März 1916



Die Historischen und die Vordringenden


Ein Wort an den Adel

 

Im ungarischen Parlament hat einer, um die sogenannten Bankmagnaten vor Angriffen zu schützen, auf die Verbindung der Magnaten mit den Banken hingewiesen. Das müssen sie sich schon gefallen lassen, daß ihr Wappen, einmal für Tantièmen verkauft, nicht nur als der Schild einer Bankfirma, sondern auch als das Schild der Bankiers seine Dienste tut. Der Graf Tisza aber war wieder der Meinung, daß der Burgfriede zwischen den in Kompagnie getretenen Klassen nicht gestört werden solle, indem auf die von Natur und durch Erziehung gegebenen Gegensätze hingewiesen werde. Sie sollten sich im Gegenteil vertragen und beide voneinander lernen. Denn:

»Die historischen Klassen haben von den jetzt vordringenden neuen Schichten der ungarischen Gesellschaft viel zu lernen, sehr viele Eigenschaften und sehr viele Tugenden haben sie sich von ihnen anzueignen und sehr viele alte Fehler haben sie abzustreifen. Auf anderer Seite aber hat es gegen niemanden eine verletzende Spitze, wenn wir hinzufügen, daß auch die neuen Schichten der ungarischen Gesellschaft bemüht sein müssen, all das in sich aufzusaugen, was die alten Faktoren der Gesellschaft an großen Eigenschaften von ihren Vorfahren ererbt haben ....«

Man kann nicht übersehen, daß der Graf Tisza in etwas kategorischer Form seine Standesgenossen aufgefordert hat, im Verdienen tüchtiger zu werden, während er unter höflichen Entschuldigungen die Geldjuden ersucht hat, sich endlich auch die Manieren der guten Gesellschaft anzueignen. Aber das pädagogische Resultat wird, wenn diese Welt noch ein paar Jahrzehnte so weiter läuft und der Fortschritt der Wegmacher der Entwicklung bleibt, nicht ganz den Erwartungen jenes Liberalismus, der auf eine gute Mischung hinarbeitet, entsprechen, weil aller Wahrscheinlichkeit nach schließlich die historischen Klassen ohne irdische Güter und mit schlechten Manieren, die vordringenden Schichten aber mit zweifachem Besitzstand die Gesellschaft repräsentieren werden. Und wann hätte sich diese Evolution besser absehen lassen als an jenem Zustand einer heillosen Vermengung, der eben der Kriegszustand ist? Daß die Aristokratie entschlossen scheint, auf jede geistige Verpflichtung zugunsten der ihr imponierenden Intelligenz und auf jede sittliche Verantwortung zugunsten der sie umlagernden Krapüle zu verzichten; daß ein ahnungsloses Wetteifern um die Gunst des Auswurfs eingesetzt hat; daß im eklen Gemengsel der Wohltätigkeit der Adel eine Erfrischung erlebt und die Gleichheit im Schützengraben von der Brüderlichkeit im Komitee ergänzt wird; daß Leute froh sind, am Tisch von Leuten einen Platz zu finden, die sie ehedem nicht am Tisch ihrer Leute geduldet hätten, und daß heute der Herr einen Umgang hat, den sein Kammerdiener aus Adelsstolz ablehnen würde — das alles springt aus der großen Zeit und der kleinen Chronik an jedem neuen Tag ins Auge. Sinnfällig kam diese Tendenz zum Rollentausch in der Haltung des Grafen Karolyi zum Ausdruck, der die voreilige und höchst laienhafte Meinung, der Herr Nordau habe mit seinem Umgang im Konzentrationslager renommiert, hinterdrein durch das Bekenntnis enttäuscht hat, er habe sich vor Glück gar nicht fassen können, den Nordau endlich kennen zu lernen, und dessen eigenes Staunen mit der Versicherung beruhigen müssen, es werde noch schöner kommen und die Klassenunterschiede würden völlig schwinden, seitdem man einmal zusammen nicht nur im Interniertenlager, sondern auch im Schützengraben gelegen sei. Man trifft sich längst in Redaktionen, auf Jours, in der Nächstenliebe und bei allen Gelegenheiten, wo ein Gedränge ist, und vielleicht kommt noch die Zeit, wo der Adel sogar noch die höchst unadelige Gesinnung abstreift, die Leute, denen er den Hof macht und überläßt, hinter ihrem Rücken grauslicher zu finden als in ihrem Gesicht. Denn das ist ein Vorurteil. Auch wird er sich nicht lange mehr zu schämen haben, mit Bürgerlichen zu verkehren, denn der künftige Adel nimmt bereits in einer Weise Überhand, daß es bald mehr Ahnherren in der Kärntnerstraße geben wird, als solche, die ihre Ahnherren schon begraben haben. Viele gibt es, die nicht umsonst an Konserven oder Wolldecken verdient haben wollen, nämlich ohne die Aussicht, daß in hundert Jahren ein stolzes Geschlecht undefinierbaren Ursprungs, aber sicher aus der Zeit kriegerischer Verdienste, blühen und gedeihen wird, abhold der Vermischung, unzugänglicher als die fallsüchtige Gesellschaft jener Tage, die dem Ahnherrn keinen Fußtritt gab. Eheschließungen dürften das ihrige dazu tun, mit der Trennung vom Tisch, die so lange ein soziales Hindernis war, aufzuräumen. Denn es geschieht schon häufig, daß hochgeborne Herren die Koryphäen der Ischler Esplanade nicht nur heiraten, sondern sogar mit ihnen nachtmahlen gehen. Jupiter hat seine erotischen Neigungen so sehr als Privatsache betrachtet, daß er sich auch mit einer Königstochter nur im Inkognito eines Stiers abgegeben hat: und konnte dennoch nicht verhindern, daß es in die Mythologie kam. Er zeugte mit ihr zwei Gerichtspräsidenten. Was für eine Generation droht aber heraufzukommen, da die Väter ahnungsloser waren als die Mütter? Die Welt hat sich auf eine verzweifelte Art bewiesen, daß sie noch Blut hat. Jetzt wird es ihr auch nicht mehr darauf ankommen, es zu mischen, und es wird sich zeigen, daß die Vordringenden, deren seit Jahrtausenden frischer Stoßkraft keine Defensive Widerstand leisten konnte, die Sieger dieses kurzen Kriegs waren. Aber hat man ihnen nicht die Schlüssel zu den sozialen Festungen in die Hand gedrückt, als wären es die zu den Ghettos? Gibt es einen Abgrund, aus dem man sie nicht heraufgeholt hat? Eine Strickleiter sozialer Verbindung, die man ihnen nicht gereicht hätte? Kinoschmierer, Operettenlieblinge, Agenten müssen sich den Hochgestellten nicht mehr aufdrängen, sie werden begehrt; und der Parvenü braucht sich nicht mehr anzustrengen, wenn Hoheit ihm auf halbem Weg entgegenkommt. Von einer Fürstin empfangen werden, ist gefährlich, weil man sicher sein kann, einen Revolverjournalisten bei ihr zu treffen, die phantastischesten Zusammenstellungen sind im Geschmack der Zeit, und der arme »Würdenträger«, der unter der Last keucht, ist der mißbrauchte Dienstmann des Großindustriellen, der ihn für schlechte Behandlung durch gelegentliches Essen entschädigt. Kann man denn mit Fug noch von Vordringenden sprechen, wenn die Historischen schon hinter ihnen her sind? Wahrlich, nie haben sie selbst sich das Leben so leicht gemacht, wie ihnen der Todfeind, und das letzte Hindernis, das die historische Welt ihnen in den Weg legen wollte, ward durch den unerforschlichen, aber seit Jahrtausenden am Sieg wirkenden Ratschluß ihres Gottes beseitigt. Wie sollte eine Rasse, deren Ambition man nahetritt, wenn man ihr nur die Neigung zu greifbaren Gütern vorwirft, nicht auch auf die moralischen, die doch in einem so verwandelten Leben das billige Ornament der andern sind, Appetit haben? Kommt einst der Tag — und wir erleben ihn —, daß der Wert vollends Ware geworden ist, so mag noch eine Gelegenheit bleiben, ihn aus dem Markt zu ziehen, um den ewigen Händlern die Chance zu verderben: der Adel beweise sich, indem er ihn ablegt, und lasse die Gesellschaft als ein Ghetto der Nobilitierten hinter sich!

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 418-422, XVIII. Jahr

Wien, 8. April 1916.


 © textlog.de 2004 • 30.08.2014 08:11:24 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen