VIII. Stimmungen, Worte


Als die Sonne tagelang mit den Wolken balgte, war's wie der Kampf zwischen dem gelben Panther und dem schwarzen Stier. Der Spannung solchen Schauspiels können die Wahrheiten des Barometers nichts anhaben.

 

Sonnenuntergang, Einsamkeit und drei Kaftans am Strand von Norderney. Wenn die Sonne ins Meer taucht und die Farben ihres Abschieds über den Horizont breitet, mischen sich die drei schwarzen Punkte hinein, als ob sie zum Spektrum gehörten. Die Unveränderlichkeit der Dinge, zweifach veranschaulicht. Welche ist ewiger?

 

Koketterie ist bloß Talent. Aber es gibt Blicke, die nicht sagen, daß sie lieben, nur sich daran sättigen, daß sie geliebt werden. Sie haben so viel Liebe, weil sie so viel Liebe aufzunehmen haben. Der Spaziergänger, der gebannt stehen bleibt, könnte glauben, daß sie ihm gelten; aber sie gelten wahrscheinlich dem Hund, den die Besitzerin in einer dem Hund und dem Passanten unvergeßlichen Attitüde über die Straße trägt.

 

Zwei haben nicht geheiratet: sie leben seit damals in gegenseitiger Witwerschaft.

 

Ihr Gatte erlaubt ihr, Theater zu spielen — die Boheme hätte ihr nicht erlaubt, verheiratet zu sein. Also ist in der Gesellschaft noch immer mehr Freiheit als in der Boheme, die ihre unumstößlichen Normen hat.

 

Eine untrügliche Probe der Dummheit: Ich frage einen Diener, um welche Zeit gestern ein Besuch da war. Er sieht auf seine Uhr und sagt: »Ich weiß nicht, ich hab' nicht auf die Uhr gesehn!«

 

Die Plattform des Humors: Die Passagiere eines Omnibus lächeln, wenn einer beim Aufsteigen ausrutscht. Dieser lächelt, wenn es ihm dennoch gelungen ist.

 

Wer Gehirngymnastik treiben will, versuche das Gespräch einer Tafelrunde, dessen Entfernung von dem ursprünglichen Thema ihm an einem Punkte ein- und auffällt, so schnell wie möglich zu rekonstruieren. Er blättere in diesem Konversationslexikon, und er wird einen Zickzackweg übersehen, an dessen Anfang und Ende Gegenstände sind, die einen an die drollige Beziehungslosigkeit der Aufschriften erinnern mögen: Von Gotik bis Heizanlage und von Newton bis Pazifik.

 

In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

 

Die skurrilste Form, in der sich die Menschenwürde auftut: das empörte Gesicht eines Kellners, wenn man geklopft hat, nachdem man vergebens gerufen hat.

 

Eine Schirmfabrik gibt den öffentlichen Geschmack dem Anblick eines Plakats preis, auf dem Romulus und Remus mit aufgespannten Regenschirmen dargestellt sind. Ich habe oft über diese Symbolik nachgedacht. Immer wieder aber fand ich nur die eine traurige Erklärung: Infolge ungünstiger Witterung ist die Gründung Roms abgesagt.

 

Praterfahrt: Das Pferd hat die Welt vor sich. Dem Kutscher ist die Welt so groß wie ein Pferdehinterer. Dem Kavalier ist die Welt so groß wie der Rücken des Kutschers. Und dem gaffenden Volk, dem ist die Welt nur noch so groß wie das Gesicht des Kavaliers.

 

Was ist das Kraftbewußtsein eines Nero, was ist der Vernichtungsdrang eines Tschingiskhan, was ist die Machtvollkommenheit des Jüngsten Gerichtes gegen das Hochgefühl eines Konzipisten der konskriptionsämtlichen Abteilung des magistratischen Bezirksamtes, der einen wegen Nichtfolgeleistung einer Vorladung zur Anmeldung behufs Veranlagung zur Bemessung der Militärtaxe zu einer Geldstrafe von zwei Kronen verurteilt!

 

Besser, es wird einem nichts gestohlen. Dann hat man wenigstens keine Scherereien mit der Polizei.

 

Die Gewalttätigkeit des Daseins, die Unmotiviertheit aller menschlichen Dinge geht einem nie so deutlich auf, wie wenn man das Malheur hat, in einem Wagen zu sitzen, der halten muß, weil ihn die Burgmusik umbrandet.

 

An dem Gang eines Betrunkenen sah ich deutlich, wie ihm der Sonntag auf dem Genick saß.

 

Ich hatte eine schreckliche Vision: Ich sah ein Konversationslexikon auf einen Polyhistor zugehen und ihn aufschlagen.

 

Welch sonderbarer Aufzug! Sie geht hinter ihm, wie eine Leiche hinter einem Leidtragenden.

 

P.A.‹s Narrheit ist die Weisheit, die genug Humor hat, sich selbst in Frage zu stellen.

 

Die Bohème hat sonderbare Heilige. Ein Eremit, der von Würzen lebt!

 

Emerson: Deutsche Philosophie, die auf dem Transport übers große Wasser etwas davon angezogen hat.

 

Der neue Snob: das Bildnis des Dori Gray.

 

Der Philosoph L. St. aus Ungarn: Kein Führer, aber der »Primas« unter den Denkern. Er wird an den Tisch gerufen und geigt den Leuten das Transzendentale ins Ohr.

 

Kompilatoren sind Wissenschaftlhuber.

 

Weltanschauung ist ein gutes Pferd. Aber es ist immerhin ein Unterschied zwischen einem Reiter und einem Roßtäuscher.

 

Ein Rezensent, der zu den passenden Worten immer ein Urteil findet.

 

Es dürfte kaum einen Schriftsteller geben, der in so kurzer Zeit so unberühmt geworden ist wie dieser X.

 

Nicht jeder, der sich einbildet, ein Brutus zu sein, ist deshalb schon ein Spiegelberg.

 

Er ließ einem Größenwahn, der nicht von ihm ist, die Zügel, die er sich ausgeborgt hatte, schießen.

 

Er war ein Most, der sich absurd gebärdete, ohne es zu sein.

 

Wer immer mit dem Kalb des Andern pflügt, der pflügt schließlich mit dem goldenen.

 

Je größer der Stiefel, desto größer der Absatz.

 

Einer sprach, wie mir der Schnabel gewachsen ist, nahm sich kein Blatt vor meinen Mund und redete über die heikelsten Dinge frisch von meiner Leber weg.

 

Es war die Art des großen Komikers Knaack: Mit Scherz Entsetzen treiben.

 

Er läßt sich seinen Ärger beim Essen durch keinen Appetit verderben.

 

Ein vortrefflicher Pianist; aber sein Spiel muß das Aufstoßen der guten Gesellschaft nach einem Diner übertönen.

 

Ei sieh, der Verwaltungsrat der Kretinose-Aktiengesellschaft und der Direktor der vereinigten Banalitätswerke!

 

Wie doch die Landschaft die körperliche Entwicklung bestimmt! Es gibt Alpengegenden, in denen die Einheimischen einen Kropf und die Zugereisten Plattfüße haben.

 

Die Funktion der Milz muß ähnlich sein wie die der Notare im Staate: notwendig, aber überflüssig.

 

»Würde« ist die konditionale Form von dem, was einer ist.

 

Seine Überzeugung ging ihm über alles, sogar über das Leben. Doch er war opfermutig, und als es dazu kam, gab er gern seine Überzeugung für sein Leben hin.

 

Nachdem er sich in der anarchistischen Partei unmöglich gemacht hatte, blieb ihm nichts mehr übrig als ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu werden und in die Sozialdemokratie einzutreten.

 

Einer sagte, ich hätte versucht, ihn an die Wand zu drücken. Das ist nicht wahr. Es ist mir bloß gelungen.

 

Eine Schreibmaschine hatte einen Schriftsteller, aber sie kam nicht auf die Gestehungskosten.

 

Wes das Herz leer ist, des gehet der Mund über.

 

Mir träumte, es gäbe in Deutschland einen Kämpfer des Geistes, der strich alle s-Laute aus den zusammengesetzten Wörtern. Er sprach von Beleidigungklagen und von Verhandlungterminen, von Gewohnheitverbrechen und von Unzuchtvermittlungversuchen. Die verschmähten s-Laute, die sonst lieb Kind bei der deutschen Zunge waren, beschlossen, sich zu rächen. Und als jener einmal einem alten Manne die geschlechtlichen Verirrungnachweise aus dessen Jünglingtagen vorzählte, da vereinigten sie sich zu einem Zischchorus, wie er in Deutschland noch nicht gehört worden war. Und da gab es keinen Schwichtigunggrund ... Als ich aber erwachte, merkte ich, daß es Zukunftmusik war.

 

Ich kannte einen Helden, der an Siegfried durch die dicke Haut erinnerte und an Achill durch die Beschaffenheit seiner Ferse.

 

Es gibt Leute, die in öffentlichen Lokalen nur deshalb geduldet werden, weil sie nicht bezahlen. Man nennt sie Redakteure.

 

Ein Witzbold: Kopfjucken ist keine Gehirntätigkeit.

 

Er beneidet den Humor des Andern, wie ein junger Grind die alte Krätze.

 

Eine Berührung mit ihm wirkt, wie wenn man Schleim berührte. Seitdem ich das weiß, rühre ich nie mehr Schleim an.

 

Ein skrupelloser Maler, der unter dem Vorwand, eine Frau besitzen zu wollen, sie in sein Atelier lockt und dort malt.

 

Sie ist mit einer Lüge in die Ehe getreten. Sie war eine Jungfrau und hat es ihm nicht gesagt!

 

Ich würde den Tag nicht überleben, an dem ich krank werde, weil ich wählen gehen soll, und meine Freundin rüstig zur Urne schreitet.

 

Wo sie hintrat, wuchs kein Gras, außer jenes, in das sie die Männer beißen ließ.

 

Kann man aus der Büchse der Pandora auch eine Prise Schnupftabak nehmen? Wohl bekomm's, Freund W.!

 

Er war eifersüchtig und sammelte Moose. Er wünschte, daß seine Frau kryptogam lebe.

 

Die Gesellschaftsordnung ist kontrollsexual veranlagt.

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die Monogamie mit Einheirat übersetzt.

 

Unverstandene Frauen gibt es nicht. Sie sind bloß die Folge einer Wortverwechslung, die einem Feministen passierte, indem sie nämlich nicht verstanden, sondern begriffen sein wollen. Es gibt also doch unverstandene Frauen.

 

Der Philister berauscht sich an dem reinen Wein, den er dem Mädchen über seine Vermögensverhältnisse einschenkt.

 

Die Medizin: Geld her und Leben!

 

Er starb, von der Äskulapschlange gebissen.

 

Modernes Symbol: Der Tod mit der Huppe.

 

Die Zeitung ist die Konserve der Zeit.

 

Da ich die Nachrichten der Tagespresse nur so überfliege, geschah es mir, daß ich zwei benachbarte Überschriften durcheinanderwarf: »Besuch Iswolskis in Österreich« und »Raubversuch in einem Trödlerladen«.

 

Einem Zitatenprotz entfuhr der Nekrolog: De mortuis nil admirari.

 

Sire, geben Sie wenigstens bis auf Widerruf freiwillig eröffnete Gedankengänge!

 

Säkularisation: Die Kirche hat einen guten Magen. Trotzdem sollte man ihn von Zeit zu Zeit auspumpen.

 

Wilhelm bei Bismarcks Begräbnis: In Friedrichsruh ward einem ungebetenen Gast der Sargdeckel vor der Nase zugeschlagen.

 

Die Deutschen — das Volk der Richter und Henker.

 

Der Liberalismus kredenzt ein Abspülwasser als Lebenstrank.

 

Bevor man das Leben über sich ergehen läßt, sollte man sich narkotisieren lassen.


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