II. Von der Gesellschaft


Die Hand über die Augen — das ist die einzige Tarnkappe dieser entzauberten Welt. Man sieht zwischen den Fingern alle, die sich nähern wollen, und ist geschützt. Denn sie glauben einem das Nachdenken, wenn man die Hand vorhält. Sonst nicht.

 

Es gibt noch Menschen unter uns, die so aussehen als ob sie eben von der Kreuzigung Christi kämen, und andere, die zu fragen scheinen: Was hat er gesagt? Wieder andere, die es niederschreiben unter dem Titel »Die Vorgänge auf Golgatha«.

 

Welche Plage, dieses Leben in Gesellschaft! Oft ist einer so entgegenkommend, mir ein Feuer anzubieten, und ich muß, um ihm entgegenzukommen, mir eine Zigarette aus der Tasche holen.

 

Ich teile die Leute, die ich nicht grüße, in vier Gruppen ein. Es gibt solche, die ich nicht grüße, um mich nicht zu kompromittieren. Das ist der einfachste Fall. Daneben gibt es solche, die ich nicht grüße, um sie nicht zu kompromittieren. Das erfordert schon eine gewisse Aufmerksamkeit. Dann aber gibt es solche, die ich nicht grüße, um mir bei ihnen nicht zu schaden. Die sind noch schwieriger zu behandeln. Und schließlich gibt es solche, die ich nicht grüße, um mir bei mir nicht zu schaden. Da heißt es besonders aufpassen. Ich habe aber schon eine ziemliche Routine, und in der Art, wie ich nicht grüße, weiß ich jede dieser Nuancen so zum Ausdruck zu bringen, daß keinem ein Unrecht geschieht.

 

Nicht grüßen genügt nicht. Man grüßt auch Leute nicht, die man nicht kennt.

 

Im neuen Leben muß irgendwie ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage begründet sein. Es wäre sonst nicht möglich, daß so häufig ein sokratisches Gespräch von der Frage unterbrochen wird, ob man eine Zahnbürste kaufen wolle.

 

Es empfiehlt sich, Herren, die das Anbot einer Zigarre mit dem Satz beantworten: »Ich sage nicht nein«, sofort totzuschlagen. Es könnte nämlich sonst der Fall eintreten, daß sie auf die Frage, wie ihnen eine Frau gefalle, die Antwort geben: »Ich bin kein Kostverächter«.

 

Es berührt wehmütig zu sehen, wie die individuelle Arbeit überall von der maschinellen verdrängt wird. Nur die Defloratoren gehen noch herum, das Haupt erhoben, von ihrer Unersetzlichkeit überzeugt. Genau so haben vor zwanzig Jahren die Fiaker gesprochen.

 

Vor dem Friseur sind alle gleich. Wer zuerst kommt, hat den Vortritt. Du glaubst, ein Herzog sitze vor dir, und wenn der Mantel fällt, erhebt sich ein Schankbursche.

 

Ein Kellner ist ein Mensch, der einen Frack anhat, ohne daß man es merkt. Hinwieder gibt es Menschen, die man für Kellner hält, sobald sie einen Frack anhaben. Der Frack hat also in keinem Fall einen Wert.

 

Wenn einer sich wie ein Vieh benommen hat, sagt er: Man ist doch auch nur ein Mensch! Wenn er aber wie ein Vieh behandelt wird, sagt er: Man ist doch auch ein Mensch!

 

Ich fand irgendwo die Aufschrift: »Man bittet den Ort so zu verlassen, wie man ihn anzutreffen wünscht«. Wenn doch die Erzieher des Lebens nur halb so eindrucksvoll zu den Menschen sprächen wie die Hotelbesitzer!

 

Mit Leuten, die das Wort »effektiv« gebrauchen, verkehre ich in der Tat nicht.

 

Die bürgerliche Gesellschaft teilt sich in solche, denen der Blinddarm schon herausgenommen wurde, und solche, die nicht einmal so viel haben, um den Franz Josefsorden bestreiten zu können.

 

Eine Zigarre, sagte der Altruist, eine Zigarre, mein Lieber, kann ich Ihnen nicht geben. Aber wenn Sie einmal ein Feuer brauchen, kommen Sie nur zu mir; die meine brennt immer.

 

Vornehme Leute demonstrieren nicht gern. Sobald sie sehen, daß einer eine Gemeinheit begeht, fühlen sie sich wohl mit ihm solidarisch, aber nicht alle haben den Mut, es ihn auch wissen zu lassen.

 

Man konnte mit ihm nichts anfangen, weil er selbst etwas war. Er hatte nicht die Geschicklichkeit, die besser ist als das was man ist, weil sie hereinbringt, was man nicht ist.

 

Einem, den das Leben mit Tücken verfolgen mußte, weil es ihm nicht gewachsen war, machten sie einen Vorwurf aus ihrer Gemeinheit.

 

Es gibt Heuchler, die mit einer unehrlichen Gesinnung prahlen, um unter solchem Schein sie zu besitzen.

 

Man sollte die Wohltätigkeit aus Weltanschauung bekämpfen, nicht aus Geiz.

 

Es gibt Menschen, die es zeitlebens einem Bettler nachtragen, daß sie ihm nichts gegeben haben.

 

Eher verzeiht dir einer die Gemeinheit, die er an dir begangen, als die Wohltat, die er von dir empfangen hat.

 

Ich habe es so oft erlebt, daß einer, der meine Meinung teilte, die größere Hälfte für sich behielt, daß ich jetzt gewitzt bin und den Leuten nur noch Gedanken anbiete.

 

Der Ekel findet mich unerträglich. Aber wir werden erst auseinandergehen, wenn auch ich von ihm genug bekomme.

 

Wann wird diese arg verkannte Stadt das Lob endlich verdienen, das sie erntet? Sie hat sich nie zu einem flotten Müßiggang aufgerafft. Sie müßte mit der Unsitte brechen, daß ihre Leute den ganzen lieben Tag spazieren stehen.

 

In der Kunst schätzen sie hierzulande den Betrieb und im Gasthaus die Persönlichkeit.

 

Es paßt mir nicht länger, unter einer Bevölkerung zu leben, die es weiß, daß ich vor zehn Jahren ein Gemüse bestellt habe, das nicht eingebrannt war, und die noch dazu das Gemüse nicht nach mir, sondern mich nach dem Gemüse benennt.

 

Daß der Österreicher gesessen ist, während der Deutsche auch in diesem Zustand nicht müßig war, sondern gesessen hat, bezeichnet den ganzen Unterschied der Temperamente. Jener kennt höchstens eine Bewegung, nämlich die vom Ruhepunkt zurück führt. Er gibt nicht zu, daß ihm der Zopf hinten hängt, sondern »rückwärts«. Er spricht auf der Straßenbahn eigens von einem »rückwärtigen« Wagen statt von einem hintern; weil er eben gebildet ist und sich für verpflichtet hält, selbst auf die ihm geläufigste Ideenverbindung zu verzichten.

 

In Berlin gehen so viele Leute, daß man keinen trifft. In Wien trifft man so viele Leute, daß keiner geht.

 

Was unbedingt in den Wahnsinn treibt, ist der Prospekt einer Stadt, in der jeder Statist zur Vordergrundfigur wird. Hier kann man durch eine Straße kommen, in der einem ein Straßenkehrer den Weg versperrt, und man hat Zeit, seine Züge zu betrachten, bis er den Besen fortgezogen hat. Nichts ist in dieser Straße als der Straßenkehrer, und er wächst riesengroß und steht vor dem Leben. Oder es kann auch ein Platzagent sein. Man sieht ihn täglich, man macht seine Entwicklung mit, man sagt sich: der wird auch schon grau. Ist es nicht tragisch, daß man in dieser Wartezeit bis zum Tod der Banalität noch zusehen muß, wie sie lebt? Hier hat die Komparserie den Dialog übernommen. Kaviarköpfe bekommen ein Antlitz, sind unterscheidbar und drohen den Esser zu verschlingen. Ganz unperspektivisch ist das Leben dieser Stadt gezeichnet, und ihre Figuren sind wie die eines schlechten Witzblattes. Sie stehen, wo sie gehen sollten. Sie gehen, um ihre Stiefel zu zeigen. Die Pferde hängen mit gestreckten Vorderbeinen in der Luft. Einer erzählt lachend einen Witz und wird das Maul nie mehr zumachen. Ein Blumenweib steht zwischen der Unterhaltung. Ein Kutscher weist auf sein Gefährt und hofft durch die Versicherung, daß er einen Fiaker habe, den Passanten schließlich dazuzubringen, sich selbst davon zu überzeugen. Der junge Pollak ist heute schlecht rasiert.

 

Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, an der Wiege des Ruhmes stehen, der den Namen eines Gratulanten, eines Kondolenten, eines Anwesenden, eines Abwesenden durch die Welt trägt. Unser Hirn wehrt sich nicht mehr gegen diese fürchterliche Nomenklatur, die der lokale Teil der Zeitungen bedeutet, und schließlich nehmen wir die Grundlosigkeit einer Popularität für jene Tiefe, zu deren Grund man nicht mehr findet. Wien ist der Boden der Persönlichkeiten, die ihre Beliebtheit ihrer Popularität verdanken. Mit einem frohgemuten »Wir kennen uns ja eh'« stellen sie sich uns vor, und es braucht lange Zeit, bis es unsereinem gelingt, sie verkennen zu lernen.

 

Ich würde nicht klagen, wenn man mir das Trinkgeld »abknöpfte«. Peinlich ist nur, daß ich es aus der Tasche holen muß, wenn's regnet, wenn ich nachdenke oder wenn sonst etwas geschieht, was den Werken der Nächstenliebe nicht förderlich ist.

 

Ich habe einen Gedanken gefunden, aber ich muß sieben Kreuzer suchen. Ich verliere den Gedanken, aber ich finde sieben Kreuzer. Schon ist wieder der Gedanke in der Nähe; ich muß ihn nur suchen. Die Amtsperson wartet: ich muß einen Kreuzer suchen. Ich habe ihn schon. Nein, es ist ein Knopf. Teilnehmend steht das Volk. Da ist er wieder weg, der Gedanke. Die Amtsperson ist noch da. Ich soll ihr einen Kreuzer geben, aber ich habe nur einen Gulden. Mein Rock ist offen, das Wetter ist naßkalt, ich stehe in der Zugluft. Ich werde Influenza bekommen und nichts arbeiten können. Ich muß überlegen: soll ich wechseln lassen oder mich konzentrieren? Wenn ich wechseln lasse, so weiß ich, wie das sein wird. Eine schmutzige Hand hält mir die meine, drückt mir das Kupfergeld hinein und streut dann Nickel darüber. Ich schließe den Rock. Jetzt wird gleich der Gedanke wieder da sein. Die Amtsperson wendet sich geringschätzig und tutet. Jetzt ist er weg, der Gedanke.

 

Der Wiener erkannte, daß der Wagentürlaufmacher zwecklos sei. Da erfand er Klinken, mit denen man nicht öffnen kann.

 

Mir träumte, daß ich fürs Vaterland gestorben war. Und schon war ein Sargtürlaufmacher da, der die Hand hinhielt.

 

Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.

 

Der Übel größtes ist der Zwang, an die äußern Dinge des Lebens, die der inneren Kraft dienen sollen, eben diese zu verplempern.

 

Wien: Der Aristokrat ißt Austern, das Volk schaut zu. Berlin: Das Volk schaut nicht zu, wenn der Aristokrat Austern ißt. Aber für alle Fälle, damit dem Aristokraten jede Belästigung erspart und das Volk abgelenkt sei, ißt es auch Austern. Das ist die Demokratie, die ich mitmache.

 

Menschen, Menschen san mer alle — ist keine Entschuldigung, sondern eine Anmaßung.

 

Ein Volk, welches das Lied: »Schackerl, Schackerl, trau di not« singt, hat recht. Das ist in der Tat unheimlich.

 

Als das Pferd auf das Trottoir ging, sagte der Kutscher: »Jung is er halt, er muaß no lernen«. Aber nicht an mir, sagte ich! Als das Pferd auf das Trottoir ging, sagte der Kutscher: »Er is halt scho blind«. Ich möchte nur einmal im Leben an das rechte Pferd geraten!

 

Ich bin bescheiden, ich weiß, mein Leben durchzieht nur die Frage: Fahrn mer Euer Gnaden? Aber es kommt auf die Geistesgegenwart an, mit der ich immer eine neue Antwort finde.

 

Manchmal spüre auch ich etwas wie eine Ahnung von Menschenliebe. Die Sonne lacht, die Welt ist wieder jung, und wenn mich heut einer um Feuer bitten tat, ich bin imstand, ich weiß nicht, ich ließet mich nicht lang bitten, und geberts ihm!

 

Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, daß man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.

 

Die Woche lang mag man sich vor der Welt verschließen, aber es gibt ein penetrantes Sonntagsgefühl, dem man sich in einem Kellerloch, auf einer Bergspitze, ja selbst in einem Lift nicht entziehen kann.

 

In Österreich lebt sichs wie in der Verwandtschaft. Sie glauben nicht an das Talent, mit dem sie aufgewachsen sind. Im Österreicher ist ein unzerstörbarer Hang, den für klein zu halten, den man noch gekannt hat, wie er so klein war. Was kann an einem dran sein, den ich persönlich kenne? denkt der Österreicher. Er hätte recht, wenn er nicht eins übersähe, das freilich so gering ist, daß es sich leicht übersehen läßt: den geringen Gebrauch, den der Andere von der Bekanntschaft macht.

 

In Wien werden die Kinder gepäppelt und die Männer gepeinigt.

 

Eher gewöhnt sich ein Landpferd an ein Automobil, als ein Passant der Ringstraße an mich. Es sind schon viele Unglücksfälle durch Scheuwerden vorgekommen.

 

Blind durch den Kosmos verschlagen, wüßte ich doch sogleich, wo ich stehe, wenn man mir die Aufschrift entgegenhielte: Dreißigjähriges Jubiläum des Hühneraugenoperateurs im Dianabad.

 

»Geh'ns, seins net fad!« sagt der Wiener zu jedem, der sich in seiner Gesellschaft langweilt.

 

Jetzt hab ich den Unterschied: In andern Städten muß man im Wagen sitzen, um ans Ziel zu gelangen. In Wien hat man das Ziel, im Wagen zu sitzen. Es kommt aber auch nicht einmal darauf an, zu fahren, sondern vielmehr zu zeigen, daß man ein Herz fürs Lohnfuhrwerk hat.

 

Restaurants sind Gelegenheiten, wo Wirte grüßen, Gäste bestellen und Kellner essen.

 

Die halbe Zeit vergeht im Widerstand, die halbe mit dem Ärger.

 

Wenn ein Denker mit der Aufstellung eines Ideals beginnt, dann fühlt sich jeder gern getroffen. Ich habe den Untermenschen beschrieben — wer sollte da mitgehen?

 

Ich glaube nicht, daß irgendwann in der Welt eine Fülle schändlicher Taten so viel sittliche Entrüstung ausgelöst hat, wie in der Stadt, in der ich lebe, die Unverkäuflichkeit meines Denkens. Ich sah, wie Menschen, denen ich nie etwas zuleide getan hatte, bei meinem Anblick zerplatzten und sich in die Atome der Weltbanalität auflösten. Das Weib eines Nachtredakteurs bestieg auf einem Bahnhof ein Separatcoupe erster Klasse, sah mich und starb mit einem Fluch auf der Lippe. Und dies, weil ich keine Freikarten auf Bahnen nehme, was doch wahrscheinlich mein geringster Fehler ist. Leute, denen das Blut träger fließt, spucken aus, wenn sie meiner ansichtig werden, und gehen ihrer Wege. Sie alle sind Märtyrer; sie stehen für die allgemeine Sache, sie wissen, daß mein Angriff nicht ihrer Person gilt, sondern ihrer aller Gesamtheit. Es ist der erste Fall, daß diese lahme Gesellschaft, die ihre Knochensplitter in der Binde trägt, sich zu einer Geste aufrafft. Seit Jahrhunderten wurde nicht gespien, wenn ein Schriftsteller vorbeiging. Die Humanität läuft in Messina zusammen, die Dummheit fühlt sich vor der ›Fackel‹ solidarisch. Es gibt keine Klassengegensätze, der nationale Hader schweigt, und der Verein zur Abwehr des Antisemitismus kann beim Sprechen die Hände in den Schoß legen. Ich sitze im Wirtshaus: rechts ein Stammtisch von schlecht angezogenen Leuten, die in der Nase bohren, also offenbar deutschvolkliche Abgeordnete sind; links wilde Männer mit schwarzen Umhängebärten, die so aussehen, als ob der Glaube an den Ritualmord doch eine Spur von Berechtigung hätte, die aber bestimmt bloß Sozialpolitiker sind und nur nach Schächterart das Messer durch den Mund ziehen. Zwei Welten, zwischen denen es scheinbar keine Verständigung gibt. Wotan und Jehova werfen einander feindliche Blicke zu, — aber die Strahlen ihres Hasses treffen sich in meiner Wenigkeit. Daß eine österreichische Regierung noch nicht auf die Idee verfallen ist, mich als ihr Programm zu reklamieren, läßt sich nur aus der prinzipiellen Ratlosigkeit der österreichischen Regierungen erklären.

 

Was mich zum Fluch der Gesellschaft macht, an deren Rain ich lebe, ist die Plötzlichkeit, mit der sich Renommeen, Charaktere, Gehirne vor mir enthüllen, ohne daß ich sie entlarven muß. Jahrelang trägt einer an seiner Bedeutung, bis ich ihn in einem unvorhergesehenen Augenblick entlaste. Ich lasse mich täuschen, solange ich will. Menschen zu »durchschauen« ist nicht meine Sache, und ich stelle mich gar nicht darauf ein. Aber eines Tages greift sich der Nachbar an die Stirn, weiß, wer er ist, und haßt mich. Die Schwäche flieht vor mir und sagt, ich sei unbeständig. Ich lasse die Gemütlichkeit gewähren, weil sie mir nicht schaden kann; einmal, wenns um ein Ja oder Nein geht, wird sie von selbst kaputt. Ich brauche nur irgendwann Recht zu haben, etwas zu tun, was nach Charakter riecht, oder mich sonstwie verdächtig zu machen: und automatisch offenbart sich die Gesinnung. Wenn es wahr ist, daß schlechte Beispiele gute Sitten verderben, so gilt das in noch viel höherem Maße von den guten Beispielen. Jeder, der die Kraft hat, Beispiel zu sein, bringt seine Umgebung aus der Form, und die guten Sitten, die den Lebensinhalt der schlechten Gesellschaft bilden, sind immer in Gefahr, verdorben zu werden. Die Ledernheit läßt sich mein Temperament gefallen, solange es in akademischen Grenzen bleibt; bewähre ich es aber in einer Tat, so wird sie scheu und geht mir durch. Ich halte es viel länger mit der Langweile aus, als sie mit mir. Man sagt, ich sei unduldsam. Das Gegenteil ist der Fall. Ich kann mit den ödesten Leuten verkehren, ohne daß ich es spüre. Ich bin so sehr in jedem Augenblick mit mir selbst beschäftigt, daß mir kein Gespräch etwas anhaben kann. Die Geselligkeit ist für die meisten ein Vollbad, in dem sie mit dem Kopf untertauchen; mir benetzt sie kaum den Fuß. Keine Anekdote, keine Reiseerinnerung, keine Gabe aus dem Schatzkästlein des Wissens, kurz, was die Leute so als den Inbegriff der Unterhaltung verstehen, vermöchte mich in meiner inneren Tätigkeit aufzuhalten. Schöpferische Kraft hat der Impotenz noch allezeit mehr Unbehagen bereitet, als diese ihr. Daraus erklärt sich, daß meine Gesellschaft so vielen Leuten unerträglich wird, und daß sie nur aus einer übel angebrachten Höflichkeit an meiner Seite ausharren. Es wäre mir ein leichtes, solchen, die immerfort angeregt werden müssen, um sich zu unterhalten, entgegenzukommen. So ungebildet ich bin und so wahr ich von Astronomie, Kontrapunkt und Buddhismus weniger verstehe als ein neugeborenes Kind, so wäre ich doch wohl imstande, durch geschickt eingeworfene Fragen ein Interesse zu heucheln und eine oberflächliche Kennerschaft zu bewähren, die den Polyhistor mehr freut als ein Fachwissen, das ihn beschämen könnte. Aber ich, der in seinem ganzen Leben Bedürfnissen, die er nicht als geistfördernd erkennt, noch keinen Schritt entgegen getan hat, erweise mich in solchen Situationen als vollendeten Flegel. Und nicht etwa als Flegel, der gähnt — das wäre menschlich —, nein, als Flegel, der denkt! Dabei verschmähe ich es, von meinen eigenen Gaben dem Darbenden mitzuteilender vor seinen Lesefrüchten Tantalusqualen leidet und in den egyptischen Kornkammern des Wissens verhungern muß. Hartherzig bis zur Versteinerung, mache ich sogar schlechtere Witze als mir einfallen, und verrate nichts von dem, was ich mir so zwischen zwei Kaffeeschlucken in mein Notizbuch schreibe. Einmal, in einem unbewachten Moment, wenn mir gerade nichts einfallen wird und Gefahr besteht, daß die Geselligkeit in mein Gehirn dringt, werde ich mich erschießen.

 

Unsereiner soll weniger auf die Ehre als auf die Perspektive bedacht sein, darf der Beschmutzung nicht das Ansehen feindlicher Berührung geben und hat höchstens das Recht, der Gemeinheit eine Erkenntnis abzugewinnen.

 

Meine Feinde sind seit zehn Jahren auf der Motivensuche. Entweder handle ich so, weil ich das Butterbrot nicht bekam, oder wiewohl ich es bekommen habe. Daß ein Butterbrot mitspielt, darüber herrscht kein Zweifel; nur bleibt zwischen Rachsucht und Undankbarkeit die Wahl. Daß eine Tat nicht aus beiden Motiven zugleich entspringen kann, bereitet meinen Feinden große Unbequemlichkeit. Aber wie gern gebe ich beide auf einmal zu, wenn ich damit nur der niederschmetternden Frage entrinne, die das Wohlwollen an mich richtet: »Sagen Sie mir, ich bitt' Sie, was haben Sie gegen den Benedikt?«

 

Die Welt der Beziehungen, in der ein Gruß stärker ist als ein Glaube und in der man sich des Feindes versichert, wenn man seine Hand erwischt, hält die Abkehr von ihrem System für Berechnung, und wenn sie den Herkules nicht geradezu verachtet, weil er sich und dreitausend Rindern das Leben schwer macht, so forscht sie nach seinen Motiven und fragt: Was haben Sie gegen den Augias?

 

Etwas Wahres ist immer dran. Ich sei, heißt es, einmal Monist gewesen. Ich habe wirklich einmal etwas gegen den Monismus geschrieben. Ich sei, heißt es, nicht in jene Zeitung gekommen, die ich später bekämpft habe. Ich habe wirklich ihren Antrag abgelehnt. Ich soll mich einem Einflußreichen in einem Brief angebiedert haben. Ich habe wirklich einen solchen Brief von ihm bekommen. Kurzum, etwas Wahres ist immer dran.

 

Die Art, wie sich die Leute gegen mich wehren, beweist so sehr die Berechtigung meines Angriffs, daß ich immer bedaure, die Abwehr nicht vorher gekannt zu haben, weil ich sie sonst als stärkstes Motiv in den Angriff einbezogen hätte. Ein Philosoph, den ich als Kommis entlarvt hatte, sagte: »Das tat er nur, weil ich an seiner Zeitschrift nicht mitarbeiten wollte«; als Privatdozent habe er eine solche Zumutung ablehnen müssen. Nun erinnere ich mich zwar nicht, ihn eingeladen zu haben. Tat ich's, so muß es vor seiner Habilitierung gewesen sein, und er wollte dann wohl sagen, mit dem Wunsch, Privatdozent zu werden, habe er ablehnen müssen. Weiß ich so etwas, so beschleunigt es die Erkenntnis und ich nehm's in das Urteil auf. Denn meine Angriffe tragen ihr Motiv an der Stirne. Indem jener mir aber das der Rache unterschiebt, lügt er, um sich einer Gesinnung zu beschuldigen, die schlimmer ist als meine Rache. Und handelt überdies unlogisch, weil die Frage offen bleibt, wie es denn möglich ist, daß ich bei solchem Aufwand an Selbstsucht und Berechnung und bei solchem Vorwand von geistigem Streben nicht längst Privatdozent geworden bin. Wenn ich das wäre, was sie sagen, wäre ich doch längst, was sie sind! Sooft mir also einer, den ich einen schlechten Kerl genannt habe, antwortet, kann ich immer nur bekennen: Daß er ein so schlechter Kerl ist, hätte ich doch nicht gedacht!

 

Mancher, den ich nie kennen gelernt habe, grüßt mich, wobei er hofft, ich würde nach so langer Zeit schon vergessen haben, daß ich ihn nie kennen gelernt habe, und den neuen Bekannten als alten Bekannten zurück grüßen. Nun weiß ich zwar nicht genau, wen ich kenne; aber ich weiß ganz genau, wen ich nicht kenne. Da ist jeder Irrtum ausgeschlossen. Sollte es doch einmal passieren, so erinnert mich rechtzeitig der Gruß, daß ich den Mann nicht kenne, und ich merke mir ihn dann bis ans Ende meiner Tage. Wer ist das, der Sie soeben — fragt ein alter Bekannter. Den kennen Sie nicht? Das ist doch der, der geglaubt hat, daß ich vergessen habe, daß ich ihn nicht kenne!

 

Eine Infamie so ein Gruß. Der Kerl hält mich für einen Erpresser und glaubt, es gehe ihm an den Kragen, wenn er den Hut nicht zieht. Aber noch verletzender als die ethische ist die literarische Wertung, die sich darin ausspricht. Die Leute könnten doch längst beruhigt sein und wissen, daß ich nicht mehr schaden kann; daß ich in das soziale Getriebe nicht mehr eingreife, sondern vom sozialen Getriebe nur nicht belästigt sein will. Wenn ich solch ein Individuum einmal nenne, so geschieht es doch wirklich nur, weil der Name ein Humorelement ist. Das sollte es sich sagen und die etwa eintretende Verstimmung durch eine ostentative Verweigerung des Grußes bekunden. (Das gilt für Schauspieler und kaiserliche Räte. Kellner grüßen aus andern Motiven.)

 

Ich kann mir denken, daß eine häßliche Frau, die in den Spiegel schaut, der Überzeugung ist, das Spiegelbild sei häßlich, nicht sie selbst. So sieht die Gesellschaft ihre Gemeinheit in einem Spiegel und glaubt aus Dummheit, daß ich der gemeine Kerl bin.

 

Das Wiener Leben ist schön. Den ganzen Tag spielt eine Flöte auf mir.

 

Es liegt nahe, für ein Vaterland zu sterben, in welchem man nicht leben kann. Aber da würde ich als Patriot den Selbstmord einer Niederlage vorziehen.

 

Sollte man, bangend in der Schlachtordnung des bürgerlichen Lebens, nicht die Gelegenheit ergreifen und in den Krieg desertieren?

 

Schlechte Kunst und schlechtes Leben beweisen sich an einer gräßlichen Identität. Sie glotzt uns mit der Unbeweglichkeit jener Dilettantereien an, die heute in Witzblatt und Operette so gesucht sind, weil sie die Agnoszierung des Lebens erleichtern. Gesichter, wie erstarrte Mehlspeisen, die immer da sind und in der unabänderlichen Folge von Linzer, Sacher, Pischingertorten, Engländer, Anisscharten und Wienertascherl sich anbieten. Pferde in Karriere, die aus einem Ringelspiel ausgebrochen scheinen. Automobile im rasenden Tempo der Panne. Fußgeher, die keinen Boden unter den Füßen haben. Ballons, die nicht steigen, Steine, die nicht fallen. Ein Leben, welches lebende Bilder stellt und so auf den Photographen vorbereitet ist, daß es sich in der Kunst nicht wiedererkennen würde und nur den Dilettanten, der ihm die Identität koloriert, für den wahren Künstler hält. Und es ist dann auch wahr geworden, daß er die Kultur seiner Zone stärker zum Ausdruck bringt als der Künstler, der ihr Elend in Lust umsetzt. Und so stark ist die Wirkung dieser unmittelbar aus dem Bett in den luftleeren Raum gestellten Menschheit von Hausmeistern, Infanteristen und Magistratsbeamten, daß sie mit der Verdoppelung dieses Lebens auch den Lebensüberdruß verdoppelt.

 

Ich fürchte mich vor den Leibern, die mir erscheinen.

 

Ich kehre spät aus Berlin zurück. Zehnmal bin ich auf dem Anhalter Bahnhof gewesen. Aber wie eine unsichtbare Hand hielt mich immer im letzten Augenblick der Gedanke an den Nordwestbahnhof zurück und an das unentwirrbare Chaos der drei Einspänner. Mit einem von den dreien werde ich es zu tun bekommen, er wird mein Leben drosseln, er bringt mich nicht ans Ziel. Noch geht die Fahrt durch Böhmen, aber dann, wenn ich ankomme, werde ich die Sprache überhaupt nicht mehr verstehen. Ich fühle, daß ich die Furcht vor etwas nach der Ankunft, vor der Taxe mit Zuschlag für Gepäck und für den zweiten Bezirk und weil's ein Bahnhof ist und weil m'r in Wien san, den Übermut der Ämter und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist, nicht ertragen werde. Auch wollte ich die Entwicklung in jenen Ländern, deren historische Bedeutung es ist, ein zuverlässiges Bollwerk gegen die Türkengefahr und den Schauplatz des Kampfes der Statthalterei um den Taxameter zu bilden, abwarten. Inzwischen könnte ja am Wiener Hofe die Friedenspartei gesiegt haben und alles wäre wieder gut ... Das ging mir durch den Kopf, während ich durch die Nacht fuhr. »Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein, der an dem nächsten Morgen mir zuerst entgegenkommt mit einem Liebeszeichen!« Bestimme, Schicksal, mir das erste Wort, das ich auf Wiener Boden höre, zur Parole meiner Lebenslaune! Wenns aber jenes wäre, das ich so oft schon gehört? Ist es unentrinnbar? Ich bin da: ... »Ochtanfuchzigaaa!« »Ah woos, lekmimoasch ...«

 

Alle Geräusche der Zeitlichkeit seien in meinem Stil gefangen. Das mache ihn den Zeitgenossen zum Verdruß. Aber Spätere mögen ihn wie eine Muschel ans Ohr halten, in der ein Ozean von Schlamm musiziert.

 

Vorschläge, um mich dieser Stadt wieder zu gewinnen: Änderung des Dialekts und Verbot der Fortpflanzung.

 

Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 01:42:31 •
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