März 1909



Die Memoiren der Odilon


Anadyomene, mit einer Krücke dem Meer entstiegen — so erschien sie mir auch in gesunden Tagen. Erst ihre Krankheit, deren aphrodisischen Ursprung sie selbst bekennt, beglaubigt sie als Weib. Ihre Stimme war nicht wie Sirenensang, den zu hören man stirbt; doch klang auch kein tragischer Orgelton darin und keine Glocke zur christlichen Nacht. Das Weib im Zustand der Zivilisation, aber ohne das Heimweh der Hysterie und ohne Widerspruch gegen die Gefängnisvorschriften. Kaum daß ein Dämmer auch nur der Nervennot, aus der das Gefühl der heutigen Schauspielerin schöpft, die Ahnung eines elementaren Lebens weckte. Hier ist nicht das, was dem Weib Persönlichkeit gibt, das tiefe Nichts, die zauberische Hülle aller Werte, die der Mann verleiht und die ihn bereichern: Hingabe, die Rückgabe ist. Hier wird keine Göttin ihrer Göttlichkeit geopfert. Diese Faszinationen haben nichts, was den Bürger aus dem Weg der Korrektheit reißen möchte; aber einen Künstler könnten sie zerstören. Diese Betrügereien vollziehen sich innerhalb der Gesellschaftsordnung; aber einen Mann von Gnaden der Natur könnten sie um den Verstand bringen. Das ist die Mission solcher Frauen, von denen man nicht wüßte, wozu sie geboren werden, wenn sie nicht zum bösen Ende eine Erkenntnis stärkten: daß die Kultur das Chaos wieder hergestellt hat, aus dem die Welt erschaffen wurde ... Die interessante Frau und die erotische Posse bezeichnen die geistigen Grenzen der christlichen Geschlechtsfreiheit; nichts ist uninteressanter als jene und nichts trauriger als diese. In ihnen huldigt die Übertretung dem Verbot; das Maß dessen, was gewagt wird, ist das Maß dessen, was nicht gewährt ist, und so wahr Freiheit die Feindin des Zwanges ist, so ist Frechheit seine Verbündete. Innerhalb dieser Ordnung aber, die die Persönlichkeiten bricht, da sie sie nicht biegen kann, hat der Gaukler Talent den weitesten Spielraum. Talent ist geschlechtslos und darum weltläufig. Es täuscht über allen Zwiespalt eines Lebens, das die Geschlechter gegeneinander stellt, es ist eine Verständigung von Mann zu Weib; Sinnengenuß und Rausch des künstlerischen Schaffens tun uns nichts mehr zuleide. Talent ist die Entschädigung, mit der sich das Leben über seine Verarmung tröstet; und durch nichts verarmt es mehr als durch die Entschädigung. Das Wesen des Talentes ist, zu können, was es nicht muß. Ein Talent der Liebe, ein Talent der Bühne, am zweifachen Spiel gehindert, wird zum Talent der Feder. Versagt die rechte Hand, so schreibt die linke. Sie schreibt Memoiren eines Talents, die ebenso jedes andere Talent schreiben könnte, ohne erlebt zu haben, was sich schreiben läßt. Erinnerungen an die Tage, da eine Stadt vor Frau Helene Odilon auf dem Kopfstand, ohne Gefahr, daß ein wertvoller Inhalt in Verwirrung gerate.

Es klafft kein Riß zwischen der peinlichen Sensation dieses Buches und dem Künstlerruhm dieses Lebens. Und schwer wird es mir, die Autorin nicht gegen die enttäuschten Verehrer der Schauspielerin in Schutz zu nehmen. Denn die Frage »Ist das wirklich notwendig gewesen?«, die sich schmerzlich bewegten Feuilletonisten entringt, darf frank bejaht werden. Man müsse nicht die Odilon gewesen sein, sagen sie, »die große Mondäne, die Verführerin einer Stadt«, um ein solches Buch zu schreiben, das nichts enthalte als Klatsch aus Garderobe und Schlafzimmer; um es in einem saloppen Komödiantenjargon zu schreiben und in einem gleichgültigen Ton, der nichts interessant zu machen wisse. Ich sage: man muß dazu die Odilon gewesen sein. Liegt die Enttäuschung der Verehrer in der Erkenntnis, daß die Dame keine bessere Feuilletonistin ist? Sie scheint tiefer zu wurzeln; denn der Tadel resolviert, an dem banalen Buche sei »nichts sonderbar, als das Wesen einer Frau, die uns daraus entgegentritt: kalt, indezent, rücksichtslos und ohne Tiefe«. Dieses Buch sei danach angetan, »das Bild der einst strahlenden Odilon zu zerstören«. Man sieht, wie verzwickt der psychologische Sachverhalt ist. Denn die Autorschaft der Frau Odilon zugegeben, bleibt nichts übrig als die Kombination, daß ihre Persönlichkeit in dem Augenblick kläglich zusammengeschrumpft ist, als ein Verleger ihr riet, ihre Memoiren zu schreiben — oder die Annahme: daß es einst der faule Zauber einer strahlenden Routine war, der eine kalte, indezente und seichte Natur zur Verführerin einer ganzen Stadt machte. Ich verwerfe die Kombination und entscheide mich für die Annahme. Jene Geschicklichkeit konnte die Literaten täuschen, solange sie auf der Szene zu Hause war. In die Literatur übersiedelt, erregt sie das Bedenken der Fachleute. Eine rechte Frau mag in einem ungefügen Satz eines Briefes die Gestaltungskraft von zehn Schriftstellern beschämen; aber sie wäre nie imstande, ihre Memoiren zu schreiben. Die Weiblichkeit stirbt im Bett: es ist ein unnatürlicher Tod, wenn eine sich entschließt, zur Feder zu greifen. Dieser Selbstmord soll als Versuch einer Rettung aus unbefriedigtem Dasein nicht unterschätzt werden. Aber ein Weib schreibt immer sein Obduktionsprotokoll. Und glaubt man, daß das Leben einer, die eines Tages der Literatur verfällt, je etwas anderes war, als ein Leben aus zweiter Hand? Nur die Blindheit nimmt eine Wesensänderung wahr, und nur die Taubheit hört aus den Memoiren der Odilon eine andere Sprache als aus ihren Bühnengestaltungen. Wer bei dem »gefühllosen, gleichgültigen, einförmigen Ton« ihres Buches sich an die Glanzzeit der Frau Odilon nicht erinnert, um eine Konsequenz festzustellen, sondern um über eine Verwandlung nachzudenken, der macht mit Unrecht die Autorin für seine Enttäuschung verantwortlich. Madame Sans-Gêne in Wort oder Schrift: ich höre nur die eine Stimme. Und sie klingt mir immer noch wie der Ton einer stattlichen Sparbüchse, einer, die klappert und schüttert, ohne sich je zu vergeuden, und die unter Kuratel zu stellen, bloß dem Scharfsinn einer österreichischen Behörde einfallen konnte. Aber es ist schließlich kein Wunder, wenn in einem Staat, dessen Finanzminister frei herumlaufen und dessen Abgeordnete davon leben, daß sie mit fremdem Geld verschwenderisch umgehen, die Kapitalisten zu Märtyrern der behördlichen Aufsicht werden. Daß sich diese jetzt eine Frau zum Opfer ausersehen hat, die in ihrer ganzen Lebensführung den holden Schwachsinn ihres Geschlechts verleugnet, beweist die glückliche Hand, die dieser Staat wie in allen höheren Kulturproblemen auch bei der Kuratelsverhängung bewährt. Die Art, wie Frau Odilon noch heute mit ihren Liebhabern abzurechnen versteht, erhärtet den Verdacht, daß hier ein mündiger Verstand unter der Kuratel des Blödsinns gehalten wird. Daß Frau Odilon als Schriftstellerin noch nicht die blendende Routine hat, mit der sie als Lebenskünstlerin und Star der Bühne über den Mangel an Persönlichkeit zu täuschen wußte, ist ein Vorwurf, den nur die kollegiale Unduldsamkeit erheben kann. Aber daß ein Weib den Ehrgeiz hat, mit der Feder seinen Mann zu stellen, richtet nicht das Buch, sondern das Weib. Das ist keine Schwachsinnige, das ist kein Weib — die solche Proben einer Besinnungsfähigkeit ablegt!

Solange eine nicht schreibt, bewahrt sie den Schein der Geschlechtswirkung, und der Zusatz an widerwärtiger Geistigkeit, der sie später zur Schriftstellerin befähigt, mag gar die verdächtige Mixtur herstellen, die die Toren betört. Aber eben diese Intelligenz ist es, die im rechten Augenblick alle die schlechten Eigenschaften mobilisiert, die im Friedensstand zum Reiz des Weibes versammelt sind. Die Anmut ist eine Maske, die das Weib vor dem Antlitz trägt. Fällt die Maske — nichts außer ihr vermag zu »fallen« —, so steht eine fragwürdige Menschlichkeit vor deinen Augen. Bist du nicht im Zauberbann, so kann die Verzückung deines Nachbarn dich nicht von der Vision abbringen, daß die Luxusdame, die da oben ihr Spiel treibt, ein flotter Weinreisender im Unterrock ist oder ein Börsenagent mit Jupons. Und läßt sie selbst die Maske fallen, gibt sie den Schein schöpferischen Frauentums auf, um eine Meinung zu vertreten, um zu agitieren, zu reden, zu schreiben, so erwächst der Eindruck zu schreckenerregender Vollständigkeit. Sie braucht sich dann von keinem Feuilletonisten entmutigen zu lassen, der Ehrgeiz allein beglaubigt ihre Zünftigkeit, und das angeborne Talent zur Routine führt sie bald über die Schwierigkeiten des Anfangs. Und sie hat sogar ein Recht darauf, daß man ihr die Abscheulichkeiten eines Klatschromans nicht anders verüble als jedem Reporter, der die wahre oder fingierte Kenntnis des Privatlebens stadtbekannter Persönlichkeiten zu einer Sensation ausschrotet. Denn das ist der ehrliche Erfolg der Frauenemanzipation, daß man dem Weib, sobald es sich dem schmierigen Handwerk des Mannes gewachsen zeigt, heutzutage nicht mehr die verdiente Geringschätzung vorenthalten darf. Freilich muß hier das Recht der Frau noch immer in einem Punkte zu kurz kommen. Man darf einer, die ehrenrührige Eingriffe ins Privatleben begeht, wohl von der Mißachtung zumessen, die man einem Redakteur in solchem Falle widerfahren läßt; aber das unsäglich ekle Erlebnis, eine Frau, die Memoiren geschrieben hat, vor den Geschwornen zu sehen, wird der erpichteste Frauenrechtler nicht herbeisehnen, und kein Feminist wird gar wünschen, daß man an einem Weibe jene Selbsthilfe betätige, die man gegen den Kolporteur sexueller Intimitäten in der Erkenntnis anwendet, daß die judizielle Genugtuung nicht zureiche. Es ist gewiß wieder ein Unrecht, das man hier durch die Bevorzugung der männlichen Sudler begeht. Aber der äußere Schein, der dafür spricht, daß es Männer sind, während die Journalistinnen noch immer keine Hosen tragen, muß hier entscheiden. Wenn auch in Wirklichkeit durchwegs nur die Weibernaturen in der Journalistik auf den trostlosen Gedanken verfallen, durch Preisgabe wahrer oder erdichteter Tatsachen des Privatlebens ihre Rache zu üben, so ist doch allein die Hose für den Entschluß maßgebend, sie zu spannen. Kein Mensch, und wäre er in seinem Innersten verletzt, wird einen Weiberrock aufheben, um eine unzärtliche Gesinnung zu betätigen. Diese Zurücksetzung müssen sich nun einmal die schreibenden Weiber gegen die weibischen Schreiber gefallen lassen. Aber weil sie ihrer so ganz sicher sein können, sollte umso nachdrücklicher der Versuch unternommen werden, sie durch Worte einzuschüchtern. Denn das Handwerk der Kolportage von Bettgeheimnissen mag einen goldenen Boden haben: wenn ein Weib es betreibt, so ist es eine Beleidigung des eigenen Geschlechts, wie sie schimpflicher nicht gedacht werden kann. Für diesen Schimpf, nicht für die Beleidigung der Männer, deren Leben das Unglück hatte, von einer künftigen Memoirenschreiberin gekreuzt zu werden, gilt es Sühne zu schaffen. Es wäre lächerlich, einen Mann wie Alexander Girardi, der mit einem stummen Blick einen Reichtum der Liebe spendet und gewinnt, gegen die Herzensleere dieser Enthüllungen in Schutz zu nehmen, die außer ihrer eigenen Garstigkeit nichts enthüllen als gerade die wertvollsten menschlichen und künstlerischen Eigenschaften ihres Objekts. Aber man würde sich versucht fühlen, selbst des unsympathischesten Opfers dieser Ranküne sich anzunehmen und einen Finanzbaron gegen den Verdacht einer reinen Liebe zu schützen, aus deren »Glückstraum« er die Frau Odilon durch drei Tausender herausgerissen habe, wie auch gegen die öffentliche Rechnungslegung, zu der sie sich gegenüber »dem Unwürdigen« schließlich doch bereit findet. Sie alle aber vor der Pein zu behüten, ihre privateste Betätigung kulturhistorisch gewürdigt zu sehen.

Es ist ein Buch, das wirklich notwendig war, um der Öffentlichkeit und deren Wortführern die Augen zu öffnen über die Armut ihrer Illusionen, die fast so billig herzustellen sind, wie die Bühnentoiletten der Frau Odilon, welche man ja auch für kostspieliger gehalten hat. Durch Preisgabe wie Preisangabe, durch den Verrat der uninteressantesten Geheimnisse hat sich die Verfasserin in einem Teil der Presse das Lob »Rousseauschen Wahrheitsmutes« zugezogen. Gefährlicher schon ist eine Kritik, die die Odilon jahrelang als dämonisches Weib applaudiert hat und jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, weil sich der Zauber als eine sublime Mischung aus den Interessen eines Reporters und den Berechnungen eines Agenten herausstellt. Daß Charlotte von Stein nach der Schätzung beeideter literarhistorischer Sachverständiger keine Wertsache war, wird an ihrem Liebhaberwert für Goethe nichts ändern; man wird höchstens in der Überzeugung bestärkt werden, daß die Literaturforschung keine Wertsache ist. Aber die Objektivierung der Frau Odilon ist durch ihren Willensakt herbeigeführt worden; sie hat sich selbst enthüllt: sie hat geschrieben. Die Enttäuschung der Kulturforscher ist so töricht wie die Überlegenheit der Literarhistoriker.

Freilich muß es der Vorstellung der »Mondänie« arg zusetzen, wenn sie die Dame erzählen hören, wie sie in ihrer Jugend »ein paar Dachteln« bekommen habe, wie ihr dann »das Herz pumperte«, als sie zum erstenmal auf den Presseball ging; wenn sie hören, wie sie sich ein »armes Waserl« nennt, »gut is' gangen« ruft, ein Erlebnis »bis zum I-Tüpferl durchmacht«, »pumperlgesund« nach Hause kommt, von ihrem »Hirnkastel« spricht, von einem Autor, »dem es das Beischel umdreht«, von dem »krauperten Haar« Lenbachs, von dem »Gerstl«, das ihrem Mann ausgeht, von den »Spompanadeln«, die sie, und von den »Mafökchen«, die er auf Reisen macht, von dem »Riesenschinakel«, auf dem sie nach Amerika fährt, von den »Fressalien« an Bord, einigemal vom »Speiben«, und zur Abwechslung der Idiome: daß sie einmal »ganz betropetzt« war und daß ein Kollege, als er von der »Benehmität« einer Kollegin hörte, die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: »Ae solchene wären Sie?« Sonst aber durchaus eine sprachliche Melange aus Grinzing und Hoppegarten, ein Jargon, der zugleich »harb« und »muschlig kuschlig« ist und neben dem Ruf »Kruzifix noch einmal!« nur die Beteuerung vermissen läßt: »Ich denk, mich laust der Affe!« ... Mir könnten solche Äußerungen das Bild einer Göttin nicht alterieren. Das Urbild der Iphigenie bevorzugte — Dank sei einem Literarhistoriker für die Enthüllung — das Wort »Dreck«, und jene andere Charlotte, die das vollendetste Nachbild der Iphigenie geschaffen hat, die große Wolter, befliß sich in Umgang und Briefen des rüdesten Jargons. Sie wären freilich nicht imstande gewesen, Bücher daraus zu machen. Die Ausdrucksweise der Salondame mag ein lesendes Parterre enttäuschen — in die Linie ihres Wesens fügt sich mir der geistige Stil. Wenn ihre Erinnerung an einen berühmten Kollegen sich darauf beschränkt, daß er einmal plötzlich von der Szene verschwunden sei, und wenn dieser Nachruf in dem überflüssigen Kommentar gipfelt: »Des Rätsels einfachste Lösung hätte die verschwiegene Toilettefrau geben können«, so wäre das schließlich noch ein naturalistischer Zug, der zwar der Figur einer Salondame abträglich ist, aber sonst von einem gesunden Humor zeugt; wozu schriebe man denn Memoiren, wenn man nicht auch diese letzten Geheimnisse der Zeitgenossen ergründen dürfte. Und daß sie selbst auf dem Amerikadampfer »gleich nach der Suppe unter den Klängen eines Straußschen Walzers aus dem Saal tänzeln mußte und unter noch ganz anderen Klängen dann in die Kabine walzte«, wäre auch noch harmlos, wenn solche Erinnerung nicht den penetranten Verdacht weckte, sie stehe in den Memoiren eines Mitglieds des Männergesangvereins. Aber die geistigen Übelkeiten, die uns — in der ersten Hälfte des Buches — aufgetischt werden, sind in Wahrheit das, was eine beliebte Schauspielerin zu einer der unsympathischesten Erscheinungen der deutschen Literatur gemacht hat. Die Grundgesinnung in Ehren, die alle Welt mit Druckerschwärze beschmieren möchte, weil man selbst der Schminke entsagen muß. Daß Frau Odilon Kolleginnen auch dort kompromittiert, wo sie nichts davon hat, daß sie Jugendfreunde verhöhnt, Schneider durch üble Nachrede schädigt, Gatten des Diebstahls verdächtigt — Verbitterung mag die Arroganz solchen Strafgerichts über eine private Welt zur Not erklären. Aber daß sie sich dazu versteigt, uns die Hämorrhoiden eines Gemahls vorzusetzen und ähnliche Miseren der Ehe, die sie schließlich der goldenen Ader eines Millionärs geneigt machten, das ist mehr, als das Mitleid selbst gestatten kann. Und anwidernd berührt es, wie sich die Lebensroutine einer Liebhaberin als Ahnungslosigkeit einer Naiv-Sentimentalen vermummt. Frau Odilon ist in ein jüngeres Fach übergegangen. Zerknirscht nennt sie es einen »Fehltritt«, wie sie einen Rennstallbesitzer mit einem Trainer betrog, und bezeichnet sich hiebei als ein Opfer des bösen »Galeotto«, der's nun einmal wahr haben wollte. Von der ersten Zusammenkunft mit dem Finanzbaron »träumt« sie »mit geschlossenen Augen«. Träumt: »Wie ich unter einem Vorwand in sein Palais gekommen war. Wie wir von gleichgültigen Dingen gesprochen, wie aber die Augen die Herzen nicht Lügen strafen gekonnt ... Und wie es schließlich geschah ... Damals hätte ich es in alle Welt hinausjubeln wollen ...« Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Dann aber beleidigte er sie durch besagte drei Tausender. So romantisch ist das Leben, und es gehört Rousseauscher Wahrheitsmut dazu, es auch so darzustellen. Und ein unerbittliches Ethos ist notwendig, damit eine Frau in glaubhafter Weise »Unpünktlichkeit« als jene männliche Untugend schildere, die ihr die Ehe vergällt habe, und damit eine Schauspielerin, die sich fortwährend über eine Rejane, eine Sandrock, eine Sorma zu stellen vermißt, der größten Persönlichkeit des österreichischen Theaters keinen anderen Wesenszug nachsagen könne als »Eitelkeit«. Wenn es aber die Dekorierung ihrer Erlebnisse gilt, ist solch eine interessante Frau einer Sinnigkeit und Kitschigkeit fähig, die man ihr gar nicht zutrauen sollte. Zur Erinnerung an ihre erste Kollegenliebe zitiert sie schlicht und ungefähr das tiefe Wort aus dem Zigeunerbaron: »Wer uns getraut? Sag an — sag du!« Da sie einmal in Ems dem alten Kaiser Wilhelm begegnet, spricht er zu ihr: »Sie werden mich doch nicht für so unhöflich halten, daß ich einer Dame vorangehe? Also, darf ich bitten?« Sie aber ging, »gerührt von dieser auf der Welt einzig dastehenden Liebenswürdigkeit, stumm ihres Weges«. Und um nicht immer wieder auf die Details einer stürmischen Amerikafahrt eingehen zu müssen, deutet sie einmal mit diskretem Humor an: »Er zählt die Häupter seiner Lieben — Statt hundert warens sieben« ... Interessante Frauen haben vor den Frauen voraus, daß sie denken können, was uninteressante Männer vor ihnen gedacht haben. Sie können also Zeitungsklischees denken. Sie sind nicht etwa über die Rosen beglückt, die ihnen bei einem Wiederauftreten gereicht wurden, sondern sie konstatieren, daß ihre Garderobe »in einen Blumenhain verwandelt« war. So eine feiert nicht Weihnachten, sondern sie sagt: »Wieder steuerten wir auf das schöne Fest los, an dem sich Alt und Jung, Groß und Klein so recht von Herzen freuen sollen«. Freilich rutscht ihr gleich darauf der Satz heraus: »Das dachte sicher auch der Herr v. Gomperz, als er mir seine Geschenke überbrachte«. (Gomperz ist der Name eines Lichtgottes, der die Odilon durch alle Fährnisse dieser Welt von Schwarzalben geleitet). Sie geht nach Paris, also: »nach diesem reizenden, schändlichen Seinebabel«. Sie geht nach Venedig, also: »nach dieser allerliebsten Bijoustadt«. Aber wenn es auch viele herrliche Städte gibt — »′s gibt nur a Kaiserstadt, ′s gibt nur a Wien!« Da sich immerhin auch anderswo leben läßt, so bieten uns die Memoiren der Odilon eine Fülle ethnographischer Aufschlüsse. Zum Beispiel: »Geht man durch die Straßen Roms spazieren, sieht man alte Bilder, alte Gobelins, alte Spitzen, altes Gold, altes Silber, alte Bauten. Alles ist alt, und je älter das ist, desto mehr wird dafür bezahlt. Eine einzige Ausnahme macht der Mensch — da ist es gerade umgekehrt.« Wie anders New-York! Frau Odilon beschloß, »das Land der Yankees« zu besuchen. »Ein Gastspiel in einem mir ganz unbekannten Weltteil!« Da ist natürlich das Lampenfieber noch viel größer. Aber man hat das Abenteuer keineswegs zu bereuen. Schon die amerikanischen Eisenbahnen zum Beispiel: »Bei allem Komfort wird deshalb der Bequemlichkeit nicht vergessen«. Sehr anschaulich tritt uns das Bild der Metropole entgegen: »Was Beleuchtung anbelangt, so steht New-York einzig da und Paris und London können sich mit ihm nicht messen. Amerika ist das Land der Reklame ... Die Beleuchtung in den Dienst der Reklame gestellt, das war's, was mir sofort in die Augen fiel.« Die Verpflegung aber: »So gefressen — pardon — gegessen hatte ich noch nie zuvor«. Im Theater gibts das »Weiße Rößl«, und »der Giesecke« hält eine Ansprache an Frau Odilon, die aus der Loge antwortet. New-York hat ferner die Wolkenkratzer, man besucht das größte Warenhaus zum Wannemaker, ein Kleid um 600 Dollars ist »eine Mezije«, und seit der Entdeckung Amerikas durch Conried ist kein Gast so gefeiert worden wie die Odilon. Aber hat nicht auch Mitterwurzer in New-York gastiert? Gewiß, aber er war — unpünktlich. Er kam schon vor dem Termin, und die Folge: leere Häuser und kein Erfolg. Wie sie doch die Männer kennt! Dieser Mitterwurzer war »ein Idealmensch, aber fürs Geschäft ganz und gar nicht«. Im New-Yorker Chinesenviertel jedoch bemerkt Frau Odilon »Damen«, die sie in Anführungszeichen setzen muß; denn es sind solche, die mit den Chinesenonkeln Champagner trinken und ihnen »noch dazu das nötige Kleingeld ablotsen«. »Tout comme chez nous«, ruft sie, »die Chinesen sterben nicht aus«!

Aber diese Mädchen leben für die Freude und wenn die Freude auch nur kurz währt, so schreiben sie wenigstens hinterdrein keine Memoiren. Und keine würde behaglich schildern, wie sie die Psychiater herbeigewinkt hat, um Einen, der sie liebte, ins Irrenhaus zu liefern. Die Stelle des Buches: »In schmerzlicher Erwartung saßen wir nun bei Svetlin, doch Stunde um Stunde verrann, ohne daß Girardi kam« — diese Stelle ist der dunkelste Fleck in einem Privatleben, bei dessen Enthüllung Frau Odilon schonungsloser vorging als beim Verrat fremder Geheimnisse. Sie, die nicht verhehlt, daß sie einmal den Schwachsinn der Irrenärzte für ihre Zwecke mißbrauchen wollte, macht es einem schwer, auf ihre Hilferufe herbeizueilen, da heute an ihrer eigenen geistigen Freiheit die psychiatrischen Fanghunde zerren.

Und ich möchte es so gern! Der Glanz der Odilon muß mich nicht geblendet haben, damit ich ihrem Elend beistünde, und so gern möchte ich die häßliche Hälfte des Buches vergessen, um der anderen die verdiente Teilnahme zu schenken. Denn diese Abrechnung mit der österreichischen Gerechtigkeit, deren erhabenes Justament auf alles menschliche Fühlen tritt, ist gut. Was Helene Odilon hier sagt, ist gut gesagt: also muß sie recht haben. Hier ist die Reporterin erledigt, hier schreibt ein Weib, was selbst ein Weib schreiben darf. Hier wird nicht geklatscht, sondern geklagt, und auch ein Weib darf schreien, wenn ihr ein Büttel an die Gurgel fährt. Hätte sie nicht die unerträgliche Sensation ihrer Vorlebensstudie auf dem Gewissen, achtungsvollstes Erbarmen wäre diesem durch alle Instanzen des Heilbetruges und Rechtsverschubs gehetzten Jammer gesichert. Aber das Kapitel der Anklage ist für sich so stark, daß man der Armen die Hilfe gegen die Zudringlichkeit nicht versagen darf, mit der die österreichische Amtswelt ihre Fürsorge an ihr erprobt. Wenn der zehnte Teil dessen wahr ist, was Frau Odilon hier erzählt — ihre andern Wahrheiten klagen sie selbst an —, dann ist diese kompakte Sozietät von Amtshintern wirklich wert, daß sie bei wiederkehrender Gelegenheit die Balkanwanzen fressen. Eine Justiz, die den Wauwau spielt, und »Bitte sehr, bitte gleich!« sagt, sobald eine einflußreiche Person sich für das Opfer verwendet, eine Kommission von Richtern, Psychiatern und sonstigen Funktionären von malerischem Ansehen, die sich devot im Vorzimmer der Frau Schratt versammeln und sofort in die scharfe Tonart zurückfallen, wenn die Gönnerin aus irgendeinem Grunde die Hand von dem Schützling zieht — wie weit halten wir? Wie weit wird sich dieses Komplott von altgedienter Roheit und unverwüstlicher Streberei noch gegen die besseren Lebensformen vorwagen? Wenn es wahr ist, daß ein Gerichtspsychiater zu der Frau, der er die Zärtlichkeit ihres Verlobten als eine Absicht auf ihr Geld plausibel machen wollte — denn um die Rettung des Geldes handelt es sich in dieser Staatsaktion —, daß er ihr ins Gesicht die Worte gesprochen hat: »Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob Sie sich besinnen können, daß wir Männer einen gewissen körperlichen Widerwillen gegen Gelähmte haben!«; wenn wirklich ein Arzt das gesagt hat, so verdient er, daß ein gefühlvoller Polizeihund ihn beiße. Und wenn es stimmt, daß man Frau Odilon die Herausgabe des Schmucks verweigern wollte, den sie in ihrer erfolgreichsten Rolle trug und mit dem sie sich jetzt für das Foyer ihres Theaters porträtieren lassen sollte, dann staunt man nur, daß im mechanischen Betrieb der Borniertheit noch so viel Spielraum für erfinderische Tücke bleibt. Warum so viel Aktenpapier beschmiert wird, um einen Skandal zu verlängern, der schon zum jüngsten Kuratelgericht stinkt, versteht kein Mensch. Wie sich diese kranke Frau durch Europa schleppt, um aus den Enttäuschungen der Medizin in die Verzweiflungen einer Wunderkur zu fallen, ist gräßlich. Müssen zu der spekulativen Anwendung von Unwissenschaft und Glauben noch jene Segnungen der Jurisprudenz treten, die auch ein gesunder Körper nicht verträgt? In der Judengasse der europäischen Zivilisation stehen, zwischen Purkersdorf und Lourdes, vor Sanatorien und Grotten, die Händler der hygienischen Hoffnung und fangen den Kunden in ihren Laden, aus dem sie ihn gelähmt entlassen. Muß dieses Straßenbild durch Richter, Kuratoren und Sachverständige ergänzt werden? Ein Gerichtspsychiater fragt mehr, als hundert Weise beantworten können, und wenn die Inquirierte nicht über die ungarische Ehegesetzgebung Bescheid weiß, so bleibt sie dem Kuratelverhängnis ausgeliefert. »Als Schauspielerin lebte ich mein Leben und kümmerte mich nie um Gesetze, Beamte, Psychiater und Kuratoren. Aber auf einmal falle ich in diese Sauce. Wie ich gesund war, ließ man mich nach meiner Fasson selig werden, und jetzt, in meinen kranken Tagen, soll ich eine Gelehrte und gescheiter sein als die Richter, Advokaten und Ärzte!« Eine Frau, die das sagt, kann es schließlich noch mit einem Dutzend von jener Sorte aufnehmen. Das Drängen, sich endlich zum Schwachsinn zu bekennen, entstammt der echt österreichischen Überzeugung, daß man sich hierzulande alles »richten« kann und daß bei einigem guten Willen eines Mündels die Gerichte vor »Scherereien« bewahrt bleiben. Wir aber wünschen den Skandal nicht mehr! Da Frau Odilon nicht will, verschone man sie. Wem sie ihr Geld schenken will, ist ihre Sache. Wer immer es bekommt, dem hat sies lieber gegeben als dem unbekannten Erben, dem es der österreichische Staat reserviert. Der Vorwurf der Gewinnsucht, den sie gegen ihren Kurator erhebt, mag ungerecht sein. Aber es ist Zeit, daß er abtrete, sobald ein anderer Anwalt erklärt, daß er die Sache gratis machen will. Und wenn ein Kurator seine Schutzbefohlene nicht wegen Ehrenbeleidigung klagen kann, so muß er verschwinden, wenn sie ihn beleidigt. Er darf als Kurator das Wort nicht hinnehmen: »Meine eigenen Möbelstücke läßt man verstauben, und außer meinem Kurator sinds nur noch die Motten und Schaben, die aus meiner Kuratel Vorteil ziehen.« Und ein Kuratelrichter hat eine Schwachsinnige laufen zu lassen, der über ihn das Wort gelang: »Wenn eine Künstlerin nicht mehr spielen kann, kommt sie mir wie ein Fisch vor, der aus dem Meer in ein Lavoir Wasser geworfen wird. Mein Leben war die Bühne, und von den Brettern sagt man, daß sie die Welt bedeuten; aber schmeißen Sie einmal den Pochmann aus seinem Lavoir ins Meer, passen Sie auf, wie er ertrinkt!« Jedenfalls aus dem Lavoir mit ihm! Es ist genug! Schon spüre ich, daß sich hinter dieser zärtlichen Sorge für ein Kapital etwas von der alten Ranküne gegen eine Lebensführung verbirgt, die dieses Kapital erwerben half, und das könnte der Ranküne übel bekommen!

Nur dieses Land, das seine Skandale auch kalt genießen kann, und wenn sie zur Rubrik erstarren, erträgt durch Jahre den lächerlichen Anblick, wie Diafoirus, Harpagon und Tartüffe sich zum Wohltun vereinigen. Frau Odilon empfindet es als Plage; aber sie kann auf den Schutz einer Öffentlichkeit nicht rechnen, die ihren Lieblingen kein Privatleben gönnt und sie wenigstens dauernd in der Gerichtssaalrubrik sehen will, wenn sie sie schon in der Theaterrubrik nicht mehr findet. Diese Teilnahme begleitet Frau Odilon durch die unwürdige Sensation ihrer Enthüllungen und verläßt sie in ihrem ehrlichen Kampf. Die Verfasserin der Memoiren hat nichts von der Gerechtigkeit und alles von der Heuchelei zu erhoffen, und die sittliche Rolle, die sie sich gegenüber ihrer Vergangenheit zurechtlegt, mag selbst ihren Wächtern wohlgefällig sein. Die Bewußtheit, die dem Leben und der Kunst dieser Frau wie ein Talisman eignet, hat sie vor der Wildnis sinnlicher Gewalten bewahrt und in die Region zivilisierter Lustbarkeit geleitet. Doch sie schützt sie auch vor dem Verdacht des Schwachsinns. Möge sie sie jetzt der Pflicht inne werden lassen, ihre Freiheit ohne Haß gegen jene zu erkämpfen, die an ihrer Entmündigung unschuldig sind, und ohne die moralistische Verklärung ihrer Vergangenheit. Das schafft eine klare Situation, man stellt sich zwischen eine Frau und ein Dutzend Büttel, und dann wehe dem, der von den Erlebnissen, die sie selbst verraten hat, auch nur ein einziges ihr vorzuwerfen wagte!


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 00:22:34 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.09.2007 
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