Oktober 1912



Harakiri und Feuilleton

Gespräch der Kulis

Vorwort


Die handelnden und leidenden Personen sprechen in einem Dialekt. Aber die Darstellung bezweckt nicht den Eindruck, als ob die realen Personen, die in dem dargestellten Milieu leben, denselben Dialekt oder ihn mit derselben Deutlichkeit sprächen. Es mußte dem Darsteller dieses engeren Milieus, da es zugleich das weiteste Milieu der modernen Welt ist, darum zu tun sein, die Personen den Dialekt sprechen zu lassen, den ihre Seele spricht. Ich gestehe, daß ich andere, deren Rasse oder Erziehung weit von der Möglichkeit eines solchen Dialektes liegt, auch nicht anders hätte sprechen lassen mögen. Denn auch ihre Seele spricht diesen Dialekt. Es ist der Weltdialekt. Er ist unübersetzbar und doch das einzige Verständigungsmittel zwischen den Sprachen, das wahre Volapük aller, die in der Zeit leben und in der Welt fortkommen wollen. Alle honetten Leute, die sich nach der Decke strecken, sprechen diesen Dialekt. Denn auf seinen Lockruf kommt das Geld herbei. Und so ist er auch die Wünschelrute in der Hand des satirischen Suchers, die ihm alle verborgenen Schlechtigkeiten der irdischen Seele auffinden hilft. Nun hat leider gerade dieser Dialekt, von seinen leisesten Anklängen bis in seine letzten Besonderheiten, die Gefahr, eine komische Wirkung sich selbst zu verdanken. Die Satire erstrebt diese Wirkung nicht, und sie wird durch sie am meisten gerade in den Augen jener herabgesetzt, die sich der Wirkung freuen. Es ist nicht schwer, durch den Ausruf: »Las'r verdienen« Heiterkeit zu erregen. Aber diese Heiterkeit darf nicht tröstend von dem furchtbaren Gesichtsausdruck ablenken, den die ganze Welt annehmen kann, wenn ich einen gleichgültigen Einzelnen »Las'r verdienen« sagen lasse. Während ich hier ein nachgemachtes schlechtes Geräusch dem Gelächter preisgebe, vergesse das Gelächter nie, daß nicht weit die Tragödie der Ideale ist, die hinter dem Geräusch verstummen müssen, weil sie des Dialekts entbehren, der allein das Losungswort hat. Aber das Geräusch selbst mache auch seine Sprecher mitleidwürdig. Denn es sind Existenzen, die nur noch im Gehäuse des Ideals leben, welches die Phrase ist und worin ihnen nichts übrig bleibt, als sich satt zu essen, um dann einander aufzufressen. Zwei Generationen von Journalismus stelle ich einander gegenüber, die sich zueinander verhalten, wie der Leitartikel zum Feuilleton. Sie sind einig in der Verachtung dessen, was über das Notwendige und über das Faßbare hinausgeht. Nichts Menschliches ist ihnen fremd, doch alles Göttliche. Mit Helden und Heiligen haben sie keine Verbindung: sprachlos vor dem Geist, ratlos vor der Tat, wissen sie dennoch Bescheid. Die jüngere Generation versucht Rettung und Halt, indem sie Gott, Kunst, Natur und den Menschen erklärend betastet. Die ältere lebt ohne Probleme; nichts sei hier zu erklären, denn: »Alles ist bewußt«. Sie täuscht sich durch Sicherheit, jene sich durch Frechheit über die geistige Not der Zeit hinweg. Beide leben gottlos: jene braucht ihn nicht; diese mag ihn nicht. Und leben dennoch in ewiger Furcht. In einer andern Furcht vor einem anderen Herrn, der als der Träger der ausbeutenden Gewalt ihnen den Fuß auf den Nacken setzt und dessen Stimme schon ein so leibhaftiger Akteur ist wie sie selbst. Und in der Furcht vor der Satire, dem einzig Unbegreiflichen, das sie empfinden und zugeben, vor einer Macht, welche sie wie jene hassen, der sie dienen; einer, deren Stimme ihnen noch unhörbar in die Handlung hineinzusprechen scheint. Diese aber krümmt sich zwischen den Stichworten unsichtbarer Gewalten, von den trostlosen Assoziationen einer engen Welt getrieben, vorwärts bis zur Verzweiflung. Ist es ein Drama? Es ist — wie jenes Gespräch in der Nacht vor dem Wahlsieg — eine Sammlung von Phrasen, denen das Gesicht ihrer Sprecher zugewachsen ist und die dialektisch verbogene Beine bekommen haben. Es sind Zitate, die, durch eine freiwillige Wendung in den Jargon entlarvt, in Bewegung geraten und ein dramatisches Leben herstellen. Schon die äußere Anordnung einer fortlaufenden Kette des Dialogs zeigt, daß diese Gestalten den Ursprung aus ihrer Sprache nicht verleugnen wollen. Das scheinbar realistische und von lokalen Anlässen bezogene Detail ist nur um jener Naturwahrheit willen verwendet, die ein Symbol ist, und wird darum besser gewertet werden, wo Ort und Zeit die Anlässe entrückt haben. Den Anteil, den die Intimität des Dialekts wie der Stofflichkeit an der komischen Wirkung hat, verschmäht die Satire. Und das tut sie selbst in der Verwendung von Namen. Sie stützen keine polemische Absicht und sind nur dort den namenlosen Gestalten zugefügt, wo sie ein satirisches Element sind, so von Natur angewachsen, als ob die lebendigen sie als die Erfindung des Satirikers trügen. Hier waltet kein Zufall, sondern ein Schicksal. Alles fügt sich jener nachschöpferischen Ordnung, welche das Individuelle als typisch und das Vorhandene als Notwendigkeit begreifen läßt.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 360/361/362, XIV. Jahr

Wien, 7. November 1912.


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