Oktober 1909



Bekannte aus dem Varieté


Nur ein schmales Plätzchen ist dem Varieté geblieben, um seinen Spiegel aufzustellen, der die großen Sonderbarkeiten des Lebens reiner spiegelt, als das Theater die kleinen Regelmäßigkeiten. Denn das Leben will vom Leben nichts wissen und von der Kunst nichts anderes wissen, als was es ohnehin schon weiß. Daß aber zweimal zwei am Ende doch fünf sind, ist eine Erfahrung, bei der dem Rechner die Pulse stocken. Das Theater erspart sie ihm. Es befriedigt seine Neugierde nach dem, was er schon weiß, während das Varieté sein Wissen enttäuscht. Das Theater kitzelt, das Varieté peitscht. Das Theater bietet Handlung und Meinung, die der Durchschnittsmensch fast so notwendig zum Leben braucht wie die Nahrung: rauchlosen Unterhalt des Gehirns. Im Theater darf bloß geschwitzt werden, wie vor jeder höheren Offenbarung. Das Geheimnis des Varietés bleibt in eine Rauchwolke gehüllt. Man kann sie mit dem Messer schneiden, aber man kommt nicht durch. Was sich hier abspielt, ist ganz danach angetan, dich zu beunruhigen. Du kannst es nicht nachmachen. Und spendest schließlich eine kalte Bewunderung, die sich mehr der heilen Glieder freut, als daß sie sich der trägen Glieder schämte. Dies Übermaß erschreckt dich, ermuntert dich nicht. Dieser halsbrecherische Humor macht dich nicht munter, sondern beklemmt dich, als gings dir selbst an den Hals. Treibt es das Schauspiel noch so bunt, »sie spaßen nur, vergiften im Spaß, kein Ärgernis in der Welt«, kann Hamlet den Besorgten trösten. Wo viel Worte gemacht werden, ist Zeit, zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden. Akrobaten aber und Clowns spielen jenseits der Grenze unserer Möglichkeiten und bieten darum schon im Spaß das Ärgernis. Daß zwei übereinander purzeln und auf die Nase fallen, das ist ein Humor, zu derb für unsern Geschmack und zu dürftig für unsern Verstand. Wir sagen, es sei ein kindisches Spiel, weil seine tiefere Bedeutung uns beleidigt.

Ein Humor, so grundlos wie wir selbst. Nichts stellt er dar als uns selbst. Also alles, was wir nicht wissen. Er läßt uns Familie spielen, ehe er uns ins Leben stößt. Eine erstklassige Akrobatentruppe tritt auf. Ist das Wesen der Sippschaft in Freud und Leid sinnfälliger darzustellen? Wie hier alles doch, vom erwachsenen Sohn bis zum Schößling beiträgt, den Eltern ein sorgenfreies Alter zu sichern! Mit berechtigtem Stolze sieht das Mutterauge im Hintergrund auf die Tochter, von der man lange befürchtet hat, sie werde es über den Sautpérilleux nicht hinausbringen, und die heute bereits durch einen dreifachen Salto mortale fürs Leben ausgesorgt hat, während der leichtsinnige Schwiegersohn unaufhörlich die Welle schlägt. Russische Tanzfamilien waren mir stets unsympathisch, weil ich die tiefe Kniebeuge beim Laufen als einen übertriebenen Beweis slawischer Schicksalsergebenheit auffaßte. Aber unter dem Gesichtspunkte des Familienlebens brachte ich auch diesen Produktionen Verständnis entgegen, und ich stellte mir gerne vor, daß im Kaukasus die Kinder wippend zur Welt kommen, auf das bereit stehende Podium springen und den Tanz ums Dasein aufnehmen, für den sich die Eltern nicht mehr elastisch genug fühlen. Sicherlich ist kein künstlerischer Beruf so mit dem Wesen seines Trägers verwachsen wie der des Akrobaten. Kommt er von Kräften, so bleibt ihm immer die Geste, die dem kundigen Auge verrät, daß er einst in bessern Tagen Zentner gestemmt hat. Gelangt er aber in Lebensumstände, die es ihm ermöglichen, endlich zu genießen, nachdem er so lange nur »gearbeitet« hat, dann kann es geschehen, daß ihn plötzlich eine Art Nostalgie befallt. In Offenbachs lieblicher »Prinzessin von Trapezunt« wird gezeigt, wie eine Artistenfamilie sich aufführt, die unglücklicherweise den Haupttreffer gemacht und ein Schloß nebst Baronie erlangt hat: da kann einer doch nicht anders als über den Tisch springen, wenn er sich auf den Stuhl setzen will, und der Familienvater wird dabei betreten, wie er im Garten auf dem Wäscheseil spazieren geht oder gar wie er heimlich in die Küche schleicht und Feuer frißt. Sie alle aber drehen die Teller, bevor sie aus ihnen essen, und sind erst glücklich, sooft sie mit ihrer Vergangenheit »auf einem Fuße stehn«.

Draußen jedoch stürmt das Leben mit seiner Unrast und seinen Gefahren. Die Knockabouts treten auf. Ward das Wesen der Familie, mit ihren Vorzügen und ihren Fehlern, an der Solidarität einer Akrobatentruppe erkennbar, so eröffnet die Leistung der Knockabouts tiefere Perspektiven. Hier steht nicht mehr der Bruder für den Bruder, hier steht der Mensch gegen den Menschen. Der Blutsverwandte kann ein Auge zudrücken, wenns einmal auf dem Trapez schiefgeht. Aber hier offenbart sich der menschliche Charakter dem erbarmungslosen Auge des Nebenmenschen. »Aoh, lieber Freund, was machen Sie hier?« beginnt es, und mit Püffen und Knüffen endet es. Am Hintern seines Nächsten entzündet einer sein Streichholz. So ist das Leben. Einer will Bier trinken: da bohrt er seinen besten Freund an und hält ein Gefäß unter die so entstandene Öffnung. Was ist der Mensch! Taugt er zur Maschine nicht, mag er kaput gehen. Wir voltigieren über alle Widerstände der Materie, wir schwingen uns in die Luft, nichts scheint uns unerreichbar, und am Ende wären wir wirklich die Sieger über das Leben, wenn wir nicht im letzten Moment über einen Zahnstocher stolperten. Der Knockabout — das ist der Triumph der maschinellen Kultur: Hurtigkeit, die nicht vom Fleck kommt, Zweckstreberei, die ein Loch in die Luft macht. Der Komfort aber ist mit aller Humanität der Neuzeit ausgestattet, und wenn es praktisch ist, einem Menschen den Schädel einzuschlagen, so ist es doch wieder feinfühlig, ihn zu fragen: »Haben Sie das bemerkt?« Er könnte es übersehen haben; denn im Gemetzel der Automaten fließt kein Blut. Der Knockabout stellt uns alle zusammen dar. Sein Humor ist grundlos, wie wir selbst. Er hat Wirkung ohne Ursache, wie wir selbst von nirgendwo kommen, um fortzuschreiten. Das Riesenmaß seiner Gesten hat kein Vorbild in einem einzelnen Lebenstypus; sein gewalttätiger Humor umfaßt die ganze Tragik unserer Zweckbeflissenheit.

Nur einer friedlichen Abart des Knockabout ist jeder von uns schon begegnet; einem, der seine Lebensauffassung nicht mit der Hacke durchsetzen will, aber auf jede andere Art, praktisch vorwärtszukommen trachtet. Das ist der Mann, der weitläufig wird, um nur ja keine Umstände zu machen, der die Berge kreißen läßt, um der Geburtshelfer einer Maus zu sein, und der viel Lärm macht, wenn er eine Omelette bereitet, weil er wie alle andern Künste selbstverständlich auch die Kochkunst aus dem FF versteht. Sein Lebensmotto ist die Versicherung: »Das werden wir gleich haben!« Das Resultat seiner Bemühungen ist aber, daß wir es nicht nur nicht gleich, sondern daß wir es überhaupt nicht haben, ja, daß wir es noch weniger haben als vor seiner freundlichen Intervention. Wenn du aber etwas hast, was dich nicht geniert, ein Wimmerl, so zieht er ein Pflaster aus der Tasche und du hast am andern Tag einen Karbunkel. Der Knockabout ist edel, hilfreich und gut. Auf dem Podium schlüge er dir die Schädeldecke ein, um deinen Kopfschmerz wegzubringen. So radikale Mittel wählt er im Leben nicht. Er hat es auf dein Wohl abgesehen, aber er erzwingt es nicht mit Gewalt. Wenn du an Hühneraugen leidest, so gibt er dir den Rat, dir das Bein amputieren zu lassen, doch er legt in so verzweifelten Fällen nicht selbst Hand an. Der Knockabout ist entgegenkommend und praktisch. Aber wenn er dir entgegenkommt, weiche ihm aus: die Vereinfachung des Lebens, die er sich und dir ansinnt, erfordert Aufwand und viel Geduld. Er trägt zehn Westen auf dem Leib und erspart sich deshalb, sie zu wechseln. Er ist der Mann des »omnia mea mecum porto«. Nun bedeutet es gewiß eine der größten Schwierigkeiten des Lebens, im Kaffeehaus einen Brief schreiben zu wollen. Ist aber der arme Teufel nicht bedauernswerter, der Papier, Füllfeder, Löschblatt, Siegellack und Marken mit sich und für die Erneuerung dieses Inventars immer Sorge tragen muß? Schnupfen bekommen ist fatal. Doch viel schlimmer denke ich mir die Selbstkasteiung, immer ein Mittel gegen Schnupfen bei sich zu haben, weil einmal der Fall eintreten könnte, daß man Schnupfen bekommt und die Apotheke geschlossen ist. Und wer zu solcher Vorsicht inkliniert, wird zuverlässig auch ein Mittel gegen Kopfschmerzen, eines gegen Zahnweh und etwa auch eins gegen Magendrücken bei sich haben, weil es doch ein ganz lächerlicher Optimismus wäre, zu glauben, daß Schnupfen die einzige Gefahr ist, die den Menschen bedroht, wenn die Apotheke geschlossen ist. Der Knockabout bepackt sich mit Dingen, die überflüssig sind, solange sie nicht notwendig sind. Schafft es ihm bloß der Trieb der Selbsterhaltung? Gewiß nicht. Er ist Altruist, er hat die Eigenschaft, sich den Menschen wohlgefällig zu machen. Da aber in der Fülle der Gelegenheiten Irrtümer unterlaufen können, so darfst du dich nicht beklagen, daß dir einmal gegen Zahnweh das Mittel gegeben wird, das eigentlich für Magenkrämpfe bestimmt war. Auch die Eile, dir das Mittel anzubieten, bevor du noch den Schmerz hast, könnte einen Mißgriff entschuldigen. Der Knockabout streift die Asche von seiner Zigarre mit der Kleiderbürste ab und läßt sie auf deinen Anzug fallen. Denn er hat natürlich eine Kleiderbürste bei sich, mit der er dir dann auch aushilft. Mit Kleidern weiß er überhaupt umzugehen. Er macht sich sofort erbötig, dir deinen Koffer zu packen, wenn du nur den Wunsch äußerst, auf Reisen zu gehen. Oh, das werden wir gleich haben! sagt er, denn er hat eine Methode, die Kleider so zu legen, »daß sie ein Jahr lang im Koffer bleiben können«, ohne in zerknittertem Zustand zum Schneider wandern zu müssen. Aber du begehst eben den Fehler, sie nicht ein Jahr lang im Koffer zu lassen, sondern schon nach einem Tag herauszunehmen, und wunderst dich dann, daß sie zerknittert sind und zum Schneider wandern müssen. Der Knockabout ist der Mann der Übertreibungen, und er behält nur deshalb nicht recht, weil die Leute so kleinmütig sind, sie nicht wörtlich zu nehmen. Sonst würde er zweifellos reüssieren. Er hat einen praktischen Zweck im Auge und ist bereit, ihm alle unwichtigeren Interessen unterzuordnen. Wenns finster wird, zündet er das Haus an, um sich bei der Lektüre nicht die Augen zu verderben. Er ist durchaus der Mann der Resultate, die darum nicht bedeutungsloser wären, weil sie auf Kosten unserer Gesundheit, Ehre, Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlfahrt erzielt würden. Der Knockabout ist der Fortschritt. Wahrlich, er verschluckt Kamele, aber keine Mücke bleibt in seinem Sieb!

Wenn er gezeigt hat, daß das Leben ein grober Unfug ist, der mit dem Tod nicht schwer genug gestraft wird, tritt ein Philosoph auf die Szene, ders ganz anders treibt. Der Jongleur hat das Leben hinter sich. Was muß er alles durchgemacht haben, ehe er so weit kam, nämlich zu sich selbst. Er keucht keinem Zweck entgegen; er spielt mit den Dingen. Er lebt im sichern Port der Skepsis, hantiert mit zehn Bällen und weiß, daß einer wie der andere ist. Mißlingt ein Wurf, so hat er eine wundervoll resignierte Miene und wendet das Malheur zum Trick. Viele Illusionen können ihm nicht mehr zerstört werden, und im Bedarfsfalle hat er immer eine andere bei der Hand. Bis ein Teller herunterkommt, hat er noch Zeit, ein Messer hinaufzuwerfen, und findet stets einen gedeckten Tisch. Er ist ein Sonderling. Mit Weibern gibt er sich längst nicht mehr ab. Die Erfahrungen der Liebe haben ihm die Nase abgefressen, aber sein Verstand ist heil geblieben. Ihm ist so viel geschehen, daß ihm zu geschehn fast nichts mehr übrig blieb.

Im Spiegel des Varietés wird uns bei unserer Menschenähnlichkeit bange. Darum wird ihm der Platz streitig gemacht, und Tiere und Theaterleute, die jetzt von allen Seiten eindringen, sollen uns darüber beruhigen, daß wir doch bessere Menschen sind. Das Varieté kämpft einen Verzweiflungskampf. Mit den boxenden Känguruhs könnte es paktieren, aber die Librettisten sind ein Pfahl in seinem Fleische. Ein Kalauer weckt die Lebensfreude der versammelten Intelligenz, die sich vor dem Spiel der Akrobaten, Clowns und Jongleure fürchtet. Der Geschmack des Publikums verhilft der Realität zum Sieg und schlägt den Zauber in die Flucht. Hier wie überall klauben sich die Gourmands die Fliegen aus dem Honig.


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 00:20:19 •
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