volk von Seefahrern sind.

 

An dem deutschen Kaffee habe ich eine übertriebene Nachgiebigkeit gegenüber der Milch beobachtet. Er erbleicht, wenn sie nur in seine Nähe kommt. Das könnte auch ein Bild von der Beziehung der Geschlechter in diesem Lande sein.

 

Auf skandinavischen Bahnen heißt es: »Ikke lene sik ud« und in Deutschland: »Nicht sich hinauslehnen!« In Österreich: »Es ist verboten, sich aus dem Fenster hinauszulehnen.« Draußen sagt man: Es ist dein eigener Schade, wenn du's tust, oder: Die Folgen hast du dir selbst zuzuschreiben. Idioten sagt man: Es ist verboten, sich umzubringen. Aus Furcht vor Strafe wird mancher es unterlassen, sich zu töten. Ein wohlverstehender sozialer Geist verbietet, was das Recht des andern kränkt. Ein mißverstehender Individualismus sagt: Was du nicht willst, daß dir geschieht, das darfst du dir auch selbst nicht zufügen. Ich lasse mir's nicht ausreden, daß das Rauchverbot in einem österreichischen Bahncoupé die Warnung vor einer Nikotinvergiftung bedeutet.

 

Drei Stufen der Zivilisation gibt es: Die erste: Wenn in einem Anstandsort überhaupt keine Tafel angebracht ist. Die zweite: Wenn eine Tafel angebracht ist, auf der die Weisung steht, daß die Kleider vor dem Verlassen der Anstalt in Ordnung zu bringen sind. Die dritte: Wenn der Weisung noch die Begründung folgt, daß es aus Schicklichkeitsrücksichten zu geschehen habe. Auf dieser höchsten Stufe der Zivilisation stehen wir.

 

Das Gedränge: Und nachdem das Unglück geschehen war, »fanden sich zahlreiche Neugierige ein, um die Unglücksstätte zu besichtigen«. Und da war das Unglück gegen die Provokationen der Neugierde bereits so abgestumpft, daß es sich mit der stillen Verachtung begnügte.

 

An einem Wintersonntag nachmittags in einem Wiener Kaffeehause, eingepfercht zwischen kartenspielenden Vätern, kreischenden Weibern und witzblattlesenden Kindern, kann man von einem solchen Gefühl der Einsamkeit erfaßt werden, daß man sich nach dem wechselvollen Leben sehnt, das um diese Stunde in der Adventbai herrschen mag.

 

In dieser Stadt gibt es Menschen und Einrichtungen, Kutscher, Wirtshäuser und dergleichen, von denen man nicht versteht, warum sie eigentlich so beliebt sind. Nach einigem Nachdenken kommt man aber darauf, daß sie ihre Beliebtheit ihrer Popularität verdanken.

 

Die Leute, die uns bedienen, sind Sehenswürdigkeiten. Der Kutscher ist eine Individualität, und ich komme nicht vorwärts. Der Kellner hat Rasse und läßt mich deshalb auf das Essen warten. Der Kohlenmann singt vergnügt auf seinem Wagen, und ich friere.

 

Im Gefühlsleben der Kutscher und Dienstmänner schätze ich am höchsten die Dankbarkeit. Ihre Seele hat einen Standplatz und wenn ich an dem vorbeikomme, so wünscht mir noch heute einen guten Tag, wessen ich mich vor zehn Jahren einmal bedient habe. Habe ich das Glück, neben dem Standplatz zu wohnen, so muß ich solche Wünsche öfter im Tag hören und zurückgeben. Sind die Kutscher bei ihren Wagen, so zeigen sie, sooft ich vorübergehe, auf ihre Wagen und erklären mir, daß es Wagen sind. Dies geschieht immer, wenn ich nicht fahren will. Will ich aber fahren, so geschieht es nicht, weil kein Kutscher da ist. Sie dulden dann aber auch nicht, daß ich eine zufällig vorüberfahrende Droschke benütze. Schicke ich mich dazu an, so stürzen sie alle aus dem Wirtshaus zu der verlassenen Wagenburg und geben dem Gefühl der Kränkung in unvergeßlichen Worten Ausdruck. Treffe ich einmal einen bei seinem Gefährt und möchte ich einsteigen, so herrscht er mich mit dem Zuruf an: »Bin b'stöllt!« Ist er ausnahmsweise nicht b'stöllt, so tritt ein Mann mit nackten Füßen dazwischen, öffnet mir die Wagentür und beginnt den Wagen abzuwaschen. Der Kutscher weiß, daß ich Eile habe, und benützt darum die Zeit der Reinigung, um Kaffee zu trinken und von den Kollegen Abschied zu nehmen. Wer weiß wohin die Fahrt geht und was einem zustößt. Aber dann besteigt er den Bock, und nachdem er das Pferd abgedeckt und den Taxameter, wenn ein solcher vorhanden ist, zugedeckt hat, dann wird es Ernst.

 

Nach Ägypten wär's nicht so weit. Aber bis man zum Südbahnhof kommt.

 

Hierzulande gibt es unpünktliche Eisenbahnen, die sich nicht daran gewöhnen können, ihre Verspätungen einzuhalten.

 

Wir Menschen sind immer mehr auf die Maschine angewiesen, und in Wien funktioniert nicht einmal die Maschine. Alles steht, nichts geht. Wird ein neues Restaurant eröffnet, so ist's, als ob es sich um die Erschaffung des ersten Restaurants handelte. Alles steht erwartungsvoll. Aber das Restaurant geht nicht. Nichts geht hier und niemand. Ich habe noch nie einen Berliner stehen sehen. Sonst würde es sich wohl herausstellen, daß sein Materialwert geringer ist als der des Wieners. Dieser aber darf nicht gehen; sonst fiele er um. Alles steht und wartet: Kellner, Fiaker, Regierungen. Alles wartet auf das Ende — wünsch einen schönen Weltuntergang, Euer Gnaden! — und verlangt dafür noch Trinkgeld. Der Ruf unseres Lebens: Wir können warten. Wenn ein Minister fällt, wir können warten. Wenn ein Roß fällt, wir können warten. Wir stehen und sehen aufs Dach, weil ein anderer hinaufsieht. Der Kaffeesieder stellt sich vor unsern Tisch, der Restaurateur, der Direktor, der Geschäftsführer stehen uns mit Grüßen zu Diensten. Eine Hofequipage staut den Verkehr. Wir können aufwarten. Der Berliner geht. Der Wiener steht in allen Lagen. Er geht nicht einmal unter. Ein Kutscher muß die Schreie eines homerischen Helden ausstoßen, um einen Passanten zu warnen, und man merkt, daß die Leute, wenn sie doch einmal gehen müssen, es nicht gelernt haben. Aber wie gesagt, stehen können sie vorzüglich. Gehen — nur mit der Burgmusik und hinter einem Erzherzog. Wien hat lauter »Wahrzeichen« und jeder Wiener fühlt sich als solches; der jüngste Steffel sieht sich gern »stehn«. Das könnte sehr schön sein, sehr stolz, eigenberechtigt. Wenn nämlich ein Goethe stünde. Wenn aber ein Trottel den Weg verstellt, kommt ein Goethe nicht vorwärts.

 

Die Bedingung, unter der hier überhaupt ein soziales Leben zustande kommt, ist die Verpflichtung, außerhalb seiner Privatwohnung nicht nachzudenken. Aber man muß froh sein, daß das Recht auf Körperlichkeit, welches ein ungeregelter Straßenverkehr in jeder Stunde gefährdet, wenigstens theoretisch anerkannt wird. Eine glatte Abwicklung der äußeren Lebensnotwendigkeiten würde es einem ermöglichen, zu sich selbst zu kommen. In einer Stadt, in der die Kutscher »Hüh!« und »Hoh!« brüllen müssen, in der jeder Fußgänger über jedes Fuhrwerk staunt und jedes Fuhrwerk über jeden Fußgänger, ist es ein persönliches Verdienst, mit heilen Gliedmaßen nachhause zu kommen. Im Gewühl der Berliner Friedrichstraße kann ich ungestörter denken als in den bekannten stillen Gassen der Wiener Vorstadt, die jene Literaten lieben, die aus keiner Patrizierfamilie stammen. Wenn die Mühle Lärm macht, kann der Müller schlafen. Und sein Traum ist schöner als die Poesie unserer Wirklichkeit.

 

Jeder Wiener ist eine Sehenswürdigkeit, jeder Berliner ein Verkehrsmittel.

 

Wenn ich den Portier eines Berliner Speisehauses fragte, was die Reliefs und Friese im Stiegenraum bedeuten, so dürfte er mir antworten: »Das dient dazu, um dem Schönheitssinne Rechnung zu tragen.« Wenn ich dort einen Lumpensammler fragte, wen ein Monument vorstellt, so dürfte er mir antworten: »Der Mann hat sich um das Schulwesen verdient jemacht.« Gewiß, das sind Greuel der Zivilisation. Aber ihre Vorteile, die man in Wien genießt, wenn man auf solche Fragen immer nur die Antwort bekommt: »So dampfgscherter Pimpf, wer gibt denn Ihner an Fries ab!« — kriegt man mit der Zeit auch über.

 

Wien und Berlin. Ich brauche Automobildroschken, um schneller zu mir selbst zu kommen. Die Ambrasersammlung habe ich in mir. Vielleicht auch die Kapuzinergruft.

 

Ich halte die glatte Abwicklung der äußeren Lebensnotwendigkeiten für ein tieferes Kulturproblem als den Schutz der Karlskirche. Ich glaube zuversichtlich, daß Karlskirchen nur entstehen können, wenn wir allen innern Besitz, alles Gedankenrecht und alle produktiven Kräfte des Nervenlebens unversehrt erhalten und nicht im Widerstand der Instrumente verbrauchen lassen.

 

Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert. Die Straßen anderer Städte mit Asphalt.

 

Dafür, daß in einem Wiener Restaurant sechs »Speisenträger« mich fragen, ob ich »schon befohlen« habe, und kein einziger gehorcht, dafür, daß sich der Ruf »Zahlen!« echoartig fortpflanzt, ohne erhört zu werden, dafür, daß die Verteilung des Trinkgelds nach Alters-, Verdienst- und Berufskategorien alle anderen Probleme, die mir etwa durch den Kopf gehen könnten, verdrängt, dafür kann die Schönheit des äußeren Burgplatzes nur eine geringe Entschädigung bieten.

 

Das größte Verhängnis des Wiener Lebens ist es, Stammgast zu sein. Man muß sich für Individualitäten interessieren, für die man sich nicht interessieren mag, und wird einer Aufmerksamkeit teilhaftig, die man nicht wünscht. Der einzige Vorteil besteht darin, daß einem bei der Begrüßung sein Name zugerufen wird, den man ja immerhin in diesem Wirrwarr vergessen haben könnte und den sich nun jedenfalls die anderen Stammgäste zuverlässig merken.

 

Zu den ärgsten unserer barbarischen Speisesitten gehört die Zwangswiederholung des Geschmacks einer Speise für das Ansagen bei der Rechnung. Ich bin bereits lebensüberdrüssig und muß dem Kellner noch gestehen, was für ein Fleisch ich gehabt habe.

 

Der Mangel an Individualitäten, die uns vorwärtsbringen, erklärt sich am Ende daraus, daß hier so viele Kutscher Individualitäten sind.

 

Mir wern kan Richter brauchen, um zu entscheiden, daß Wien schöner ist als Berlin. Aber das ist ja gerade das Unglück.

 

Girardi in Berlin? Wir haben einen Bazar nach Berliner Muster aus uns gemacht, in dem für Echtheit kein Platz ist. Darum hat die Echtheit nach Berlin gehen müssen. Dort ist für alles Platz, denn dort bewährt sich ein System, dem wir nicht gewachsen sind. Wir sind ethnographisch interessant geworden und haben die Eigenart unseres Volkstums in die Weltausstellung geschickt. Das dicke Ende werden die letzten Österreicher in Kastans Panoptikum sein.

 

Die unverdiente Schönheit dieser Stadt! Die ihr aber zum sogenannten Ernst der Arbeit zureden, sind so töricht wie ihre Schmeichler und Feuilletonisten. Nicht daß ihre Männer nicht arbeiten, ist beklagenswert, aber daß sie nicht denken. Es ist ja verdienstlich, sich darauf zu verlassen, daß der Himmel blau ist und die Wiese grün. Wer da sagt, davon könne man nicht leben, ist ein Philister. Aber wer sagt, es sei traurig, davon zu leben, wenn man kein Künstler ist, sagt die Wahrheit.

 

Der Zauber alles phantastischen Lebens, alle Märchenschimmer weben um eine Stadt, in der es Taxameter gibt. Ein öder Kasernengeist zwingt uns, täglich einmal anzuerkennen, daß der Prater schön ist.

 

Wenn man an den Denkmälern einer Stadt in einer Automobildroschke vorüberkommt, dann können sie einem nichts anhaben.

 

Hoffnungsvolle Saat der Berliner Geschmacklosigkeit! Sie ist für den Tag gebaut und gibt Gewähr, daß morgen jeder seine Träume erneuere. Phantasie eilt auf Holztreppen empor und taucht unter, wo sie will. Im Menschengewühl kommt man zu sich selbst. Man wird nicht »u.a.« bemerkt, sondern verschwindet u.a. Alle sind Nummern, darum hat jeder die Freiheit, eine Individualität zu sein. Alles geht nach der Uhr, darum kann jeder nach seiner eigenen gehen. Ordnung macht das Leben abenteuerlich. Ein beruhigendes Gefühl der Unsicherheit überkommt dich. Wer unter die Räder gerät, steht mit heilen Gliedern wieder auf. Kein Gaffer trägt's dir nach, wenn du Austern verspeisest. Kellner sprechen wie Staatsmänner und kein Gast beachtet sie. Das Leben geht in einem Hui, man kann es kaum bis zur nächsten Straßenecke verfolgen, und der Augenblick ist schön, weil man zu ihm nicht sagen kann: verweile doch. E.T.A. Hoffmann zieht aus Lutters Weinstube ins Automatenbuffet. Schminke macht das Leben echt. Diese Weiber leben am Tage überhaupt nicht, stellen die notwendigsten Gliedmaßen zusammen, um am Abend eine Toilette ausfüllen zu können; fehlt einmal ein halber Busen, macht's auch nichts. Die Friedrichstraße ist so trostlos, daß sich jeden Moment eine Fata Morgana zeigen kann ... Hierzulande stoßen wir uns an den ein für allemal erschaffenen Wundern der Echtheit die Köpfe blutig.

 

Es ist eine Ungerechtigkeit, Wien immer nur um seiner Fehler willen zu tadeln, da doch auch seine Vorzüge Tadel verdienen. B.‹s Buch aber tadelt Wien gar um der Fehler willen, die bloß die ihm fehlenden Vorzüge sind. Wie doch der Autor das kulturelle Niveau der Wiener hebt, um es anzugreifen! Beklagenswert ist diese falsche Optik eines Tadels, der einem Volk die Vorzüge erst andichten muß, die er ihm verübeln will. Der Autor hat im österreichischen die Lebensanschauung der Illusionen entdeckt und gibt einer Dynastie, die gewiß die treueste Hüterin der Realitäten vorstellt, Schuld daran, daß der Wiener in einer unwirklichen Welt lebt. Die Geschichte habe es »einmal versuchen wollen, ob der Geist allein herrschen kann«, und setzte die Habsburger ein. Sie haben die Welt aus ihrem Geist erschaffen. Und solchen Panegyrikus auf den sublimsten Künstlersinn hat man für illoyal gehalten! Ich aber möchte die verkehrte Betrachtung einer Volkswesenheit, die sich ausschließlich in kleinen Echtheiten erschöpft, nicht dulden. Denn die Wiener Welt ist nicht aus dem Geist, sondern aus dem Rindfleisch erschaffen. An dieser Solidität, die nach dem Kilo mißt, wird alle Phantasie zuschanden, die irgendeine Welt erschaffen könnte. Der schöpferische Geist der Unwirklichkeit, den der Autor entdeckte, hat in der österreichischen Geschichte sichtbar bloß einmal seine Hand im Spiel gehabt. Damals, als es bei der Anlage der Südbahn zwischen Wien und Baden sich herausstellte, daß kein Berg vorhanden war, um den Tunnel zu bauen, den eine Hoheit wünschte, und also der Tunnel gebaut wurde.

 

In Berlin geht man auf Papiermache, in Wien beißt man auf Granit.

 

In Berlin wächst kein Gras. In Wien verdorrt es.

 

Wie hier alles doch den Flug lähmt! Aus Einfliegern werden Einsiedler.


 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 17:43:35 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » 1899-1909 » 1910-1919 » 1920-1929 » 1930-1936